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Entschädigung für NS-Gräuel: Experte sieht Stiftung als Lösung für Griechenland

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Deutsche Soldaten in Distomo: Deutschland profitierte von der Entschuldungspolitik Zur Großansicht
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Deutsche Soldaten in Distomo: Deutschland profitierte von der Entschuldungspolitik

Soll Deutschland griechische NS-Opfer entschädigen? Der Wirtschaftshistoriker Ritschl hält Athens Anspruch für gerechtfertigt. Zahlen könnte wie bei den Zwangsarbeitern eine Stiftung.

Berlin - Im Streit um mögliche Zahlungen an griechische NS-Opfer hält der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl die Zwangsarbeiterstiftung für ein denkbares Vorbild. "Eine Stiftung wie für die Zwangsarbeiter ist auch eine mögliche Lösung für Griechenland", sagte Ritschl SPIEGEL ONLINE. Über die von der Bundesregierung und deutschen Unternehmen finanzierte Stiftung wurden bis 2006 knapp neun Milliarden Mark an überlebende Zwangsarbeiter ausgezahlt.

Die neue griechische Regierung setzt sich für Entschädigungszahlungen an zivile Opfer von NS-Massakern wie im Dorf Distomo ein und fordert die Rückzahlung eines Zwangskredits in Höhe von fast 500 Millionen Reichsmark. Die Bundesregierung hat wiederholt erklärt, sie halte beide Fragen für erledigt. Zuletzt sprach sich jedoch eine wachsende Zahl von Spitzenpolitikern für weitere Zahlungen aus, oft in Verbindung mit einem Stiftungsmodell.

Ritschl vertritt die Ansicht, dass Deutschland durch seine Verbindlichkeiten aus den zwei Weltkriegen und der Weimarer Republik eigentlich der "größte Schuldensünder des 20. Jahrhunderts" sei. "Aus Unterlagen der Reichsbank kennen wir die deutschen Schulden ziemlich genau", so der Historiker von der London School of Economics. "Sie lagen am Kriegsende bei 90 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung von 1938. Das wären nach heutigem Stand rund 2,6 Billionen Euro. Damit ließe sich die gesamte europäische Schuldenkrise lösen."

Die Bundesregierung hält weitere Forderungen jedoch spätestens durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 für erledigt. Sie verweist auf Reparationen über Sachleistungen und ein sogenanntes Globalentschädigungsabkommen, über das Griechenland 1960 rund 115 Millionen Mark erhielt.

Ritschl widerspricht jedoch der Darstellung, dass Griechenland es versäumt habe, rechtzeitig Anspruch auf weitere Zahlungen zu erheben. "Dass Griechenland nicht protestiert hätte, stimmt nicht. Sie haben schon 1960 protestiert." Zudem sei unklar, ob der zwischen Deutschland und den Siegermächten geschlossene Zwei-plus-Vier-Vertrag auch für Dritte wie Griechenland gelte.

Reparationen müssen nicht so heißen

Eine offizielle Rückzahlung der Zwangsanleihe durch Deutschland hält der Historiker für wenig realistisch, da dann zahlreiche weitere Länder Ansprüche erheben könnten. Denkbar sei aber eine individuelle Entschädigung von Opfern, die wie im Fall der Zwangsarbeiterstiftung nicht direkt über staatliche Stellen laufe würde. Alternativ könnte Deutschland laut Ritschl Griechenland einen Teil seiner Schulden erlassen, ohne dies offiziell als Entschädigung zu bezeichnen. "Auch in der Vergangenheit wurden für Reparationszahlungen fast immer andere Namen gefunden."

In der öffentlichen Diskussion um Entschädigungen sieht Ritschl schon jetzt einen "Punktsieg" für die Regierung von Premier Alexis Tsipras. "Erstmals wird in Deutschland anerkannt, dass auch wir ohne eine Entschuldungspolitik nach dem Krieg nicht wieder auf die Beine gekommen wären."

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1.
ClausWunderlich 18.03.2015
Ich wäre für eine Sondersteuer auf hohe Einkommen denn die haben ja am meisten Profitiert.
2.
gewgaw 18.03.2015
Und hier ein weiterer Experte: http://www.deutschlandradiokultur.de/griechenland-fordert-reparationen-das-ist-eine-buechse-der.1008.de.html?dram:article_id=314004 Warum hat SPON von diesem Experten kein Experteninterview gemacht. Was werden wohl die beiden Experten in einem Interview äußern?
3. Dexit
sodele2015 18.03.2015
es ist doch so einfach: D bezahlt den "aus der Luft gegriffenen" Betrag von €11Mrd in Form von 6 Mrd Schuldenerlass und 5Mrd Cash (Beleg gut aufbewahren!!), als "Humanitäre Soforthilfe" ohne Anerkenntnis irgendeiner Rechtspflicht. Im Gegenzug erachtet die Griechische Regierung alle "Schulden" von D nebst Reparationsansprüchen als abschliessend geregelt. DANACH behalten wir (auch Merkel und Schäuble) ab sofort unsere Meinung (bzw. Belehrungen) als auch unser Geld für uns. Hollande & Co überlassen uns bereitwillig die Bühne, und wir sind so doof (geltungssüchtig) und merken es nicht, daß man uns in Wahrheit im Regen stehen lässt und wir die "Drecksarbeit" für die anderen EU-Länder mit übernehmen, die sich etwaige Forderungsausfälle genauso wenig oder sogar noch weniger leisten können..... Derartig Prügel zu kassieren und dabei dennoch permanent den Geldbeutel aufzumachen hat schon sehr masochistische Züge, die ich nicht wirklich nachvollziehen kann.
4.
Lanek 18.03.2015
Eine Stiftung, um den Betroffenen konkret zu helfen und um zB die Freundschaft zwischen Deutschen und Griechen zu stärken? Finde ich eine sehr gute Idee. Das Geld geht dann nicht einfach in den griechischen Haushalt, sondern an Geschädigte, die bis heute auf der Strecke blieben. Die Zwangsarbeiterstiftung war doch ein guter erster Schritt. Ich fände es sehr stark, wenn man wirklich eine solche Stifung - oder Stiftungen - auf den Weg bringen würde.
5. 2+4 gilt für Griechenland
Stoeven 18.03.2015
Griechenland wurde bei den 2+4 Verträgen offiziell (per Unterschrift) durch die Siegermächte vertreten - siehe Lexikon/Wikipedia. Daher ist der Vertrag natürlich bindend.
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,063 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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