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Syrizas Wahlversprechen: So sehen Griechenlands Sieger aus

Von , Thessaloniki

Anti-Sparkurs-Demonstration in Athen: "Die Hoffnung kommt" Zur Großansicht
REUTERS

Anti-Sparkurs-Demonstration in Athen: "Die Hoffnung kommt"

Im Wahlkampf lockte Syriza-Chef Tsipras die Griechen mit teuren Versprechen. Jetzt muss der neue Premier liefern. Welche Gruppe darf auf die meisten Wohltaten hoffen? Fünf Profiteure berichten.

Fast jeder in Griechenland hofft nach dem Regierungswechsel: Arbeitslose Beamte etwa spekulieren darauf, ihre Jobs zurückzubekommen, Umweltschützer, dass sie ausländische Investitionen stoppen können. Patriotische Griechen erwarten, dass Deutschland auf Druck der Regierungspartei Syriza Reparationsforderungen aus dem Zweiten Weltkrieg nachkommt. Und natürlich geht es allen um die Entschärfung der harten Sparauflagen.

Können sich die Griechen durchsetzen? Nach großem Krach haben sich Athen und die Europartner beim EU-Gipfel wieder angenähert. Der neue griechische Premier Alexis Tsipras und Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem berieten über Schritte, um den schweren Schuldenstreit zu entschärfen. Sie vereinbarten Expertengespräche schon von diesem Freitag an.

Manche Beobachter glauben, dass es für die Partei von Tsipras schwieriger wird, die Versprechen einzuhalten, als die ausländischen Gläubiger vom Ende des Sparprogramms zu überzeugen.

Andererseits: Skeptikern wird in diesen Tagen in Griechenland selten zugehört. Syriza und seine Wähler sind noch auf einem Höhenflug. Aktuellen Umfragen zufolge liegt die Zustimmung für die Regierung bei historischen 80 Prozent.

Was erwarten nun diejenigen, die voraussichtlich am meisten vom Machtwechsel in ihrem Land profitieren? Fünf Personen berichten.

1. Großfamilien

Erotokritos Theotokatos Zur Großansicht
Giorgos Christides

Erotokritos Theotokatos

Die Profiteure: Rund 185.000 griechische Großfamilien mit vier oder mehr Kindern.

Darum geht es: Zur Zeit der Rettungsprogramme wurden alle Privilegien von Familien mit vier oder mehr Kindern gestrichen. Die Renten der Mütter wurden kassiert, ebenso der Bonus von 50 Euro pro Kind und jene 2000 Euro, die Mütter bei Geburt ihres dritten Kindes erhalten. Auch die Schwelle für steuerfreie Einkommen wurde gestrichen: Eine Familie mit neun minderjährigen Kindern und 30.000 Euro Einkommen zahlte 2013 überhaupt keine Steuern, 2014 waren es 6200 Euro Steuern.

Das Wahlversprechen: Großfamilien seien "mit die größten Opfer des Rettungsprogramms und einer antisozialen Politik", sagt Tsipras. Er hat versprochen, nach und nach viele Privilegien wieder einzuführen.

Der Interviewte: Erotokritos Theotokatos, Beamter im Ruhestand, Vater von vier Kindern im Alter von 28 bis 36 Jahren und Präsident des Großfamilienverbands von Thessaloniki:

"Wir hoffen, dass die neue Regierung ihre Wahlversprechen einhält und die Rechte großer Familien verteidigt. Die Vorgängerregierung hat gegen die Verfassung verstoßen, in Artikel 21 ist festgelegt, dass sich der Staat um große Familien besonders kümmern soll. Sie zwangen uns sogar, eine Luxussteuer auf unsere großen Autos zu zahlen, obwohl wir diese gekauft haben, um unsere Familien zu transportieren, nicht um anzugeben. Wir sind keine Gilde oder Gewerkschaft. Wir fordern lediglich Anreize, die die sehr niedrige Geburtenrate anheben könnte. Es gibt derzeit 185.000 Großfamilien in Griechenland - damit die Bevölkerung nicht schrumpft, wären aber 500.000 nötig."

2. Umweltaktivisten

Kostas Efthymiou Zur Großansicht
Giorgos Christides

Kostas Efthymiou

Die Profiteure: Die Bewohner von Skouries und anderen Dörfern der nordgriechischen Chalkidiki-Halbinsel, die sich gegen den umstrittenen Abbau von Eisenerz und Gold wehren.

Darum geht es: Die Skouries-Mine gehört dem kanadischen Produzenten Eldorado Gold. Viele Jobs sind entstanden, entsprechend groß war die Unterstützung der vorherigen Regierung. Syriza dagegen hat ökologische Bedenken und kritisiert die Firma scharf. Die Aktien von Eldorado Gold verloren nach Tsipras' Wahlsieg deutlich.

Das Wahlversprechen: Syrizas Energieminister Panagiotis Lafazanis sagte: "Wir werden alle legalen Mittel anwenden, um das Projekt zu beenden."

Der Interviewte: Kostas Efthymiou, 56, Buchhalter, geboren und aufgewachsen in Skouries:

"Wir erwarten von der Regierung, dass sie das Projekt stoppt, bevor die Firma in der Region irreparable Schäden anrichtet. Das Projekt zerstört unsere uralten Wälder und gefährdet die Grundwasserversorgung. Ich kämpfe für meine Kinder und Enkelkinder. Wir können verstehen, dass die Minenarbeiter um ihre Jobs fürchten, aber was nützt ihnen ein guter Tageslohn, wenn es kein Wasser mehr zum Trinken oder für die Felder gibt. Unser Land ist mit so viel Schönheit gesegnet, dass wir für unseren Wohlstand keine Goldmine brauchen."

3. Kriegskinder

Savas Paschalidis Zur Großansicht
Giorgos Christides

Savas Paschalidis

Die Profiteure: Griechen, die die Rückzahlung der Zwangskredite und Kriegsreparationen von Deutschland verlangen.

Darum geht es: Griechenland hat immer betont, die Angelegenheit mit Deutschland sei noch offen. Zwar ist im März 2013 ein Expertenbericht zu dem Thema veröffentlicht worden, frühere Regierungen haben die Forderungen aber nie öffentlich erhoben - um die Beziehungen zur Bundesregierung nicht zu belasten.

Das Wahlversprechen: Syriza hat angekündigt, den Zwangskredit von Deutschland zurückzufordern. Der griechische Außenminister Nikos Kotzias hat sich schon jüngst in einem Treffen mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) in Berlin entsprechend geäußert.

Der Interviewte: Savas Paschalidis, 57:

"Meine Mutter ist ein Kind des Zweiten Weltkriegs. Sie erinnert sich noch lebhaft an die Zeit der deutschen Besatzung und das Elend damals. Wir, die jüngeren Generationen, haben die Geschichten unserer Eltern gehört und selbst nachgeforscht. Wir haben von den Zwangskrediten erfahren und jetzt ist die Zeit gekommen, in der Deutschland zahlen muss, statt immer nur mit dem Finger auf uns zu zeigen.

Wir erwarten von unserer neuen Regierung, dass sie endlich eine Entschädigung fordert. Vor allem eine moralische Entschädigung, nicht so sehr eine finanzielle - obwohl es die Deutschen sind, die uns mit Geld demütigen, uns verarmen lassen und uns unsere Unabhängigkeit nehmen. Ich habe Syriza vor allem deshalb gewählt, weil sie versprochen haben, die Rückzahlung der Zwangskredite zu fordern."

4. Journalisten

ERT-Redakteur Stelios Nikitopoulos Zur Großansicht
Stelios Nikitopoulos

ERT-Redakteur Stelios Nikitopoulos

Die Profiteure: 2700 entlassene Beschäftigte des abgeschalteten Staatsrundfunks ERT.

Darum geht es: Die Regierung von Ex-Ministerpräsident Antonis Samaras hatte im Juni 2013 den staatlichen Rundfunksender Ellinikí Radiofonía Tileórasi (ERT) geschlossen. Ziel der Sparentscheidung war es, Gläubiger zu besänftigen, den Reformwillen der Regierung zu beweisen, die vom Rettungsprogramm geforderten Entlassungen im öffentlichen Dienst zu erfüllen und angeblich einen schlankeren und unabhängigen Sender aufzubauen.

Das Wahlversprechen: Vor der Wahl hat Syriza versprochen, den Sender wieder in Betrieb zu nehmen und die Beschäftigten wieder einzustellen. Tsipras hatte angekündigt, die Wiedereröffnung von ERT werde eines der ersten Gesetzesvorhaben sein, das seine Regierung ins Parlament einbringen wird.

Der Interviewte: Stelios Nikitopoulos, Journalist bei ERT:

"Wir kämpfen seit 20 Monaten. Wir haben niemals aufgehört zu senden - über Antenne und im Internet. Wir kämpfen für die Demokratie und dafür, die schockierende Abschaltung des öffentlichen Fernsehens am 11. Juni 2013 zurückzunehmen. Wir wollen nicht nur unsere Arbeitsplätze zurück, wir kämpfen an der Seite des ganzen griechischen Volkes dafür, unsere Würde zurückzubekommen. Die Wiederinbetriebnahme von ERT durch Syriza freut uns natürlich. Aber hier geht es nicht um unsere persönliche Wiedergutmachung, wir wollen das Syriza das gesamte Volk entschädigt."

5. Schulinspektoren

Manolis Stathopoulos Zur Großansicht
Giorgos Christides

Manolis Stathopoulos

Die Gewinner: 550 Schulinspektoren

Darum geht es: Schulinspektoren waren die ersten Angestellten im öffentlichen Dienst, die zum Start des Sparprogramms entlassen wurden. Von den 2000 Betroffenen haben rund 1500 einstweilige Verfügungen erwirkt und nie aufgehört zu arbeiten - die restlichen rund 500 Angestellten stehen auf der Straße. Die Schulinspektoren überwachen den Zustand von Schulgebäuden. Sie sollen unter anderem Vandalismus und Diebstähle verhindern und der Behörde berichten, welche Materialien fehlen. Sie sind es, die die Schulen am Morgen auf- und am Ende des Schultags wieder zuschließen.

Das Wahlversprechen: Syriza hat angekündigt, alle Beschäftigten im Öffentlichen Dienst wieder einzustellen, die "verfassungswidrig" entlassen wurden - auch die Schulinspektoren.

Der Interviewte: Manolis Stathopoulos, 59, Schulinspektor der weiterführenden Schule von Panorama in Thessaloniki:

"Wir waren die ersten Beschäftigten im öffentlichen Dienst, die in den vergangenen 110 Jahren gefeuert wurden. Die Opfer waren aber vor allem griechische Schüler. Über Nacht haben sie ihren Schutz vor Drogen und Mobbing verloren. Die Entlassungen haben noch nicht einmal Einsparungen gebracht: Die Schäden durch Vandalismus in den öffentlichen Schulen zu reparieren kostet deutlich mehr, als durch die Entlassungen eingespart wurde. Ich selbst haben noch das 'Glück' gehabt, dass Ärzte bei mir 2005 Krebs diagnostiziert haben - deshalb konnte mir nicht gekündigt werden.

Ich hätte daheim bleiben können, aber ich wollte gegen diese Ungerechtigkeit kämpfen. Jetzt fühle ich mich entschädigt: Meine Kollegen werden ihre Jobs zurückbekommen - es war die erste Maßnahme der neuen Regierung. Wir haben dafür auf den Straßen gekämpft, jetzt wissen wir, dass Arbeitskämpfe siegreich sein können - wir haben das bewiesen. Der Kampf geht aber weiter, jetzt müssen wir das verteidigen, was wir am 25. Januar gewonnen haben: Unseren Stolz und unsere Würde - zwei Dinge, die die Troika uns wieder nehmen will. Sie wollen uns auf den Knien sehen, aber wir werden uns endlich gegen sie durchsetzen."

Übersetzung aus dem Englischen: Nicolai Kwasniewski und Stefan Schultz

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insgesamt 171 Beiträge
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    Seite 1    
1. Übel, SPON
einwerfer 13.02.2015
Übelste Stimmungsmache ! Schämt Euch !
2. Goldmine...
Blaumännchen 13.02.2015
Sehr gut. Goldmine schließen. Und wenn sie schon dabei sind dann auch alle Marmor und Granitabbau Werke in Halkidiki und ganz Nordgriechenland. Wäre doch gelacht wenn man den letzten Rest produzierender Betriebe nicht auch noch platt kriegt.
3.
gehirnakrobat 13.02.2015
das sind ja wirklich bahnbrechende Neuerungen alter Zöpfe. Griechenland ist gerettet.
4.
gehirnakrobat 13.02.2015
Zitat von einwerferÜbelste Stimmungsmache ! Schämt Euch !
was meinen Sie, gegen Griechenland oder dafür AFD zu wählen?
5.
crazy_swayze 13.02.2015
Viele der Maßnahmen waren ja offenbar Aktionismus. Die Schulhausmeister zu entlassen (warum heißen die Inspektoren?) beispielsweise. Unterm Strich also teurer als sie zu behalten. Aber Hauptsache "gespart".
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,063 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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