Ende des dritten Rettungsprogramms Kommt Griechenland allein klar?

Im August läuft das dritte Hilfsprogramm für Griechenland aus. Danach soll sich das Land wieder selbst finanzieren. Viele Investoren haben wieder Vertrauen gefasst, doch die Bevölkerung bleibt skeptisch.

Griechisches Parlament in Athen
AFP

Griechisches Parlament in Athen

Von , Delphi


Im antiken Griechenland gingen die Eliten von Sokrates bis Alexander dem Großen nach Delphi, wenn sie vor schwierigen Entscheidungen standen. Dort konsultierten sie vor atemberaubender Kulisse am Hang des Parnass die Pythia, das wohl bekannteste Orakel der Antike.

Vor Kurzem versammelte sich die heutige Elite nahe den Ruinen der antiken Stätte zum Wirtschaftsforum in Delphi. Neben dem Präsidenten Prokopis Pavlopoulos und dem Premierminister Alexis Tsipras war das halbe Kabinett versammelt, hinzu kamen Beamte und Politiker aus der Eurozone sowie führende Banker und Wissenschaftler. Wie ihre Vorgänger aus der Antike stehen auch sie vor monumentalen Entscheidungen für die Zukunft des Landes.

Im August läuft das dritte Rettungsprogramm für das Land aus. Wird Griechenland dann wieder neue Milliarden von Europa brauchen? Oder wird das Land zum Normalzustand zurückkehren? Der SPIEGEL hat mit Dutzenden Entscheidungsträgern auf dem Wirtschaftsforum gesprochen und Antworten gesucht.

Was genau passiert im August?

Am 20. August endet das dritte Hilfspaket für Griechenland, das im Sommer 2015 nach monatelangem Ringen beschlossen wurde. Die Geldgeber haben gerade die jüngste Überprüfung des 86 Milliarden Euro schweren Programms gestartet. Alle Akteure gehen davon aus, dass der Prozess reibungslos läuft und die letzte Tranche der europäischen Kredite an die Regierung in Athen ausgezahlt werden wird. Danach gibt es kein Geld mehr aus Europa. Griechenland muss dann allein klarkommen.

Wird Griechenland es schaffen, oder braucht es ein viertes Hilfsprogramm?

Giannis Dragasakis (l.)
Delphi Economic Forum

Giannis Dragasakis (l.)

Niemand möchte auch nur die Möglichkeit eines vierten Rettungspakets ins Auge fassen. Athen und die Geldgeber brauchen ein gutes Ende. Die griechische Regierung ist auf einen erfolgreichen Ausgang der Ära der Rettungspakete erpicht. Das bedeutet auch , dass Athen keine weiteren Hilfen von Europa, dem Internationalen Währungsfonds (IWF) oder anderen Geldgebern einplanen darf. "Unser Ziel ist es, dass wir wieder vollständig in der Lage sind, Kredite auf den Finanzmärkten aufzunehmen", sagte der stellvertretende griechische Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Giannis Dragasakis.

Ist das möglich oder nur Wunschdenken?

Es gibt Anzeichen, die Hoffnung machen. Die griechische Wirtschaft ist der Rezession entkommen und soll dieses und kommendes Jahr jeweils um 2,5 Prozent wachsen. Alle großen Ratingagenturen haben griechische Staatsanleihen aufgewertet - sie unterstellen eine verbesserte Bonität. Die Renditen für Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit sind auf etwa 4,3 Prozent gefallen - das ist immer noch viel im Vergleich zu anderen Euroländern, aber weit entfernt von den exorbitanten Höhen der Vergangenheit. Und nach Jahren mit großem Haushaltsdefizit kann Griechenland inzwischen Budgetüberschüsse vermelden.

Aber die möglicherweise größte Versicherung für Investoren, dass sie kein Geld verlieren, ist der sogenannte Cash Buffer. Man kann es als eine Art Sparschwein für schlechte Tage betrachten. Griechenland versucht, eine Reserve in Höhe von 18 Milliarden Euro aufzubauen, bevor das Rettungsprogramm ausläuft. Das Geld soll den Investoren an den Finanzmärkten als Sicherheit dafür dienen, dass Griechenland in der Lage sein wird, seine Kreditverpflichtungen auch nach dem Ende des Hilfsprogramms zu erfüllen. Ohne neue Hilfe aus Europa.

Kann es sein, dass etwas schiefgeht und Europa erneut zu Hilfe kommen muss?

Ja. Märkte sind launisch, und es besteht die Gefahr, dass sie Griechenland nicht mit offenen Armen empfangen. Das könnte aus vielen Gründen geschehen, eingeschlossen politische Instabilität im In- oder Ausland. Doch die meisten Experten sind sich einig, dass dieses Szenario unwahrscheinlich ist.

Was, wenn das Unwahrscheinliche geschieht?

Nikos Pappas (M)
Delphi Economic Forum

Nikos Pappas (M)

Einige EU-Vertreter, aber auch der griechische Zentralbankchef Ioannis Stournaras haben der Regierung von Alexis Tsipras geraten, Europa um eine vorsorgliche Kreditlinie für die Zeit nach der Schuldenübernahme, dem Bailout, zu bitten. Geldgeber wäre der europäische Rettungsfonds ESM. Die Kredite wären dann wesentlich günstiger als auf den freien Märkten.

Obwohl dies finanziell sinnvoll wäre, sind neue Kredite des ESM ein politisches Tabu für Premier Tsipras. Der Zugang zu einer solchen vorbeugenden Kreditlinie würde eine offizielle Anfrage aus Griechenland beim ESM erfordern. Das würde einhergehen mit Bedingungen und Verpflichtungen, die einem gewünschten "sauberen Exit" widersprechen würden. Das entspräche quasi einem vierten Rettungsprogramm. "Es gibt keinen Anlass für eine vorbeugende Kreditlinie", sagte der engste Tsipras-Vertraute, Telekommunikationsminister Nikos Pappas. "Die griechische Regierung und unsere europäischen Partner haben unterschiedliche Prioritäten. Der 'Cash-Buffer' wird unseren reibungslosen Ausgang zu den Märkten garantieren."

Kann Griechenland seine eigenen Geschicke meistern?

Das behauptet zumindest die griechische Regierung: "Wir werden unsere nationale Souveränität wiederherstellen", sagt Wirtschaftsminister Dragasakis. Das ist ein wichtiger Punkt für die Griechen. Vertreter der Eurozone mögen den Begriff "Souveränität" nicht so gerne. Sie sagen, Griechenland werde, wie alle Staaten der Eurozone, weiter beaufsichtigt werden. "Griechenland wird für die nächsten 41 Jahre unter verstärkter Beobachtung stehen", sagt ein EU-Vertreter. Bis zu diesem Zeitpunkt sollen 75 Prozent der Kredite zurückgezahlt sein.

Eine solche Aufsicht dürfte allerdings wesentlich lockerer sein als die strikte Kontrolle und die dauernden Inspektionen, denen sich Griechenland seit Jahren unterwerfen muss. Die Regierung in Athen sollte künftig wieder in der Lage sein, ihre eigene Politik zu gestalten - solange sie die Haushaltsziele erreicht, die bereits beschlossenen Reformen nicht rückgängig macht und ihre Versprechen zu weiteren Reformen hält. In den kommendem Monaten will Tsipras seine Prioritäten veröffentlichen. Eine Maßnahme könnte es sein, den Mindestlohn zu erhöhen.

Was, wenn Griechenland in die alten Gewohnheiten zurückfällt?

Davon geht man in Brüssel nicht aus. Ein hochrangiger europäischer Vertreter sagte dem SPIEGEL, es sei kein Zufall, dass Tsipras in seiner Rede in Delphi deutlich gemacht habe, dass Griechenland seinen Verpflichtungen "voll nachkommen" werde. "Seine Worte sollten in Deutschland gehört werden", sagt der EU-Mann. Griechenland hat bereits zugestimmt, lange nachdem das dritte Rettungsprogramm beendet ist, mit Pensionskürzungen und Steuererhöhungen fortzufahren. Das Land hat außerdem zugestimmt, bis 2022 Haushaltsüberschüsse von 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzustreben. Zudem werden die europäischen Partner weitere Schuldenerleichterungen an strikte Bedingungen koppeln.

Werden die Eurostaaten Griechenland weiter Schulden erlassen?

Am Ende des Rettungsprogramms im August sollen Schuldenerleichterungen diskutiert werden. Zum Beispiel könnten Laufzeiten von Krediten verlängert werden. Und die Europäische Zentralbank (EZB) könnte dem Land Gewinne überweisen, die sie mit dem Kauf griechischer Staatsanleihen gemacht hat. Regierungen der Eurozone diskutieren zudem einen Vorschlag aus Frankreich, wonach Kreditrückzahlungen an künftige Wachstumsraten gekoppelt werden.

Ist Griechenlands öffentliche Verwaltung jetzt in besserem Zustand?

Eine schwache, ineffiziente Bürokratie hat das Land seit Jahrzehnten gelähmt. Und obwohl Griechenlands öffentlicher Sektor weit davon entfernt ist, wie ein Schweizer Uhrwerk zu laufen, verfolgt Athen einen Dreijahresplan, um diese chronischen Probleme künftig zu vermeiden.

Olga Gerovasili
Delphi Economic Forum

Olga Gerovasili

Die zuständige Politikerin ist Olga Gerovasili, Ministerin für Verwaltungsreform. "Bis 2020 werden wir die Bürokratie drastisch reduziert und Einsparungen erzielt haben", sagte sie. "Wir sind außerdem im Prozess der digitalen Transformation des Staats, die das Leben der Bürger und Unternehmen einfacher macht und ausländische Investitionen anzieht." Ein guter Start ist es, den Ausdruck von Dokumenten zu verringern. Dazu gibt es ein neues Dokumentenmanagement-System, mit dem Griechenland jährlich 400 Millionen Euro sparen kann.

Was denken die Griechen über die Perspektiven nach dem Rettungsprogramm?

Eine auf dem Delphi-Forum präsentierte Umfrage brachte Düsteres ans Licht. Drei von vier Griechen unter 35 denken demnach über Auswanderung nach. Und fast die Hälfte der Befragten hat nur eine Haupteinnahmequelle: elterliches Taschengeld. Griechenlands Bevölkerung von elf Millionen Menschen sinkt erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg. Im Jahr 2050 wird sie im besten Falle bei zehn Millionen liegen, schlimmstenfalls bei nur noch 8,3 Millionen. Es könnte viel schwieriger werden, das Vertrauen der eigenen Bevölkerung zurückzugewinnen als das internationaler Investoren.

insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
Plumbum 10.03.2018
1.
Der Normalzustand von Griechenland ist und war immer CHAOS. Wenn Griechenland so funktionieren würde wie die Schweiz, dann wäre es nicht mehr mein geliebtes Griechenland.
Knackeule 10.03.2018
2. Nein !
Solange die EU-Spitzenpolitiker, allen voran Juncker und Merkel, aus welchen Gründen auch immer Griechenland bzw. dessen Gläubiger-Grossbanken pampern und immer wieder mit neuem EU-Steuergeld versorgen, wird Griechenland niemals alleine klarkommen. Warum sollte es das auch ? Solange sich die EU-Steuerzahler das gefallen lassen und die verantwortlichen Politiker, die ihr Steuergeld auf diese Weise schamlos veruntreuen, immer wieder wählen, wird sich auch nichts ändern.
crazy_swayze 10.03.2018
3.
Griechenland braucht einen kompletten Schuldenschnitt und eine eigene Währung inkl. Abwertung. Einen vollständigen Neustart.
omanolika 10.03.2018
4. Was wird geschehen?
Die Wirtschaft fasst langsam wieder Vertrauen, während die eigenen Bürger da ihrem Land misstrauen, und sich jetzt gerade nicht so sehr begeistern, weil sie nicht glauben, dass es das Land kann meistern, das Glück so in die eigenen Hände zu nehmen, dass Griechenland frei ist von diesen alten Problemen... Was am Ende ja wird geschehen, wird man noch früh genug sehen, ob eben Superentwicklung oder Riesendebakel, das wird die Zeit zeigen und nicht Delphis Orakel Übrigens, auch mir würde die Euphorie vergehen, wüsste ich, ich würde die nächsten 41 Jahre unter verstärkter Beobachtung stehen
coxeroni 10.03.2018
5.
Ist die Frage im Titel rhetorischer Natur? Jeder, der ein Minimalwissen ökonomischer Zusammenhänge besitzt, kann die Frage kurz und knapp beantworten: NEIN! Griechenland, aber auch Italien sind bis über beide Ohren verschuldet. Wenn die Zinsen wieder anziehen, dann gute Nacht. Das einzige was Griechenland seit 8 Jahren am Leben hält sind die von Onkel Draghi manipulierten Tiefstzinsen sowie die Liquiditätsversorgung per Euro-Rettungspaket (mit einem beträchtlichen Anteil Deutschlands). Das Gute daran: Draghi hat sein Pulver weitgehend verschossen und beim nächsten Schwächeanfall schlagen die Märktkräfte hoffentlich gnadenlos zu. Das Kapitel der Euro-Rettungs-Pfuscherei ist dann hoffentlich vorbei, auch wenn es in Europa dann ungemütlich wird.
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