Ende des Hilfsprogramms Griechenlands Stunde null

Der griechische Staat ist pleite, das Rettungsprogramm abgelaufen. Doch so ausweglos wie es scheint, ist die Lage gar nicht. Nun gibt es sogar die Chance auf einen Neuanfang.

Pro-Euro-Demonstration in Athen: Ein wirklicher Kompromiss
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Pro-Euro-Demonstration in Athen: Ein wirklicher Kompromiss

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Jetzt ist es also passiert: Griechenland ist pleite. Die Regierung hat die Frist verstreichen lassen, zu der sie eine Schuldenrate von 1,5 Milliarden Euro an den Internationalen Währungsfonds (IWF) hätte zurückzahlen müssen. Noch dazu ist vergangene Nacht das Hilfsprogramm der Eurostaaten ausgelaufen. Die Milliarden, die Griechenland daraus noch hätte kassieren können, sind erst mal weg.

Mit anderen Worten: Es ist all das eingetreten, wovor sich viele Europäer monatelang gefürchtet haben.

Das ist die schlechte Nachricht. Doch es gibt auch eine gute: Es ist noch nicht alles verloren. Und vielleicht ist diese Stunde null für Griechenland sogar die Chance, bei einem Neuanfang vieles besser zu machen als bisher.

Das unwürdige Gezerre um die Auszahlungen aus dem zweiten Rettungspaket hat die Stimmung in Europa vergiftet. Die Unterhändler haben sich im Streit über Mehrwertsteuersätze und Rentenreformen verheddert. Es ist deshalb auch eine Befreiung, dass dieses Paket nun Geschichte ist.

Griechenland hängt seit diesem Mittwoch in einem Zwischenstadium: Das alte, verhasste Sparregime ist vorbei, die große Katastrophe ist noch nicht eingetreten. Dieser Zustand wird nicht ewig anhalten. Mitte Juli stehen weitere Schuldenrückzahlungen an. Gibt es bis dahin keine Lösung, dürfte eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt werden, die möglicherweise im Grexit endet, dem ungewollten Austritt des Landes aus der Währungsunion.

Die Griechen wollen eine Perspektive - zu Recht

Griechenland und seine Gläubiger haben also nur kurz Zeit, um sich auf einen neuen Deal zu einigen. Sie sollten sie nutzen - und dazu den Ballast aus den alten Verhandlungen abwerfen.

Der neue Deal müsste ein wirklicher Kompromiss sein aus dem, was beiden Seiten wichtig ist: Die Eurostaaten beharren zu Recht auf Reformen in der Verwaltung und im griechischen Sozialsystem. Und sie verlangen ebenso gut begründet, dass Griechenland seinen Haushalt so weit in den Griff bekommt, dass die Einnahmen die Ausgaben dauerhaft übersteigen.

Den Griechen dagegen ist es wichtig, eine Perspektive zu bekommen, irgendwann auch wieder ohne die von außen aufgedrängten Sparprogramme leben zu können. Auch das ist verständlich. Und um das zu erreichen, müsste die drückende Schuldenlast gesenkt werden, die den Gläubigern erst ihre Macht über Griechenland gibt.

Dabei ändert es nichts, dass die Raten an die Eurostaaten ohnehin bis mindestens 2020 gestundet sind. Es sind die Zahlungen an die Gläubiger IWF und Europäische Zentralbank (EZB), die Griechenlands Haushalt trotz gewaltiger Sparanstrengungen noch immer ins Minus ziehen. Sie müssten wohl von den Eurostaaten übernommen werden.

Vor einer solchen Umschuldung hat aber gerade die Bundesregierung eine ähnlich große Angst wie die Griechen vor der Troika. Denn dazu müsste Angela Merkel ihren eigenen Abgeordneten und Wählern beichten, dass Deutschland zumindest einen Teil seiner bisher nach Griechenland vergebenen Kredite nicht mehr wiederbekommen wird. Diese Wahrheit scheinen viele Menschen in Deutschland nur schwer ertragen zu können.

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Neue Verhandlungen mit Griechenland?

Griechenland ist pleite und das Rettungsprogramm der Eurostaaten ist ausgelaufen. Sollten die Gläubiger noch einmal über einen neuen Kompromiss verhandeln?

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Jeannette Corbeau
Stefan Kaiser studierte Politikwissenschaft und Volkswirtschaftlehre in Marburg, Prag und Berlin. Er ist Reporter im Wirtschaftsressort von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Stefan_Kaiser@spiegel.de

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insgesamt 334 Beiträge
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Seite 1
Nicecharly 01.07.2015
1. Alte Weiheit
Ein fauler Apfel macht alles kaputt.
gigi76 01.07.2015
2. keine Zeit für Sozialromantik
es ist keine Stunde Null. Griechenland ist aktuell nur im Zahlungsverzug, das Land ist keineswegs pleite. Auf den Konten und unter den Kopfkissen der Leute liegt genug Geld, der Staat ist im Besitz von Industrieunternehmen, die verkauft werden könnten. Erst wenn alles weg ist und dann immer nich Schulden da sind, kann man wirklich von einer Pleite sprechen. Was sie hier schreiben ist pure Sozialromantik, haben sie wirklich VWL studiert??
kw16 01.07.2015
3. Der eigene Wille
Deutschland wollte man nach dem 2. Weltkrieg zu einer Agrarnation machen. Aber die Deutschen arbeiteten wie verrückt. Die Griechen haben diese Regierung gewählt. Man kann es nicht erzwingen. Es ist der eigene Wille.
cwernecke 01.07.2015
4. Rettungspolitik vergeblich, Rückkehr zur Drachme
Solange die Griechen ein Außenhandelsdefizit haben, gibt es aus meiner Sicht keine Grundlage für weitere Hilfen, die nur Gläubiger bedienen sollen. Würde man alle Schulden streichen, müsste Athen trotzdem sofort neue Kredite aufnehmen. Sie müssen bei sich selbst anfangen, den Haushalt kürzen, z.B. bei den hohen Millitärausgaben und auch bei zu hohen Sozialausgaben. Dabei kann die Rückkehr zur Drachme helfen, denn die Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands kann bei einem Verbleib im Euro-Raum nicht verbessert werden. Das haben fünf vergebliche Jahre "Rettungspolitik" ja bewiesen.
spon-facebook-10000159648 01.07.2015
5. Unwürdiges Gezerre?
Die Griechen haben schlicht die Bedingungen nicht erfüllt und sich geweigert, Verträge und Verhandlungsergebnisse zu akzeptieren. Mit welchem Recht verlangen sie jetzt noch eine Perspektive. Die Perspektive kann nur darin bestehen, auf dem Boden der Tatsachen anzukommen und sich selbst zu helfen.
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