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Griechenland-Krise: Jetzt hilft nur noch die Pleite

Ein Kommentar von

Griechenland hat seine Geldgeber erneut enttäuscht. Die Regierung will mehr Zeit zum Sparen - und braucht noch mehr Hilfsmilliarden. Nichts davon können die EU-Partner dem Land gewähren, ohne ihre eigene Glaubwürdigkeit zu verlieren. Die Rettungspolitik ist gescheitert. Zeit für einen Neuanfang.

Säulengang in Athen: Die Wirtschaft wird noch stärker schrumpfen als befürchtet Zur Großansicht
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Säulengang in Athen: Die Wirtschaft wird noch stärker schrumpfen als befürchtet

Hamburg - Offiziell läuft alles nach Plan. Im September wollen die Kontrolleure von EU, EZB und Internationalem Währungsfonds (IWF) wieder nach Athen reisen, um die Fortschritte des griechischen Sparprogramms zu überprüfen. Dann, so die Ankündigung, könnten auch wieder Milliarden-Hilfen aus dem zweiten Rettungspaket fließen, das die Euro-Länder und der IWF im Februar für das Land geschnürt hatten.

Doch in Wahrheit ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass die insgesamt 130 Milliarden Euro aus dem Rettungspaket jemals voll ausgezahlt werden. Und noch unwahrscheinlicher ist es, dass das Geld Griechenland vor der Pleite bewahrt.

Die Annahmen, die dem aktuellen Programm vom Februar zugrunde liegen, sind schon jetzt überholt. Statt um 4,5 Prozent, wie damals geschätzt, wird die griechische Wirtschaft in diesem Jahr voraussichtlich um sieben Prozent schrumpfen. Das bedeutet noch weniger Steuereinnahmen und noch mehr Sozialausgaben. Da ist es fast egal, dass die griechische Regierung die vereinbarten Sparprogramme nun offenbar auch noch um zwei Jahre strecken will.

Klar ist: Griechenland braucht nicht nur mehr Zeit, sondern auch mehr Geld. Und die bisherigen Finanziers, allen voran die großen Euro-Staaten und der IWF, können oder wollen dem Land nicht noch mehr geben. Das ist politisch nachvollziehbar: Man mag sich nur einmal vorstellen, was sich Angela Merkel anhören müsste, würde sie dem Bundestag ein drittes Griechen-Paket vorlegen. Die eigenen Abgeordneten würden sie wahrscheinlich aus dem Haus jagen.

Allerdings hat sich die Kanzlerin selbst in diese verzwickte Lage gebracht. Zu sehr hat sie sich darauf versteift, dass die Probleme der europäischen Südländer nur durch eisernes Sparen zu lösen seien und den Griechen der Wille dazu fehle. Nun kann sie von dieser Lesart der Krise kaum mehr abrücken.

Europas Politiker zögern die notwendige Pleite hinaus

Falls die Griechenland-Politik von Merkel und Co. je das Ziel hatte, das Land vor dem Bankrott zu retten, dann ist sie gescheitert. Die drastischen Sparmaßnahmen haben die Wirtschaftskrise nur noch verschlimmert und die Schulden immer weiter erhöht. Trotzdem haben die Geldgeber darauf beharrt, den Kurs fortzusetzen - auch als längst klar war, wohin das führen würde.

Nun ist das Ende dieser Politik offenbar gekommen. Weder Euro-Länder noch der IWF können Griechenland neue Hilfen gewähren, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. In der Konsequenz heißt das: Griechenland muss pleitegehen.

Noch scheuen Europas Politiker diesen Schritt - vielleicht auch, weil der neue Rettungsfonds ESM noch nicht einsatzfähig ist, der die ökonomischen Folgen einer Griechenland-Pleite abfedern soll.

Stattdessen versuchen sie es mit einem gefährlichen Provisorium: Die Regierung in Athen soll sich das Geld, das sie braucht, bei den maroden griechischen Banken leihen. Die Institute erhalten im Gegenzug Staatsanleihen, die sie wiederum bei der Zentralbank in Athen als Sicherheiten für neue Kredite hinterlegen können. So finanziert also die griechische Zentralbank den griechischen Staat - ein Hütchenspiel, das umso riskanter wird, je länger es dauert. Am Ende müssen alle Euro-Staaten ohnehin gemeinsam für diese Risiken geradestehen.

Schon jetzt wäre eine Griechen-Pleite teuer genug. Allein auf Deutschland würden Schätzungen zufolge Kosten von rund 80 Milliarden Euro zukommen. Um diese Zahl nicht noch weiter zu erhöhen, wäre es richtig, endlich einen Schnitt zu machen.

So unabsehbar die Folgen auch sein mögen: Ein Bankrott scheint die einzige Möglichkeit, die verfahrene Situation irgendwie aufzulösen. Griechenland wäre damit seine Schulden los und hätte die Chance auf einen Neuanfang - entweder mit dem Euro oder ohne ihn. Und die Geldgeber in Berlin und Brüssel könnten sich endlich aus der Spirale von Drohungen und Rettungen befreien, in die sie sich selbst manövriert haben.

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insgesamt 258 Beiträge
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1. Dr.
braintainment 15.08.2012
"Man mag sich nur einmal vorstellen, was sich Angela Merkel anhören müsste, wenn sie dem Bundestag ein drittes Griechen-Paket vorlegen würde. Die eigenen Abgeordneten würden sie wahrscheinlich aus dem Haus jagen." Unwahrscheinlich... die Abnicker stehen schon in den Startlöchern!
2. Die Konkursverschleppung
elwu 15.08.2012
seitens der Regierungen sowie der demokratisch nicht legitimierten Organisationen EU und EZB ist seit Jahren bekannt. Und viele Kommmentatoren in den Blogs haben seit Jahren das geschrieben, das nun so langsam auch mal Herrn Kaiser auffällt: Griechenland ist unrettbar innerhalb des Euro, ein Faß ohne Boden. Die Frage ist erlaubt, warum die Medien dem Kanzlerinnenkurs so lange die Treue hielten.
3. So ist es
Soilets 15.08.2012
Für Griechenland wäre es sogar ein Seegen, wenn es nicht nur den Euro, sondern auch diese erdrückende Europäische "Gemeinschaft" verlassen würde! Ich will das Griechenland zurück, dass ich vor dem EU-Beitritt 1981 kannte. Damals hatte zwar nicht jede Familie zwei Autos und drei TVs, aber es war eine homogene und zufriedene Gesellschaft. Also nichts wie raus aus dieser "Gemeinschaft", dann haben wir wieder eine Chance auf einen Neuanfang.
4. Gescheitert
Trivalent 15.08.2012
Zitat von sysopAPGriechenland hat seine Geldgeber erneut enttäuscht. Die Regierung will mehr Zeit zum Sparen - und braucht noch mehr Hilfsmilliarden. Nichts davon können die EU-Partner dem Land gewähren, ohne ihre eigene Glaubwürdigkeit zu verlieren. Die Rettungspolitik ist gescheitert. Zeit für einen Neuanfang. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,850178,00.html
Wetten dass ... die EG den Liederlichkeitskurs fortsetzt auf Kosten Derer, die ihren "Laden" auch nur halbwegs noch im Griff haben? Was gescheitert ist, das ist der naive Glaube, unsere Politiker seien zuerst einmal für ihre Wähler da! Pfeifendeckel!!! Die Angst vor der Zukunft macht aus den Regierenden Getriebene! Vor allem, wenn man so eine Opposition hat, die den "Südstaatenkurs" skrupellos beschönigt und als den bequemeren Weg natürlich gerne verteidigt.
5. Jetzt oder Nie
stesch 15.08.2012
Zitat von sysopAPGriechenland hat seine Geldgeber erneut enttäuscht. Die Regierung will mehr Zeit zum Sparen - und braucht noch mehr Hilfsmilliarden. Nichts davon können die EU-Partner dem Land gewähren, ohne ihre eigene Glaubwürdigkeit zu verlieren. Die Rettungspolitik ist gescheitert. Zeit für einen Neuanfang. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,850178,00.html
Die griechische Agonie zieht sich mehr als zwei Jahre hin. Wenn jetzt die Konsequenzen nicht gezogen werden, ist das ganze Projekt Euro-Zone dem Untergang geweiht. Aus der Schulden-Krise ist längst eine Bail-Out-Krise geworden. Ein Austritt Griechenlands bietet Chancen für alle - nicht zuletzt für Griechenland selbst.
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,063 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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So funktioniert der Rettungsfonds ESM
Volumen
Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) kann bis zu 500 Milliarden Euro an Hilfsgeldern vergeben. Nur 80 Milliarden Euro davon werden wirklich eingezahlt, der Rest sind Garantien. Nicht angerechnet werden die bereits vergebenen Hilfen aus dem vorläufigen Rettungsfonds EFSF sowie bilaterale Kredite der Euro-Staaten an Griechenland.
Einzahlung
Die 80 Milliarden Euro Kapital werden in fünf Tranchen eingezahlt; zwei im Jahr 2012, zwei weitere 2013 und eine letzte bis Mitte 2014. Erst dann hat der Fonds sein komplettes Ausleihvolumen von 500 Milliarden Euro erreicht. Bis dahin kann es eng werden: Der ESM muss stets 15 Prozent von dem Geld besitzen, das er in Notfällen verleiht. Er müsste also 15 Milliarden Euro besitzen, um ein Rettungspaket von 100 Milliarden Euro schnüren zu können. Um für eine Übergangsphase gerüstet zu sein, soll der vorläufige Rettungsfonds EFSF noch bis Mitte 2013 einspringen können, falls der ESM noch nicht ausreichend gefüllt ist. Im EFSF befinden sich noch rund 240 Milliarden Euro, die nicht für bestehende Hilfsprogramme ausgegeben wurden.
Aufgabe
Der ESM soll Mitgliedsländern der Euro-Zone helfen, die Schwierigkeiten haben, sich am Finanzmarkt frisches Geld zu leihen - etwa wenn die Zinsen für Staatsanleihen zu hoch sind, um sie dauerhaft zahlen zu können. Es gibt keine feste Definition, ab welchem Zinsniveau Staaten Hilfe beantragen müssen oder können - als Faustregel gelten aber sieben Prozent für zehnjährige Staatsanleihen. Bei Erreichen dieses Werts hatten Länder wie Portugal oder Irland Hilfen aus dem Vorgängerfonds EFSF beantragt. Im Gegenzug für Hilfen aus den Rettungsfonds müssen die Krisenländer strenge Sparauflagen einhalten und Strukturreformen beschließen.

Internationale Hilfen für Griechenland – Haftung Deutschlands
Insgesamt Anteil DE
(1) 1. Hilfspaket Euroländer 52,9 15,2
(2) 1. Hilfspaket IWF 20,1 1,2
(3) 2. Hilfspaket EFSF 73,9 21,5
(4) 2. Hilfspaket IWF 1,6 0,1
(5) Käufe griechischer Staatsanleihen 45 12,4
(6) Target-Verbindlichkeiten (April 2012) 96,9 27,0
(7) Verbindlichkeiten aus der überproportionalen Ausgabe von Banknoten (April 2012) 17,4 4,8
Summe bei Konkurs und Austritt
(Posten 1 bis 7)
307,8 82,2
(8) Forderungen der griechischen Zentralbank gegenüber dem Bankensystem (Juni 2012) 137,5 38,3
Summe bei Konkurs und Verbleib
(Posten 1 bis 5 und 8)
331,0 88,7
Ausgezahlte Hilfen (Datenstand: 24. Juli 2012) in Mrd. Euro
Quelle: ifo Institut

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