Griechenland und Europa So funktioniert das Spiel nicht

Der griechische Finanzminister Varoufakis hat sich verzockt. Dabei ist er gelernter Spieltheoretiker - er müsste wissen, wie Verhandlungen laufen. Das Problem: Das Spiel Europa funktioniert nicht mehr, es braucht neue Regeln.

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Griechischer Finanzminister Varoufakis: "Keine bindenden Absprachen"
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Griechischer Finanzminister Varoufakis: "Keine bindenden Absprachen"


Das Desaster ist vorerst vertagt, doch das Drama geht weiter. Nach diversen Krisensitzungen haben sich die Euro-Finanzminister und die griechische Regierung doch noch auf einen Weg verständigt, das Land in der Eurozone zu halten. Immerhin. Ob die Sache aufgeht, ist allerdings ungewiss. Nach fünf Jahren der Hilfsprogramme, Sparmaßnahmen und Reformen kann Griechenland doch noch aus dem Euro herauskippen. Es wäre womöglich der Beginn des Zerfalls der Währungsunion. Nicht sofort, aber auf längere Sicht.

Wie konnte es soweit kommen? Welche spezifischen Bedingungen herrschen in Europa, die es anderswo nicht gibt? Und wie könnte man die Regeln ändern, um die Eurozone doch noch auf Dauer zu stabilisieren?

Beginnen wir mit Griechenlands Finanzminister. Giannis Varoufakis, darauf wurde in den vergangenen Wochen vielfach hingewiesen, ist von Haus aus Spieltheoretiker. Ein Fachmann also für einen Zweig der Volkswirtschaftslehre, der analysiert, wie sich rational handelnde Personen in Konfliktsituationen verhalten, etwa bei Verhandlungen oder bei Wettkämpfen.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

Eines der einfachsten strategischen Spiele ist das sogenannte Chicken Game, wie es etwa aus dem George-Lucas-Filmklassiker "American Graffiti" bekannt ist: Zwei Autos rasen aufeinander zu - wer zuerst ausweicht, hat verloren. Zuletzt hatte man gelegentlich den Eindruck, als folge die neue griechische Regierung dem Chicken-Game-Drehbuch. Einem "unkooperativen Spiel", wie es im Jargon genannt wird.

Wir lesen nach bei Giannis Varoufakis: "In unkooperativen Spielen gibt es keine bindenden Absprachen. Die Spieler können sagen, was immer sie wollen, es gibt keine externe Stelle, die sie dazu zwingen kann, zu tun, was sie zugesagt haben." So steht es auf Seite 113 des Buchs "Game Theory", das er 1995 mit seinem Co-Autor Shaun Hargreaves Heap veröffentlichte.

Es ist vernünftig, auch mal zurückzutreten

Soweit die Theorie. In der politischen Realität jedoch funktioniert dieser Was-stört-mich-mein-Geschwätz-von-gestern-Ansatz nicht. Varoufakis hat es gerade erlebt: Ganz allein stand er gegen die größtmögliche Koalition aus den übrigen 18 Euro-Finanzministern.

Spieltheoretisch ausgedrückt: In der Eurozone haben wir es mit einem "Superspiel mit unendlichem Zeithorizont" zu tun. Die Akteure sitzen also nicht nur einmal zusammen, sondern unabsehbar oft. In einem solchen Setting sind andere Strategien erfolgreich: Wer sich rücksichtslos durchzusetzen versucht, kann in der nächsten Runde von den anderen bestraft werden.

Wer sich hingegen kooperativ verhält, kann seinerseits mit Kooperation belohnt werden. Es ist also vernünftig, auch mal zurückzustecken, anders als in einfachen Spielsituationen. Berechenbarkeit zahlt sich aus. Vertrauen und Glaubwürdigkeit werden zu entscheidenden Kategorien.

So lässt sich das Agieren Wolfgang Schäubles interpretieren: Er bleibt unbeirrt auf Kurs - Hilfe ja, aber nur zu harten Bedingungen; kein Einstieg in eine Transferunion; Schuldenabbau, auch wenn es sehr lange dauert. Man kann mit Recht fragen, ob dieser Kurs ökonomisch richtig ist. Politisch aber ist er bislang erfolgreich: Seine Anhängerschaft in der Eurozone wächst - Spanier, Iren, Portugiesen und die meisten osteuropäischen Länder haben wenig Neigungen, Griechenland mit weiteren Sonderkonditionen zu helfen.

Bislang erfolgreich, diese Einschränkung ist wichtig. Denn sobald die Eurozone - und damit das europäische Integrationsprojekt - insgesamt ins Wanken gerät, sind die Kosten für Deutschland politisch und wirtschaftlich desaströs hoch.

Das bisherige System ist wackelig

Die Griechenland-Krise zeigt, wie fragil die Konstruktion der Währungsunion ist. Chronische ökonomische Probleme in einem Mitgliedstaat können zu nicht mehr beherrschbaren Situationen führen. Heute geht es um Griechenland, im Herbst vielleicht um Spanien, übernächstes Jahr womöglich um ein Front-National-regiertes Frankreich.

Die Eurozone mag ein "Superspiel" betreiben, aber es ist immer noch ein unkooperatives. Vertreter souveräner Regierungen verhandeln miteinander. Das funktioniert nur, solange eine große Mehrheit an einem Strang zieht. Können sie sich nicht einigen, gibt es keine Instanz, die sie dazu zwingt.

Es gibt zwei Möglichkeiten, zu einer nachhaltig stabilen Konstellation zu kommen:

  • Entweder eine überragende Großmacht sorgt für "hegemoniale Stabilität" und schafft eine internationale Ordnung, der sich die anderen fügen. So wie die USA nach dem Zweiten Weltkrieg. Im heutigen Europa müsste wohl Deutschland diese Rolle übernehmen.
  • Oder die Eurozone schafft den Sprung in die Welt der "kooperativen Spiele". Eine übergeordnete Instanz wird geschaffen, die eigene Legitimität genießt und in der Lage ist, Absprachen zwischen den Mitgliedstaaten bindend zu machen. Wer Verträge verletzt, wird zur Rechenschaft gezogen.

Dass Deutschland, der "zögerliche Hegemon", wie ihn die britische Zeitschrift "The Economist" bezeichnet, auf Dauer die Eurozone beherrschen kann, ist weder politisch erträglich noch ökonomisch tragbar. Nur eine föderale Lösung kann deshalb der Eurozone dauerhafte Stabilität garantieren.

In diesem neuen Spiel werden auch bundesstaatliche Mechanismen der (begrenzten) Umverteilung und Risikoteilung möglich, ohne die kein Währungsraum der Welt auf Dauer funktioniert. Ein eigenes Eurozonen-Parlament würde über ein Eurozonen-Budget entscheiden, finanziert aus eigenen Steuern. Ein Teil der nationalen Schulden würde zu Eurobonds zusammengefasst. Auch der Rettungsfonds ESM würde von diesem Parlament kontrolliert. Eine einheitliche Mindestsicherung würde eingeführt. Eine Eurozonen-Regierung - ein Euro-Finanzminister - bekäme eigene Durchgriffsrechte in den Mitgliedstaaten.

Dies ist, zugegeben, eine kühne Vision. Chance auf baldige Realisierung? Fehlanzeige. Das Drama geht weiter.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche

MONTAG

MÜNCHEN - Aufwärts? Westwärts! - Das Ifo-Institut stellt seinen Geschäftsklimaindex für Deutschland vor. Der billige Euro und das florierende US-Geschäft sollten helfen.

BERLIN - Kampf dem Chlorhuhn - Lange haben sie den NGOs das Feld überlassen. Nun wirbt die deutsche Wirtschaft für das Handelsabkommen TTIP mit den USA: BDI und DIHK bitten zum "Transatlantischen Wirtschaftsforum". Anschließend befasst sich die SPD mit dem Thema - kritisch natürlich. Immer dabei: SPD-Chef Gabriel und EU-Handelskommissarin Malmström.

BÖBLINGEN- Lohn-Poker I - Vierte Runde der Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg.

DIENSTAG

BERLIN - Kein Wohlstand ohne Freiheit - Amnesty International Deutschland veröffentlicht den Report zur Lage der Menschenrechte.

MÜNCHEN - Lohn-Poker II - Vierte Runde der Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie Bayerns.

KASSEL - Lohn-Poker III - Tarifverhandlungen für die Beschäftigten der chemischen Industrie.

MITTWOCH

WASHINGTON - Yellen erklärt sich - US-Notenbank-Chefin Janet Yellen wird vom Finanzausschuss des US-Repräsentantenhauses zur Wirtschafts- und Geldpolitik befragt.

DONNERSTAG

NÜRNBERG - Mühen der Ebene - Beschäftigung auf dem Hochplateau: Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht die Zahlen für Februar.

BRÜSSEL/NÜRNBERG - Vertrauensfragen - Die EU-Kommission veröffentlicht neue Daten zum Wirtschaftsvertrauen, zum Verbrauchervertrauen und zum Geschäftsklima in der Eurozone. Auch der deutsche Gfk-Konsumklimaindex für März erscheint.

MÜNCHEN - Hoffentlich versichert - Gewinne in Zeiten von Nullzinsen: Die Allianz stellt ihre 2014-Bilanz zur Diskussion. Journalisten und Analysten dürfen mitmachen.

LEVERKUSEN - Pillen, Plastik und so - Die Bayer AG lädt zur Bilanzpressekonferenz.

BONN - Magenta (ohne Gelb) - Die 2014-Zahlen der Deutschen Telekom.

POTSDAM - Lohn-Poker IV - Zweite Tarifverhandlungsrunde für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst der Länder.

BERLIN - Lohn-Poker V - Fortsetzung der unendlichen Tarifgespräche zwischen der Bahn und der Lokführergewerkschaft GDL erwartet.

FREITAG

BRÜSSEL - Unkooperatives Spiel - Die EU-Kommission gibt Bewertung zur Lage der Staatsfinanzen in Frankreich, Italien und Belgien ab.

ATHEN - Tsipras vs. Realität - Endgültige Zahlen zum griechischen Wirtschaftswachstum im vierten Quartal 2014.

WIESBADEN - Deflationssorgen - Deutscher Verbraucherpreisindex für Februar (vorläufig).

MÜNCHEN - Major Tom legt vor - Airbus-Chef Tom Enders stellt sich bei der Bilanzpressekonferenz.

LUDWIGSHAFEN - Anilin, Soda & so - Der weltgrößte Chemiekonzern BASF hat zur Bilanzpressekonferenz geladen.

WOLFSBURG - Linke Spur oder Standstreifen? - Volkswagen berichtet vom Geschäft im Jahre 2014.

BERLIN - Lohn-Poker VI - Erste Sitzung der Mindestlohn-Kommission.

SONNTAG

TALLINN - Nummer 17 stimmt ab - Estland, 17. Eurostaat und Nato-Grenz-Land zu Putins Russland, wählt ein neues Parlament.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 352 Beiträge
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Seite 1
frank-12 21.02.2015
1. Die EU ist nicht demokratisch
und da helfen auch keine Spieltheorie mehr. Die EU entwickelt sich zu einem diktatorisch-faschistischen Gebilde. Größenwahn und Unmenschlichkeit gewinnen die Oberhand siehe: Griechenland, Flüchtlinge, TTIP, Euro-Dauerkrise, Neoliberaler Sozialismus, ... Ich hatte darauf gehofft, dass Griechenland das sinkende Schiff verlässt. Dauert wohl noch etwas.
karend 21.02.2015
2. Regeln und das Einhalten
Vielleicht müssten die Regeln verändert werden, so wie die Zeit nun einmal Veränderungen bringt. Regeln allein sind jedoch nicht das Problem. Das Problem war und ist das strikte Einhalten der Regeln von allen Parteien.
garfield 21.02.2015
3.
---Zitat von sysop--- Der griechische Finanzminister Varoufakis hat sich verzockt. ---Zitatende--- Soso, na dann schauen wir doch mal: die EU-Länder haben die Weiterführung des Hilfsprogramms beschlossen, Griechenland muss aber erst am Dienstag seine Reformvorstellungen vorlegen. Das wäre so, als gewährte mir die Bank einen Kredit und bittet, dass ich die Bedingungen nachreiche. WER hat sich da eigentlich verzockt. ---Zitat von sysop--- Soweit die Theorie. In der politischen Realität jedoch funktioniert dieser Was-stört-mich-mein-Geschwätz-von-gestern-Ansatz nicht. ---Zitatende--- O doch, leider viel zu gut, wie man gerade an der deutschen Politik sehen kann. So etwas ist übrigens bei jeder Wahl die Regel. Ansonsten muss ich echt lachen, wie der Autor Varoufakis "Spieltheorie" erklären will - und die Logik dabei nur stört: ---Zitat von sysop--- Wer sich hingegen kooperativ verhält, kann seinerseits mit Kooperation belohnt werden. Es ist also vernünftig, auch mal zurückzustecken, ... So lässt sich das Agieren Wolfgang Schäubles interpretieren: Er bleibt unbeirrt auf Kurs ---Zitatende--- Das schafft nur Merkel, sich in zwei aufeinander folgenden Sätzen zu widersprechen. Wobei die Behauptung des Autors ja auch nicht stimmt. Schäubles vorschnelles aus-der-Hüfte-Schießen wurde von den anderen EU-Ländern kritisiert - so viel übrigens zur angeblichen "Einheitsfront", der sich Griechenland gegenüber sah. Es ist Schäuble, der eingeknickt ist und der Verlängerung ja doch zustimmte, wo er Minuten nach dem Erhalt des Briefes noch groß tönte, das käme nicht in Frage.
Olaf 21.02.2015
4.
Es ist ja auch kein Spiel, sondern bitterer Ernst.
mijaps 21.02.2015
5. Europa ?
Diese Bürokratenkonstruktion ist heute weiter vom Volk entfernt als jemals vorher. Was immer sie da in Brüssel oder auf endlosen Konferenzen sonstwo herumfaseln, interessiert nur noch am Rande. In den Herzen und in den Köpfen der Völker ist dieses Europa der egoistischen Funktionäre und raffgierigen Berufspolitiker schon lange gestorben. Die Brüsseler Berufs-Egoisten, die nur in die eigenen Taschen raffen, haben nur noch nicht gemerkt, daß niemand zur Beerdigung der europäischen Idee gekommen ist.
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