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Athens Rückkehr an den Kapitalmarkt: Die große Wette auf die nächste Griechen-Rettung

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AFP

Himmel über Athen: Keine gute Nachricht für den Rest der Welt

Die Anleger reißen sich um die frischen griechischen Staatsanleihen. Für Athen ist das eine gute Nachricht. Für deutsche Steuerzahler nicht. Denn die Finanzmärkte spekulieren offenbar bereits auf den nächsten Bailout.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten Ihrem armen, über beide Ohren verschuldeten Vetter Geld geliehen. Leider traf ihn danach eine kleine Pechsträhne, und er konnte Ihnen nur die Hälfte des Geldes zurückzahlen. Vier Jahre später hat dieser Vetter immer noch keinen Job, seine Schulden sind höher als je zuvor. Nun möchte sich der Vetter wieder Geld von Ihnen leihen. Geben Sie es ihm?

Die Antwort lautet vielleicht ja, weil Sie ein mitfühlender Mensch sind. Doch es war gewiss kein Mitgefühl, das die Banken, Versicherungen und Investmentfonds dieser Welt am Donnerstag dazu trieb, Griechenland seine frischen Staatsanleihen förmlich aus den Händen zu reißen - sondern die Hoffnung auf ein gutes Geschäft. Und das, obwohl Griechenland heute höhere Schulden und schlechtere Wirtschaftsdaten aufweist als 2010, als die Finanzmärkte dem Land den Geldhahn zudrehten. Noch immer gibt der griechische Staat wesentlich mehr aus, als er einnimmt, noch immer steigen die Staatschulden dort Monat für Monat. Noch immer ist völlig unklar, mit welchem Geschäftsmodell das Land in Zukunft im harten Standortwettbewerb innerhalb der Euro-Zone mithalten soll.

Zu viele Reiche, zu viel Kapital

Für Griechenland mag das wiedergewonnene Vertrauen der Finanzmärkte eine gute Nachricht sein. Für den Rest der Welt eher nicht. Die hohe Nachfrage nach den Griechen-Anleihen fußt auf zwei Faktoren, der eine so unerfreulich wie der andere.

Erstens gibt es auf der Welt einen dramatischen Überhang an Kapital, das nach lukrativen Anlagemöglichkeiten sucht, dem aber nicht genügend wirklich attraktive Investitionschancen gegenüberstehen. Auf der verzweifelten Suche nach ein wenig Rendite fließt dieses Kapital selbst in so spekulative Investments wie griechische Staatsanleihen. Zu diesem Ungleichgewicht hat die Niedrigzinspolitik der Notenbanken beigetragen. Aber auch die zunehmend ungleiche Vermögensverteilung in den Industriestaaten: Reiche Menschen sparen einen höheren Anteil ihres Einkommens als Arme, und da es immer mehr Reiche gibt, muss immer mehr Kapital angelegt werden.

Wir bewegen uns auf eine Nullzinswelt zu, in der es für risikolose Anlagen keinen und für hochriskante Anlagen nur noch einen verhältnismäßig niedrigen Realzins gibt. Nur zur Erinnerung: Die 4,75 Prozent, die Griechenland seinen Gläubigern am Donnerstag versprechen musste, gab es 1995 noch für eine bombensichere Bundesanleihe, Inflation bereits abgezogen. Für das Funktionieren des Kapitalismus ist der Zins zentral, er lenkt Kapital dorthin, wo es am produktivsten eingesetzt werden kann. Kann ein Kapitalismus funktionieren, in dem das Kapital keinen Preis mehr hat? Auf diese Frage weiß in Wahrheit niemand eine Antwort.

Den Bailout bereits eingepreist

Zweitens haben die Anleger den Bailout bereits eingepreist. Sie rechnen offenbar fest damit, dass die übrige Euro-Zone Griechenland nicht noch einmal pleitegehen lassen wird - zu dramatisch waren die Folgen des Zahlungsausfalls 2012. Die schlimme Nachricht aus Sicht der deutschen Steuerzahler: Die Finanzmärkte dürften mit dieser Spekulation richtig liegen. Wer weiß, dass es da noch einen reichen gemeinsamen Großvater gibt, kann seinem armen Vetter getrost was leihen.

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insgesamt 96 Beiträge
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1. Steuerhinterziehung = Notwehr
Diskutierender 10.04.2014
Zitat von sysopAFPDie Anleger reißen sich um die frischen griechischen Staatsanleihen. Für Athen ist das eine gute Nachricht. Für deutsche Steuerzahler nicht. Denn die Finanzmärkte spekulieren offenbar bereits auf den nächsten Bailout. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/griechenland-folgen-der-anleihenauktion-fuer-deutschland-a-963676.html
Wieder einmal zeigt sich, wie sehr Steuerhinterziehung inzwischen in Deutschland den Tatbestand der Notwehr erfüllt. Wenn Deutschland wieder für so etwas zahlen soll, dann sollten die Deutschen Steuerzahler kollektiv die Steuern verweigern, insbesondere da ein solcher Steuerboykott definitiv nicht dem Deutschen Volk schadet.
2. Absolut richtig erkannt
malocher77 10.04.2014
Nur der letzte Satz, der Großvater wird das Geld leihen müsste heißen, der Großvater verschenkt das Geld und belügt dabei eigene Kinder.
3. Die nächste Pleite ist ...
karlsiegfried 10.04.2014
... programmiert. Nicht die Banken ruinieren die Welt, sondern alle verlogenen, machtgeilen und korrupten Parteien und Politiker (Deutschland inbegriffen) dieser Welt.
4. Danke SpOn für den Artikel !
Jonny_C 10.04.2014
Genial, genau, treffend, und sauber analysiert ! So ist es. ....und der deutsche Steuerzahler darf es bezahlen.
5. Ganz einfach...
referee84 10.04.2014
wenn der nächste Crash ansteht einen Euro der Nordstaaten gründen. Diese Leute spekulieren so oder so mit uns!
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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