Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Desolate Finanzlage: Nicht einmal ein Schuldenschnitt wird Griechenland helfen

Von

Neuer griechischer Finanzminister Varoufakis: Problem sind kurzlaufende Staatsanleihen Zur Großansicht
DPA

Neuer griechischer Finanzminister Varoufakis: Problem sind kurzlaufende Staatsanleihen

Die Euroländer debattieren, ob sie Griechenland einen Teil der Schulden erlassen sollen. Doch das würde dem Land kurzfristig kaum etwas bringen - denn nun wollen vor allem private Gläubiger ihr Geld sehen.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.

Hamburg - Die Debatte über die desolate griechische Finanzlage wird derzeit von einem Signalwort bestimmt: Schuldenschnitt. Die neue Regierung in Athen wird ihn fordern, die Gläubiger, allen voran Deutschland, werden das ablehnen - so die Erwartung. Weil der neue Regierungschef Alexis Tsipras den Sparkurs aufkündigt, würde die letzte Rate der Hilfszahlungen gestoppt, Griechenland wäre zahlungsunfähig. Es droht der Austritt aus der Eurozone.

Die einzige Möglichkeit, die Katastrophe abzuwenden, ist nach Ansicht vieler Politiker und Ökonomen ein Forderungsverzicht der öffentlichen Gläubiger. Langfristig dürfte dem Land damit zwar geholfen sein, weil es sich dann unter anderem wieder selbst an den Finanzmärkten mit Kapital versorgen könnte.

Kurzfristig allerdings würde ein Schuldenschnitt wenig bringen.

Der Grund: Die öffentlichen Gläubiger sind Griechenland bereits weit entgegengekommen. So ist nicht nur die Tilgung der öffentlichen Schulden bis weit in die Zukunft verschoben - die letzte Rate wird 2057 fällig - , nicht einmal Zinsen werden derzeit in nennenswerter Höhe fällig. In den kommenden Wochen muss die griechische Regierung relativ wenig Geld an öffentliche Gläubiger zurückzahlen. Am höchsten sind die Zahlungsverpflichtungen an den Internationalen Währungsfonds (IWF): Bis Ende März werden für Zins und Tilgung knapp 2,8 Milliarden Euro fällig. Dazu kommen Zinszahlungen an langfristige private Investoren, die EZB und die Europartner von weiteren knapp 800 Millionen Euro. Kein Grund zur Beunruhigung.

Eigentlich.

Denn demnächst werden bei den privaten Gläubigern weitere Schulden fällig, und das nicht zu knapp: Das Problem sind kurzlaufende Staatsanleihen, so genannte T-Bills, die Griechenland in den vergangenen Monaten im großen Stil ausgegeben hat (hier die Übersicht bei der griechischen Staatsschuldenagentur). Diese Staatsanleihen sind nur drei bis sechs Monate lang gültig und werfen für die Käufer eine Rendite von etwa zwei Prozent ab. Gehalten werden sie vor allem von griechischen Banken, aber auch von Großinvestoren wie der Allianz-Tochter Pimco oder dem Fonds-Anbieter Carmignac. Im Januar wurden Papiere im Wert von 2,8 Milliarden Euro fällig, im Februar sind es gut zwei Milliarden und im März gleich 4,6 Milliarden Euro.

Die Regierung von Alexis Tsipras könnte natürlich auch mit den Haltern dieser Papiere über einen Rückzahlungsverzicht verhandeln. Wenn das nicht verheerende Folgen hätte. Damit würde ein sogenanntes Kreditereignis eintreten: Griechenland würde offiziell als zahlungsunfähig eingestuft - der Staatsbankrott wäre da.

Nun könnte die griechische Regierung die auslaufenden T-Bills sofort wieder auflegen - die Staatsschulden würden in dem Fall nicht wachsen, aber auch nicht sinken. Bis März müssten sich in diesem Fall Käufer für Papiere im Wert von fast zehn Milliarden Euro finden. Allerdings wird in griechischen Finanzkreisen von ausländischen Investoren kein Interesse an den T-Bills mehr registriert. Einzige Käufer wären wieder griechische Banken, die allerdings selbst unter anderem wegen des Abzugs von Sparguthaben in der Klemme stecken. Derzeit wird vermutet, sie stünden kurz davor, Notfallkredite der Europäischen Zentralbank (EZB) zu beantragen.

Einfach zusätzliche T-Bills aufzulegen, um mit dem frischen Geld die bange Zeit des Verhandelns mit den Gläubigern zu überbrücken, ist allerdings auch nicht ohne Weiteres möglich. Dafür braucht Tsipras die Erlaubnis der EZB: Mehr als 15 Milliarden Euro insgesamt darf Griechenland mit den Kurzzeitanleihen nicht aufnehmen - dieses Volumen ist bereits ausgeschöpft. Im Griechenland ist eine Erhöhung auf 20 Milliarden Euro im Gespräch, der die Notenbanker zustimmen müssten - wonach es derzeit aber nicht aussieht.

Was also wird passieren?

Griechenland steht derzeit finanziell schlechter da als vor einem halben Jahr: Die Steuereinnahmen sind in den vergangenen Monaten mutmaßlich deutlich zurückgegangen, von einem Fehlbetrag in Höhe von rund fünf Milliarden Euro ist die Rede - angeblich, weil die Griechen in Erwartung von Wahlgeschenken bereits weniger Immobiliensteuern abgeführt haben. Dazu kommen die teuren Wahlversprechen von Syriza: Wiedereinstellung von 9500 Beamten, höhere Renten, zahlreiche Leistungen für Bedürftige und Verzicht auf Privatisierungen. Zwar hat auch die neue Links-Rechts-Regierung ein Reformprogramm angekündigt, zu dem unter anderem radikale Maßnahmen gegen Steuerflucht, Korruption und Klientelpolitik zählen. Bis auf diese Weise Geld fließt, wird es aber eine Weile dauern.

Spätestens Ende März aber ist die Staatskasse in Athen leer, da hilft auch kein Schuldenschnitt - wie es sogar der damalige griechische Finanzminister Gikas Hardouvelis wenige Tage vor der Wahl zugab: "Ein Schuldenschnitt würde die griechischen Finanzen bis 2022 nicht verbessern, weil wir erst dann die Zinsen für das Rettungsprogramm bezahlen."

Mitarbeit: Giorgos Christides

Zusammengefasst: Ein Schuldenschnitt würde Griechenland nicht helfen, da die ersten Zinszahlungen erst 2022 anstehen. Ohne weitere Finanzhilfen wird die Staatskasse trotzdem Ende März leer sein.

Das SPIEGEL-ONLINE-Wirtschaftsressort testet für eine Woche den "Zusammengefasst"-Absatz. Kritik, Feedback, Anregungen? Bitte hier.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 110 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. das alte Tabu-Thema..
AtoMops 02.02.2015
..lautet Korruption -.- Mittlerweile ist doch bekannt das die komplette griechische Regierung korrupt war und ist. Schon vor dem EU-Eintritt hat die kriminelle Elite das ganze Land ausgesaugt. Das sind nicht nur ein paar Neureiche die ihre Steuern hinterziehen. Die stellen die gesamte griechische Regierung. Deswegen ist es doch egal wie viel Geld man in das Land hineinpumpt oder wie viel man ihm wieder abnehmen will. Gibt man Geld schieben sich das die korrupten Politiker und Konsorten in die Tasche; nimmt man Geld weg zahlt natürlich die griechische Bevölkerung. Ich verstehe einfach nicht warum das Thema komplett unter den Teppich gekehrt wird.
2. Warum kapiert es eigentlich keiner?
chalchiuhtlicue 02.02.2015
Griechenland ist im Eimer. Das war vor Jahren klar, aber nein, wir müssen ja noch 255 Milliarden Euro dort versenken. Griechenland muss raus aus der Eurozone UND aus der EU! Und dann dürfen die Griechen ihren selbstverursachten (!) Saustall mal alleine aufräumen. Ach ja, die EU wird in zukunft noch etliche Milliarden zurückhaben wollen.
3. Na und?
ultimaratiofarm 02.02.2015
Sollen sie doch die Drachme wieder einführen. Wo der Problem?
4. wo liegt den der vorteil durch den euro
henryboehm 02.02.2015
für den kleinen griechen? und worin das wahnsinnige risiko fuer den "kleinen mann" ohne job, ohne immobilie, ohne bankguthaben wenn griechenland aussteigt und in den staatsbankrott geht. sie sind nunmal bankrott! staendig diese angstszenarien. und wenn es zu einem dominioeffekt kommt schadet der wirklich "dem kleinen mann" oder den grossen banken? inzwischen wird dem kleinen mann nicht mehr deutlich wo fuer ihn der vorteil des euros liegt. das finde ich "gefaehrlich". europa muss nicht gleich euro sein - wobei ich euro fan und afd "hasser" bin. wenn aber nur das grosskapital sich rettet und der kleine mann verarmt ist der euro so nicht mein projekt!
5.
rumpelstilzchen1980 02.02.2015
Und was passiert? Bankrun, Pleitebanken, Weigerung beim Schuldenschnitt und dann gehen die Banken pleite. Das wird ein Spaß, endlich Marktwirtschaft. Damit platzen hier dann auch diverse suspekte "Finanzprodukte", vermutlich auch private Altersvorsorgen. Neustart dann mit eigener Währung. Und mal im ernst, glaubt irgendwer wirklich, dass Deutschland seine Schulden ernsthaft abbauen wird?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Griechenland-Reiseseite



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: