Varoufakis-Freund Galbraith "Niemand arbeitet so hart wie Gianis"

Der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis galt mal als genialer Stratege, doch seine Regierung wirkt in der Eurokrise völlig unbeholfen. Im Interview verteidigt der amerikanische Ökonom James Galbraith seinen Ex-Kollegen.

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Griechischer Finanzminister Varoufakis: "Keine Spielchen"
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Griechischer Finanzminister Varoufakis: "Keine Spielchen"


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    Der Ökonom James K. Galbraith lehrt an der University of Texas in Austin. 2013 holte er den Spieltheoretiker Gianis Varoufakis als Gastprofessor an sein Institut. Die beiden Akademiker sind befreundet und haben unter anderem an der neuesten Version von Varoufakis' Buch "Bescheidener Vorschlag zur Lösung der Eurokrise" zusammengearbeitet. Nachdem Varoufakis im Januar 2015 griechischer Finanzminister wurde, berät Galbraith ihn, etwa bei Verhandlungen mit den Euro-Partnern in Brüssel.
SPIEGEL ONLINE: Herr Galbraith, Sie sagen über ihren Freund Gianis Varoufakis, er sei anderen immer einige Schritte voraus. Seit knapp drei Monaten ist er nun Finanzminister von Griechenland, das Land rutscht immer näher in Richtung Pleite. Was ist seine Strategie?

Galbraith: Die Regierung muss ständig Geld zusammenkratzen, um kurzfristig fällige Kredite zu bedienen. Gleichzeitig tut sie alles, um die schwierigen Verhandlungen über das Reformprogramm abzuschließen. Wenn Sie in dieser Situation eine bessere Strategie als die gegenwärtige haben, bin ich gespannt, sie zu hören.

SPIEGEL ONLINE: Die griechische Seite reizt ihre Geldgeber mit ständigen Kurswechseln. Erst droht sie damit, einen Kredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) nicht pünktlich zu bedienen, dann zahlt sie doch.

Galbraith: Ich versichere Ihnen, dass sie keine Spielchen spielen. Aber man kann nur zahlen, wenn man das Geld hat. Vor der letzten IWF-Rückzahlung sah es aus, als ob sie entweder den Währungsfonds oder Gehälter und Pensionen zahlen konnten - und da hatten sie eine klare Priorität.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch wirken Herr Varoufakis und seine Kollegen aktuell nicht wie große Strategen. Eher wie Amateure.

Galbraith: Sie scheinen zu glauben, dass die Regierung eine große Strategie verfolgt. Dabei reagiert sie nur auf unsichere Situationen und versucht das zu tun, was gerade notwendig ist. Die Griechen sind darauf angewiesen, dass die Geldgeber, gerade die Europäische Zentralbank, mehr Flexibilität zeigen. Der Regierung ist seit ihrem Amtsantritt nie Luft zum Atmen gelassen worden. Für große Strategien bleibt gerade gar keine Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Herr Varoufakis scheint die Zeit zu haben. Er hat seit seinem Amtsantritt Dutzende Interviews gegeben, lässt sein Haus fotografieren, sitzt auf Podien. In seinem Ministerium wird er angeblich eher selten gesehen.

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Galbraith: Niemand hat je so hart gearbeitet wie Gianis in dieser Krise. Als ich mit ihm in Athen und in Brüssel zusammengearbeitet habe, haben wir oft um zwei Uhr nachts den ersten Happen zu essen bekommen. Dann haben wir bis fünf Uhr an den Verhandlungsdokumenten weitergearbeitet. Die Gerüchte, dass er wenig arbeitet, sind Teil der öffentlichen Hinrichtung seines Charakters.

SPIEGEL ONLINE: Die Syriza-Regierung hat versprochen, die "humanitäre Krise" in Griechenland zu lösen. Einige ihrer ersten Gesetze weisen aber in eine ganz andere Richtung. Da erhalten griechische Millionäre die Chance, ihre lange überfälligen Steuerschulden in Raten zu zahlen - ohne Strafgebühren.

Galbraith: Der Zweck des Gesetzes ist es, schnell das dringend benötigte Geld in die Staatskasse zu bringen. Hätten die europäischen Partner ein strikteres Gesetz gewollt, hätten sie den Druck vom griechischen Finanzminister nehmen können, ständig Geld auftreiben zu müssen. Haben sie aber nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die Institutionen (EU-Kommission, Europäische Zentralbank, Internationaler Währungsfonds) müssen erst ein Reformprogramm aushandeln, damit Geld fließen kann. So ist die Abmachung. Ihr hat auch die Syriza-Regierung zugestimmt.

Galbraith: Ja, aber wissen Sie, was die Institutionen eigentlich wollen? Bei jedem Reformvorschlag heißt es: Sie mögen dieses nicht, sie mögen jenes nicht. Auf der griechischen Seite sitzen vielleicht zehn Leute und arbeiten an der Liste. Es ginge wesentlich schneller, wenn sie wüssten, was die Institutionen verlangen und das Punkt für Punkt abhaken könnten.

SPIEGEL ONLINE: Syriza ist doch genau dagegen in den Kampf gezogen, dass die Institutionen - damals Troika - vorschreiben, wie das Land reformiert werden soll.

Galbraith: Ich halte das für vorgeschoben. Die Institutionen sind sich untereinander gar nicht einig. Ich glaube, dass die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sehr gerne eine Lösung der Krise hätte. Ich weiß aber nicht, ob die EZB das auch möchte oder ob sie die Regierung so lange einzwängen wollen, bis sie kapituliert.

SPIEGEL ONLINE: Die Euro-Finanzminister besprechen am Freitag in Riga, wie es mit dem griechischen Hilfsprogramm weitergeht. Wie sähe ein fairer Deal aus?

Galbraith: Die Institutionen müssen aufhören, auf den Teilen des Programms zu beharren, die offensichtlich nicht funktioniert haben, wie zum Beispiel die Notverkäufe staatlichen Eigentums. Gleichzeitig gibt es viele Gemeinsamkeiten, zum Beispiel bei der Eintreibung von Steuern oder der Verwaltungsreform. Darauf ein neues Programm aufzubauen, ist wirklich nicht zu viel verlangt.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 141 Beiträge
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Seite 1
eunegin 24.04.2015
1. hart und lange arbeiten - und das Ergebnis?
das ist wie bei mir im Betrieb: diejenigen, die am längsten sitzen und wortgewaltig am hyperaktivsten auf allen Hochzeiten tanzen (wollen), haben in der Regel nicht das beste Ergebnis. Manchmal gar keins. Hier wird jedenfalls einmal mehr versucht, Griechenland in die alleinige Opferrolle zu bringen.
Kurt2.1 24.04.2015
2. .
Zeit genug, ein Buch zu schreiben, hat er offensichtlich. Es wäre zu begrüßen, wenn die amerikanischen Berater des s.g. Finanzministers sich aus der Diskussion raushalten würden. Die EU-Partner der Griechen bekommen von ihnen Sprechverbot wegen Einmischung und der Amerikaner plaudert kräftig drauf los. Lässt das überhaupt die griechische Ehre zu, um die man dort so besorgt ist?
Lion 24.04.2015
3. Ende der Schlammschlacht gegen Griechenland
Dank für das Interview!Die seit Monaten andauernde Schlammschlacht gegen die griechische Regierung ist offensichtlich und nervend. Es wird Zeit, sich über konstruktive Lösungen ernsthaft Gedanken zu machen. Die Austeritätspolitik genießt kein Vertrauen mehr - weder in Süd- noch in Nordeuropa! Nur noch ein paar Stammtischbrüder glauben noch den PR-Beichten über faule Griechen und deren inkompetente faule Regierung! Europa, der IWF, die EZB und die deutsche Regierung machen sich unglaubwürdig und lächerlich! Der Schuldenschnitt muss her, sonst verdient es Europa nicht, politische oder ökonomisch weiterzubestehen.
n - n 24.04.2015
4. Es gibt ...
... eine schöne Ehrenrettung für Herrn Varoufakis. https://www.youtube.com/watch?v=IZ0WwozcFYY Viele scheinen ihn völlig zu verkennen !
ritterrippo 24.04.2015
5. Das Varoufakis
als ein rotes Tuch dargestellt wird, ist das Fatale. Die Dummheit erweist sich durch die Unsachlichkeit der Troika. Griechenland kann vorschlagen, was es will. Es wird immer als zu vage, zu unpräzise und zu wenig zurückgewiesen werden. Beharrlich wird an dem gescheiterten Programm festgehalten. Mir tun die Griechen und Varoufakis leid. Er hat Sachkenntnis und ist unbelastet. Schäuble ist arrogant und ist eine komplette Fehlbesetzung. Er kann es schon von seiner Bildung und seinem Charakter nicht. Jurist und Learning bei Doing? Reicht das? Verbohrt, wie er ist, spricht er nur mit einem Krawattenträger. Des Kaisers Kleider grüßen.
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