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Historisches Vorbild: Griechenland will Schulden auf deutsche Art loswerden

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Griechenland will einen Großteil seiner Schulden abschreiben - so wie es Deutschland 1953 mit einer Konferenz in London gelang. Doch wäre der historische Erfolg überhaupt wiederholbar?

Verhandlungsführer Abs (r.) in London: Alles getan, um zuverlässig zu erscheinen Zur Großansicht
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Verhandlungsführer Abs (r.) in London: Alles getan, um zuverlässig zu erscheinen

Berlin - Um einen historischen Exkurs sind griechische Politiker selten verlegen. Bislang ging es dabei oft zurück in die Antike, seit dem Regierungswechsel spricht man in Athen aber lieber von der jüngeren Vergangenheit - und damit von Deutschland.

Premierminister Alexis Tsipras und sein Linksbündnis Syriza fordern eine europäische Schuldenkonferenz. Als Vorbild nennen sie Verhandlungen in London, bei denen Deutschland nach dem Krieg ein Großteil seiner Verbindlichkeiten erlassen wurde. "Das kann auch in Südeuropa und Griechenland gelingen."

Was war das Ergebnis der damaligen Schuldenkonferenz?

Unter Führung des langjährigen Deutsche-Bank-Chefs Hermann Josef Abs verhandelte die junge Bundesrepublik mit 22 Ländern über Schulden von rund 30 Milliarden Mark. Diese stammten sowohl aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg als auch aus der Nachkriegszeit, etwa aus Hilfsprogrammen wie dem Marshallplan. Auch Griechenland gehörte zu den Verhandlungspartnern.

Nach zeitweise schwierigen Verhandlungen gelang eine Einigung: Die Vorkriegsschulden wurden günstiger bewertet, Zinsen wurden gesenkt und Zinseszinsen gestrichen. Bei den Nachkriegsschulden verzichteten die USA auf einen Großteil ihrer Forderungen. Am Ende wurden die deutschen Verbindlichkeiten mit 13,7 Milliarden Mark festgeschrieben. Deutschland gelang also eine Halbierung seiner Schulden - so wie es jetzt auch Syriza für Griechenland fordert.

Hat die Schuldenkonferenz Deutschland geholfen?

Auf jeden Fall. In den Fünfzigerjahren erlebte das Land einen beispiellosen Aufschwung. "Das Wirtschaftswunder ist ohne die Entlastung des Bundeshaushalts durch die Schuldenkonferenz schwer vorstellbar", sagt Albrecht Ritschl, Wirtschaftshistoriker an der London School of Economics.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte Deutschland dagegen durch den Versailler Vertrags harte Forderungen auferlegt bekommen, welche die Krise der Weimarer Republik verschärften und den Aufstieg von Adolf Hitler begünstigten. Die Milde der Alliierten in London war auch eine Reaktion auf diese Erfahrung.

Die junge Bundesrepublik profitierte davon, dass sie - im Gegensatz zum heutigen Griechenland - auf einer starken industriellen Basis aufbauen konnte. Gleichzeitig halfen der Wirtschaft aber auch Programme wie der Marshallplan. Und Deutschland musste nur Schulden zurückzahlen, solange es Exportüberschüsse erzielte. Eine ähnliche Regelung fordert nun auch Tsipras, der die Rückzahlung der Verbindlichkeiten an das Wirtschaftswachstum koppeln will.

Welche Parallelen gibt es zu Griechenland?

In London ging es um mehr als um Geld: Im aufziehenden Kalten Krieg hatten die Westmächte großes Interesse daran, ein wirtschaftlich starkes Deutschland als Partner zu gewinnen. Auch in Bonn erkannte man die politische Dimension der Verhandlungen: Auf Anweisung von Bundeskanzler Konrad Adenauer hatten nicht das Finanz- oder das Wirtschaftsministerium die Federführung, sondern das Auswärtige Amt.

Auch die griechische Regierung versucht, die Schuldenfrage mit Geopolitik zu verbinden. Regierungschef Tsipras verdeutlichte mit seinem angedrohten Veto gegen Russland-Sanktionen bereits, dass er in der Außenpolitik andere Wege gehen könnte. Der Tsipras-Berater Theodoros Paraskevopoulos erinnerte im Rundfunk Berlin-Brandenburg daran, dass sein Land zwischen Krisenherden wie der Ukraine und Libyen liege. "Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert, wenn ein geostrategisches Loch in diesem Gebiet entsteht", so Paraskevopoulos. "Ich glaube, das möchten auch unsere Partner nicht erleben."

Mittlerweile hat Tsipras seinen Ton zwar gemäßigt und beispielsweise erklärt, Griechenland wolle keine Kredite von Russland. Mit dem De-Facto-Rauswurf der Troika hat die Syriza-Regierung aber bereits nach wenigen Tagen deutlich gemacht, dass sie nicht länger nur mit Finanztechnokraten verhandeln will.

Was ist heute anders?

An erster Stelle die Verhandlungsgrundlage. "Vieles, was damals ausgehandelt wurde, gibt es heute schon", sagt die Historikerin Ursula Rombeck-Jaschinski, die mit einer Arbeit zur Londoner Schuldenkonferenz habilitiert wurde. Die 1953 in London ausgehandelte Streckung von Zinsen hat Griechenland längst erhalten, auch einen Schuldenschnitt bei privaten Gläubigern gab es 2012 bereits.

Giannis Varoufakis und Tsipras haben zudem für viel Verunsicherung gesorgt, indem sie die bisherigen Sparvereinbarungen allein durch die Neuwahl für erledigt erklärten. Bevor Deutschland 1951 überhaupt in Verhandlungen eintreten konnte, musste Kanzler Adenauer bestätigen, dass sein Land auch für Schulden des Deutschen Reiches hafte. "Deutschland hat alles getan, um zu zeigen, dass es ein zuverlässiger Schuldner ist", sagt Rombeck-Jaschinski. "Griechenlands frecher Ton ist völlig anders."

Die griechische Regierung hat auch angekündigt, einen Großteil der bisherigen Reformen zurückzudrehen. Die Adenauer-Regierung setzte dagegen einen marktwirtschaftlichen Kurs durch. "Es gab damals wütenden Widerstand der Arbeiterbewegung", sagt Ritschl. "Ich sitze gerade an den Akten und staune, wie sehr sie sich damals die Köpfe eingeschlagen haben."

Außerdem ging es in London um ein Deutschland, das noch nicht in eine Währungsunion eingebunden war. Heute säßen bei einer Schuldenkonferenz Länder wie Portugal und Irland am Tisch, die sich im Gegenzug für Hilfskredite selbst Sparauflagen unterworfen haben. Ihre Regierungschefs müssten zu Hause erklären, warum Griechenland als einziger Eurostaat eine Sonderbehandlung erhält.

Kann die Schuldenkonferenz Vorbild sein?

Eins zu eins wird sich eine Schuldenkonferenz nicht wiederholen lassen. Doch mindestens eine Lehre lässt sich aus der Geschichte ziehen: Ein einziges Land könnte eine Einigung herbeiführen.

Auch 1953 gab es viel Widerstand gegen den Schuldenerlass, unter anderem von den Niederlanden. Am Ende aber setzten sich die Amerikaner durch, die laut Rombeck-Jaschinski "den Schlüssel zur Gesamtregelung in der Hand hielten". Durch ihren eigenen Verzicht auf Nachkriegsschulden überzeugten sie andere Gläubiger, ebenfalls großzügig zu sein.

Die Rolle der USA müsste heute Deutschland übernehmen, darauf pocht auch Finanzminister Varoufakis. In einem Interview mit der "Zeit" forderte er einen "Merkel-Plan nach dem Vorbild des Marshall-Plans" und sagte, die Bundesrepublik müsse als das mächtigste Land Europas "Verantwortung übernehmen für andere".

Wirtschaftshistoriker Ritschl hält einen neuen Marshallplan für Griechenland ebenso wie einen Schuldenschnitt für überlegenswert. Entscheidend sei aber, welche Reformen mit einem "Merkel-Plan" verbunden würden. "Wenn da genug Ludwig Erhard drin ist, dann ja. Wenn nein, dann wird es nichts helfen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 123 Beiträge
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1. Es stellt sich..
Heigoto 04.02.2015
natürlich die Frage, wieviele Jahre man in der Geschichte zurückgehen kann und ob die Verhältnisse vergleichbar sind. Immerhin leben wir heute im 3. Jahrtausend. In diesem hat Griechenland auch den gewaltigen Schuldenberg aufgetürmt, den es nie mehr abtragen kann.
2. Griechenland
hubertrudnick1 04.02.2015
Jeden Tag wird eine neue Kuh durchs Dorf getrieben, man verwirrt den Lesern ständig mit scheinbaren Vorschlägen und mehr nicht.
3. "Die Rolle der USA müsste heute Deutschland übernehmen"
ulli7 04.02.2015
darauf pocht auch Finanzminister Varoufakis. "Bei den Nachkriegsschulden verzichteten die USA auf einen Großteil ihrer Forderungen." Alles klar, wir deutschen Steuerzahler wissen nun, wohin die Reise gehen soll !
4. Reformen + Schuldenerlass + Merkel Plan, das ist die Lösung!
MMM-MMD 04.02.2015
Toller Artikel, komplexes Thema. Griechenland braucht definitive Reformen. Die Kombination aus Merkel Plan, Schuldenerlass und Reformen ist die Lösung .... aber bei Leibe nicht einfach umzusetzten! Hoffentlich sind unserer Politiker (die der Euro Staaten) gut genug!
5. Kein Problem
pevoraal 04.02.2015
vorher sollte Griechenland seine Verwaltung auf ein vernuenftiges Niveau bringen und die Oligarchen entmachten. Die Griechen muessen verstehen das Steuern zahlen ein laestiges aber notwendiges Uebel ist. Es muesste ferner geprueft werden ob es moeglich waere Steuern rueckwirkend einzufordern. Es sollte ferner geprueft werden in wieweit korrupte Politiker angeklagt werden koennen. Das waere auch mal fuer Deutschland denkbar.
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