Kapitalverkehrskontrollen "Jeder will jetzt Cash"

Hochzeiten werden abgesagt, ausländische Lieferanten fliegen zum Kassieren ein und selbst das Holz für Särge wird knapp: Die Kapitalverkehrskontrollen haben in Griechenland bereits mehr Schaden angerichtet, als auf den ersten Blick ersichtlich.

Aus Athen berichten und

REUTERS

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Athanasios Kostopoulos darf schon von Berufs wegen keine allzu fröhliche Miene machen, doch die Sorge in seinem Gesicht ist nicht gespielt. Die Blumen reichten nur noch für wenige Tage, sagt der 41-Jährige. Auch das importierte Holz werde bereits so knapp, dass es bald nicht einmal mehr genügend Särge geben könnte. "Wir brauchen dringend Bargeld."

Kostopoulos führt in dritter Generation ein Beerdigungsunternehmen im Athener Stadtteil Peristeri. Selbst hier, wo es um die letzte Ruhe geht, spüren sie bereits die Folgen der Kapitalverkehrskontrollen: Seit Anfang vergangener Woche dürfen Griechen nur noch 60 Euro pro Tag abheben, für größere Transaktionen ins Ausland braucht es die Genehmigung eines neuen Komitees. Im wirtschaftlich ohnehin schwer angeschlagenen Griechenland trocknen deshalb langsam, aber sicher die Finanzströme aus.

Auf den ersten Blick ist das kaum zu erkennen. Die Einkaufsstraßen in Athen sind ebenso gefüllt wie die Cafés, Touristengruppen erkunden vergnügt die Sehenswürdigkeiten. Wären da nicht die Schlangen vor Geldautomaten, könnten Besucher die Zuspitzung der Krise glatt übersehen.

Dabei ist diese auch im Zentrum der Stadt längst angekommen. Am Donnerstag betritt dort eine ältere Dame mit ihrer Tochter eine Apotheke, sie hat ein Rezept über vier Flaschen Antibiotika dabei. Doch die Apothekerin kann ihr nur eine Flasche geben. "Früher haben wir täglich für 1000 Euro Medikamente eingekauft", erzählt sie später. Durch die neuen Kontrollen stünden derzeit nur noch 200 Euro zur Verfügung. Medikamente gegen Bluthochdruck und Schilddrüsenerkrankungen sowie Impfungen würden ebenfalls zur Mangelware.

Auch die Apothekerin ist sichtlich beunruhigt. Sie will wissen, wie aus deutscher Sicht die Chancen stehen, dass sich Premierminister Alexis Tsipras mit den Europartnern bis Sonntag doch noch auf einen neuen Deal einigt. Ihren Namen will die Frau nicht nennen, sie fürchte Ärger mit den Syriza-Anhängern in der Apothekergewerkschaft. Diese bestreitet bislang größere Probleme infolge der Kapitalverkehrskontrollen.

Ein Umsatz wie an Weihnachten

Doch laut Daten der Unternehmervereinigung ESEE sind die Umsätze griechischer Unternehmen in den vergangenen zehn Tagen insgesamt um 70 Prozent eingebrochen. Nicht eingerechnet sind dabei Lebensmittel und Benzin, deren Verkäufe um 30 Prozent zulegten: Für den Notfall decken die Griechen sich mit Vorräten ein.

Hamsterkäufe gibt es auch anderswo. "Letzten Samstag war unser Umsatz so hoch wie sonst nur an Weihnachten", berichtet der Mitarbeiter eines großen Elektronikkaufhauses. Reißenden Absatz fänden beispielsweise Marken-Laptops, weil man sich von diesen im Fall einer Währungsreform einen hohen Wiederverkaufswert erhoffe.

Eine traditionelle Schwäche der griechischen Wirtschaft wird nun schmerzhaft deutlich: die hohe Abhängigkeit von Importen. Um Blumen aus Holland etwa bangen derzeit nicht nur der Beerdigungsunternehmer Kostopoulos, sondern auch Maria Viltaniotis und Georgia Caliasou. Die beiden Frauen sind Hochzeitsplanerinnen - eigentlich ein Job, der große Glücksmomente schaffen soll. Eine der letzten Kundinnen aber feierte ihr Fest ausgerechnet am ersten Wochenende nach Beginn der Kapitalbeschränkungen. "Sie hat bis Donnerstag nur geweint", sagt Caliasou.

Ein anderes Paar beschränkte sich bereits auf die kirchliche Trauung und sagte die übrigen Feierlichkeiten ab. Denn vom Essenslieferanten bis zum Musiker bestehen viele Beteiligte neuerdings auf sofortiger Barzahlung. "Jeder will jetzt Cash", sagt Viltaniotis. Zwar sind Überweisungen innerhalb des Landes weiter möglich, doch niemand wolle derzeit viel Geld auf dem Konto haben. Zu groß ist offenbar die Sorge, dass Guthaben zwangsweise in Drachme umgetauscht oder gepfändet werden oder durch einen Zusammenbruch des Systems schlicht verschwinden.

Zum Kassieren eingeflogen

Und auch die Lieferanten werden nervös: Die Unternehmerinnen berichten, ein holländisches Blumenunternehmen habe vor wenigen Tagen sogar einen Mitarbeiter nach Griechenland einfliegen lassen, um offene Forderungen persönlich einzutreiben.

Die Sorgen könnte selbst eine mögliche Einigung am Sonntag nicht unmittelbar vertreiben. Denn noch ist völlig unklar, ob und wann die Kapitalverkehrskontrollen wieder aufgehoben werden. Bis dahin müssen Unternehmer sich nun auf die Bürokratie zur Genehmigung größerer Geldtransfers einstellen, die schwer durchschaubar ist und damit fast schon ans sozialistisch regierte Venezuela erinnert.

Athanasios Kostopoulos, der auch Chef der Bestattergewerkschaft SIGTA ist, überlegt bereits, wie seine Branche unter den neuen Regeln weiterarbeiten kann. Banken sollten Angehörigen gegen Vorlage des Totenscheins Geld für die Finanzierung von Beerdigungen auszahlen können, sagt er. Außerdem sollten Kommunen ihre Friedhofsgebühren über die Steuerbehörde geltend machen können. Derzeit fordern die Gemeinden das Geld von den Bestattern ein - schließlich braucht der Staat dringend Geld.

Kostopoulos hat noch mit der Drachme Geschäfte gemacht, deren Rückkehr will er sich aber nicht vorstellen. "Ich habe die Vorteile von Europa kennengelernt", sagt er - von der stabilen Währung bis zum zollfreien Warenverkehr. Nun verfolgt Kostopoulos nervös die möglicherweise letzte Verhandlungsrunde zwischen Tsipras und seinen Europartnern. "Niemand weiß, wie das ausgeht."

Zusammengefasst: Die Kapitalverkehrskontrollen in Griechenland beeinträchtigen zunehmend die Wirtschaft. Durch den Mangel an verfügbarem Bargeld kommen viele Geschäfte nicht mehr zustande. Dabei zeigt sich, wie abhängig das Land von importierten Gütern ist.

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insgesamt 107 Beiträge
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MarkusH. 10.07.2015
1. 100% import?
wahnsinn. in Griechenland wird wirklich nichts selber gemacht. weder Bäume gepflanzt noch Blumen gesät. wie kann sich ein so stolzes Land so abhängig machen? hat dubai auch 100% importquote?
tronx 10.07.2015
2. Die haben eben...
...genau wie hier, immer nur Parteien gewählt denen das Volk egal und der eigene Arsch am nächsten ist. Hier gibt es für die die Arbeiten wenigstens noch so ein bisschen Sozial, da wird hier auch beschissen das es raucht und jeder der ein bisschen mehr verdient kann sich aus den Sozial- und Steuersystem verabschieden aber der Rest hält unter Zwang auch diesen Staat am leben. WEnn der Zwang nicht wäre würde hier auch niemand mehr Steuern oder sonstwas bezahlen.
Wassup 10.07.2015
3. Weniger Importe - Mehr Binnenwirtschaft für Griechenland
Zwar jammern jetzt die Griechen, das weniger importiert werden kann. Mittelfristig müssen aber Importe erschwert werden, damit sich eine funktionsfähige Binnenkonjunktur entwickeln kann, Arbeitsplätze in Griechenland ansiedeln können.
snoook 10.07.2015
4. Womit dann auch die Frage geklärt wäre...
... ob man Bargeld nicht gänzlich abschaffen könnte - das kam ja in den letzten Wochen immer wieder hoch. Schlimm ist das - möchte nicht wissen, was bei uns los wäre, wenn wir auch nur mit einem zehntel der Probleme zu kämpfen hätten. Wo doch schon die Einführung eines Mindestlohns jahrelange Panikmache in den Medien zur Folge hat...
kalim.karemi 10.07.2015
5. Hochzeiten und Holz für Särge
Geht es nicht noch schlichter? Das Lebensglück junger Menschen und selbst die Toten leiden unter den Kapitalverkehrskontrollen, oh mein Gott. Dann heiratet man, wenn Tsipras mal geliefert hat. Probleme kann man auch konstruieren und mit dramatischen S/W Fotos verstärken. In einem Land, in dem Steuerhinterziehungen Volkssport ist, ist man leider auf Cash angewiesen, tja diesmal gings nach hinten los.
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