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Kampf gegen Korruption: "Griechische Beamte sind inkompetent"

Ein Interview von

Demo gegen Sparpolitik und Korruption in Athen (Archiv): "Wichtige Posten stärker nach Kompetenz besetzen" Zur Großansicht
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Demo gegen Sparpolitik und Korruption in Athen (Archiv): "Wichtige Posten stärker nach Kompetenz besetzen"

Griechenland und Korruption, das gehört seit Jahrhunderten zusammen: Längst hat sich dieses Klischee verfestigt. Ein Mann, der vor Ort gegen Bestechung kämpft, widerspricht und erläutert, wo das Problem seinen Anfang nahm.

Griechenland leidet unter Korruption und Vetternwirtschaft - das ist in den Jahren der Krise überdeutlich geworden. Frühere Regierungen gingen das Problem bestenfalls halbherzig an. So hielten sie die sogenannte Lagarde-Liste mit Steuersünderdaten lange Zeit unter Verschluss, Ex-Finanzminister Giorgos Papakonstantinou soll sogar die Namen von Verwandten von dem brisanten Dokument gestrichen haben.

Die neue Regierung von Alexis Tsipras hat einen Mentalitätswandel versprochen. Sie sagte nicht nur mächtigen Medienoligarchen den Kampf an, sondern schlug auch vor, normale Bürger künftig als Steuerfahnder einzusetzen. Kann das gelingen? Ein Gespräch mit Kostas Bakouris von der Antikorruptionsorganisation Transparency International.

Zur Person
  • Transparency International
    Kostas Bakouris ist Vorsitzender der Antikorruptionsorganisation Transparency International in Griechenland und leitet den Aufsichtsrat des Röhrenherstellers Corinth Pipeworks. Zuvor arbeitete er unter anderem beim Chemiekonzern Union Carbide und im Organisationskomittee für die Olympischen Spiele 2004.
SPIEGEL ONLINE: Herr Bakouris, Sie sind seit neun Jahren Vorsitzender von Transparency International in Griechenland. Wie reagieren Ihre Mitbürger auf diese Berufsangabe?

Bakouris: Sie sagen mir: Bakouris, du verschwendest deine Zeit! Die Leute glauben, die Korruption sei in unserer Kultur verwurzelt und ließe sich nicht bekämpfen. Aber das ist Quatsch.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Bakouris: Korruption gab es seit den Anfängen des griechischen Staates, aber sie unterschied sich nicht groß von anderen Ländern. Das heutige Ausmaß bekam sie erst Anfang der Achtzigerjahre, als der Sozialist Andreas Papandreou Premierminister wurde. Er brachte reihenweise Parteianhänger im öffentlichen Dienst unter, die für diese Jobs eigentlich nicht qualifiziert waren. Damals ging die Idee einer Leistungsgesellschaft den Bach runter, und wir haben unsere Werte verloren.

SPIEGEL ONLINE: Nun hat der neue Premierminister Alexis Tsipras Korruption und Steuerhinterziehung den Kampf angesagt. Er will normale Bürger zu Undercover-Steuerfahndern machen. Was halten Sie davon?

Bakouris: Ich weiß nicht, wie das funktionieren soll, und sehe es mit gemischten Gefühlen. Richtig ist aber, dass wir in der Gesellschaft die Toleranz für solche Vergehen verringern müssen. Die vorherige Regierung hatte die Bürger verpflichtet, selbst Quittungen für ihre Steuererklärung zu sammeln und somit den Druck auf Ladenbesitzer zu erhöhen. Das war ein guter Ansatz, doch es fehlten Anreize wie etwa ein Steuerrabatt.

SPIEGEL ONLINE: Die neue Regierung will auch die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung vorantreiben.

Bakouris: Das fordern wir ebenfalls. Denn je weniger direkte Kontakte es zwischen Bürgern und Beamten gibt, umso geringer ist die Gefahr, dass Schmiergelder fließen. Ich bezweifle jedoch, dass wir bereits genügend qualifiziertes Personal für die Digitalisierung haben.

SPIEGEL ONLINE: Aus deutscher Sicht erscheint das wie eine ziemlich simple Aufgabe - und die griechischen Beamten als reichlich inkompetent.

Bakouris: Das sind sie ja auch. Was wollen Sie erwarten, wenn die Leute ihre Jobs aus politischen Gründen und oftmals ohne jede Ausbildung bekommen haben?

SPIEGEL ONLINE: Und nun? Für Neueinstellungen hat die griechische Regierung kein Geld.

Bakouris: Nein. Aber sie kann wichtige Posten stärker nach Kompetenz besetzen.

SPIEGEL ONLINE: Als Grund für die tief verwurzelte Vetternwirtschaft in Griechenland gelten aber auch die fast 400 Jahre als Teil des Osmanischen Reiches.

Bakouris: Tatsächlich hatte diese Zeit ihren Einfluss. Das Verpfeifen von Mitbürgern ist in Griechenland besonders unbeliebt - denn von den Osmanen wurde der Verpfiffene im Zweifel geköpft. Aber das ist keine Erklärung für den Klientelismus, den wir heute haben.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit der Tatsache, dass selbst aufgedeckte Korruption oft straffrei blieb?

Bakouris: Das spielt eine große Rolle. Viele Leute wurden korrupt, weil die Gesetze nicht immer angewendet wurden, die Mitbürger wegschauten und die Gerichte im Zweifel Jahre brauchten, um doch jemanden ins Gefängnis zu bringen. Aber ich denke, das ändert sich jetzt.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Bakouris: Jeden Tag werden mehr Bürger wegen Steuerhinterziehung oder anderer Vergehen angeklagt. Die Leute merken, dass sich etwas ändert. Aber die Justiz arbeitet noch zu langsam.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt andere Länder, die Korruption erfolgreich bekämpft haben - etwa Georgien. Was kann Griechenland von ihnen lernen?

Bakouris: Kurzfristig müssen die Bürger spüren, dass die Gesetze ohne Ausnahmen durchgesetzt werden und ihre Entscheidungen Konsequenzen haben. Langfristig müssen wir der nächsten Generation wieder jene Werte vermitteln, die Anfang der Achtziger verloren gingen.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie irgendwelche Anzeichen für einen Mentalitätswandel?

Bakouris: Jedenfalls erkennen viele Leute, dass unser Verhalten in der Vergangenheit uns geschadet hat. Und unsere Umfragen zeigen, dass sich 2013 knapp 30 Prozent der Griechen geweigert haben, geforderte Schmiergelder im öffentlichen Sektor zu zahlen - zwei Jahre zuvor waren es noch 25 Prozent. Im Privatsektor stieg diese Zahl sogar von knapp 22 auf 33 Prozent.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, die Zahl der Griechen, welche die Zahlung von Schmiergeld verweigerten, sei von jedem Sechsten auf jeden Fünften gestiegen. Nachdem Transparency seine Angaben nachträglich präzisiert hatte, wurden die Werte geändert und nach öffentlichem und privatem Sektor unterschieden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 152 Beiträge
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1. Wisssen wir doch ...
CO2ausatmer 11.03.2015
Wenn sie es nicht wären, wäre Griechenland nicht pleite.
2. das allerdings
Bondurant 11.03.2015
SPIEGEL ONLINE: Aus deutscher Sicht erscheint das wie eine ziemlich simple Aufgabe - und die griechischen Beamten als reichlich inkompetent. Bakouris: Das sind sie ja auch. Was wollen Sie erwarten, wenn die Leute ihre Jobs aus politischen Gründen und oftmals ohne jede Ausbildung bekommen haben? sieht ja dann ziemlich trübe aus.
3.
Das Pferd 11.03.2015
ok, das ist der Satz des Tages: "Und unsere Umfragen zeigen, dass sich mittlerweile jeder fünfte Grieche weigert, Schmiergeld zu zahlen - vor wenigen Jahren war es nicht mal jeder Sechste."
4. Kommt die Katharsis erst mit dem Staatsbankrott?
Wassup 11.03.2015
In der Theorie mag man wissen, das es Steuerzahler braucht um einen Staat zu finanzieren. Mit der Regierungsübernahme der rechts-links Regierung sank jedoch die Steuermoral in der Erwartung weiterer Hilfsgelder aus der Euro. Muss ein Staatsbankrott wirklich erst gefühlt und erlebt werden, bevor ein Lerneffekt eintritt?
5. Danke für den Hinweis auf die sozialistischen Wurzeln
analyse 11.03.2015
der Korruption : u.a. Einstellung unfähiger Beamter mit passendem Parteibuch, wenn das noch zu einer jahrhundertealten Korruptionskultur hinzukommt.. ! Und nun noch eine ultralinke Regierung,da ist das Chaos vorprogrammiert ! Das hat das griechische Volk nicht verdient !(Das Linke gewählt werden,liegt immer an den verlockenden Versprechungen v o r Wahlen !)
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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