Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Fotoreportage über Athens Oberschicht: Krise? Welche Krise?

Familienfeier in Athener Golfclub: Vom Elend ist nichts zu spüren Zur Großansicht
Alessandro Gandolfi/ Parallelozero

Familienfeier in Athener Golfclub: Vom Elend ist nichts zu spüren

Breite Teile der griechischen Bevölkerung leiden unter der Wirtschaftskrise - für die Oberschicht hat sich hingegen kaum etwas geändert. Sie frönt nach wie vor dem süßen Leben. Eine Fotoreportage.

Donnerstag, 13. August, im Zentrum Athens: Tausende Menschen haben sich vor dem griechischen Parlament versammelt: Gewerkschafter, Krankenhausmitarbeiter, Familien mit Kindern. Sie sind gekommen, um ihrem Unmut Luft zu machen. In derselben Nacht sollen die Abgeordneten das neue Reformpaket verabschieden, so hat es die Regierung mit den Geldgebern vereinbart.

Für die Menschen auf dem Syntagma-Platz heißt das auch: erneut Kürzungen bei Renten, Löhnen, erneut höhere Steuern auf Waren des täglichen Bedarfs - Sparmaßnahmen, die sie persönlich treffen, wie so häufig in den vergangenen fünf Jahren. Viele wissen inzwischen nicht mehr, wie sie über die Runden kommen sollen.

Nur eine Gehminute entfernt, im Holmes Place, ist von dieser Verzweiflung nichts zu spüren. Ruhig ziehen die Mitglieder des edlen Spas ihre Bahnen im Pool. Sie gehören zur gehobenen Mittel- oder Oberschicht Athens. Gleich nebenan, ebenfalls in unmittelbarer Nähe zum Syntagma-Platz, reihen sich die Boutiquen der Luxusmarken, Dior, Luis Vuitton, Chanel. Es ist eine eigene Welt. Seltsam abgesondert von dem Elend, das insbesondere im Zentrum Athens umso augenscheinlicher wird, je länger die schwere Wirtschaftskrise des Landes andauert.

Um mehr als ein Viertel ist die Wirtschaftsleistung Griechenlands seit 2009 gesunken, mehr als jeder Vierte ist arbeitslos. Die meisten von ihnen bekommen nicht einmal Sozialhilfe. Breite Bevölkerungsschichten sind in die Armut gerutscht.

Doch für eine kleine Minderheit hat sich auch in den vergangenen Jahren wenig geändert. Die meisten von ihnen gehören zu den rund 800 Familien, die dem Historiker Heinz A. Richter zufolge mehr als 90 Prozent der griechischen Wirtschaftsleistung kontrollieren.

Der italienische Fotograf Alessandro Gandolfi hat diese seltsame Parallelwelt in der Hauptstadt Athen dokumentiert - nicht nur im Zentrum, wo sich Superreiche und Obdachlose begegnen, sondern auch in den exklusiven Stadtteilen und Vororten im Süden und Norden: Glyfada, Vouliagmeni, Kifisia. Was er dort sah, erinnere ihn an Dionysien, resümiert der Fotograf - an jene antiken, ekstatischen Feste zu Ehren des Gottes Dionysos. Während das Land am Rand des Abgrunds steht.

Sehen Sie hier eine Auswahl aus der Fotoreportage "Athens. La Dolce Vita". Mobilnutzer finden die Aufnahmen hier in einer Fotostrecke.

Müßiggang in der Marina von Glyfada

Im Süden von Athen, dort, wo die Stadt an die Agäis grenzt, reihen sich die Jachthäfen wie an einer Perlenkette. Als grobe Faustregel gilt: Je weiter südlich, desto kostspieliger die Boote. Hier, in Glyfada, ist man schon ziemlich weit im Süden angekommen. Der mondäne Vorort ist für Athen in etwa das, was Starnberg für München und Blankenese für Hamburg sind: Residenz der Reichen, aber auch beliebtes Ziel für den Rest der Athener – angesichts der Immobilienpreise freilich nur als Ausflugsort.

Porsche an der Marina von Glyfada

Zur Jacht gehört der passende Sportwagen, das gilt auch für den Vorort im Süden Athens.

Dinnerparty im Golfclub von Glyfada

Im Norden des Vororts, neben dem inzwischen stillgelegten Flughafen Ellinikon, liegt der Golfclub, eine der größten Grünflächen in der Metropolregion Athen. Beliebt ist er nicht nur bei Golfsportlern – wer etwas zu feiern hat und über genug Geld verfügt, lädt in die exklusive Anlage.

Familienfeier im Golfclub von Glyfada

Die Zahl der Obdachlosen im Zentrum Athens ist während der Krise drastisch gestiegen. Hier, nur wenige Kilometer entfernt, bekommt man davon wenig mit.

Hochzeitsfeier im Restaurant balux, Glyfada

Der Golfplatz mag für die Feiern der wirklich Reichen vorbehalten sein – in dem Athener Vorort gibt es aber auch für die gehobene Mittelschicht die passenden Räumlichkeiten.

Gäste im Strandcafé balux seaside, Glyfada

In den Strandcafés von Glyfada sind die Preise zwar nicht höher als in der Szene-Gastronomie deutscher Metropolen – für einen griechischen Durchschnittsverdiener allerdings kaum erschwinglich.

Strandtennis-Anlage am Strandresort Astir Beach, Vouliagmeni

Fährt man von Glyfada aus noch rund fünf Kilometer nach Süden, erreicht man die exklusive Halbinsel Vouliagmeni. Bekannt ist vor allem deren südlichster Zipfel mit dem berühmten Astir-Hotel; dort liegt auch der Astir Beach – ein Strandabschnitt in privater Hand, auf dem mit einem simplen Mittel dafür gesorgt wird, dass die Oberschicht unter sich bleiben kann: Unter der Woche kostet der Strand 15 Euro Eintritt pro Tag, am Wochenende 25 Euro.

Schönheitssalon im Strandresort Astir Beach, Vouliagmeni

Es gibt immer noch eine Menge Geld in Athen – und immer noch eine Menge Leute, die es ausgeben, resümiert der italienische Fotograf Alessandro Gandolfi.

Luxusboutique in der Voukourestiou-Straße, Zentrum von Athen

Auf der Halbinsel Vouliagmeni mag sich der Reichtum vom Rest Athens abschotten – hier, im Zentrum der Hauptstadt, existiert er in krassem Kontrast zu seiner Umgebung. Die Voukourestiou-Straße liegt in unmittelbarer Nähe zum Syntagma-Platz, dem Sitz des Parlaments. Hier haben sich die edlen Filialen der Luxusmarken angesiedelt, von Dior bis Luis Vuitton. Für die allermeisten Athener bleibt es hier beim Schaufensterbummel.

Spa im Zentrum Athens

Ebenfalls an der Voukourestiou-Straße – und zwar an deren teuerstem Ende – halten sich laut Fotograf Gandolfi "die wohlhabendsten Angehörigen der Mittelschicht" standesgemäß fit. Tritt man aus dem Gebäude, ist man in weniger als einer Minute am Syntagma-Platz, wo in diesem Sommer heftig gegen das jüngste Sparpaket demonstriert wurde.

City Bar im Zentrum Athens

An der Voukourestiou-Straße liegt auch der "City Link" – ein neuer Treffpunkt für Liebhaber des Luxus. In dem Gebäudekomplex finden sich nicht nur exklusive Modegeschäfte, Theater und Fitnessstudios. Auch edle Bars dürfen nicht fehlen, etwa die City Bar von Chrysantos Panas (Foto). Die jetzige Krise, sagt der Unternehmer, werde sich als Chance für Griechenland entpuppen. "Die Krise wird den Beginn einer neuen Ära kennzeichnen." Angesichts der jüngst beschlossenen neuen Sparmaßnahmen dürften das nur sehr wenige Griechen so sehen.

Konstantinis Manolopoulos in seiner Boutique Manolo, Kifisia

Der Stadtteil Kifisia liegt im Norden Athens, in den Bergen, die die Hauptstadt einrahmen. Früher lebten hier die Reichen und Schönen, inzwischen sind die in neue In-Viertel gezogen. Nach Kifisia kommen sie aber immer noch regelmäßig – zum gediegenen Shopping.

fdi

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 131 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Die Leidtragenden
tennislehrer 19.08.2015
dieser Krisen ist doch immer die Unterschicht. Hier in Deutschland ist es nicht anders. Das ist auch der Grund, warum die Bonzen wie Merkel mit wehenden Fahnen einem erneuten Hilfspaket für Griechenland zustimmten - sie wird niemals finanziell etwas merken. Schäfchen im Trockenen
2. Krise?
rickmarten 19.08.2015
Fragt man nach der Krise, kann man lachend Antworten bekommen wie "Ja, bei meinem Nachbarn" oder "Krise? Klar, Whisky eben ohne Eis".
3. Und das schöne ist:
experiencedsailor 19.08.2015
Das neue Hilfspaket kommt genau diesen Leute wieder zu Gute, bis es aufgebraucht ist, und Athen nach Nachschub bimmelt. Auf der Speisekarte steht: "EURO satt" für ein paar Reförmchen.
4. Merkel, Rajoy, Tsipras etc.
andreu66 19.08.2015
finden es aber wesentlich einfacher deutsche Arbeitnehmer zahlen zu lassen als griechische, spanische, portugiesische Reiche. Wenn die nicht sowieso schon offiziell mit Erstwohnsitz in London wohnen, da zahlt man als Ausländer auf Auslandseinkünfte fast keine Steuern.
5. ...
toxic 19.08.2015
Griechenland und Deutschland haben eben mehr gemein, als manche denken.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH