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Minenprojekt in Griechenland: Der Streit ums große Gold

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Griechenland könnte zum größten Goldproduzenten Europas aufsteigen - aber das Milliardenprojekt eines kanadischen Minenkonzerns spaltet eine ganze Region. In dem Konflikt gerät jetzt Alexis Tsipras unter Druck.

Giorgos Christides

Palaeochori ist einer der wenigen Orte in Griechenland, die von der Finanzkrise weitgehend unberührt geblieben sind. In dem Städtchen in den Bergen im Norden der Halbinsel Chalkidiki steigen die Einkommen, während die Arbeitslosenzahlen sinken.

Ihr kleines Wirtschaftswunder verdanken die Einwohner dem kanadischen Bergbaukonzern Eldorado Gold, der in der Region jetzt eine weitere Mine bauen will.

"Die Mine ist gut für uns", sagt Marianna, die im Stadtzentrum eine kleine Bäckerei betreibt. "Die Gegend war arm und heruntergekommen. Jetzt kommen die jungen Leute zurück - sehr zur Freude ihrer Eltern."

Es ist bereits das dritte Minenprojekt, das die im kanadischen Vancouver ansässige Bergbaugesellschaft in der Region umsetzt. Wenn die Produktion angelaufen ist, wird Griechenland seine Goldförderung vervielfachen und mit geschätzten 12 Tonnen pro Jahr zu einem der größten Goldproduzenten Europas aufsteigen. Zum Vergleich: China fördert jährlich mehr als 400 Tonnen, Griechenland stiege in die Top 30 auf.

Trotzdem ist der Jubel insgesamt verhalten - denn die Mine gehört nicht nur zu den größten und gewinnträchtigsten Unternehmungen des Landes, sie ist auch die umstrittenste. Aktivisten und Umweltschützer kämpfen dagegen, auch mit Gewalt. 2013 etwa drangen Maskierte mit Gewehren bewaffnet in eine Mine in Skouries ein, setzten die Ausrüstung in Brand und überschütteten Sicherheitskräfte mit Benzin.

Eldorado Mining will dem Widerstand trotzen, nicht zuletzt, weil das Unternehmen bereits 650 Millionen Euro investiert hat. Weitere 400 Millionen sollen 2016 dazukommen. Als wirkliche Gefahr betrachtet Michaelis Theodorakopoulos, Chef der für die Minen verantwortlichen griechischen Tochtergesellschaft Hellas Gold, nur die Politik.

Das ist die Förderanlage der umstrittenen Mine in Skouries.

Die Halbinsel Chalkidiki ist eine wichtige Touristenregion. Schon wurden 300 Hektar Wald für den Bau gerodet.

Kritiker befürchten irreparable Schäden für die Umwelt. Und Hotelbesitzer bangen um die Auslastung ihrer Zimmer.

Bagger und Lastwagen formen die Region um. Die Berghänge werden großflächig planiert.

Die Mine gehört zu den größten und gewinnträchtigsten Unternehmungen des Landes - und zu den umstrittensten.

Eingang der Gold- und Kupfermine in Skouries: 2016 soll der Abbau der Edelmetall-Erze beginnen.

Im Bergstädtchen Arnaia sind viele Einwohner überzeugt, dass sich die Umweltschäden beheben lassen. Auf dem Banner steht: "Arnaia sagt Ja zu den Minen".

In dem Küstenstädtchen Ierissos wehren sich die Anwohner gegen das Projekt, sie fürchten um ihr Auskommen durch den Tourismus.

Ierissos' Bürgermeister Giorgos Zoubas steht an der Spitze des Widerstands. Er nennt die Pläne für die Goldmine ein "Projekt pharaonischen Ausmaßes".

Vor dem Rathaus sind Parolen gegen die Minengesellschaft an die Wand gesprüht.

Als Nikolas Alevras vor sieben Jahre bei Hellas Gold anheuerte, brach sein bester Freund die Verbindung ab.

Anti-Goldminen-Aktivistinnen in einem Café in Ierissos: "Sind es tausend Jobs und ein paar Steuereinnahmen wert, die Region für immer zu verschandeln?"

Während die konservative Regierung unter Antonis Samaras dem Unternehmen noch ihre Unterstützung zugesichert hatte, ging die Koalition unter Alexis Tsipras auf Konfrontationskurs. Die linke Bewegung nutzte die Gelegenheit, um ihre Unerschrockenheit vor der Großindustrie und ihr Engagement für die Umwelt zu demonstrieren.

Am 19. August, einen Tag bevor er zurücktrat, um Neuwahlen auszurufen, widerrief Tsipras alle Genehmigungen für die neue Goldmine. "Die Regierung kann Investoren Hindernisse in den Weg legen", klagt Theodorakopoulos, "einen Grund dafür findet sie immer."

Nach dem Erlass von Tsipras wurden die Arbeiten gestoppt, 1100 Mitarbeiter waren vorübergehend arbeitslos. Erst nach einer einstweiligen Verfügung nahmen sie ihre Arbeit wieder auf. Die Entscheidung des obersten Verwaltungsgerichts steht allerdings noch aus.

Steuereinnahmen gegen Umweltzerstörung

Doch schon jetzt geht die Bedeutung des Urteils weit über die Frage hinaus, ob die Entscheidung rechtmäßig war. Viele sehen den Fall längst als Test dafür, wie die griechische Regierung mit ausländischen Investoren umgeht.

Dabei haben die Aktivisten auch jenseits des Klassenkampfs gute Gründe für ihren Kampf gegen die Goldmine. So will der kanadische Konzern 300 Hektar Wald roden - und mit den Bäumen wird die vielfältige Vegetation vernichtet, die einer großen Zahl von Tieren Lebensraum bietet.

Hellas-Gold-Chef Theodorakopoulos hält die Schäden jedoch für reparabel. Zudem sei der Wald längst wie ursprünglich genehmigt abgeholzt. "Die Bäume werden nachwachsen, sobald wir die Arbeiten über der Erde beendet haben."

Der Manager betont die Vorteile der Mine: Allein zwei Millionen Euro flössen jährlich in die Gemeindekasse der Region - damit würden Kirchen renoviert und Straßen gebaut, sagt er. "Unser Umsatz wird in den kommenden 30 Jahren 15 bis 21 Milliarden Euro betragen. Zehn Investments von dieser Größe, und die griechische Regierung müsste nicht länger nach zusätzlichen Steuereinnahmen oder Möglichkeiten für Einsparungen suchen."

Solche Argumente stoßen in Bergbaustädten wie Palaiochori auf Verständnis: Hier schürfte schon Alexander der Große nach Gold, um seine Eroberungsfeldzüge zu finanzieren.

Die Gegner überzeugt das nicht - und deren Zahl steigt, je näher man der Küste kommt. Dort verdanken die Menschen ihre Lebensgrundlage der intakten Natur - Bauern ebenso wie Hotel- und Restaurantbesitzer oder Fischer. Sie alle fürchten gravierende Auswirkungen der Goldschürferei in den Bergen.

Aristoteles' Heimat, Zentrum des Widerstands

Zentrum des Widerstands ist Ierissos, die Hauptstadt der Region, in der einst Aristoteles gelebt hat. Quer über den örtlichen Marktplatz ist ein Banner gespannt: "Schützt die Heimat von Aristoteles vor der Goldmine", selbst Bürgermeister Giorgos Zoubas ist Minengegner. Die Auseinandersetzungen in der Region gibt es schon so lange wie den Bergbau selbst, sagt Zoubas, doch der aktuelle Fall habe eine andere Dimension. "Das ist ein Projekt von pharaonischem Ausmaß", sagt er. "Es wird Böden, Grundwasser und Meer irreparabel schädigen - und damit auch die Gesundheit der Menschen hier."

Auf dem mittleren Finger der Halbinsel Chalkidiki befindet sich auch der Traumstrand Armenistis. Die Gegner des Minenbaus fürchten, dass die gewaltigen Umweltschäden die Urlauber abschrecken können.

Baden vor beeindruckender Kulisse: Im Hintergrund ist der Berg Athos zu sehen, auf dem zahlreiche orthodoxe Kloster angesiedelt sind. Frauen ist der Zugang zu der Region verwehrt, Männer können in kleinen Besuchergruppen Zugang beantragen.

Die Region Chalkidiki zählt zu den wichtigen Ferienregionen Nord-Griechenlands.

Von Ouranopolis, hier der Große Wachturm, fahren die Ausflugsboote Richtung Athos. Der Trip lohnt sich, auch wenn die Boote einen vorgegebenen Abstand zur Küste einhalten müssen.

Sonnenuntergang auf der Halbinsel Kassandra: Die Minengegner fürchten, dass Grundwasser und Meer irreparabel geschädigt werden könnten.

So sieht es auch Katerina Seitanidou. Ihre Eltern waren einst nach Deutschland ausgewandert, dann aber nach Ierissos zurückgekehrt - sie wünschten sich ein Leben in der Natur. "Wenn Sie ein hübsches Plätzchen für Ihren Urlaub suchen", sagt sie, "dann googeln Sie nicht 'Ferien' und 'Bergbauregion'."

Seitanidou sitzt mit drei anderen Aktivisten in einem Café. Für den Kampf gegen die Mine hätten sie alles aufgegeben, sagen sie: Arbeit, Familien und Privatleben. "Das ist ein großes Umweltverbrechen", sagt Lola Chrisouli, eine der Führungsfiguren der Anti-Gold-Bewegung. "Sind es tausend Jobs und ein paar Steuereinnahmen in den kommenden 30 Jahren wert, die Region für immer zu ruinieren?"

Allerdings verläuft die Front nicht einfach zwischen den auf Touristen angewiesenen Küstenstädten und den von der Mine abhängigen Bergdörfern. Der Riss geht quer durch die Gesellschaft in der Region, der Konflikt hat Familien zerstört und Freundschaften - wie bei Nikolaos Alevras. Sein bester Freund habe sich nicht mehr gemeldet, sagt der 27-Jährige, seit er vor sieben Jahren bei der Minengesellschaft angestellt wurde. "Der Kontakt brach an dem Tag ab, als ich bei Hellas Gold anfing."

Es gibt vielleicht nur eine Sache, in der sich Befürworter und Gegner der Goldmine einig sind: Tsipras soll sich schnell für eine Seite entscheiden - ein echtes Dilemma. Einerseits sympathisiert der Regierungschef mit den Aktivisten. Andererseits ist ihm sehr wohl bewusst, dass er die für Griechenland so wichtigen Investoren verprellen und Arbeitsplätze gefährden würde, wenn er sich auf die Seite der Minengegner stellt.

Bisher sind die Signale aus Athen alles andere als eindeutig. Zwar empfing Tsipras einige Vertreter der Bewegung in seinem Amtssitz und verweigerte dem kanadischen Eldorado-Chef Paul Wright ein Treffen. Doch nach seiner Wiederwahl hat er noch keine konkreten Schritte gegen die Goldmine unternommen.

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insgesamt 38 Beiträge
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    Seite 1    
1. ...es ist bestürzend....
prisma-4d 16.11.2015
....300Ha ...und nur für den schnöden Mamon. Gut das wir in Deutschland dem Braunkohleabbau nur 2500 km2 geopfert haben. Das sind gerade nur 833mal mehr fläche als die besagte Fläche in Griechenland. Gut Griechenland ist ja auch kleiner (wenn auch keine 800mal). Liebe Griechen... einen Tot stirbt man immer! Und wenn die Leute dagegen sind... beteiligt sie einfach am Gewinn! Dann wird man schnell sehen ob es ums Geld oder um die Kultur geht.
2.
üpoiu 16.11.2015
Wo sind jetzt die ganzen Hetzer, die immer behaupten Griechenland hätte keine Bodenschätze? Vielleicht verstehen jetzt einige, warum Griechenland immer größere Schulden aufgedrückt werden, wobei, die Masse wird es immer noch nicht kapieren, da ist sowieso Hopfen und Malz verloren. Zu Schürfen wäre noch Uran, was ebenfalls in großen Mengen vorhanden ist, vom Öl und Gas ganz zu schweigen....
3. ...es ist bestürzend....
prisma-4d 16.11.2015
....300Ha ...und nur für den schnöden Mamon. Gut das wir in Deutschland dem Braunkohleabbau nur 1700 km2 geopfert haben. Das sind gerade nur 566mal mehr fläche als die besagte Fläche in Griechenland. Gut Griechenland ist ja auch kleiner (wenn auch keine 566mal). Liebe Griechen... einen Tot stirbt man immer! Und wenn die Leute dagegen sind... beteiligt sie einfach am Gewinn! Dann wird man schnell sehen ob es ums Geld oder um die Kultur geht.
4. wenn man so weiter Gold abbaut
2013hm 16.11.2015
wie in den letzten zig Jahren, wird es in ca 19 Jahren kein Gold mehr geben. Es ist immer gut, ein wenig Gold zu Hause zu haben....
5.
muellerthomas 16.11.2015
Zitat von üpoiuWo sind jetzt die ganzen Hetzer, die immer behaupten Griechenland hätte keine Bodenschätze? Vielleicht verstehen jetzt einige, warum Griechenland immer größere Schulden aufgedrückt werden, wobei, die Masse wird es immer noch nicht kapieren, da ist sowieso Hopfen und Malz verloren. Zu Schürfen wäre noch Uran, was ebenfalls in großen Mengen vorhanden ist, vom Öl und Gas ganz zu schweigen....
Ich weiß nun nicht genau, wen Sie mit "Hetzer" meinen, aber wir sprechen vom Wunsch, die Goldförderung auf 12 t im Jahr zu erhöhen. Ein kg Gold kostet aktuell EUR 32.600. 12.000 kg haben also einen Wert von weniger als 400 Mio. Euro. Oder um die Zahl mal in die übliche Skalierung zu bringen: 0,4 Mrd. Euro.
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