Immobilienkrise Warum so viele Griechen ihre Elternhäuser verlieren

In Griechenland verfallen die Immobilienpreise, gleichzeitig müssen immer mehr Menschen ihr Eigenheim aufgeben, das sie geerbt haben. Ein Beamter sagt: "Ich höre tragische Geschichten, jeden Tag."

Häuser auf Rhodos
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Häuser auf Rhodos

Von , Thessaloniki


Bezirksgericht Thessaloniki, neun Uhr morgens. Eine lange Schlange hat sich vor einem Büro gebildet. "Wer ist hier, um ein Erbe auszuschlagen?", fragt ein Mitarbeiter. Die Antwort: Ein kollektives "Wir".

Eine Frau in Schwarz ist sichtlich bewegt. Ihr Mann ist vor Kurzem gestorben. Neben einem "mit Tränen und Blut" bezahlten Haus habe er ihr auch Schulden hinterlassen. Hohe Schulden. Ungetilgte Kredite bei der Bank, unbeglichene Steuerforderungen, ungezahlte Sozialbeiträge. "Also können wir unser Haus nicht behalten", sagt die Witwe, "wir müssen es aufgeben." Ihr Sohn nimmt sie am Arm. "Komm, bringen wir es hinter uns. Es ist nicht das Ende der Welt."

Generationen von Griechen sind mit einer großen Hoffnung aufgewachsen: Hausbesitzer zu werden. Eltern erfüllte es mit Stolz, ihren Kindern ein Eigenheim zu vererben. Es gab ihnen das Gefühl, ihre Pflicht erfüllt zu haben und ihrem Nachwuchs eine sichere Grundlage für die unsichere Zukunft zu geben. Auch deshalb besitzen die allermeisten Griechen eine eigene Immobilie: 74 Prozent der Haushalte leben im Eigenheim.

Doch seitdem im Jahr 2009 die Krise das Land traf, ziehen jedes Jahr Zehntausende Griechen vor Gericht, um ihr einstmals so hochgeschätztes Erbe auszuschlagen. Sie lehnen Wohnungen ab, Ferienhäuser, die in Zeiten billiger Kredite erworben wurden oder das Stück Land in ihren Heimatdörfern, das seit Generationen in Familienbesitz war. In ganz Griechenland wurde 2016 mehr als 54.000-mal auf Erbschaften verzichtet. Dieses Jahr könnte sich diese Zahl Experten zufolge sogar verdreifachen.

Der Grund ist oft schmerzhaft simpel: Viele Griechen sterben hoch verschuldet, während ihre Häuser kaum noch etwas wert sind. Den jüngsten Daten zufolge schulden die Griechen ihrem Staat 97,3 Milliarden Euro. Fast vier der insgesamt elf Millionen Bürger haben Schulden beim Fiskus.

Zugleich sind die Immobilienpreise laut Daten der griechischen Zentralbank seit 2008 um mehr als 40 Prozent gesunken. In Athen und Thessaloniki, wo mehr als die Hälfte aller Griechen lebt, beträgt der Wertverfall sogar eher um die 50 Prozent. Im Athener Viertel Aigaleo wurde eine 66-Quadratmeter-Wohnung im April für 9000 Euro verkauft. Und die Rechtslage ist eindeutig: Wer erbt, erbt alles, auch die Schulden. Sich nur die Rosinen einer Erbschaft herauszupicken, ist nicht möglich.

In manchen Fällen, besonders wenn die überlebenden Verwandten zur wachsenden Gruppe der Armen und Arbeitslosen gehören, sind Erbschaft- und Immobiliensteuern untragbar hoch. Manche Griechen schlagen die Erbschaft ihrer Eltern aus, damit sie direkt auf ihre minderjährigen Kinder übergeht und sie nicht doppelt Erbschaftsteuer zahlen müssen.

Der Mann, der sich im Gericht durch ausgeschlagene Erbschaften arbeiten muss, sitzt in einem kleinen Raum hinter einem aufgeräumten Schreibtisch. Giannis Giannakos, Leiter der Erbschaftsabteilung, ist seit 22 Jahren im öffentlichen Dienst. Der 66-Jährige dachte, er hätte schon alles gesehen. "Wie Sie wissen, ist die Arbeit für den Staat in Griechenland ein ziemliches Erlebnis", sagt er mit einem ironischen Lächeln. Aber die Beschäftigung mit Familien, die auf ihren Besitz verzichten, kann selbst für einen erfahrenen Beamten belastend sein. "Ich höre tragische Geschichten, jeden Tag."

Wie viele Betroffene es gibt? Giannakos tippt in seine Tastatur. "Bislang haben dieses Jahr allein in Thessaloniki 5500 Menschen ihr Erbe ausgeschlagen." Das sind schon jetzt 60 Prozent mehr als 2013, dem jüngsten Jahr, aus dem Daten vorliegen. "Ich vermute, bis Ende des Jahres steigt die Zahl auf mehr als 7000", sagt Giannakos.

Eine Bewegung, die jährlich größer wird

Stratos Paradias ist das Problem wohlbekannt. "Wir haben in Griechenland eine Ich-will-nicht-erben-Bewegung, die jährlich größer wird", sagt der Chef des Verbands Pomida, der Immobilienbesitzer vertritt. "Junge Griechen sehen keine Zukunft in Immobilien. Sie sind nur eine Last, ein Stein um den Hals. Ich höre von vielen jungen Leuten: 'Mir egal, was meine Eltern für ein Haus geopfert haben. Ich kann es mir nicht leisten.'"

Die Folgen dieser persönlichen Tragödien sind auch für die Gemeinschaft enorm. Ohne Hausbesitzer verliert der Staat Geld: Er bekommt keine Immobiliensteuer, keine Erbschaftsteuer, keine kommunalen Steuern.

Wenn auch die Verwandten vierten Grades ein vererbtes Haus nicht annehmen wollten, wird es zu Eigentum des Staates. Doch was der damit macht, weiß niemand. Es gibt weder ein zentrales Verzeichnis noch eine zentrale Behörde, um die Immobilien Obdachlosen, Armen oder Flüchtlingen zuzuweisen. Und eine Versteigerung ist in einem kriselnden Häusermarkt nicht wirklich sinnvoll.

Im Erbschaftsbüro des Gerichts von Thessaloniki dringt Abteilungsleiter Giannakos darauf, das Interview zu beenden. Die Tür zu seinem Büro hat sich wieder geöffnet, ein neuer Fall ist zu bearbeiten. Höchstwahrscheinlich ein weiteres persönliches Drama, das auf einem offiziellen Formular erfasst wird.

Übersetzung aus dem Englischen: David Böcking



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
dananada 25.09.2017
1. mir kommen die Tränen,
... wenn ich lese, dass die Kindergeneration ein Erbe ausschlägt um es steuersparend den Enkeln zu überlassen. Leider fehlen dem Artikel aussagekräftige Zahlen und Zusammenhänge. Auch die nette Giannakos-Vignette reißt diesen substanzarmen Sozialkitsch nicht mehr raus.
CommonSense2006 25.09.2017
2. Warum?
Warum ist es nicht sinvoll, die Häuser in einem kriselndem Immobilienmarkt zu versteigern? Wenn der Sataat sie besitzt, aber nichts damit tut, dann verkommen sie einfach nur, wenn er sie versteigert, dann können auch ärmere Leute mti geringem Einkommen sich selbst in der Krise ein günstiges Eigenheim anschaffen. Hohe Immobilienpreise sind kein Selbstzweck, sondern bilden nur eine prosperierende Wirtschaft udn hohe Nachfrage ab. Die ist aber in Wirklichkeit nicht vorhanden, also macht es auch keinen Sinn, durch Nict-Verkaufen versuchen zu wollen, die Preise hoch zu halten.
keksguru 25.09.2017
3.
Zitat von dananada... wenn ich lese, dass die Kindergeneration ein Erbe ausschlägt um es steuersparend den Enkeln zu überlassen. Leider fehlen dem Artikel aussagekräftige Zahlen und Zusammenhänge. Auch die nette Giannakos-Vignette reißt diesen substanzarmen Sozialkitsch nicht mehr raus.
es geht nur zu vermeiden daß die Kindergeneration erbt und es dann der Enkelgeneration weitervererben möchte und dabei dann logischerweise zweimal gezahlt werden muß, wenn auch über eine Generation hinweg verteilt... bei uns in Deutschland gibts Sockelbeträger unterhalb deren man gar nichts bezahlt, aber die Steuerschuld hat nichts mit einer etwaigen Hypothek zu tun. Wär vermutlich aber sinnvoll das aneinander zu koppeln, denn ich finde daß auch der Staat sich nicht die Rosinen rauspicken darf. Sprich Erbschaftssteuer auf den Hauswert einstreichen, aber die Hypothek, die ggf. 100% des Hauswertes beträgt die reicht man gerne an die Erben weiter...
HerrPeterlein 25.09.2017
4. Die Griechen lassen die Häuser verfallen
Wenn du in Griechenland ein Haus kaufen willst, mach es am ersten Tag wenn es zum Verkauf steht, egal wie hoch der Preis ist. In Griechenland wird ab dem Zeitpunkt des Verkaufs wirklich gar nichts mehr an den Häusern gemacht, in den besten touristischen Lagen verfallen die. Bei Preisen die selbst jemand aus München erschrecken.
supergrobi123 25.09.2017
5. Schöne Definition!
Laut Text werden da also Häuser querfinanziert durch hinterzogene Steuern und nicht abgeführte Sozialabgaben (für die der deutsche Steuerzahler gern mal geradestehen muss) sowie nicht getilgte Bankkredite. Der Grieche nennt diese Finanzierungsform dann fantasievoll "bezahlt mit Blut und Tränen". Wessen Blut? Wessen Tränen? Nicht so wichtig. Aber wenn das Haus dann zur Schuldentilgung verwertet werden soll, wird das als Fiesität angesehen? Aha.
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