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Debatte um griechischen Schuldenschnitt: Nur wer wächst, sollte Zinsen zahlen

Ein Gastbeitrag von Marcel Fratzscher

Griechenland ist pleite und braucht einen neuen Schuldenschnitt. Aber wie soll der aussehen? Marcel Fratzscher, Chef des deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, plädiert für eine Wachstumsklausel: Nur wenn die griechische Wirtschaft gut läuft, muss das Land Zinsen zahlen.

Griechische und EU-Flagge: Das Land braucht eine neue politische Kultur Zur Großansicht
REUTERS

Griechische und EU-Flagge: Das Land braucht eine neue politische Kultur

Europa stehen schwierige Verhandlungen mit der neuen griechischen Regierung bevor. Tatsache ist und bleibt: Griechenlands Staat ist pleite. Daran wird keine griechische Regierung und auch keine noch so günstige wirtschaftliche Entwicklung etwas grundlegend ändern können. Die Frage ist nicht, ob es einen Schuldenschnitt geben wird, sondern wann er kommen und wie er aussehen wird. Europa sollte sich nicht von einer neuen griechischen Regierung treiben lassen, sondern proaktiv eine nachhaltige Lösung für Griechenland gestalten. Die beste Option ist nicht ein direkter oder indirekter Schuldenschnitt durch einen Schuldenerlass, sondern eine Umwandlung und enge Koppelung der Kreditzinsen an Griechenlands eigene wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.

Der Schlüssel für Griechenlands Zukunft und ein Ende seiner Staatsschuldenkrise liegen in der Frage, ob künftige griechische Regierungen Eigenverantwortung für ihre Reformen übernehmen werden. Denn die Verantwortung für die enorm hohe Staatsverschuldung von fast 180 Prozent der Wirtschaftsleistung liegt nicht bei den Hilfsprogrammen und der unbeliebten Troika - ohne diese hätte Griechenland viele der Reformen gar nicht erst umgesetzt. Sondern die Verantwortung liegt beim fehlenden Reformwillen der griechischen Regierungen. Diese haben immer wieder vor allem Europa und der Troika die Schuld für die eigene Misere gegeben. Sie haben versucht, Wählerstimmen durch Versprechen einer Umkehr von Reformen zu gewinnen. Ein solches Modell externer Kontrolle kann kein Modell für die Zukunft sein. Nur wenn die griechische Politik endlich den Menschen eine klare Vision aufzeigt und sich mit den Reformen identifiziert, wird das Land aus der Krise kommen können.

Fehlender Reformwille

Es gibt drei generelle Optionen für den Umgang mit den griechischen Staatsschulden. Die ersten beiden bedeuten einen indirekten oder direkten Schuldenschnitt. Die erste beinhaltet, die Laufzeit der öffentlichen Kredite nochmals zu verlängern und die Zinsen weiter zu senken. Dies wurde bereits in der Vergangenheit getan, aber der verbleibende Spielraum - viele öffentliche Kredite haben bereits jetzt eine Laufzeit von über 30 Jahren und Zinsen von weniger als 1,5 Prozent - ist zu gering, um eine Nachhaltigkeit zu erreichen. Die Versuchung ist groß, auch dieses Mal eine solche Option zu wählen, damit aber letztlich die Lösung des Problems lediglich in die Zukunft zu verschieben.

Die zweite Option ist ein direkter Schuldenschnitt, also ein Erlass eines Teils der Kredite. Niemand wird präzise beantworten können, wie hoch ein solcher Schuldenschnitt sein müsste. In den Hilfsprogrammen wurde zuerst von einer Schuldenquote von 120 Prozent als Ziel zum Ende des Jahrzehnts ausgegangen. Aber auch dies ist noch enorm hoch und Zweifel der Marktteilnehmer wären wohl erst dann beseitigt, wenn die Staatsverschuldung unter 100 Prozent fällt. Dies wäre eine Halbierung der Staatsschulden relativ zum heutigen Stand. Die direkten Kosten für Europa wären hoch, und allein Deutschland würde einen zweistelligen Milliardenbetrag an direkten Verlusten realisieren müssen.

Diese Option würde jedoch das grundlegende Problem des fehlenden Reformwillens nicht mildern, sondern womöglich noch verstärken. Deshalb habe ich mich nie für diese Option ausgesprochen und halte sie für einen Fehler. Ich halte es jedoch für genauso falsch, jedes Vierteljahr (für die kommenden zehn Jahre oder länger) eine Troika nach Griechenland zu entsenden, die die Regierung überwacht und zu Reformen drängt. Ein solcher Paternalismus steht uns nicht zu. Und wichtiger noch: Er wird kontraproduktiv sein. Denn damit würde die griechische Politik den Sündenbock weiterhin im Ausland suchen und die Reformen verschleppen.

Deshalb sehe ich als einzige Option, die Kreditzinsen des Landes an seine Leistungsfähigkeit zu knüpfen und das Land in die Eigenverantwortung zu entlassen. Dies beinhaltet die Umwandlung der öffentlichen Kredite Europas in Kredite, deren Zinsen eng an das griechische Wirtschaftswachstum gekoppelt sind. Gegenwärtig sind ein großer Teil der griechischen Kredite effektiv an die Marktzinsen Europas gekoppelt. Dies hat wenig Sinn, vor allem dann, wenn die europäischen Zinsen wieder steigen, aber Griechenland nach wie vor in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt. Der wichtigste Vorteil einer solchen Option wäre, dass es Griechenland endlich zur Eigenverantwortung für seine Reformen zwingen würde. Die griechische Politik könnte nicht mehr die Verantwortung für die Krise und die Reformen auf Europa und Deutschland abwälzen.

Eigenverantwortung übernehmen

Wie eine Studie des DIW Berlin zeigt, würde eine solche Option zudem das künftige Risiko eines direkten Schuldenschnitts senken und damit auch europäische und deutsche Steuerzahler schützen - obwohl auch diese Option Geld kosten wird, denn sie reduziert den Gegenwartswert der Forderungen. Eine Kopplung der Kreditzinsen an das griechische Wirtschaftswachstum würde Griechenland in schwierigen Zeiten entlasten. In guten Zeiten dagegen würden die Zinszahlungen steigen und die europäischen Gläubiger würden teilhaben am wirtschaftlichen Erfolg Griechenlands. Der größte Teil dieses wirtschaftlichen Zugewinns würde im Land bleiben und nur ein kleiner Teil davon in Form von höheren Zinszahlungen an die europäischen Gläubiger gehen. Damit würde auch der Anreiz für die griechische Regierung minimiert, ihr Wachstum zu schwächen oder niedriger auszuweisen. Eine solche Lösung hätte auch recht kurzfristig positive Auswirkungen für Griechenland. Denn sie würde letztlich das Vertrauen inländischer und ausländischer Investoren verbessern, zu mehr wirtschaftlicher Dynamik führen und die Chancen für eine politische Erneuerung verbessern.

Sowohl ein ungeordneter Schuldenschnitt als auch ein Euro-Austritt würde Griechenland in den wirtschaftlichen Kollaps stürzen, nicht nur für ein paar Jahre, sondern für das kommende Jahrzehnt. Europa sollte einer Umstrukturierung der griechischen Staatsschulden zustimmen, indem es die Kreditzinsen eng an das Wachstum Griechenlands koppelt. Dies würde dem Land die Chance für einen Neuanfang und Eigenverantwortung für die eigenen Reformen geben und letztlich dem Land eine wirtschaftliche und politische Zukunftsperspektive eröffnen. Dies wäre auch im besten Interesse der europäischen und deutschen Steuerzahler, deren Kredite den besten Schutz aller Optionen hätten.

Zum Autor
  • diw
    Marcel Fratzscher ist einer der renommiertesten Ökonomen Deutschlands. Er ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, Professor für Makroökonomie und Finanzen an der Berliner Humboldt-Universität und Mitglied im Beirat des Bundesministeriums für Wirtschaft.

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insgesamt 51 Beiträge
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    Seite 1    
1. Umnachtung
cdrenk 13.01.2015
Nur wenn ich mich anstrenge muss ich meiner Bank Kredite zurückzahlen ? ...und wenn ich mich nicht anstrengen will ??
2. Warum werden keine griechischen Vermögensgegenstände verkauft?
karl2015 13.01.2015
Die griechische Regierung könnte doch Staatsbesitz veräußern um die Schulden zu bedienen. Meiner Meinung nach wird das zu wenig thematisiert. Deutschland könnte als Ausgleich für die Schulden ein paar griechische Inseln erhalten.
3. Was interessieren Verträge..?
schwaebischehausfrau 13.01.2015
wieso braucht Griechenland einen neuen Schuldenschnitt? Als Bestätigung der bisherigen griechischen Strategie, Reformen einfach zu verweigern und sich keinen Deut um geschlossene Verträge und Zusagen zu scheren? Und als Botschaft an andere Länder (z.B. Irland, Portugal, Spanien und in ein paar Jahren auch Italien?), dass man seine Schulden ganz elegant auf andere Länder/Steuerzahler abwälzen kann, wenn man nur laut genug jammert. Man muß jetzt ganz einfach den Griechen klarmachen, dass jetzt Schluß ist mit dieser Masche. Sobald den Griechen klar ist , dass sie anfangen müssen, sich selbst zu retten, wird dieses Land auf einmal eine ungeahnte Reform-Fähigkeit entwickeln - weil es muss. Und was soll die Aussage von Fratzscher "Ein solcher Paternalismus steht uns nicht zu..", also weiter Druck auszuüben auf Griechenland durch Troika und EU?? Na klar steht uns das zu - jedem Kreditgeber steht es zu, auf die Einahltung der geschlossenen Verträge zu beharren. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die immer noch katastrophale Umsetzung der mehrfach vereinbarten Reformen in Griechenland liegt nur daran, dass Troika und EU sich bisher immer wieder von den Griechen veräppeln und vertrösten haben lassen .
4.
vox veritas 13.01.2015
Das ist doch eher ein Anreiz, so weiterzumachen wie bisher, oder? Keine gute Idee!
5. Welch ein hanebüchener Unsinn...
mainzelmännchen 1 13.01.2015
...wenn Griechen keine Lust auf sinnvolle Arbeit haben, gibts dann etwa das Geld umsonst? Und der andere Duppel bekommt dann keine Zinsen fürs Ersparte?
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Regierungschef: Alexis Tsipras

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