Proteste in Griechenland "Kämpf, Bauer! Sie trinken dein Blut"

Traktoren blockieren Straßen, Bauern jagen Polizisten mit Holzstöcken - die Proteste gegen Sozialkürzungen werden immer gewaltsamer. Die griechische Regierung gerät in Gefahr.

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Es ist 10 Uhr morgens und der Vathis-Platz ist bereits eine Kampfzone. Mehr als 2000 Bauern haben ihre Höfe auf Kreta verlassen, um in Athen gegen die Regierung zu demonstrieren. In traditionellen Kniebundhosen und mit schwarzen Kopfbedeckungen belagern sie das Landwirtschaftsministerium und rufen "Kämpf, Bauer! Sie trinken dein Blut!"

Sie wollen die Reformen stoppen, die ihre Regierung im Tausch gegen Geld der Eurostaaten durchsetzen muss. Die Syriza-geführte Regierung muss Steuern und Sozialabgaben der Landwirte erhöhen. Bei einem Nettoeinkommen von 10.000 Euro waren bislang 2600 Euro Steuern und Abgaben fällig - ab 2017 werden es 7800 Euro sein.

Die Regierung argumentiert, die Erhöhungen beträfen nur wenige: Fast 90 Prozent der 350.000 griechischen Bauern verdienen offiziell weniger als 5000 Euro.

Seit Tagen blockieren Bauern mit Landmaschinen den Verkehr im ganzen Land. Die eigentlich entspannte, fünfstündige Fahrt von Thessaloniki nach Athen wird in diesen Tagen zur zwölfstündigen Odyssee über Seitenstraßen und Umleitungen.

"Die Reformen wären mein Ende"

Eigentlich wollte die Polizei jeden stoppen, der mit Traktor in die Hauptstadt fährt. Als sich doch ein Traktor auf dem Vathis-Platz dem Protest anschließen will, eskaliert die Situation: Die Polizei hält das Gefährt auf. Bauern gehen auf die Bereitschaftspolizisten los, teils bewaffnet mit traditionellen hölzernen Kampfstäben. Die Polizisten ziehen sich daraufhin zurück - sie haben strikte Order, sich in keine Straßengefechte verwickeln zu lassen.

"Ich bin bereits hoch verschuldet. Wenn diese sogenannten Reformen verabschiedet werden, ist das mein Ende", sagt Manolis Bobolakis, der aus Kretas Hauptstadt Heraklion angereist ist und auf der Insel Weintrauben und Gemüse anbaut.

Dann werfen einige Demonstranten rauchende Kanister, Tomaten und Steine auf dem Platz vor dem Ministerium, die Polizei antwortet mit Tränengas. Eine anfangs friedliche Demonstration verwandelt sich in ein Gefecht. Bis zum Mittag werden vier Bauern festgenommen.

Tausende weitere Bauern aus dem ganzen Land sind auf dem Weg nach Athen, am frühen Abend wollen sie zum Syntagma-Platz weiterziehen, direkt vor das griechische Parlament. Einen zweitägigen "Sturm auf das Parlament" haben sie Ministerpräsident Alexis Tsipras angedroht. Die Regierung versucht, den Bauern entgegenzukommen: 17 Traktoren lässt sie zum Zug auf den zentralen Platz in Athen zu.

Tsipras fürchtet die Fernsehbilder protestierender Bauern. Mit den stürzenden Aktienkursen und den Berichten über den quälend langsamen Reformprozess fügen sie sich zu einem Bild: Die Regierung des linken Ministerpräsidenten wackelt.

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Bauernproteste in Athen: Mit Stöcken, Steinen und Tomaten
Zum Teil hat sich Tsipras die Situation allerdings selbst eingebrockt: Die Bauern erinnern an 2013, als er als Oppositionschef selbst auf einen Traktor stieg, ein Ende der Sparmaßnahmen versprach und sie anfeuerte, weiter für ihre "gerechte Sache" zu kämpfen.

Nun spürt er den Zorn eines einflussreichen Berufsstands. Der genießt seit Jahrzehnten Privilegien, von denen andere griechische Arbeiter nur träumen können: Bauern erhielten lange eine Rente von 358 Euro, ohne dafür Beiträge leisten zu müssen.

Auch heute müssen sie für eine lebenslange Rente von 305 Euro nur siebzehn Jahre lang arbeiten und Beiträge von weniger als 1000 Euro pro Jahr leisten. Beitragsfreie Renten reißen jährlich ein Loch von 2,6 Milliarden Euro in die griechische Sozialkasse.

Bauernproteste sind in Griechenland üblich, bislang endeten sie fast immer mit einem Sieg der Bauern. Auch ihr Verlauf ist bekannt: Die Bauern blockieren Straßen mit Traktoren, die Regierung ruft zu "Ruhe und Dialog" auf und gibt den Forderungen schließlich nach.

Zuletzt geschah das Anfang 2009, ein Jahr, bevor Griechenland kurz vor der Pleite stand und EU und IWF um Geld bitten musste. Die konservative Regierung verteilte damals 420 Millionen Euro, um die Blockaden zu beenden. Rund 90.000 Bauern erhielten Zahlungen von mehr als 15.000 Euro. Die EU bewertete die Zahlungen im Nachhinein als illegal.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Für Geschenke hat die heutige Regierung kein Geld mehr übrig.

Übersetzung aus dem Englischen: Alexander Demling



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