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Gesetzesänderung: Griechen fürchten Zwangsräumungen

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Hunderttausende Griechen können ihre Hauskredite nicht bedienen, doch bislang schützt ein Gesetz sie vor Zwangsräumungen. Im neuen Jahr wird sich das ändern, aber nicht einmal Banker halten das für eine gute Idee.

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Blick auf Häuser in Athen: "Die Schleusen sind geöffnet"

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Seit sie im Jahr 2009 ihren Job verlor, bezahlt Maria Kalakoudi die Raten für ihren Wohnungskredit nicht mehr. Die Mutter lebt mit ihren zwei Kindern in Exochi, einem Vorort von Thessaloniki. Pro Monat hat sie 524 Euro aus einer Witwenrente zur Verfügung. "Ich kann kaum das Notwendigste zahlen", sagt sie, "erst recht nicht die 1000-Euro-Monatsraten für meinen Hauskredit."

Maria ist nicht die Einzige, der die Belastung über den Kopf gewachsen ist. Von den 1,2 Millionen Hauskrediten, die griechische Banken vergeben haben, sind mehr als 400.000 überfällig. Nach Jahren der Rezession und hoher Arbeitslosigkeit ist die Summe der faulen Hypotheken auf 24 Milliarden Euro gestiegen.

Die Kredite sind eins der großen Probleme griechischer Banken, die kürzlich bereits zum dritten Mal innerhalb von drei Jahren frisches Geld vom Staat benötigten. Bislang hat Griechenland keine Zwangsräumungen in großem Stil erlebt, die in Spanien während der Krise für sozialen Unfrieden sorgten. Aber das könnte sich bald ändern.

Seit Beginn der Finanzkrise haben griechische Regierungen wiederholt Zwangsräumungen von Erstwohnsitzen wie dem von Maria verboten. Rund 170.000 verschuldete Griechen nutzten ein Gesetz, das Hausbesitzer vor der Räumung ihres Erstwohnsitzes schützt - unabhängig von ihrer Verschuldung und ihrem Einkommen. Mehrere Schuldner konnten Richter überzeugen, dass ihre Verpflichtungen gegenüber den Banken nicht mit einem halbwegs menschenwürdigen Leben vereinbar seien und erreichten so einen weitgehenden Schuldenerlass.

Aber aufgrund von heftigem Druck von Griechenlands Gläubigern werden diese großzügigen Regeln bald Geschichte sein. Von Januar an gelten strengere Vorgaben. Danach wird schätzungsweise nur noch jeder Vierte der zahlungsunfähigen Hypothekenbesitzer einen Schutz vor Zwangsräumung beantragen können. Die Einkommensgrenze liegt dabei nahe dem sogenannten Grundlohn von 850 Euro netto pro Monat, der Wert der Immobilie darf höchstens 170.000 Euro betragen.

Rund 40 Prozent verlieren jeden Schutz

"Das bedeutet, dass ein Alleinstehender, der mehr als den Grundlohn verdient, von Januar an ungeschützt ist", sagt Anthia Korela, ein Athener Anwalt, der viele verschuldete Hausbesitzer vertritt. "Dabei ist es egal, ob er Geschwister oder Kinder zu versorgen hat. Unter den bisherigen Regeln haben die Gerichte so etwas berücksichtigt."

Verschärfte Regeln werden für rund 35 Prozent der Hypothekenbesitzer gelten, wenn sie höhere Einkommen und wertvollere Immobilien haben. Sie müssen eine Regelung mit ihren Banken finden, wobei diese die persönlichen Umstände berücksichtigen und die Ratenzahlungen über drei Jahre entsprechend anpassen sollen. Die übrigen etwa 40 Prozent werden keinerlei Form von Schutz mehr erhalten.

Betroffene wie Maria eilen nun zu den Anwälten, um noch vor Inkrafttreten der neuen Regeln den Gläubigerschutz zu beantragen. Sein Büro bearbeite zwischen 100 und 800 Fälle pro Tag, sagt der Verbraucherschutzanwalt Evangelos Kritikos. Er schätzt, dass nach den neuen Regeln nur zehn Prozent einen Schutz ihres Erstwohnsitzes erreichen werden.

Banker bestreiten das. Nach ihren Angaben haben die Finanzinstitute kein Interesse daran, einen ohnehin kriselnden Immobilienmarkt zusätzlich durch Zwangsräumungen und -versteigerungen zu schwächen. "Wir haben von unseren Anteilseignern die Anweisung, keine Häuser zu versteigern", sagt ein hochrangiger Bankvertreter. "Wir wollen nicht zu Immobilienfriedhöfen werden, und die Regierung will keine Revolution riskieren."

Die Bankvertreter bestreiten jede Beteiligung an der Verschärfung der Regeln, die allein auf Vertreter von EU, Internationalem Währungsfonds (IWF) und Europäischer Zentralbank (EZB) zurückgehe. "Das war die Idee der Troika", sagt ein Branchenvertreter, der die Gespräche zwischen Regierung und Geldgebern kennt. "Sie glauben fälschlicherweise, ohne den Schutz vor Räumungen wäre der Wirtschaft, dem Immobilienmarkt und unseren Bilanzen geholfen."

Streit um die Geierfonds

Bisher haben sich Griechenland und seine Geldgeber noch nicht über die Details der Regelungen geeinigt. Bis Freitag ist eine Einigung aber notwendig, damit Griechenland die jüngste Überprüfung durch die Troika bestehen und neue Hilfsgelder erhalten kann. Troika-Vertreter fordern offenbar, dass Banken Hypotheken auch an sogenannte Geierfonds weiterreichen dürfen, die sich auf faule Kredite spezialisieren. Die Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras will dies aus Sorge um die sozialen Folgen hingegen nur für kommerzielle Kredite an Großunternehmen erlauben.

Manche Banker hoffen, dass die neuen Regeln zumindest bei der Suche nach sogenannten strategischen Pleitiers helfen. Als solche werden schätzungsweise 20.000 Bürger bezeichnet, die ihre Schulden ohne Weiteres bedienen könnten, aber von den derzeitigen Regeln und dem Schneckentempo griechischer Gerichte profitieren. Es soll Kunden geben, die Vermögen von mehreren Hunderttausend Euro haben und dennoch um Schutz gebeten haben. Dabei können sie darauf hoffen, dass ihr Fall erst in vielen Jahren verhandelt wird. Griechenlands überforderte Gerichte haben bislang nur 15.000 der 170.000 Verfahren entschieden.

In den kommenden Wochen werden Banken Hypothekenbesitzer, die mehr als einen Monat im Rückstand sind, um einen Besuch der nächsten Filiale bitten. Dort sollen ihnen verschiedene Optionen angeboten werden, die Bankern zufolge beiden Seiten dienen. So könnten Betroffene beispielsweise fünf Jahre lang nur die Hälfte ihrer Kreditsumme bedienen, in ein kleineres Haus mit entsprechend niedrigerer Hypothek ziehen oder zu Mietern im eigenen Haus werden.

Verbrauchervertreter wie Kritikos überzeugt das nicht. Er sagt, Banken würden nicht gleich alle Immobilien auf den Markt werfen, sondern mit den teureren anfangen und sich dann dem Rest zuwenden. "Die Schleusen sind geöffnet. Es ist nur ein Frage der Zeit, bevor Tausende ihre Häuser verlieren."


Zusammengefasst: Bisher schützt ein Gesetz 170.000 überschuldete Griechen davor, aus ihren Wohnungen und Häusern geworfen zu werden - auch wenn sie ihre Kredite nicht bedienen. Von Januar an gelten neue Regeln, Zehntausende müssen mit einer Zwangsräumung rechnen. Bankern zufolge haben die Finanzinstitute kein Interesse an härteren Gesetzen, sondern die Troika aus IWF, EZB und EU-Kommission.

Übersetzung aus dem Englischen: David Böcking und Michael Kröger

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1. Bezahlen
amdorf 11.12.2015
Aus rein menschlicher Sicht kann man die Griechen gut verstehen. Hätten sie die Drahme, könnte diese humanitäre Vorgehensweise Aussentstehende egal sein. Aber dieses Leben finanzieren in Europa viele Menschen mit, die einen weit niedrigeren Lebensstandart haben und gegenüber diesen Europäern wäre das stark ungerecht. Ich befürworte eine Umwandlung in Mietwohnungen. Selbst in Deutschland sind die Imobilienbesitzer in der Minderheit und muss auf Miete wohnen. In einer deutschen Bank oder Sparkasse kann man keine Baufinanzierung bekommen, wenn man das nicht finanzieren kann.
2. Wie unmenschlich!?
sapereaude! 11.12.2015
Wenn ich morgen arbeitslos werde, bekomme ich ein Jahr ALG1, obwohl ich seit Jahrzehnten in die sogenannte Arbeitslosenversciherung einzahle. Nachdem das erst um ist, wird muss ich mein Vermögen aufbrauchen, bevor ich überhaupt Hartz IV bzw. ALG2 bekomme. Zu diesem Vermögen gehört auch meine Immobilie, in der ich wohne. Wenn dann Alles aufgezehrt ist, erbarmt sich unser Sozialstaat und gewährt mir ALG2. Warum sollte ich also mit meinen Steuern den Griechen, die ihre Hypothek nicht bedienen können, ihre Immobilie finanzieren? Und wenn man es sich recht überlegt: Jeder, der spart und etwas zur Seite legt, ist ja im Notfall der Depp. Im Gegensatz zu dem, der nichts hat, muss der brave Sparer erst sein Vermögen aufzehren, bevor er etwas bekommt.
3. Okay
mwroer 11.12.2015
Wer seine Hypothek nicht zahlt dem gehört das Haus nicht mehr, es kann verkauft werden und er fliegt raus. Wer keine Miete zahlt fliegt auch raus. So weit, so gut. Wo genau ist die Nachricht? Bei aller Sympathie für die Frau die seit 6 Jahren ihre Hypothek nicht mehr bedient aber wird demnächst auch berichtet das Autofahrer in Griechenland ihr Benzin bezahlen müssen und wer das nicht kann der muss mit dem Bus fahren? "So könnten Betroffene beispielsweise fünf Jahre lang nur die Hälfte ihrer Kreditsumme bedienen, in ein kleineres Haus mit entsprechend niedrigerer Hypothek ziehen oder zu Mietern im eigenen Haus werden" Sehr kulant. Finden Sie in Deutschland oder bei uns den Niederlanden ganz sicher nicht. 'Verbrauchervertreter wie Kritikos überzeugt das nicht. Er sagt, Banken würden nicht gleich alle Immobilien auf den Markt werfen, sondern mit den teureren anfangen und sich dann dem Rest zuwenden. "Die Schleusen sind geöffnet. Es ist nur ein Frage der Zeit, bevor Tausende ihre Häuser verlieren."' Die Leute haben sich Geld geliehen. Sie müssen es irgendwann zurückzahlen. Einfache Regel - gilt auch für Griechen.
4. Intelligente Lösung
eunegin 11.12.2015
Angesichts des Ausmaßes muss im Interesse der Allgemeinheit - nicht des Einzelnen - eine smarte volkswirtschaftlich vertretbare Lösung gefunden werden. Letztlich ist es aber im Leben einfach so, dass man sich nur leisten kann, was man sich leisten kann.
5. ...man hat aus der spanischen Krise gelernt,
paulaschwarz 11.12.2015
und wird daraus seine Schlüsse ziehen. Sukzessive werden die Aufkäufer der Immobilien sich der Häuser bemächtigen - und mag es sich über mehrere Jahre hinziehen. Irgendwann gehört das Land und die Immobilien irgendwelchen Investoren...
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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