Angeblicher Grexit-Plan Putsch-Gerüchte irritieren Griechenlands Politiker

Der Notenbank-Chef sollte festgenommen und die Drachme über Nacht wieder eingeführt werden: Diesen geheimen Grexit-Plan sollen griechische Regierungsmitglieder laut einer Zeitung entwickelt haben. Nun ist der Ärger in Athen groß.

Yanis Varoufakis (im Juni): Der frühere griechische Finanzminister steht im Zentrum der Putsch-Gerüchte
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Yanis Varoufakis (im Juni): Der frühere griechische Finanzminister steht im Zentrum der Putsch-Gerüchte


Plante die griechische Regierung einen Währungsputsch? Das legt zumindest ein Bericht der Athener Sonntagszeitung "Kathimerini" nahe. Demnach überlegten Mitglieder der griechischen Regierungspartei Syriza, die Datensysteme der Steuerbehörde zu hacken, um ein paralleles Bankensystem aufzubauen. Das sollte die Rückkehr zur Drachme möglich machen - per Knopfdruck.

Die Details dazu soll der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis am 16. Juli vor einer Gruppe Analysten ausgebreitet haben. Die Zeitung "Kathimerini" will an eine Mitschrift des Gesprächs gekommen sein. Die Informationen lassen sich von außen nur schwer einordnen, das Blatt gilt aber als seriös.

Über das Wochenende war auch in anderen Medien über die angeblichen Pläne berichtet worden. SPIEGEL ONLINE hatte bereits vor elf Tagen über einen ähnlichen Grexit-Plan der griechischen Regierung berichtet.

"Kathimerini" zufolge soll Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras seinen Parteikollegen Varoufakis bereits im Dezember 2014 mit dem Geheimplan für einen möglichen Grexit beauftragt haben. Maßgeblich beteiligt war demnach auch der inzwischen geschasste Energieminister Panagiotis Lafazanis. In einem Interview mit "RealNews daily" sagte Lafazanis, man habe Geld der griechischen Zentralbank nehmen und damit weiterhin Renten an die Bürger zahlen wollen, wenn Griechenland aus dem Euro gedrängt worden wäre.

Die Gerüchte, man habe den Chef der Bank, Yannis Stouranaras, notfalls festnehmen wollen, falls sich dieser widersetzt hätte, seien hingegen Hirngespinste, sagte Lafazanis. Einer griechischen Nachrichtenagentur gegenüber bezeichnete er die Spekulationen um eine Festnahme als eine Mischung aus "Lügen, Fantasie, Angstmache, Spekulation und Antikommunismus".

Paralleles Bankensystem

Weiter heißt es in den Berichten, dass Varoufakis einen alten Bekannten mit dem Hacken der Steuerdaten beauftragen wollte. Die Troika hatte demnach den alleinigen Zugriff auf diese Daten gehabt - die Griechen wollten sich also die Hoheit darüber wiederbeschaffen. Dem Geheimplan zufolge sollten die Passwörter der Online-Steuerkonten kopiert und durch neue ersetzt werden, mit denen die griechischen Bürger direkte Finanzgeschäfte mit dem Staat hätten abwickeln können.

"Das hätte ein paralleles Bankensystem errichtet, was uns eine Atempause verschafft hätte, nachdem die EZB die Banken geschlossen hat", wird Varoufakis von "Kathimerini" zitiert. Die Währung wäre in dem Parallelsystem relativ einfach von Euro auf Drachme umzustellen gewesen. Tsipras habe ihm aber das grüne Licht für den Plan verweigert.

Zunächst hatte der Ex-Minister die Berichte nicht offiziell kommentiert. In der Runde mit den Analysten soll er jedoch gesagt haben, dass er alles dementieren würde, sollten die Inhalte irgendwie an die Öffentlichkeit kommen. Später am Sonntag sagte er dem britischen "Telegraph", dass die Zitate selbst richtig seien, in einigen Berichten in der griechischen Presse aber verdreht dargestellt würden. Die Berichte ließen es so aussehen, also ob er von Anfang an eine Rückkehr zur Drachme geplant habe.

Über Twitter schrieb Varoufakis außerdem: "Also ich hatte vor, die Steuerdaten der griechischen Bürger zu hacken? Ich bin beeindruckt von der Fantasie meiner Verleumder."

Irritiert von den Berichten zeigt sich die griechische Opposition. Die Mitte-Rechts-Partei Nea Dimokratia hat zusammen mit der liberalen Zentrumspartei To Potami und der sozialistischen Pasok eine Stellungnahme der Regierung verlangt. "Die Enthüllungen werfen große politische, ökonomische und moralische Fragen an die Regierung auf und müssen eingehend geprüft werden", heißt es in einem Statement. "Ist es wahr, dass eine extra eingesetzte Gruppe des Finanzministeriums an einem 'Plan B' gearbeitet hat? Ist es wahr, dass sie ein paralleles Bankensystem aufbauen wollte, indem sie die Steuernummern der Bürger hacken lassen wollte?"

Ein Dementi kam von Vize-Finanzminister Dimitris Mardas. Er sagte dem Sender Skai television: "Ich habe wiederholt gesagt, dass es solche Diskussionen innerhalb der Regierung nie gegeben hat."

Verhandlungen beginnen diese Woche

An diesem Montag sollen die Verhandlungen zwischen Griechenland und seinen internationalen Gläubigern über neue Finanzhilfen beginnen. Vertreter von EU, Europäischer Zentralbank (EZB), dem Internationalen Währungsfonds (IWF) sowie dem Eurorettungsfonds ESM würden am Montag in Athen eintreffen, anschließend werde es unverzüglich Gespräche geben, sagte ein Sprecher der EU-Kommission. Anderen Angaben zufolge könnten die Verhandlungen aber auch erst am Dienstag beginnen.

Die Athener Börse bleibt Insidern zufolge auch am Montag geschlossen. Möglicherweise könne der Handel am Dienstag wieder aufgenommen werden, sagte ein Vertreter des Börsenbetreibers, der nicht genannt werden wollte. Der Handel an der Börse in Athen steht seit dem 29. Juni still, als die griechische Regierung die Banken geschlossen und Kapitalkontrollen in Kraft gesetzt hat, um eine Kapitalflucht und einen Zusammenbruch des griechischen Finanzsystems zu verhindern.

vks/wal/Reuters/AFP



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insgesamt 331 Beiträge
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Seite 1
retterdernation 26.07.2015
1. Ach wie schade ...
warum haben sie es nicht getan. Dann wären sie jetzt Helden. Und das nicht nur in Griechenland. Hätte, wenn und aber zählen aber in der Gegenwart nicht. Eine verpasste Chance, um in die Geschichtsbücher einzugehen! Halt eine Geschichte, nicht mehr.
Björn Borg 26.07.2015
2. Verschwörungstheorien
"Kathimerini" ist ein Anagramm zu "Krimi-Atheni".
demokroete 26.07.2015
3. Wenn es einen Grexit und die Wiedereinführung
der Drachme geben sollte, wird das natürlich nicht angekündigt. Das geht über Nacht an einem Wochende nach einer Periode scheinbarer Sicherheit. Sonst versuchen wirklich alle noch schnell ihr Geld in EUR abzuheben, und das Chaos wäre perfekt.
hassenichtjesehn 26.07.2015
4. Das wäre was
Ein Grexit durch einen Hackerangriff...
viceman260 26.07.2015
5. pasok und nea sollten
den ball mal schön flach halten. sie sind politisch für die griechischen schulden verantwortlich. spekulieren diese leute auf das schlechte gedächtnis der menschen? diese korrupties sollten mal schön still sein...
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