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Flughafen-Privatisierung: Griechische Gewerkschaften mobilisieren gegen "deutsche Eroberer"

Von , Thessaloniki

Flughafen von Thessaloniki: Gute Aussichten für den deutschen Konzern Fraport Zur Großansicht
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Flughafen von Thessaloniki: Gute Aussichten für den deutschen Konzern Fraport

Am Montag könnte der deutsche Konzern Fraport 14 griechische Flughäfen übernehmen. Es wäre die erste Privatisierung unter der Tsipras-Regierung. Gewerkschaften kündigten massiven Widerstand an.

Griechenland steht kurz vor einer Premiere: der ersten Privatisierung von Staatseigentum, seit Alexis Tsipras die Politik in Athen bestimmt. Der deutsche Konzern Fraport wird 14 Regionalflughäfen des Landes für die nächsten 40 bis 50 Jahre übernehmen. Am Montag soll der Milliardendeal besiegelt werden. Kritiker schätzen ihn noch immer so ein wie Tsipras, bevor er zum Regierungschef aufstieg: als Notverkauf, der Griechenland gleichsam mit vorgehaltener Waffe aufgezwungen wurde.

Bereits im November 2014 waren Fraport und sein griechischer Partner, die Copelouzos-Gruppe, als bevorzugte Investoren für die Flughäfen ausgewählt worden. Damals war Tsipras noch Oppositionsführer und geißelte das Vorhaben als "Rückkehr zum Feudalismus". Nach seinem Wahlsieg im Januar dieses Jahres sorgte er entsprechend dafür, dass das Geschäft auf Eis gelegt wurde.

Flughafen Thessaloniki: Für drei Millionen Passagiere gebaut, von sieben Millionen genutzt Zur Großansicht
DPA

Flughafen Thessaloniki: Für drei Millionen Passagiere gebaut, von sieben Millionen genutzt

Tsipras' Widerstand dauerte bis zum August, dann knickte er unter dem Druck der Europartner ein. Die stellten harte Bedingungen für ein drittes Kreditpaket, eine davon: Tsipras müsse zu dem von der Vorgängerregierung ausgehandelten Fraport-Deal stehen. Der Syriza-Chef akzeptierte.

Der Widerstand der griechischen Gewerkschaften hingegen ist ungebrochen. Sie rufen zum Kampf gegen die Übernahme durch die Deutschen auf. Der Chef der Luftfahrtgewerkschaft Osypa, Vasilis Alexizopoulos, droht, Fraport werde sein Engagement noch bereuen. "Als ich Fraport-Chef Stefan Schulte vor Kurzem traf, habe ich ihm klargemacht, dass wir ihn nicht als Investor betrachten - sondern als Eroberer."

Gemeinsam mit betroffenen Gemeinden und Bürgern hat Oyspa das oberste griechische Verwaltungsgericht angerufen, um die Übernahme noch zu verhindern. Am 8. Januar wird das Gericht über den Fall verhandeln. Zudem wollen die Gewerkschaften den Deal von den Wettbewerbshütern der EU prüfen lassen - aus ihrer Sicht würde Fraport mit einem Marktanteil von 85 Prozent bei internationalen Ankünften eine Monopolstellung erlangen.

Flughafen Kavala: Selbst der Verkehrsminister ist gegen den Fraport-Deal Zur Großansicht
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Flughafen Kavala: Selbst der Verkehrsminister ist gegen den Fraport-Deal

Der vielleicht leidenschaftlichste Gegner des Fraport-Deals ist allerdings ausgerechnet ein Regierungsmitglied, das ihn kommende Woche mit absegnen muss: Verkehrsminister Christos Spirtzis. Noch im September hatte sich Spirtzis gewünscht, dass "dieser Notverkauf niemals durchkommt". An diesem Montag wird er gute Miene zum bösen Spiel machen müssen, während er seine Unterschrift unter den Vertrag setzt.

Allerdings vermuten einige Beobachter, Spirtzis könnte den Deal auch dann noch hintertreiben. Bevor die Deutschen irgendwann in der zweiten Jahreshälfte 2016 den Betrieb der Flughäfen übernehmen, müssen noch einige Weichen gestellt werden: So müssen etwa Lizenzen formal vergeben und eine Regulierungsbehörde gegründet werden - all das lässt sich lange herauszögern.

Wenn die Privatisierung zustande kommt - was hochwahrscheinlich ist - wird Fraport für die kommenden Jahrzehnte zu einem der wichtigsten Akteure im griechischen Tourismus. Zukünftig würde Fraport die Flughäfen der drei Top-Ziele für deutsche Touristen (Korfu, Rhodos und Chania auf Kreta) betreiben, zudem jene auf den weltweit beliebten Inseln Mykonos und Santorini. Auch der Flughafen von Thessaloniki, Griechenlands zweitgrößter Stadt, gehört zum Übernahmepaket. Im Jahr 2013 wurden an den 14 Regionalflughäfen insgesamt 19 Millionen Passagiere abgefertigt.

Fraport will 14 griechische Regionalflughäfen übernehmen

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Zudem sind die Aussichten verheißungsvoll: Der Tourismus gehört zu den wenigen Wirtschaftszweigen Griechenlands, die wachsen. Neuesten Zahlen zufolge verzeichneten die griechischen Flughäfen von Januar bis November dieses Jahres einen Allzeitrekord von mehr als 47 Millionen Passagieren.

Fraport selbst bezifferte bei einer Veranstaltung in Hamburg im Dezember 2014 die erwarteten Umsätze aus dem Griechenland-Deal auf 180 Millionen Euro allein für das Jahr 2016 - und den operativen Gewinn vor Steuern und Zinsen auf mehr als 90 Millionen Euro.

Im Gegenzug will Fraport einmalig 1,23 Milliarden Euro auf den Tisch legen und dann jährlich 23 Millionen Euro Pacht in den kommenden 40 Jahren. Die Laufzeit kann dann um zehn Jahre verlängert werden.

Flughafen Rhodos: Top-Ziel deutscher Griechenland-Touristen Zur Großansicht
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Flughafen Rhodos: Top-Ziel deutscher Griechenland-Touristen

Die Nettogewinne wird Fraport zudem mit der griechischen Regierung teilen. Befürworter sehen in dem Deal daher einen Vorteil für beide Seiten: Griechenland bekomme eine dringend benötigte Finanzspritze und signalisiere Investoren zugleich ein geschäftsfreundliches Klima. Fraport werde zudem die Flughäfen aufmöbeln, aus dem ureigensten Interesse, noch mehr Touristen anzuziehen. Und nicht zuletzt, argumentieren Befürworter, bestätige Deutschland mit der Fraport-Unterschrift die gute Perspektive für den griechischen Tourismus.

Die Gewerkschaften lassen sich davon allerdings nicht überzeugen. Sollten alle Stricke reißen, würden die Angestellten ihren neuen Bossen die Arbeit verweigern und den Flugverkehr möglicherweise zum Erliegen bringen, droht Oyspa-Chef Alevizopoulos: "Ich bin öffentlicher Angestellter. Niemand kann mich oder meine Kollegen zwingen, für eine Privatfirma zu arbeiten."

Übersetzung aus dem Englischen: Florian Diekmann

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insgesamt 146 Beiträge
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1. Privatisierung?
Spirit in Black 12.12.2015
Das seltsame an dieser "Privatisierung" ist ja, das Fraport selber nicht "privatisiert" ist, sondern zu 31,94% dem Land Hessen, zu 20,40 der Stadt Frankfurt am Main und zu 18,27% der Bundesrepublik Deutschland gehört. (Quelle: Wikipedia) Ein Schelm, der Böses dabei denkt...
2. Zwiespältiger Eindruck
dirk1962 12.12.2015
Ja man kann die Aufregung der Gewerkschaft durchs verstehen. Aber was wäre die Alternative? Ein Schäfer Beigeschmack bleibt natürlich, wenn gerade ein deutsches Unternehmen eine der Rosinen des griechischer Staatsvermögen erwirbt.
3. irgendwie nicht überraschend
schweizerbesserwisser 12.12.2015
Scheint in GR halt ein strukturelles Problem mit den "Arbeitnehmervertretern" zu sein. Die GR Regierung hat dasselbe Glaubwürdigkeitsproblem wie Labour vor Thatcher. Die Drecksarbeit (!) der überfälligen Strukturbereinigung/en sollen doch bitte andere verantworten. Der Gewerkschaftfsfilz hat damit die Carte Blanche bis auf Weiteres sein Unwesen zu treiben. Mir tun die ehrlichen arbeitsamen Griechen, Arbeitnehmer wie Unternehmer, bei diesem Umfeld einfach nur leid. Nur meine Meinung. Gruss aus Zürich
4. Türklopfer...
philosophus 12.12.2015
Schön wäre es wenn die Griechen ihre 14 Flughäfen selbst weiterbetreiben könnten. Die Privatisierung scheint aber "alternativlos" zu sein und zwar auf Grund jahrelang begangener "Sünden"...Fraport hat doch nicht zufällig an der Tür geklopft...
5. Gewerkschafter?
horstschmitzberger 12.12.2015
Bei allem Verständnis für die Griechen und die oft fragwürdigen Umstände der Umschuldung, es ist einfach unfair Fraport die Chance eines Neustarts zu verweigern, zumal die alten Eigentümer wohl am Desaster Mitschuld waren. Investitionen und Arbeitsorganisation aus erfolgreichen Airports zu übernehmen ist nicht die schlechteste Idee und was soll Arbeitsverweigerung bringen, ...Arbeitslosigkeit? Ein Streik ohne errreichbares Ziel ist eine Selbstmordaktion, für eine demokratische Gewerkschaft, aber der Herr ist wohl im öffendlichen Dienst....die griechische Tragödie hat viele Akteure.Doch gute Löhne müßen immer erst von den Menschen erarbeitet sein, bevor man über die Verteilung streiten kann,und muß, wer dies mißachtet endet wo die Griechen heute stehen, leider, aber unausweichlich.
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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