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Griechenland-Krise: Ökonomen warnen vor dem Domino-Crash

Aus Davos berichtet

Griechenland steht vor der Pleite - und Europa fürchtet um den Euro. Fieberhaft suchen Politiker und Ökonomen auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos nach einem Ausweg. Doch damit wären die Probleme längst nicht gelöst, denn auch andere EU-Länder kämpfen mit gigantischen Haushaltslöchern.

Protest von Feuerwehrleuten in Athen: Die politische Lage ist ohnehin angespannt Zur Großansicht
AP

Protest von Feuerwehrleuten in Athen: Die politische Lage ist ohnehin angespannt

Das Finanzdesaster in Griechenland ist eine schwere Herausforderung - nicht nur für das Land selbst, auch für die Europäische Union. Soll die Gemeinschaft das marode Land retten? Oder soll Brüssel zusehen, wie Athen möglicherweise in die Pleite schlittert?

Spekulationen über eine Rettungsaktion anderer EU-Länder reißen nicht ab, trotz aller Dementis. Ohnehin brodelt die Gerüchteküche mächtig: Von einem möglichen Ausstieg Griechenlands aus der Euro-Zone war in den vergangenen Tagen die Rede. Dann wieder hieß es in der "Financial Times", die US-Bank Goldman Sachs Chart zeigen habe China griechische Staatsanleihen in Höhe von 25 Milliarden Euro angeboten, mit denen der südosteuropäische Staat sich zumindest minimal sanieren wolle.

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos wehrt sich der griechische Premier Giorgos Papandreou heftig gegen solche Berichte. Seine These: Spekulanten hätten Behauptungen gestreut, um sich an der Krise des Staates zu bereichern. "Was wir in den letzten Monaten gesehen haben, ist eine Attacke auf die Euro-Zone." Griechenland sei ins Kreuzfeuer geraten, weil es das schwächste Glied der Gemeinschaft sei.

Fest steht: Die Angst vor einer Staatspleite hat die Zinsen für griechische Staatsanleihen auf mehr als sieben Prozent nach oben getrieben, vor wenigen Monaten musste das Land nur vier Prozent für seine Kredite zahlen. Die dramatische Entwicklung belastet auch den Euro Chart zeigen. Die Währung sieht nur deshalb einigermaßen stabil aus, weil auch der Dollar kriselt.

Ökonomen warnen, die ganze EU könnte geschwächt werden

Selbst Top-Ökonomen sind in dieser Situation ratlos. "Es ist sehr schwer vorherzusehen, was passieren wird", sagt Harvard-Professor Kenneth Rogoff in Davos. Doch soviel scheint sicher: Das Finanzdesaster in Griechenland sei eine Herausforderung für den Euro, schließlich sei die Währung noch "ein Teenager".

Dennis Snower, Chef des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) warnt dringlich davor, dass andere EU-Länder Griechenland jetzt zu Hilfe eilen. "Sollten andere Länder einspringen, in welcher Form auch immer, würde das verheerende Anreize setzen", sagt er. "Die Risikoprämien für die gesamte EU auf den Finanzmärkten würden steigen. Das würde die ganze Europäische Union schwächen."

Premierminister Papandreou verfolgt nun eine eigene Strategie: Beim Weltwirtschaftsforum in Davos wirbt er vor allem um Vertrauen. "Alle Griechen" hätten verstanden, dass man handeln müsse, sagte er und kündigte einen "tiefgreifenden Strukturwandel" an. Bis 2012 will der Regierungschef das Haushaltsdefizit auf 2,7 Prozent begrenzen und damit die Maastrichtkriterien erfüllen. Ein ehrgeiziges Ziel. 2009 musste das Land seine Ausgabenlücken mit neuen Krediten stopfen, die sich fast auf 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beliefen.

Wie viel kann man den griechischen Wählern zumuten?

Die Gesamtschulden des Landes betragen mittlerweile satte 300 Milliarden Euro: 113 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Und diese Zahl beinhalte nur die öffentlichen Schulden, warnt Ökonom Rogoff. In einer Wirtschaftskrise müsse die öffentliche Hand aber auch große Teile der Privatschulden übernehmen, die nicht mehr beglichen werden könnten.

Die Skepsis ist deshalb groß, ob Papandreou seine ambitionierten Ziele erreicht. "Die Frage ist ja immer, ob man seinen Wählern so etwas verkaufen kann", sagt Ökonom Rogoff nüchtern über die angekündigten Sparanstrengungen.

Ohnehin ist die Lage in Griechenland angespannt. In Davos erinnern sich Politiker, Manager und Wissenschaftler nur zu gut an die gewalttätigen Demonstrationen wütender Jugendlicher in Athen in den vergangenen Jahren. Bei den Protesten hatte ein Polizist einen Demonstranten erschossen.

"Einige Staaten zeigen gefährliche Schwäche"

Die große Sorge der Experten: Die dramatischen Schwierigkeiten Griechenlands könnten nur der Anfang sein. "Die Peripherie der Euro-Zone, ob es nun Griechenland, Italien, Portugal oder Spanien ist, hat sehr große Probleme mit dem Budgetdefizit, aber auch mit ihrer Wettbewerbssituation", sagt etwa US-Ökonom Nouriel Roubini.

Auch Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle warnt im Bundestag: "Einige Euro-Staaten zeigen gefährliche Schwächen." Das könne "fatale Auswirkungen auf alle Staaten der Euro-Zone haben."

Eine "Gemeinschaftslösung" für solche Länder werde es nicht geben, sagte Brüderle außerdem - doch die wenigsten Beobachter nehmen solche Beteuerungen noch ernst. Griechenland werde sicher nicht hängen gelassen, sagt Rogoff, "da ist der Internationale Währungsfonds, die Europäische Zentralbank, Deutschland."

Tatsächlich loten der Zeitung "Le Monde" zufolge mehrere Länder der Euro-Zone bereits Lösungsmöglichkeiten aus - darunter auch Frankreich und Deutschland. Dabei würden zwei Alternativen geprüft: Entweder eine bilaterale Unterstützung oder das Vorziehen von Mitteln aus dem EU-Strukturfonds, heißt es in dem Bericht. Voraussetzung für Hilfe seien allerdings verstärkte Sparanstrengungen, schreibt das Blatt unter Berufung auf hochrangige EU-Vertreter.

"Im Vergleich zu Entwicklungsländern geht es Griechenland gut"

Aus der EU-Kommission selbst hieß es, im laufenden Defizitstrafverfahren gegen Athen werde man "wahrscheinlich" am kommenden Mittwoch Sparempfehlungen vorlegen. Anschließend müssten die EU-Finanzminister darüber entscheiden. Mit den Empfehlungen soll der griechische Haushalt de facto unter EU-Kontrolle gestellt werden.

Ein schwacher Trost sei das, findet IfW-Chef Snower. Seine Betrachtungsweise ist nüchtern: Wenn Griechenland merken würde, dass niemand einspringen will, würde das Land auch allein Lösungen für seine Probleme finden. Und auch die Bevölkerung würde mitziehen. "Im Gegensatz zu vielen Entwicklungsländern geht es Griechenland gut", sagt Snower. "Die Menschen haben zu essen und warme Kleidung. Deshalb sollte das Land den Augenblick nutzen, das Haus in Ordnung zu bringen. Alles andere ist eine Bedrohung für Europa."

"Alle EU-Länder bräuchten ein mittel- und langfristiges Schuldenmanagement", fordert der Ökonom. Hätte Griechenland einen solchen Plan in der Schublade gehabt und den Finanzmärkten eine Perspektive zu bieten, würde es auch nicht derart abgestraft.

Geld sammeln in China

Nun ist die griechische Regierung allerdings erst einmal mit Notfallmanagement beschäftigt. 54 Milliarden Euro will das Land dieses Jahr allein über die Herausgabe neuer Staatsanleihen auftreiben. Längst wird dabei nicht mehr ausgeschlossen, dabei auch in Ländern außerhalb Europas Geldgeber zu werben. In Zeiten wie diesen kann man sich mit den traditionellen Bond-Kunden in Europa offensichtlich nicht mehr begnügen.

Sogar in China will Finanzminister Giorgos Papakonstantinou seine Papiere anpreisen. "Ich werde irgendwann hinfahren", sagte er am Donnerstag dem US-Sender CNBC.

Immerhin - Abnehmer finden sich noch: Auf Staatsanleihen in Höhe von acht Milliarden Euro, die am Montag auf den Markt gebracht worden waren, hatte es jedenfalls einen veritablen Run gegeben. Die hohen Zinsen scheinen Anlegern die Angst vor einer Landespleite zu nehmen.

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Forum - Griechenland - soll die EU im Notfall einspringen?
insgesamt 1656 Beiträge
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1.
grauer kater 10.12.2009
In Griechenland stand die Wiege der europäischen Kultur, der Demokratie und der modernen Wissenschaften! Die Griechen sind es allemal wert, dass ganz Europa für sie einsteht, denn sie sind Fleisch von unserem Fleische!
2.
DJ Doena 10.12.2009
Zitat von grauer katerIn Griechenland stand die Wiege der europäischen Kultur, der Demokratie und der modernen Wissenschaften! Die Griechen sind es allemal wert, dass ganz Europa für sie einsteht, denn sie sind Fleisch von unserem Fleische!
Isn bisschen sehr philosophisch oder?
3.
grauer kater 10.12.2009
Zitat von DJ DoenaIsn bisschen sehr philosophisch oder?
Liebe zur Weisheit ist eben eine gute menschliche Eigenschaft, die man pflegen sollte. Die menschliche Gesellschaft könnte dabei viel gewinnen, wenn möglichst viele diese Eigenschaft entwickeln würden!
4.
zwangsreunose 10.12.2009
Zitat von sysopRatingagenturen stufen die Kreditwürdigkeit von Griechenland herunter, Pessimisten sprechen gar vom drohenden Staatsbankrott. Experten aber begrüßen die drastische Warnung der Finanzmärkte. Soll die EU im Notfall einspringen?
Europa lebt in erster Linie von seinem Binnenmarkt. Das ist ein geben und nehmen. Griechenland ist dabei. Aber....liebe Nachbarn, Kritik ist berechtigt. Ihr habt neu gewählt. Bringt Euren Laden in Ordnung. Außerdem wäre ich längst für eine Europaanleihe.
5.
grauer kater 10.12.2009
Es gibt nicht die Griechen, sondern normale Menschen, wie Du und ich sowie Politiker und Führungskräfte, die für bestimmte Zustände in der Gesellschaft verantwortlich zeichnen! Meine Solidarität beschränkt sich auf die normalen Menschen, die nichts mit den Machenschaften der "Führer" zu tun haben!
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