Ende der Hilfsprogramme Unsere Lehren aus der Griechenlandkrise

Nach acht dramatischen Jahren laufen nächste Woche die Hilfsprogramme für Griechenland aus. Haben sie gewirkt? Und ist die Krise jetzt vorbei? Der SPIEGEL hat verantwortliche Politiker und normale Bürger gefragt.

DPA(3);NurPhoto via Getty Images;Kyriakos Athanasiadis;Rainer Langer;Alexandros Avramidis

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Früher oder später wird Griechenlands Misere ein Fall für die Geschichtsbücher sein - die Frage ist nur, wann genau. Geht es nach griechischer Regierung und EU-Kommission, dann ist es schon kommende Woche so weit: Am 20. August endet offiziell das dritte Kreditprogramm, ein viertes soll es nicht geben. In Athen und Brüssel hat man die Krise für beendet erklärt.

Der Wunsch nach einem Schlussstrich ist verständlich. Mehr als acht Jahre ist es nun her, dass der damalige Premierminister Georgios Papandreou auf der Insel Kastellorizo vor die Fernsehkameras trat und einen Antrag auf internationale Finanzhilfen ankündigte. Die bekam das Land, die Kredite haben inzwischen ein Volumen von knapp 274 Milliarden Euro erreicht.

Doch der Preis war hoch. Griechenland musste umfassenden Reformen und harten Einsparungen zustimmen. Der Widerstand dagegen fegte mehrere Regierungen hinweg und brachte das Linksbündnis Syriza an die Macht - eine neue politische Kraft, die mit Alexis Tsipras auch den regierenden Ministerpräsidenten stellt. Tsipras versuchte 2015 den Befreiungsschlag und setzte überraschend eine Abstimmung über die verhasste Sparpolitik an.

Das Nein der Bevölkerung wurde am Ende ignoriert. Der rebellische Finanzminister Yanis Varoufakis trat ab, Tsipras stimmte einem dritten Kreditprogramm zu. Zuvor hatte der damalige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble dem Land mit dem Euro-Aus gedroht, auf das die Griechen in langen Schlangen vor den Geldautomaten bereits einen Vorgeschmack bekamen. Für den europäischen Zusammenhalt waren es keine guten Zeiten.

Nun also soll das bislang dramatischste Kapitel der noch jungen Euro-Geschichte beendet werden. Glauben Verantwortliche von früher und heute, dass dies gelingt? Welche Lehren ziehen sie aus der Krise? Und was denken griechische Bürger, die den wirtschaftlichen Absturz oft am eigenen Leib erlebten? Der SPIEGEL hat dazu in den vergangenen Wochen zahlreiche Beteiligte und Betroffene der Krise befragt (Klicken Sie sich durch die Bilderstrecke, um die einzelnen Interviews zu lesen).

"Verdammt zu 60 Jahren Entwürdigung"

Yanis Varoufakis war von Januar bis Juli 2015 griechischer Finanzminister. In dieser Zeit versuchte er vergeblich, eine Neuverhandlung der Sparprogramme und einen Schuldenschnitt zu erreichen. Heute arbeitet Varoufakis als Wirtschaftsprofessor an der Universität von Athen und vertritt die von ihm mitgegründete Demokratiebewegung DiEM25.

Was war die Ursache der Krise in Griechenland?

Es lag an der schwachen Architektur der Eurozone. Sie hat in der ersten Phase zu einem Kredit-Tsunami törichter Banken aus Deutschland und Frankreich geführt. Er bewegte sich in Richtung der Peripherie und des schwachen griechischen Staates, der Kredite auf Rechnung einer korrupten Oligarchie erhielt. Als in der zweiten Phase die Blasen platzten, beging die Eurozone in Ermangelung von Insolvenzverfahren für Mitgliedsstaaten das größte Verbrechen gegen die Vernunft: Sie verdeckte den Bankrott des griechischen Staates, indem sie den größten Kredit der Geschichte vergab. Unter den Bedingungen einer zerstörerischen Sparpolitik, die 28 Prozent der Einkommen auslöschte und so sicherstellte, dass alte wie neue Kredite nie zurückgezahlt werden. Und die Griechen zu einer humanitären Krise verdammt, die schrittweise zur Versteppung des Landes führt, durch einen endlosen Migrationsstrom von jungen Leuten und Unternehmen.

Hat die Politik richtig auf die Krise reagiert?

Sie hat genau falsch reagiert. Genauer gesagt: Die Mischung aus Torheit, Zynismus und Despotismus, die Griechenland von der Troika und der lokalen Oligarchie aufgezwungen wurde, wird als ungeheuerliches Negativbeispiel in die Geschichte eingehen. Nicht nur, weil die Griechen zu 60 Jahren Entwürdigung in einer Schuldenkolonie verdammt wurden. Sondern auch - und das ist wichtig, weil die zerstörerische Politik aus Griechenland in abgeschwächter Form in den Rest der Eurozone exportiert wurde. So stärken sie die nationalistische Internationale, die jetzt die EU zerreißt.

Ist die Krise jetzt vorbei?

Wer diese Frage ernsthaft stellt, zeigt eine komplette Unkenntnis der Realität.

Was haben Sie persönlich aus der Krise gelernt?

Dass die europäische Führungsschicht keine Lehren aus der Zeit zwischen den Weltkriegen gezogen hat. Deshalb versteht sie nicht, dass es letztlich die eigenen Interessen untergräbt, wenn man mitten in einer Krise rezessionäre Politik verhängt.

"In der Pubertät einem Klub von Erwachsenen beigetreten"

Zoe-Charis Belenioti ist Doktorandin an der Aristoteles-Universität in Thessaloniki, Absolventin der Medienwissenschaft und eines MBA-Studiengangs. Sie arbeitete unter anderem für das Filmfestival Thessaloniki, das Europäische Patentamt und die Europäische Kommission.

Was war die Ursache der Krise in Griechenland?

Wie in jeder Beziehung sind nicht immer die anderen Schuld - in unserem Fall die ""bösen Deutschen"" oder das ""böse Europa"". Seitdem Griechenland 1830 unabhängig wurde, war es immer in Vetternwirtschaft und Gleichgültigkeit verstrickt. Die Griechen hatten eine unsichere Identität, eine Kultur der Opferrolle und Minderwertigkeit. Wir haben nie wirklich ein europäisches Bewusstsein entwickelt und Europa als Quelle für persönlichen Reichtum gesehen, anstatt seine Fonds für die Entwicklung zu nutzen. Politiker haben Veränderungen widerstanden, die Bürokratie wurde durch Parteienvertreter aufgebläht, die Privatwirtschaft hing von staatlichem Geld ab. Mit der Eurozone sind wir einem Klub von Erwachsenen beigetreten, während wir noch in unserer politischen und ökonomischen Pubertät steckten.

Hat die Politik richtig auf die Krise reagiert?

Die Reaktion der griechischen Politik hat mich enttäuscht, aber nicht überrascht. Die Folgen der Kreditprogramme wurden durch Politiker verschlimmert, die nie konsequent oder entschlossen wirkten und unsere Glaubwürdigkeit geschwächt haben. Das gilt besonders für die Anfangszeit unserer heutigen Regierung und ihre revolutionäre Rhetorik. Trotzdem hat diese Regierung endlich sehr notwendige Reformen umgesetzt, die sie vorher abgelehnt hatte.

Ist die Krise jetzt vorbei?

Natürlich nicht. Es ist traurig, dass wir immer noch in der Schwebe sind, während die anderen Krisenländer es geschafft haben voranzukommen. Das ist vor allem eine Wertekrise. Wir brauchen einen radikalen Kulturwandel, um weniger individualistisch und veränderungsresistent zu werden. Wir müssen die Wahrheit akzeptieren, aus unseren Fehlern lernen, realistisch und beharrlich sein. Es wird dauern, unsere Probleme effektiv anzugehen - von Bürokratie und Vetternwirtschaft bis zu einem zutiefst problematischen Staat. Vielleicht schaffen meine Kinder oder Enkel den Wandel, den wir brauchen.

Was haben Sie persönlich aus der Krise gelernt?

Ich habe all die Bildungschancen zu schätzen gelernt, die meine Eltern mir geboten haben. Währen der Boom-Jahre hielt ich alles für selbstverständlich: Die Privatschulen, die Fremdsprachen, Museums- und Theaterbesuche, Reisen. Nachdem die Blase platzte, wurde mir klar, was ich für ein Glück hatte. Wie recht mein Vater hatte, als er auf darauf pochte, dass Wissen Macht sei. Oder meine Mutter, als sie mich drängte, eine gute Ausbildung zu machen. Und wie entscheidend es für die Entwicklung eines Landes ist, dass Leistung zählt.

"Wirklich gerettet wurden vor allem Banken"

Peter Gauweiler war bayerischer Umweltminister und bis 2015 Bundestagsabgeordneter sowie stellvertretender CSU-Vorsitzender. Nach einem Streit über weitere Finanzhilfen für Griechenland mit Horst Seehofer legte er alle Ämter nieder. Im Kampf gegen die Eurorettungspolitik zog der Anwalt bis heute mehrfach vor das Bundesverfassungsgericht.

Was war die Ursache der Krise in Griechenland?

Griechenland hätte 2001 nicht in die Eurozone aufgenommen werden dürfen. Das Land hat zu keinem Zeitpunkt die im Maastricht-Vertrag als Voraussetzung festgelegten Kriterien zu Defizit und Schuldenstand erfüllt. Später stellte sich heraus, dass die Investmentbank Goldman Sachs die Zahlen im Auftrag des griechischen Finanzministeriums mithilfe von Devisengeschäften gedrückt hatte. Das war die böse Tat am Anfang! Wie wenn ein Haus abbrennt und man anschließend feststellt, dass zuvor alle Brandschutzvorgaben gezielt außer Kraft gesetzt wurden.

Hat die Politik richtig auf die Krise reagiert?

Richtig oder falsch - das weiß man eigentlich erst 50 Jahre später. Was man heute sicher weiß: Das als Geschäftsgrundlage der Währungsunion vereinbarte Bailout-Verbot, wonach EU-Länder nicht für die Schulden anderer Mitglieder haften dürfen, wurde außer Kraft gesetzt. Wirklich gerettet, also von ihrem Risiko befreit, wurden vor allem Banken, die sich mit griechischen Staatsanleihen übernommen hatten.

Ist die Krise jetzt vorbei?

Befürworter sind der Meinung, die Kredite dienten der europäischen Verständigung. Ich glaube, sie erhöhen eher die Gefahr neuer Konflikte. Über Griechenlands Haushalt entscheidet in Zukunft nicht das Parlament, sondern eine Art supranationaler Aufsichtsrat. Die Krise ist aber erst vorbei, wenn Griechenland wieder selbstständig wirtschaften kann, was im Eurosystem bisher nicht möglich war. Wäre Griechenland mein Mandant, würde ich mich auf die Fortsetzung dieser Achterbahnfahrt nicht einlassen. Denn der Reiz einer Insolvenz, die Befreiung von nicht tragbaren Schulden, wurde bewusst vermieden. Jetzt kann in jeder Krise ein halb Verrückter daherkommen und aus dem Konflikt eine neue Sprengmasse gegen uns alle formen.

Was haben Sie persönlich aus der Krise gelernt?

Bundestagsabgeordnete entscheiden, ob das Parlament 40.000 Euro für die deutsche Bibliothek in Kopenhagen gewährt. Aber ob Deutschland als größter Anteilseigner der Europäischen Zentralbank ein Programm von monatlich über 60 Milliarden Euro absichern muss - darüber entscheidet der Bundestag trotz seiner vom Grundgesetz vorgegebenen Haushaltsverantwortung nicht. Unsere Volksvertretung hat sich so selbst entmachtet. Es ist ein bisschen wie bei den Nato-Kriegen unter Beteiligung der Bundeswehr. Da wurden ""für unsere Werte"" ja auch alle Grundsätze der alten Bundesrepublik über den Haufen geworfen.

"Aus demokratischer Sicht war das skandalös"

Pierre Moscovici ist seit 2014 Wirtschafts- und Währungskommissar der EU. Zuvor war er französischer Finanzminister und als solcher an zahlreichen Sitzungen der Euro-Gruppe zu Griechenland beteiligt. Im Streit zwischen deutscher und griechischer Regierung über die Sparpolitik nahm Frankreich oft eine Vermittlerrolle ein.

Was war die Ursache der Krise in Griechenland?

Die vermeintliche Haushaltskrise war in Wirklichkeit eine umfassende Krise des griechischen Staates und der Wirtschaft. Um ihren vollen Umfang zu erkennen, haben wir Jahre gebraucht. Die Wirtschaft war schwach, das Steueraufkommen niedrig und die Verwaltung reformbedürftig. Nicht der Sparkurs hat zur Krise geführt. Die Krise war bereits da, als das Hilfsprogramm 2010 einsetzte. Tief greifende Reformen waren unausweichlich.

Hat die Politik richtig auf die Krise reagiert?

Es war richtig, Griechenland zu retten. Ohne Hilfe wäre das Land kollabiert, mit schlimmen Folgen für seine Bevölkerung und andere Mitgliedstaaten. Am Anfang haben wir das Ausmaß unterschätzt. Außerdem fehlten uns zunächst die Instrumente und die Erfahrung. Das erste Programm (2010-2012) war zu kurzfristig angelegt und einseitig auf die öffentlichen Finanzen ausgerichtet. Die strukturellen Probleme des Landes wurden erst im dritten Hilfsprogramm durchgreifend angegangen.

Ist die Krise jetzt vorbei?

Griechenland kann aufatmen. Die Märkte vertrauen dem Land wieder. Das griechische Budget weist einen soliden Überschuss auf, und die Schulden gehen zurück. Griechenland hat in den letzten drei Jahren rund 450 verschiedene Reformen auf den Weg gebracht. Mehr als jeder andere EU-Mitgliedstaat. Es gibt wieder Wachstum, die Arbeitslosigkeit sinkt - obwohl sie immer noch zu hoch ist. Es gibt aber noch viel zu tun. Die Regierung muss weiter konsequent Schulden abbauen und den Reformweg fortsetzen.

Was haben Sie persönlich aus der Krise gelernt?

Die Griechen haben unter der Krise schwer gelitten. Beschäftigung brach ein, Pensionen wurden gekürzt, und viele junge Leute sind ausgewandert. Einsparungen waren notwendig - aber auch, ihre Folgen zu mildern. Mir selbst war nicht wohl dabei, wenn wir in der Euro-Gruppe hinter verschlossenen Türen über das Schicksal von Millionen Griechen entschieden haben. Persönlich denke ich: Aus demokratischer Sicht war das skandalös. Ich ziehe daraus die Lehre, dass die Euro-Gruppe transparenter und stärker parlamentarisch kontrolliert werden muss.

"Wir sind der Abwärtsspirale entkommen"

Efi Achtsioglou ist seit 2016 griechische Arbeitsministerin. Als solche ist die promovierte Arbeitsrechtlerin verantwortlich für zwei Gesetzesänderungen, mit denen Premierminister Alexis Tsipras im Herbst ein neues Kapitel für das Land einläuten will: die Erhöhung des Mindestlohns und die Wiederzulassung kollektiver Tarifverhandlungen, die in der Krise verboten wurden.

Was war die Ursache der Krise in Griechenland?

Wie anderswo entstand auch Griechenlands Krise durch überhöhte Schulden von Staat und Privatwirtschaft. Aber zusätzlich litt unser Wirtschaftsmodell unter strukturellen Krankheiten: Das Wachstum hing zu sehr an Dienstleistungen und großen Bauprojekten. Der Staat war ineffektiv und von Vetternwirtschaft geprägt. Ein ungerechtes Steuersystem belastete Lohnarbeit und erlaubte zugleich großen Teilen der Bevölkerung, Steuern zu vermeiden. Nimmt man dazu noch das dekadente politische System und die umfassende Korruption, dann zeigt sich klarer, wie die griechische Krise entstand und warum sie einzigartig ist.

Hat die Politik richtig auf die Krise reagiert?

Die sogenannten Therapien waren weitgehend falsch. Sowohl zu Beginn des ""Rettungsprogramms"", dessen Hauptziel es war, dass internationale Großbanken ihre Schulden auf den Staat abwälzen, als auch in der Umsetzung der üblichen IWF-Rezepte von interner Abwertung. Die Folgen waren tragisch. Die Schulden schossen auf 300 Milliarden Euro, die griechische Wirtschaft schrumpfte um ein Viertel. Die Arbeitslosigkeit kletterte auf 28 Prozent, sogar 60 Prozent bei den Jungen. Als Syriza an die Macht kam, gab es einen deutlichen Wandel. Trotz erstickender Einschränkungen haben wir unsere finanziellen Ziele übererfüllt. Den entstandenen Spielraum haben wir für Gesetzesänderungen genutzt, die der Bevölkerungsmehrheit nutzen.

Ist die Krise jetzt vorbei?

Ja. Wir sind der Abwärtsspirale entkommen, und die Wirtschaft zeigt klare und messbare Anzeichen einer Erholung. Die Arbeitslosigkeit ist um sieben Punkte in Richtung 20 Prozent gefallen. Nach fast einem Jahrzehnt wächst Griechenland wieder. Wir erfüllen unsere finanziellen Ziele und nutzen jeden Spielraum für sozialere Gesetze. Aber wir müssen uns weiter anstrengen, um unsere Gesellschaft und Wirtschaft wiederherzustellen. Gleichzeitig müssen wir neue Finanzturbulenzen und geopolitische Feindschaften vermeiden, die unsere Region bedrohen. Wir haben den Grundstein gelegt, aber es bleibt viel zu tun.

Was haben Sie persönlich aus der Krise gelernt?

Dass es keine Sicherheiten mehr gibt. Das müssen wir akzeptieren. Erst dann werden wir verstehen, dass wir nicht unsere Vergangenheit verteidigen sollten - sondern kreativ über die Zukunft nachdenken müssen.

"Ich habe enormen Respekt für die Griechen gewonnen"

Klaus Regling ist geschäftsführender Direktor der Euro-Rettungsschirme ESM und EFSF, über die ein Großteil der Kredite an Griechenland vergeben wurde. Der ESM überwachte zusammen mit anderen europäischen Institutionen und dem IWF die Umsetzung der Spar- und Reformauflagen in Griechenland.

Was war die Ursache der Krise in Griechenland?

Nach dem Euro-Beitritt stiegen Löhne und Gehälter viel schneller als die Produktivität. So verlor Griechenlands Wirtschaft an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Euroländern. Hinzu kam eine schwache öffentliche Verwaltung mit schleppender Gesetzesumsetzung, langsamen Gerichten und unterentwickeltem Katasterwesen. Als 2009 auch noch herauskam, dass Athen Defizitzahlen geschönt hatte, entzogen die Investoren dem Land abrupt das Vertrauen. Griechenland verlor den Marktzugang und musste um Rettungsdarlehen bitten.

Hat die Politik richtig auf die Krise reagiert?

Es wäre arrogant zu sagen, wir hätten in Griechenland alles richtig gemacht. Für diese schlimmste Krise seit der Großen Depression gab es kein Drehbuch. Die Beteiligung des Privatsektors etwa, bei der private Halter griechischer Staatsanleihen 2012 auf über hundert Milliarden Euro verzichten mussten, wäre besser früher gekommen. Aber grundsätzlich haben wir richtig gehandelt: Nach dem Vorbild des IWF haben die Euroländer Rettungsdarlehen gewährt, die an harte Reformauflagen geknüpft waren. Gehen die Reformen weiter, ist Griechenland auf gutem Weg. Die anderen Programmstaaten Portugal, Irland, Spanien und Zypern sind schon Erfolgsgeschichten. Die Reformen in Griechenland und anderswo, die bessere wirtschaftspolitische Koordinierung in Europa, die Schaffung der Bankenunion und des ESM, all das hat die Währungsunion krisenfester gemacht.

Ist die Krise jetzt vorbei?

Die Krise im Euroraum insgesamt ist schon lange vorbei. Das Ende des ESM-Programms für Griechenland am 20. August ist der Epilog. Aber Athen wird eng mit dem ESM verbunden bleiben. Mit € 204 Milliarden an Rettungsdarlehen sind wir der größte Gläubiger. Wegen unserer langen Laufzeiten und niedrigen Zinsen spart Griechenland jedes Jahr rund 12 Milliarden Euro an Schuldendienst in seinem Haushalt. Hinzu kommen unsere Schuldenerleichterungen, ohne Schuldenschnitt und Kosten für andere Steuerzahler. Aus diesen Gründen wird Griechenland nach dem Programmende unter strengerer Aufsicht des ESM und der anderen Institutionen stehen als andere Programmstaaten.

Was haben Sie persönlich aus der Krise gelernt?

Ich habe enormen Respekt für die Griechen gewonnen, die schmerzhafte Anpassungen hinnehmen mussten. So mussten Löhne, Gehälter und Renten um bis zu 30 Prozent gekürzt werden. Auch die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst musste deutlich gesenkt werden. Ich wünsche mir, dass diese Anpassungsleistung in Deutschland mehr gewürdigt wird. Diese Einschnitte waren unumgänglich, um solide Staatsfinanzen und Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen. Die Griechen haben sie akzeptiert, weil sie im Euroraum bleiben wollen.

"Der Euro hat uns zerstört"

Evi-Maria Anagnostopoulou verlor vor vier Jahren ihren Job in einem Callcenter. Seitdem hat die studierte Betriebswirtin keinen neuen Arbeitsplatz finden können.

Was war die Ursache der Krise in Griechenland?

Die griechischen Politiker haben zwei schwere Fehler gemacht, die 2010 zum Zusammenbruch führten: Erstens, überhaupt der EU und der Eurozone beizutreten. Der zweite Fehler war, dass sie Griechenland selbst dann nicht aus beiden Institutionen abzogen, als das Land zusammengebrochen war. Das Referendum von 2015 war eine große, verpasste Chance. Die Frage auf dem Stimmzettel hätte Ja oder Nein zur EU lauten müssen. Nein hätte gewonnen, und wir hätten das Bündnis verlassen. Ohne EU wäre es uns viel besser ergangen. Griechenland hat alles, was es braucht, um allein erfolgreich zu sein. Der Euro hat uns zerstört. Aber die Krise war nicht nur die Schuld unfähiger Politiker, die schlechte Entscheidungen getroffen haben. Die Griechen sind mitverantwortlich. Nach dem Beitritt zur Eurozone haben sie zig Milliarden an Krediten aufgenommen - für wertlosen Konsum statt Produktion. Dann ist die Blase unweigerlich geplatzt.

Hat die Politik richtig auf die Krise reagiert?

Die griechischen Regierungen haben einfach akzeptiert, was die Gläubiger verlangten. Selbst als griechische Politiker gute Absichten hatten, wie bei der Wahl von Syriza, haben die Gläubiger Druck auf sie ausgeübt. Die Kreditprogramme haben mit ihren tiefen Einschnitten und enormen Steuererhöhungen die Gesellschaft zerstört. Die Mittelschicht ist in Griechenland fast ausgestorben. Nach acht Jahren mit Programmen gibt es nur noch arme und sehr reiche Leute. Die Reichen blieben von den Angriffen natürlich verschont. Die Programme basierten darauf, Geld von Rentnern und Arbeitern zu nehmen, statt die Verantwortlichen für die Krise hinter Gitter zu bringen - korrupte Politiker und Wirtschaftsbosse.

Ist die Krise jetzt vorbei?

Ich bin weder optimistisch noch pessimistisch. Mit meinem Urteil warte ich ab, was nach dem offiziellen Ende der Programme passiert. Entscheidend wird sein, ob es neue Jobs gibt. Wenn die Leute wieder Arbeit finden, wenn die Regierung den Unternehmen Gründe gibt, wieder Menschen einzustellen, und die Leute ermutigt, sich Arbeit zu suchen - zum Beispiel in der Landwirtschaft, wie ich es gerne tun würde - wenn sie die Steuern senkt: Ja, dann werde ich zustimmen, dass Griechenland ein neues Kapitel aufgeschlagen hat. Andernfalls wird sich nichts geändert haben.

Was haben Sie persönlich aus der Krise gelernt?

Ich glaube nie an große Versprechen und Worte - nur an Taten.

"Griechenland hat die Chance nicht genutzt"

Sakis Kazakis ist Geschäftsführer des Familienunternehmens Marianna's Vineleaves auf der nordgriechischen Halbinsel Chalkidiki. Die Firma verkauft traditionelle griechische Produkte für den heimischen und internationalen Markt, von gefüllten Weinblättern bis zu Tsipouro-Schnaps.

Was war die Ursache der Krise in Griechenland?

Griechenland hat die einmalige Chance durch den Beitritt zur Währungsunion nicht genutzt. Wir hätten die niedrigen Kreditkosten vor der Krise nutzen können, um unsere Gesellschaft zu modernisieren, die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft zu verbessern, wichtige Investitionen und institutionelle Reformen zu machen. Stattdessen haben wir den Zugang zu diesen billigen Krediten für kurzsichtige, vergängliche Zwecke genutzt - besonders nach den weichenstellenden Olympischen Spielen in Athen 2004.

Hat die Politik richtig auf die Krise reagiert?

Rückblickend hat sie das nicht. Europa hatte offensichtlich keine effektive Kontrolle über die Eurozonen-Länder und keine Mechanismen, um mit einer Schuldenkrise umzugehen. Wertvolle Zeit wurde durch reflexhafte Reaktionen vergeudet, bevor Europa das Problem in den Griff bekommen hat. Was die griechischen Politiker angeht, haben letztlich die populistischen Stimmen gesiegt. Sie haben an die Gefühle und den Ärger der Menschen appelliert, statt das Land nüchtern zu führen und dem Gemeinwohl zu dienen. Es ist bezeichnend, dass der Beamte, der Griechenlands wahres Defizit enthüllt hat, immer noch strafrechtlich verfolgt wird.

Ist die Krise jetzt vorbei?

Die desaströse Politik der Syriza-Regierung in den ersten sechs Monaten des Jahres 2015 hat uns an den Abgrund geführt. So etwas passiert, wenn unerfahrene Ideologen wie Varoufakis die Führung übernehmen. Ich glaube, dass Griechenland jetzt endlich dem Bankrott entkommen ist - obwohl man nie sicher sein kann. Aber die Krise ist nicht vorbei. Sie hat sich von einer Pleitekrise zu einer Stagnationskrise entwickelt. Wir leben jetzt in einem Sumpf und müssen noch stärker versuchen herauszukommen.

Was haben Sie persönlich aus der Krise gelernt?

Dass es keine leichten und schmerzlosen Lösungen gibt. Alle meine Kindheitsfreunde leben und arbeiten jetzt im Ausland. Nach schrecklichen Härten haben sie sich entschlossen zu gehen, das Glück anderswo zu suchen. Sie haben den Respekt der Zurückgelassenen gewonnen und jener, die sie in ihrer neuen Heimat trafen. Ich habe auch überlegt zu gehen. Aber am Ende haben mein Bruder und ich uns zusammengesetzt, um einen Weg zu finden, wie wir die Krise überstehen. Wir haben viele neue Produkte herausgebracht, unseren Familienbetrieb aufgemöbelt und sind in neue internationale Märkte expandiert. In gewisser Weise sind wir auch ausgewandert.

"Ungezügelter Populismus"

Evangelos Venizelos war zwischen 2011 und 2015 zweimal Vizeregierungschef von Griechenland. Er leitete das Finanz- und später das Außenministerium und war Chef der sozialistischen Pasok-Partei. Der Professor für Verfassungsrecht gilt als Architekt des Schuldenschnitts im Jahr 2012.

Was war die Ursache der Krise in Griechenland?

Im Jahr 2009 hatte Griechenland ein Haushaltsdefizit von 15,7 Prozent der Wirtschaftsleistung. Auch das Außenhandelsdefizit von 15 Prozent zeigte, dass das Land wenig wettbewerbsfähig war, als es der Eurozone beitrat. Als die Finanzkrise Europa und die USA traf, waren diese Fundamentaldaten außer Kontrolle, was die Märkte sehr nervös machte. Griechenland hatte ein Problem mit der Refinanzierung seiner Staatsschulden. Die Schulden schwollen zwischen 2004 und 2010 von 101 auf 146 Prozent. Vor diesem alptraumhaften Hintergrund kam die Pasok-Partei 2009 an die Macht.

Hat die Politik richtig auf die Krise reagiert?

Die Krise erwischte die Eurozone ohne die nötigen Instrumente zur Warnung und Bewältigung. Das erste Programm für Griechenland kam spät, bot unzureichende Mittel, war überoptimistisch und unvollständig. Die Mängel wurden mit dem zweiten Programm angegangen, aber man verlor wertvolle Zeit. Griechenlands politisches System ist verantwortlich dafür, dass die Regierung nicht hinter den Programmen stand, während die Opposition sich zu einer bunten Front dagegen zusammenschloss. Das trieb große Teile der Gesellschaft in den Populismus.

Ist die Krise jetzt vorbei?

Der Sieg populistischer Kräfte im Jahr 2015 führte zu einer zweiten ökonomischen Krise und dem dritten Programm und verursachte enormen Schaden. Das Land kämpft jetzt darum, dahin zurückzukehren, wo es 2014 stand. Als sich die Regierung von Syriza und Anel zu finanziellen und strukturellen Reformen verpflichtete, war es zu spät. Leider ist die Krise nicht vorbei, weil der derzeitige politische Rahmen sie erneuert. Er beruht auf sehr hohen Primärüberschüssen im Haushalt und die Umschuldungsmaßnahmen sind zu vorsichtig. Jetzt, da hohe Wachstumsraten nötig wären, konzentriert man sich im Verhältnis von Schulden zur Wirtschaftsleistung immer noch auf den Zähler statt den Nenner.

Was haben Sie persönlich aus der Krise gelernt?

Ich wurde Finanzminister, als das erste Programm in einer Sackgasse steckte und wir ein umfassenderes mit mutiger Umschuldung brauchten. Die Umschuldung 2012 war dann die größte Schuldenerleichterung in der Geschichte. Ich habe einen großen Widerspruch erlebt: Manche von uns trafen schwere Entscheidungen, während andere sich in ungezügeltem Populismus ergingen. Zu Herzen genommen habe ich mir: Wenn man nicht unbequeme Wahrheiten verkündet und Entscheidungen trifft, unabhängig von den politischen und emotionalen Kosten, nützt man weder den Interessen Europas noch denen des eigenen Landes.

"Die Krise geht immer weiter"

Hans-Werner Sinn war von 1999 bis 2016 Präsident des Münchner Ifo-Instituts. Die Finanzhilfen für Griechenland kritisierte er regelmäßig als nutzlos und forderte einen Austritt des Landes aus der Eurozone. Nach seiner Emeritierung ist Sinn weiter am Ifo aktiv und außerdem Gastprofessor an der Universität Luzern.

Was war die Ursache der Krise in Griechenland?

Der Euro hatte Griechenlands Zinsen von 25 Prozent auf 5 Prozent gesenkt. Das veranlasste den Staat und die Bürger, sich hemmungslos zu verschulden. Die Wirtschaft geriet in einen Boom, der die Löhne und Preise stark ansteigen ließ. Der Boom wurde zur Blase, die schließlich platzte. Zurück blieb eine total überteuerte, schuldensüchtige Volkswirtschaft, die ihre Wettbewerbsfähigkeit verloren hatte. Die Jugendarbeitslosigkeit hat durch diese Entwicklung dramatische Ausmaße angenommen. Eine Generation von jungen Leuten wurde geopfert.

Hat die Politik richtig auf die Krise reagiert?

Nein, sie hat Rettungsgelder gegeben, um die französischen Banken zu retten, doch die Chance auf eine Revitalisierung der Wirtschaft durch einen Euro-Austritt und eine Abwertung der Währung verspielt. Die Abwertung hätte die Griechen veranlasst, wieder zu Hause bei den Bauern einzukaufen, anstatt per Saldo Agrarprodukte aus dem Ausland zu beziehen. Das hätte die Landwirtschaft und das nachgelagerte Dienstleistungsgewerbe wiederbelebt und viele Stellen geschaffen. Griechenland wäre zudem zu einem möglichen Standort für internationale Industrieansiedlungen geworden.

Ist die Krise jetzt vorbei?

Nein, sie geht immer weiter. Griechenland hat in Form von Laufzeitverlängerungen und weiteren Zinsstundungen für Kredite nun faktisch ein viertes Rettungspaket bekommen. Je mehr Schuldenerleichterung gewährt wird, desto länger verharrt das Land in seiner Wirtschaftskrise, weil das Geld die Selbstkorrektur verhindert.

Was haben Sie persönlich aus der Krise gelernt?

Dass europäische Verträge nicht eingehalten werden, wenn es darauf ankommt. Im Maastrichter Vertrag war ja fest vereinbart worden, dass den Gläubigern eines überschuldeten Landes nicht geholfen wird, wenn das Land in Konkurs geht, damit die Gläubiger Angst vor der Überschuldung haben und blasenträchtige Überschuldungsorgien von vornherein abblocken. Wenn der Gläubiger Frankreich ist, sieht das alles anders aus. Nicolas Sarkozy hatte 2010 mit dem Austritt Frankreichs aus dem Euro gedroht, wenn Deutschland sein Portemonnaie nicht aufmachen würde. Teile der europäischen Verträge sind das Papier nicht wert, auf das sie geschrieben wurden.

"Die Abschaffung des Rechtsstaats in meinem Land"

Vasilis Partalis ist Rentner und arbeitete früher in der Textilindustrie. Seit Beginn der Kreditprogramme im Jahr 2010 hat sich seine Rente halbiert. Im Januar 2019 steht Partalis eine weitere Sparrunde bevor, die als Teil des dritten Programms vereinbart wird. Er schätzt, dass sie ihn zwei Monatsrenten kosten wird.

Was war die Ursache der Krise in Griechenland?

Schuld sind schlechte Politiker, die schlechte Gesetze gemacht haben - im In- und Ausland. Griechenland wurde ausgeplündert. Damit meine ich zum Beispiel die Milliarden von Euro, die für Waffen ausgegeben wurden. Oft gekauft von europäischen Ländern und im Zusammenhang mit Bestechungsgeldern. Verschwendung, Korruption und Militärgeschäfte haben Griechenland enorme Schulden und Defizite aufgehalst. Sie haben das Land schließlich in die Knie gezwungen und abhängig von Hilfsgeldern gemacht.

Hat die Politik richtig auf die Krise reagiert?

Europa um Hilfe zu bitten, war richtig. Und würde Europa wirklich helfen wollen, könnten es das leicht tun - die griechische Wirtschaft macht nur einen winzigen Prozentsatz der Eurozone aus. Mit Hilfe meine ich nicht, unsere Schulden zu streichen oder Kredite zu vergeben, ohne die Rückzahlung zu erwarten. Aber was Griechenland brauchte, war Wachstum, Jobs, Investitionen - da hätte Europa helfen können. Stattdessen gab es Kreditprogramme, angeordnet von den Geldgebern und treu ausgeführt von griechischen Regierungen, die sich nur aufs Sparen, Gehalts- und Rentenkürzungen und Haushaltsüberschüsse konzentriert haben. Überschüsse von einem Land, das bankrott war. Das war wie eine hungernde Person zum Sparen aufzufordern. Diese Politik hat zu Rezession, Arbeitslosigkeit Unglück und noch mehr Schulden geführt.

Ist die Krise jetzt vorbei?

Die Krise ist nicht vorbei. Ich befürchte im Gegenteil, dass es nur schlimmer wird. Weil Griechenland noch über Jahrzehnte dem Rezept hoher Überschüsse folgen muss. Diese Überschüsse werden wieder aus Rentenkürzungen, höheren Steuern und niedrigeren Sozialausgaben kommen - nicht aus Wachstum. Ich habe sehr wenig Hoffnung.

Was haben Sie persönlich aus der Krise gelernt?

Die schmerzhafteste, bitterste Erfahrung der Kreditprogramme war die Abschaffung des Rechtsstaats in meinem Land. Griechenlands Oberster Gerichtshof hat im Juni 2015 geurteilt, dass viele Rentenkürzungen verfassungswidrig waren. Doch seine Entscheidung wurde nie umgesetzt. Wenn die Justiz nicht respektiert wird, weil ein Bürger vor Gericht zwar Recht bekommt, die Regierung die Entscheidung aber nicht akzeptiert: Dann hört die Demokratie schlicht auf zu existieren.

"Es wurden auch Fehler gemacht"

Ludger Schuknecht war seit 2011 Chefökonom und Abteilungsleiter für Grundsatzfragen im Bundesfinanzministerium. Wie sein langjähriger Chef Wolfgang Schäuble sah er eine Sparpolitik als notwendige Antwort auf die Griechenlandkrise. Anfang September wechselt Schuknecht als Vizechef zur Industrieländerorganisation OECD.

Was war die Ursache der Krise in Griechenland?

Griechenland hat vor der Krise über seine Verhältnisse gelebt. Eine unangemessen expansive Fiskalpolitik hat zu hohen Defiziten und enorm hohen Staatsschulden geführt. Zudem haben Lohnsteigerungen weit über dem Produktivitätswachstum die Wettbewerbsfähigkeit erodiert. Billiges Geld aus dem In- und Ausland sowie eine ""intransparente"" Statistik haben die Probleme lange verdeckt, bevor mit der Finanzkrise die Risiken des Landes ganz neu bewertet wurden.

Hat die Politik richtig auf die Krise reagiert?

Unterm Strich: Ja. Eine Anpassung des Staatshaushalts, der Wirtschaftsstrukturen und des Finanzsektors war dringend nötig, und die Programme haben genau dies adressiert. Aber es wurden auch Fehler gemacht. So wurde das Ausmaß der Schwierigkeiten zunächst unterschätzt. Und manche Maßnahme war vielleicht zu kleinteilig oder hätte der Öffentlichkeit besser erklärt werden müssen.

Ist die Krise jetzt vorbei?

Auf jeden Fall hat Griechenland mit sichtbarem Erfolg große Anstrengungen und Anpassungen unternommen. Die Wettbewerbsfähigkeit des Landes hat sich verbessert, und die Banken sind gestärkt. Wenn die Reformen nicht rückabgewickelt werden, hat Griechenland viel Potential, auch wenn das staatliche Schuldenniveau weiterhin sehr hoch ist.

Was haben Sie persönlich aus der Krise gelernt?

Die Krise hat gezeigt, dass es viel Solidarität und Goodwill in Europa gibt, das macht Mut. Aber es sind leider auch wieder alte Ressentiments aufgetreten, die ich für erledigt hielt. Und es ist erneut deutlich geworden: Europa ist kompliziert. Umso wichtiger ist, dass wir nicht den Kopf in den Sand stecken und Probleme in die Zukunft schieben, sondern Schritt für Schritt um Fortschritte in Europa ringen.

"Es wird viele Jahre dauern, bis Griechenland ein modernes Land ist"

George Papakonstantinou war von 2009 bis 2011 griechischer Finanzminister und spielte eine Schlüsselrolle bei der Aushandlung des ersten Hilfspakets. Heute leitet er eine von ihm gegründete Beratungsfirma. Über seine Erfahrungen schrieb er das Buch ""Game Over: Griechenland in der Krise.""

Was war die Ursache der Krise in Griechenland?

Die unmittelbaren Gründe waren das Entgleisen der Staatfinanzen und die hohen Defizite zwischen 2004 und 2009. Wenn man noch den Vertrauensverlust durch betrügerische Haushaltszahlen der konservativen Regierung hinzunimmt, wird klar, warum Griechenland rapide den Zugang zum Finanzmarkt verloren hatte und Hilfe brauchte. Was die tieferen Ursachen angeht: Griechenlands politisches System basierte auf Klientelismus. Der Staat war aufgebläht, die Wirtschaft hat sich nicht an die Anforderungen der Eurozone angepasst.

Hat die Politik richtig auf die Krise reagiert?

Weil Griechenland als erstes Euroland auf Hilfe angewiesen war, hat es unter verspäteten Entscheidungen und Fehlern beim Entwurf der Rettungsprogramme gelitten: die Zinsen waren zu hoch, Umschuldungen wurden verzögert, Einsparungen waren zu hart und haben die Rezession befördert. Auch die griechische Seite hat Fehler gemacht. Das politische System wollte sich nicht mit vereinbarten Reformen abfinden. Darunter litt die Umsetzung, und es gab keine Versuche, einen Konsens zu notwendigen Veränderungen zu finden. Das hat die Krise unnötig verlängert.

Ist die Krise jetzt vorbei?

Im August endet das dritte Programm. Es wurde nur notwendig, weil die Regierungspartei Syriza 2015 unverantwortlicherweise ein Referendum abhielt. Aber das bedeutet nicht das Ende der Krise. Ungleichgewichte in den Staatsfinanzen und im Außenhandel wurden unter Kontrolle gebracht, viele Reformen umgesetzt. Aber die zugrunde liegenden Probleme wurden nicht angegangen. Es wird noch viele Jahre dauern, bis Griechenland ein modernes, gut funktionierendes europäisches Land ist.

Was haben Sie persönlich aus der Krise gelernt?

Erstens: Probleme holen dich ein. Wenn einen die Krise dann trifft, ist es nie einfach und Zeit immer knapp. Zweitens: Man kann Dinge richtig machen und trotzdem scheitern. Märkte sind nicht rational, und Bürger wenden sich schnell gegen dich, auch wenn du nicht Schuld bist. Drittens: Zeit ist Geld. Je länger man wartet, umso teurer wird es. Viertens: Ad-hoc-Lösungen funktionieren nicht lange. Die Lücken in der Architektur von EU-Institutionen müssen endlich angegangen werden. Und schließlich: In einer ausweglosen Situation solltest du als Politiker einfach dein Bestes geben. Du wirst unter Beschuss geraten, kannst dich aber immerhin weiter im Spiegel ansehen.

"Der Widerstand gegen Veränderungen wurde unterschätzt"

Stergios Pitsiorlas ist stellvertretender Wirtschaftsminister, zuständig für Investitionen. Zuvor leitete er den griechischen Privatisierungsfonds. Unter seiner Aufsicht wurden einige der größten und kontroversesten Projekte umgesetzt, darunter der Verkauf von 14 Regionalflughäfen an den Frankfurter Betreiber Fraport und die Verpachtung des Hafens von Piräus an den chinesischen Cosco-Konzern.

Was war die Ursache der Krise in Griechenland?

Das wahre Problem war eine Krise der Wettbewerbsfähigkeit. Sie spiegelte das problematische Wachstumsmodell, dem das Land über Jahrzehnte gefolgt war und das unauflösbar mit dem Status quo in Politik und Verwaltung verbunden war. Wir müssen alle Aspekte dieses Modells bedenken, um zu verstehen, warum Griechenland an den Rand der Pleite geriet. Ein Beispiel: Dass Griechenland so viel für Verteidigung ausgab, hatte mit einem bestimmten Ansatz in nationalen Fragen zu tun. Derselbe Ansatz führt jetzt zu Angriffen auf die Regierung, weil sie sich im Namensstreit mit der früheren jugoslawischen Republik Mazedonien geeinigt hat.

Hat die Politik richtig auf die Krise reagiert?

Die politischen Reaktionen beruhten nicht auf einer ordentlichen Diagnose. Sie entsprachen besonders zu Beginn den Standardantworten auf Liquiditätskrisen, obwohl Griechenland in einer Wettbewerbskrise steckte. Außerdem wurde ignoriert, dass die traditionellen politischen Kräfte sich mit Wahrnehmungen und Praktiken identifizierten, die zu den Wurzeln der Krise gehörten. Der Widerstand gegen Veränderungen wurde unterschätzt und nötige Reformen verschleppt. Dass nun die Tsipras-Regierung erfolgreich das dritte Programm umsetzt, ist nur scheinbar ein Paradox. Denn sie stammt aus einem Teil des politischen Spektrums, der den kollabierten Teil des Systems über Jahrzehnte bekämpft hat.

Ist die Krise jetzt vorbei?

Das Ende des dritten Programms ist ein äußerst wichtiger Schritt. Griechenland hat in den vergangenen acht Jahren eine bemerkenswerte Anpassung durchlaufen. Viele wichtige Reformen wurden beschlossen. Aber es bleibt offensichtlich noch viel zu tun, um das Wachstumsmodell, das politische System und die Verwaltung zu ändern. Trotz der natürlichen Ermüdung durch die lange Krise, der Demagogie der Opposition und jener Kräfte, die für Tatenlosigkeit und Widerstand gegen Veränderungen stehen: Die Regierung ist entschlossen, den Reformweg weiter zu gehen und überall fundamentale Veränderungen umzusetzen.

Was haben Sie persönlich aus der Krise gelernt?

Mir ist klar geworden, dass die Beendigung der Krise nicht nur eine Frage der Wirtschaftspolitik ist. Nötig sind ein umfassender Mentalitätswandel und eine Neuordnung nationaler Ziele und Werte. Die Griechen brauchen eine strategische Vision in einer sich rasant wandelnden Welt. Nur damit können notwendige Reformen umgesetzt werden und die Politik in Gegenwart und Zukunft Ergebnisse produzieren.

"Den Europäern fehlt das Zusammengehörigkeitsgefühl"

Martin Knapp war von 2008 bis 2012 Geschäftsführer der Deutsch-Griechischen Handelskammer in Athen und hat insgesamt 24 Jahre in Griechenland gelebt. Inzwischen leitet er die Deutsch-Serbische Wirtschaftskammer in Belgrad. Seine Erlebnisse in der Krise verarbeitete Knapp in dem Roman ""Olymp"".

Was war die Ursache der Krise in Griechenland?

Anfangs hat man alles allein auf den Sozialstaat und eine ineffiziente Verwaltung geschoben. Faktoren wie die Deindustrialisierung nach dem Beitritt zum gemeinsamen Markt 1981 oder die Abwanderung der Bekleidungsindustrie in die Balkanstaaten kamen in der Diskussion nicht vor. Eine viel zu harte Währung, der Euro, gab dem Land dann den Rest. Ich fürchte: Auch wenn in Griechenland die sparsamsten Leute der Welt regiert hätten, wäre irgendwann eine ähnliche Situation eingetreten.

Hat die Politik richtig auf die Krise reagiert?

Griechenland wurde vor dem Allerschlimmsten bewahrt - einem unkontrollierten Bankrott. Doch der Preis war hoch. Die Abwertung der Landeswährung fiel wegen des Euro aus. Da hat man einfach eine doppelte Dosis vom Medikament der zweiten Wahl verordnet, der sogenannten inneren Abwertung. Zu Deutsch: Sparen auf allen Ebenen, leider auch am falschen Ende. Am Schluss kam das Heer der Arbeitslosen fast ausschließlich aus der Privatwirtschaft, die man eigentlich fördern wollte. Der aufgeblähte Staatsapparat hat sich heftig gewehrt und musste deutlich weniger Federn lassen.

Ist die Krise jetzt vorbei?

Ich bin kein Prophet, aber eins ist sicher: Die Krise in den Köpfen hat sich sogar noch ausgeweitet. Das Schicksal Griechenlands hat gezeigt, dass man als europäischer Bürger für Sachen haftbar gemacht werden kann, auf die man keinen Einfluss hat. Und dass die eigenen Politiker im Falle eines Falles keinen wirklichen Entscheidungsspielraum mehr haben. Das Athener Parlament wurde de facto entmachtet, auch im Bundestag mussten viele gegen die eigene Überzeugung abstimmen. Viele Wähler hat all das verunsichert, und sie wählen jetzt verstärkt Nationalisten, wie zuletzt in Italien.

Was haben Sie persönlich aus der Krise gelernt?

Einiges. Mir ist jetzt klar, dass in einer Währungsunion unmöglich alle Regionen gleich effizient wirtschaften können. Trotzdem gleicht sich der Lebensstandard an, was irgendwie finanziert werden muss. Der Baden-Württemberger akzeptiert letztlich, für den Mecklenburg-Vorpommern einzustehen, aber nicht für den Griechen oder Rumänen. Da fehlt einfach der ideologische Kitt, den wir in den Nationalstaaten seit über 200 Jahren haben. Als die Zahlen noch stimmten, haben wir geglaubt, es ginge in Europa auch ohne diesen Klebstoff. Das war unsere große Lebenslüge. Jetzt zeigt es sich beim Thema Zuwanderung wieder ganz deutlich, dass den Europäern das notwendige Gefühl der Zusammengehörigkeit fehlt.

"Zwölf Stunden am Tag zu arbeiten, reicht nicht aus"

Kiki Tsiligeridou ist Journalistin und lebt mit ihrem Mann in Prag. Auf der Suche nach besseren Berufschancen verließ das Paar wie Hunderttausende gut ausgebildeter Griechen in der Krise das Land.

Was war die Ursache der Krise in Griechenland?

Die Wurzel ist der vorherrschende Dirigismus, also die staatliche Lenkung der Wirtschaft. Außerdem hat sich Griechenland nie voll europäisiert, das erklärt die konstant hohe Korruption. Und starke und gut organisierte Gruppen haben alles getan, um jede Reform gegen ihre Interessen zu verhindern. Der tief verwurzelte und verschwenderische Dirigismus hat zu einem ineffektiven Staat, unglaublichen Wahlgeschenken und maßlosen Ruhestandsregelungen geführt. Er hat Unternehmertum verhindert, den Populismus und all jene Krankheiten gefördert, welche die griechische Gesellschaft heute lähmen.

Hat die Politik richtig auf die Krise reagiert?

Die kurze Antwort lautet Nein. Die griechischen Politiker haben die Bürger nie davon überzeugt, dass die Rettungsprogramme eine Folge der Krise waren - und nicht deren Ursache. Oder dass sie Reformen beinhalteten, die Griechenland längst von allein hätten umsetzen sollen. Der starke Widerstand von linken und rechten Populisten musste jeden Versuch scheitern lassen, die Probleme anzugehen. Was die Geldgeber angeht: Oft heißt es, sie seien vor allem an Sparzielen interessiert und nicht an deren Umsetzung, was zum Beispiel zu einer übermäßigen und kontraproduktiven Besteuerung führte. Ein stichhaltiger Punkt. Aber ich glaube, die Gläubiger haben diese Haltung eingenommen, als ihnen klar wurde, dass Griechenland sich hartnäckig Reformen verweigert.

Ist die Krise jetzt vorbei?

Viele Griechen scheinen zu glauben, dies sei das Ende von Kreditprogrammen und Sparpolitik und nun warte neues Wachstum. Aber die Krise ist definitiv nicht vorbei. Das Schlimmste ist, dass wir den Grund dafür immer noch nicht verstehen. Was sich wirklich ereignet hat, ist die totale Niederlage des Populismus von Links und Rechts - seiner Rhetorik, Moral und Wirkungsweise. Wenn Griechen irgendetwas gelernt haben, dann das: Es ist unklug, großen Worten, Versprechen und Lügen zu erliegen. Das ist ein wichtiger Fortschritt, ein Gewinn für die Zukunft.

Was haben Sie persönlich aus der Krise gelernt?

Dass zwölf Stunden am Tag zu arbeiten nicht ausreicht, um deine Rechnungen und Steuern zu bezahlen. Man braucht ein glaubwürdiges System. Das fehlt Griechenland immer noch, und ich hoffe, es wird bald geschaffen. Vielleicht fehlt dazu nur ein lauter Knall, eine Kursänderung. Lautstark zu bekennen, dass wir ein Teil Europas sind und alles tun werden, um es zu beweisen. Ich bin nicht sicher, ob das geschehen wird. Aber ich hoffe es.

Was die wenigsten Befragten glauben: Dass Griechenland am 20. August einfach in die Normalität zurückkehrt. "Leider ist die Krise nicht vorbei", sagt der frühere Vizeregierungschef Evangelos Venizelos. Zur immer noch dramatischen Wirtschaftslage kommt die Gewissheit, dass Griechenland nun über Jahrzehnte seine Kredite tilgen und zugleich strikte Sparvorgaben erfüllen muss.

Statt des Parlaments entscheide über den griechischen Haushalt künftig "eine Art supranationaler Aufsichtsrat", sagt der CSU-Politiker Peter Gauweiler, der gegen die Finanzhilfen mehrfach vors Bundesverfassungsgericht zog.

Die Aussichten sind also nicht gerade rosig. Doch werden die Griechenlandprogramme deshalb als "ungeheuerliches Negativbeispiel" in die Geschichte eingehen, wie Ex-Finanzminister Varoufakis vorhersagt? Oder waren sie doch ein unvermeidbares Übel?

Ohne Zweifel gab es ja massive Missstände im Land. Der griechische Staat ist bis heute ineffizient, aufgebläht durch eine Vetternwirtschaft, die in jahrzehntelanger Zweiparteienherrschaft gedeihen konnte. Bürokratiepossen wie das Amt zur Überwachung eines ausgetrockneten Sees oder Blindenhilfen für hunderte Griechen mit voller Sehkraft empörten nicht nur deutsche Boulevardmedien. Auch der Skandal um Griechenlands frisierte Haushaltszahlen wirft bis heute Fragen auf. Ausgerechnet jener Statistikchef, der erstmals realistische Daten vorlegte, wurde dafür zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Die ersten werden die letzten sein

Griechenland war schlicht nicht reif für die Eurozone - das glauben auch viele Griechen. Man sei damals "einem Club von Erwachsenen beigetreten, während wir noch in unserer politischen und ökonomischen Pubertät steckten", sagt die Doktorandin Zoe-Charis Belenioti. Zwar mussten später auch andere Euroländer wie Portugal oder Zypern um Kreditprogramme bitten, doch die haben sie längst abgeschlossen. Griechenland dagegen stand am Anfang der Eurokrise - und steht nun an ihrem mutmaßlichen Ende. Die ersten werden auch die letzten sein.

Dass gerade Griechenland zum Präzedenzfall wurde, ist Teil der vielzitierten Tragödie des Landes. "Für diese schlimmste Krise seit der Großen Depression gab es kein Drehbuch", sagt Klaus Regling, Chef des Europäischen Rettungsfonds ESM. Die Geldgeber waren sich deshalb zunehmend uneins, wie viel sie dem Land abverlangen konnten. Zudem wurden die meisten Entscheidungen hinter verschlossenen Türen getroffen: Von der sogenannten Troika aus Technokraten und der nicht direkt gewählten Euro-Gruppe der Finanzminister.

"Aus demokratischer Sicht war das skandalös", sagt EU-Währungskommissar Pierre Moscovici, der als französischer Finanzminister mit am Tisch saß. "Es wäre arrogant zu sagen, wir hätten alles richtig gemacht", so Regling. Und auch Ludger Schuknecht, der als Chefökonom im Bundesfinanzministerium ein Vordenker von Schäubles Sparpolitik war, räumt ein, es seien "auch Fehler gemacht" worden. Alle drei Beteiligten halten die politische Antwort auf die Krise aber prinzipiell für richtig.

Das sieht man in der griechischen Regierung anders. "Die sogenannten Therapien waren weitgehend falsch", sagt die amtierende Arbeitsministerin Efi Achtsioglou. Zu Beginn der Programme sei es vor allem darum gegangen, dass "internationale Großbanken ihre Schulden auf den Staat abwälzen" konnten. Dennoch bekennt sich Achtsioglou zu den Verpflichtungen des Landes. "Wir erfüllen unsere finanziellen Ziele".

Die wahre Bewährungsprobe kommt noch

Wenn es in der Griechenlandkrise auch so etwas wie eine Positivüberraschung gibt, dann vielleicht diese: Nach jahrelangen, zähen Kämpfen zwischen Gläubigern und verschiedenen griechischen Regierungen setzt heute ausgerechnet die von Tsipras geführte Links-Rechts-Koalition die Vereinbarungen weitgehend geräuschlos um. Das sei nur scheinbar ein Paradox, sagt Vize-Wirtschaftsminister Stergios Pitsiorlas. Schließlich stamme die Regierung "aus einem Teil des politischen Spektrums, der den kollabierten Teil des Systems über Jahrzehnte bekämpft hat".

Die wahre Bewährungsprobe für Tsipras wird erst nach dem 20. August kommen. Dann muss sich zeigen, ob Griechenland nun tatsächlich wieder frei ist, wie Tsipras es seinen Wählern immer wieder versprochen hat. Und was die Regierung mit dieser Freiheit anfängt.

Evi-Maria Anagnostopoulou will genau hinschauen, was nun passiert. "Entscheidend wird sein, ob es neue Jobs gibt", sagt die frühere Call-Center-Mitarbeiterin, die seit vier Jahren arbeitslos ist. Wenn das gelinge, werde sie gerne zustimmen, dass Griechenland ein neues Kapitel aufgeschlagen habe. "Andernfalls wird sich nichts geändert haben."

Die Chronik der Griechenlandkrise

Am 1. Januar 2001 tritt Griechenland der Eurozone bei. Bei der Einführung des Euro 1999 war das Land noch nicht dabei. Erst im Jahr 2000 erfüllte es die sogenannten Konvergenzkriterien des Maastrichter Vertrages - zumindest auf dem Papier.

Im November 2004 wird klar: Die Regierung in Athen hat sich die Aufnahme in die Eurozone mit gefälschten Finanzdaten erschummelt. Alle Haushaltsdefizite vergangener Jahre waren in Wahrheit deutlich höher als zuvor an Brüssel gemeldet. So übertrafen die neuen Schulden in jedem Jahr die im Stabilitätspakt erlaubte Obergrenze von drei Prozent der Wirtschaftsleistung. Langjähriger Berater der Griechen war die US-Investmentbank Goldman Sachs.

Ende Oktober 2009 zeichnet sich zum ersten Mal so etwas wie eine Griechenland-Krise ab. Das voraussichtliche Haushaltsdefizit liegt bei rund 12,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, doppelt so hoch wie zunächst angenommen. Die neue Regierung von Ministerpräsident Giorgos Papandreou kündigt Sparmaßnahmen an.

Mitte Dezember 2009 stuft die Rating-Agentur Standard & Poor's Griechenlands Kreditwürdigkeit herab. Zuvor hatte dies schon die Agentur Fitch getan. Warnungen vor einer drohenden Staatspleite werden lauter. Der Kurs des Euro bricht ein. Bundeskanzklerin Angela Merkel beschwichtigt: "Ich bitte im Interesse einer sachlichen Diskussion, das nicht überzubewerten."

Im Frühjahr 2010 wird es eng: Griechenland bekommt nur noch sehr schwer Geld an den Finanzmärkten. Die Eurostaaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) springen dem Land bei. Anfang Mai schnüren sie ein Rettungspaket mit Krediten über 110 Milliarden Euro, 30 Milliarden davon übernimmt der IWF, auf Deutschland entfallen 22,4 Milliarden Euro. Die Bundesregierung peitscht das Gesetz im Eilverfahren durch den Bundestag. Die Geldgeber sehen die Griechen-Krise offenbar als temporäres Problem: Die Laufzeit der Kredite beträgt nur drei Jahre. Kurz darauf geraten auch andere Länder wie Irland und Portugal ins Wanken.

Ein Jahr später spitzt sich die Schuldenkrise erneut zu. Weil absehbar ist, dass Griechenland sich nicht wie geplant bereits 2012 am Kapitalmarkt finanzieren kann, braucht es mehr Geld von den Staaten der Eurozone und dem Internationalen Währungsfonds. Am 10. Mai 2011 kündigt die griechische Regierung ein neues Sparpaket an. Wenige Tage später legen gewaltsame Demonstrationen Teile des Landes lahm. Die Polizei muss das Parlament gegen wütende Bürger verteidigen. Sie feuert Tränengas, Demonstranten werfen Steine zurück, attackieren die Limousine von Ministerpräsident Papandreou.

Zweites Rettungspaket, erster Versuch: Ein Sondergipfel der Eurostaaten beschließt am 21. Juli 2011 ein neues Hilfspaket für Griechenland mit einem Volumen von 109 Milliarden Euro. Der Großteil des Geldes soll aus dem europäischen Rettungsschirm EFSF und dem Internationalen Währungsfonds kommen. Erstmals sollen aber auch private Gläubiger beteiligt werden - auf freiwilliger Basis.

Ende Oktober 2011 legt die Troika aus EU, IWF und Europäischer Zentralbank (EZB) einen neuen Bericht zur Finanzsituation Griechenlands vor. Die Experten zeichnen darin ein düsteres Bild: Die Lage des Landes hat sich in den vorangegangenen Monaten weiter verschlechtert. Auf einem EU-Gipfel am 26. Oktober schmieden die Staats- und Regierungschefs einen neuen Rettungsplan: Private Gläubiger sollen auf mehr als 50 Prozent ihrer Forderungen gegenüber Griechenland verzichten. Das trifft vor allem europäische Banken. Athen soll weitere 100 Milliarden Euro erhalten, mit zusätzlichen 30 Milliarden Euro soll der Schuldenschnitt abgesichert werden.

Turbulente Herbsttage: Am 31. Oktober kündigt Griechenlands Ministerpräsident Papandreou überraschend eine Volksabstimmung über die Beschlüsse des Eurogipfels und die damit verbundenen Sparauflagen für sein Land an. Beim G20-Gipfel in Cannes nehmen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy Papandreou Anfang November ins Gebet. Daraufhin lässt dieser den Referundumsplan fallen und tritt zurück. Loukas Papademos, der Ex-Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, tritt am 11. November 2011 an die Spitze einer Übergangsregierung.

Im Februar 2012 stimmt das griechische Parlament einem neuen Sparprogramm zu. In Athen kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die internationalen Geldgeber hatten auf verschärfte Reformen gepocht - im Gegenzug verabschieden die Euro-Finanzminister das zweite Rettungspaket. Neben dem Schuldenschnitt für die privaten Gläubiger enthält es auch die im Oktober angekündigten Hilfen in Höhe von 130 Milliarden Euro. Für die Kredite aus dem ersten Hilfspaket von 2010 werden die Zinsen halbiert. Der Schuldenschnitt wird am 9. März 2012 wirksam.

Bei der Parlamentswahl am 6. Mai 2012 strafen die Griechen die Traditionsparteien Nea Dimokratia (ND) und Pasok ab, die aus ihrer Sicht das Land einem internationalen Spardiktat unterworfen haben. Parteien wie Syriza, die eine Aufkündigung der Sparvereinbarungen fordern, legen kräftig zu. Eine Regierungsbildung scheitert. Nach der Neuwahl am 17. Juni wird ND-Chef Antonis Samaras als Ministerpräsident vereidigt. Unterstützt wird seine Regierung von Pasok und der demokratischen Linken (Dimar). Das bei den Wahlen zweitplatzierte Linksbündnis Syriza ist jedoch nicht beteiligt.

Die Lage an den Finanzmärkten spitzt sich im Sommer 2012 wieder zu. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler sinniert über einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi erklärt am 26. Juli, die EZB werde "alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten" - und leitet damit eine Wende in der Eurokrise ein. Von nun an schwindet die Angst davor, dass die griechische Krise auch Länder wie Italien oder Spanien anstecken könnte.

Am 8. Oktober 2012 besucht Angela Merkel zum ersten Mal seit Ausbruch der Krise Griechenland. Sie lobt die Fortschritte des Landes. Der IWF dagegen glaubt nicht, dass Griechenland den Sanierungszeitplan einhalten kann. Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble tritt Spekulationen über einen Euro-Austritt Griechenlands entgegen. Dabei gelingt ihm ein legendärer Satz auf Denglisch: "I think there will be no Staatsbankrott in Greece."

Griechenland erhält weitere Zugeständnisse: Am 27. November 2012 einigt sich die Euro-Gruppe mit dem IWF auf eine Anpassung des zweiten Rettungspakets: Die Regierung in Athen soll mehr Zeit für die Umsetzung der Sparvorgaben bekommen. Daraus ergibt sich eine Finanzlücke von 14 Milliarden Euro, die unter anderem mit günstigen Zinsen auf bereits gewährte Kredite gestopft werden soll.

Im Juni 2013 räumt der Internationale Währungsfonds (IWF) Fehler bei der Rettungspolitik ein. Beim ersten Hilfsprogramm aus dem Mai 2010 habe man zu optimistische Annahmen zugrunde gelegt. Weder der Schuldenstand noch das Wachstum hätten sich so entwickelt wie damals angenommen. Die griechische Wirtschaft schrumpft 2013 das fünfte Jahr in Folge. Seit 2008 ist das Bruttoinlandsprodukt um gut 22 Prozent eingebrochen, die Staatsverschuldung ist wieder höher als vor dem Schuldenschnitt.

2014 scheint die jahrelange Talfahrt endlich zu Ende zu gehen. Die griechische Regierung erwartet sogar ein kleines Wirtschaftswachstum - und wird forsch: Anfang April leiht sich das Land erstmals seit vier Jahren wieder langfristig Geld am Kapitalmarkt. Die Investoren sind begeistert - und geben den Griechen drei Milliarden Euro zu 4,75 Prozent Zinsen.

Ende 2014 laufen die Hilfen der Europartner für Griechenland aus - und Ministerpräsident Antonis Samaras wird nicht müde zu betonen, dass kein neues Geld nötig sei. "Die Ära der Rettungspakete geht zu Ende", jubelt er. Ende November meldet der SPIEGEL, es werde wohl doch ein weiteres Hilfspaket geben. Zehn Milliarden Euro aus dem Rettungsfonds ESM sollten umgewidmet werden.

Am 29. Dezember 2014 scheitert die Wahl des Staatspräsidenten im dritten Wahlgang - die griechische Verfassung sieht für diesen Fall Neuwahlen vor, die am 25. Januar stattfinden sollen. Das könnte die große Chance für das linke Syriza-Bündnis und dessen Chef Alexis Tsipras sein. Tsipras lehnt die Reformauflagen von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) ab und will im Falle eines Wahlsiegs einen Schuldenschnitt durchsetzen. Bei den Geldgebern stößt das nicht auf Begeisterung. Anfang Januar 2015 meldet der SPIEGEL, die Bundesregierung sei bereit, Griechenland notfalls aus der Eurozone ausscheiden zu lassen. Die Finanzmärkte reagieren schockiert.

Am 25. Januar 2015 gewinnt Alexis Tsipras mit seinem Linksbündnis Syriza die Parlamentswahl. Die absolute Mehrheit verfehlt er dabei knapp – und muss eine Koalition eingehen. Als Partner wählt Syriza ausgerechnet die rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen. Am 26. Januar wird Tsipras als Ministerpräsident vereidigt.

Wenige Tage nach der Wahl reist Euro-Gruppenchef Jeroen Dijsselbloem nach Athen. Er will mit der neuen griechischen Regierung darüber sprechen, wie es mit dem Hilfs- und Reformprogramm weitergeht. Doch was er erlebt, ist eine knallharte Abfuhr. Griechenland weigere sich, weiter mit der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und IWF zusammenzuarbeiten, sagt Finanzminister Giannis Varoufakis bei der gemeinsamen Pressekonferenz. Dijsselbloem steht auf und geht – es reicht nur noch für einen flüchtigen Händedruck.

Nach wochenlangem Ringen mit gegenseitigen Drohgebärden einigen sich Griechenland und die Euro-Finanzminister am 20. Februar in Brüssel auf eine Verlängerung des laufenden Hilfsprogramms. Doch das Geld soll erst fließen, wenn Griechenland konkrete Reformvorschläge vorlegt, die von den Gläubigern gebilligt werden.

Ende März 2015 legt Tsipras Reformvorschläge vor, die Gläubiger lehnen sie umgehend ab – so wie alle der zahlreichen Reformlisten, die im Frühjahr aus Athen nach Brüssel geschickt werden. Der Ton wird noch rauer, die Drohgebärden drastischer. Die Griechen holen viele Milliarden Euro von ihren Bankkonten. Dennoch scheint ein Kompromiss in letzter Sekunde zu gelingen – bis zum 26. Juni: Tsipras kündigt ein Referendum über die Forderungen der Geldgeber an und empfiehlt den Griechen, gegen sie zu stimmen, die griechischen Verhandler werden aus Brüssel abgezogen. Die Euro-Finanzminister beschließen, das Hilfsprogramm auslaufen zu lassen – ohne die letzte Tranche zu überweisen. Die griechische Regierung verhängt Kapitalverkehrskontrollen, vom 29. Juni an sind die Banken geschlossen, Abhebungen und Überweisungen gedeckelt.

In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli endet das zweite Hilfsprogramm – und Griechenland bleibt zum ersten Mal seit Beginn der Krise eine Kreditrate schuldig: 1,54 Milliarden Euro hätte das Land an den IWF zahlen müssen. Die Geldgeber lehnen neue Verhandlungen bis zum Referendum am 5. Juli ab, Tsipras und Varoufakis knüpfen ihre politische Zukunft an ein Nein des Volks zu den Gläubiger-Forderungen. Im ganzen Land bilden sich lange Schlangen vor Geldautomaten, pro Tag gibt es höchstens 60 Euro. Rentner warten stundenlang vor den wenigen offenen Bankfilialen auf einen Teil ihrer Renten.

Am 5. Juli findet das Referendum über die Sparauflagen statt. Begleitet wird es zum Teil von scharfen Angriffen auf Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU), der auf Plakaten als Vampir verunglimpft wird. Nachdem die Umfragen lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraussagen, triumphiert am Ende Tsipras: 61 Prozent der Abstimmenden folgen seinem Rat, die Reformforderungen der Gläubiger abzulehnen.

Unmittelbar nach dem Referendumserfolg vollzieht Tsipras eine beachtliche Kehrtwende: Sein umstrittener Finanzminister Varoufakis tritt zurück und braust am 6. Juli mit Ehefrau Danae von dannen (Foto). Kurz darauf legt Tsipras mit Unterstützung der französischen Regierung ein umfassendes Reformpaket vor, das den Forderungen der Gläubiger weit entgegenkommt. Obwohl dies eine 180-Grad-Wende bedeutet, bekommt Tsipras in der Nacht auf den 11. Juli im Parlament eine Mehrheit für die Aufnahme von Verhandlungen – allerdings nur mithilfe der Opposition.

Falls Tsipras sich von seinem Reformvorschlag eine schnelle Einigung erhofft hat, so wird aufs Gröbste enttäuscht. Zunächst bringt Finanzminister Wolfgang Schäuble vor einem Treffen mit seinen Amtskollegen die Option einen zeitweiligen Euro-Austritt ins Gespräch. Beim anschließenden Euro-Gipfel in der Nacht vom auf den 13. Juli verhindert EU-Ratspräsident Donald Tusk laut Teilnehmern ein Scheitern nur, indem er Merkel und Tsipras verbietet, den Raum zu verlassen. Am Ende wird Griechenland zwar ein neues Hilfsprogramm in Aussicht gestellt, nicht zuletzt auf Betreiben von Frankreichs Präsident Francois Hollande (M.). Doch Tsipras muss dafür Bedingungen akzeptieren, die deutlich härter als das ursprüngliche Angebot der Gläubiger sind.

Am 15. Juli muss das griechische Parlament die ersten Reformen beschließen, das Ultimatum haben die Euro-Partner gestellt. Für Tsipras und seinen neuen Finanzminister Efklidis Tsakalotos wird die Abstimmung jedoch zur Nervenprobe, denn der Widerstand in der Regierungspartei Syriza reicht bis zur Parlamentspräsidentin Zoi Konstantopoulou. Zwar bekommt Tsipras eine knappe Regierungsmehrheit zustande, doch die Spaltung seiner Partei ist nicht mehr zu übersehen. Darauf reagiert der Regierungschef, indem er zwei Tage später sein Kabinett umbildet und rebellische Minister entlässt. In der Nacht auf den 23. Juli werden weitere Reformforderungen verabschiedet, der Weg zu neuen Verhandlungen mit den Geldgebern ist vorerst frei.

Der Widerstand gegen den Reformkurs bleibt groß. Ab Januar 2016 blockieren griechische Bauern aus Protest gegen die geplante Rentenreform und Steuererhöhungen wochenlang Straßen, Bahnschienen und Grenzübergänge im ganzen Land. Anfang Februar kommt es zu einem mehrtägigen Generalstreik.

Für Griechenlands Bonitätsnoten ging es lange nur abwärts. Am 22. Januar 2016 aber kommt die Rating-Agentur Standard and Poor's zum Schluss, Griechenland erfülle weitgehend die Reformauflagen. Die Bewertung des Landes wird von B- auf CCC+ erhöht.

Die Proteste vor dem Parlament bleiben vergeblich: Am 8. Mai wird ein weiteres Sparpaket verabschiedet. Es ist mittlerweile das dreizehnte und hat ein Volumen von 5,4 Milliarden Euro.

Im Oktober 2016 bricht der seit langem schwelende Streit zwischen dem Internationalen Währungsfonds und den europäischen Geldgebern wieder auf. IWF-Chefin Christine Lagarde macht weitere Schuldenerleichterungen für Griechenland zur Bedingung für eine Beteiligung am dritten Kreditprogramm, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble lehnt dies ab. Eine Einigung misslingt, der IWF beteiligt sich letztlich nicht mehr finanziell - obwohl dies eine wichtige Voraussetzung für die Zustimmung des Bundestags war.

Am 18. Mai 2017 verabschiedet das griechische Parlament ein neues Sparpaket. Es beinhaltet weitere Rentenkürzungen und Steuererhöhungen. Gegen die Beschlüsse protestieren die Gewerkschaften mit einem Generalstreik protestiert, vor dem Parlament kommt es zu Ausschreitungen.

Im September 2017 wird deutlich, dass Griechenland auch nach dem ersehnten Ende der Hilfsprogramme nicht komplett unabhängig wird. EU-Währungskommissar Pierre Moscovici stellt klar, dass das Land unter verschärfter Aufsicht bleibt, bis es drei Viertel seiner Kredite zurückgezahlt hat.

Am 21. Juni 2018 beschließen die Euro-Finanzminister die Überweisung einer letzten Zahlung über 15 Milliarden Euro sowie weitere Schuldenerleichterungen durch gestreckte Rückzahlungsfristen. "Ich denke, dies ist das Ende der griechischen Krise", sagt Finanzminister Euklid Tsakalotos. EU-Währungskommissar Pierre Moscovici behauptet sogar: "Die griechische Krise ist heute Abend vorbei." Das Land ist aber noch über Jahrzehnte an Auflagen der Geldgeber gebunden - darunter das konstante Erwirtschaften von Überschüssen.

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Seite 1
Duffy73 14.08.2018
1.
Die Lehre sollte sein: Länder, die die Kriterien für den Euro nicht erfüllen wollen und/oder können, sollte man auch nicht zum Euro drängen, nur weil die eigene Wirtschaft davon profitieren würde. In Fachkreisen war von Anfang an klar, dass sowas in der Art passieren würde. Aber man hat nicht auf sie gehört... http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/konjunktur/euro-raum-griechenland-erschwindelte-euro-beitritt-1189739.html
rieberger 14.08.2018
2. Ich würde gerne glauben
Es erfreut meine Augen zu lesen, dass die Krise vorüber sei. Das würde ich Land und Leuten gönnen, die ich schätze. Allein mir fehlt der Glaube. Wenn die Politik auf Optimismus macht, versucht man oft, einen beklagenswerten Zustand zu kaschieren. Wie kann ein relativ kleines Land mit diesen enormen Schulden, deren größter Wirtschaftszweig die Wett-Unternehmen darstellen, diese mit Zinsen und Tilgung bewältigen? Sind die strukturellen hausgemachten Probleme hinsichtlich Vetterleswirtschaft, Korruption und Steuerhinterziehung so leicht und vor allem so schnell abzustellen? Läßt sich ein Mentalitätswandel diesbezüglich überhaupt feststellen, oder geht es jetzt so weiter wie die Jahrzehnte zuvor? Fragen, deren Beantwortung meiner Einschätzung nach, wenig Grund zu Optimismus liefern. Ich würde mich gerne täuschen und wünsche den Griechen, dass sie bald prosperieren und ihr Staat über die Mittel verfügt, die er benötigt. Dann hätte Griechenland sogar einen Modellcharakter. Das wünschte ich allen Beteiligten!
troll_von_luftikus 14.08.2018
3. Unsere Lehren aus der Griechenlandkrise?
Ja, der Artikel ist schön geschrieben, aber er bringt nichts neues. Wir wissen nur, dass Vertäge und Zusagen nichts gelten, ja es war eine dramatische Entwicklung für Griechenland und vor allem für die meisten Griechen und viele leiden heute noch unter dem Diktat, aber bis heute wurde kein Verantwortlicher in Griechenland noch von den Beführwortern in die Pflicht genommen, kein Wort des Bedauern. Keine Klärung wer eigentlich gerettet wurde, Griechenland oder die privaten Gläubiger und Banken. Was wird mit der gewaltigen Schuldenlast, die ja über Jahrzehnte gestundet ist, d.h. es sind Beträge die nicht eingefordert werden, die Verantwortlichen mogeln sich somit um eine klare Aussage herum.
stadtmusikant123 14.08.2018
4. Kein Anlass zum Jubeln
In Griechenland ist nur eines gewiß, der stetige Anstieg der Verschuldung. Die in Relation zum BIP ist kein Grund zum Optimismus. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/163692/umfrage/staatsverschuldung-in-der-eu-in-prozent-des-bruttoinlandsprodukts/ Da sind wohl noch jede Menge "Hausaufgaben" nicht gemacht worden.
theodtiger 14.08.2018
5. Schwierig - aber soweit gut gegangen
Bisher entfallen die Kosten der Griechenlandkrise im wesentlichen auf die griechische Bevölkerung und Wirtschaft sowie auf die private Banken, die einen Schuldenschnitt akzeptieren mussten. Darüber hinaus hat diese Krise zu erheblichen politischen Spannungen geführt - aber als solche die Steuerzahler in den anderen Euroländern nichts gekostet (allenfalls leichte Zinseinnahmen gebracht). Die Niedrigzinspolitik der EZB ist Teil eines weltweiten Vorgehens fast aller Zentralbanken (wobei diejenigen die früher eine Nullzinspolitik gefahren sind - so die FED in den USA - auch eher diese wieder verlassen konnten). Die Risiken durch den ESM liegen unter normalen Bedingungen bei den Kapitalmärkten, da sich der ESM an diesen Kapitalmärkten langfristig refinanziert hat. Die Bürgschaften der Mitgliedstaaten könnten allenfalls dann ein Risiko darstellen, wenn es den völlig unverantwortlichen Politiken von Erdogan und Trump gelingt, eine neue Weltwirtschaftskrise (Trump) mit Schwerpunkt ostliches Mittelmeer (Erdogan) in gang zu setzen.
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