Griechenland-Krisensitzung in Brüssel Nordosteuropäer haben genug

"Das Verschwinden dieses Elements kann positiv sein": Mit harschen Worten fordern die nordosteuropäischen Eurostaaten inzwischen den Grexit. Und die Griechen sind ohne neue Vorschläge nach Brüssel gekommen.

Der slowakische Finanzminister Peter Kazimir (M.) in Brüssel: Den Griechen nicht weiter entgegenkommen
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Der slowakische Finanzminister Peter Kazimir (M.) in Brüssel: Den Griechen nicht weiter entgegenkommen

Von , Brüssel


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Am Dienstag geht es für Griechenland mal wieder um alles: Erst tagen in Brüssel die Finanzminister der Eurostaaten, dann kommen die Staats- und Regierungschefs zu einem Sondergipfel zusammen, um die Situation nach dem Griechenland-Referendum zu beraten. Und die sieht alles andere als gut aus: Die hoch verschuldeten Griechen haben das letzte Reformpaket abgelehnt. Sie sind ohne einen neuen Vorschlag nach Brüssel gekommen. Die Gläubiger aber sind nicht bereit, Athen weitere Zugeständnisse zu machen.

Zwar gelten die Deutschen, allen voran Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, in Griechenland als die Hauptverantwortlichen für die verhasste Sparpolitik. Doch verglichen mit der Stimmung in anderen Ländern ist die deutsche Haltung regelrecht moderat. In manchen Staaten dagegen, die in den vergangenen Jahren harte Wirtschafts- und Sozialreformen hinter sich gebracht haben, ist spätestens seit dem Referendum jedes Verständnis für Griechenland aufgebraucht - und das bekommt die Athener Delegation nun zu spüren. Einige machen keinen Hehl daraus, dass sie die Griechen lieber heute als morgen aus dem Euro werfen würden.

Und selbst wenn sich die Regierungschefs sich doch noch zu neuen Hilfen für Griechenland durchringen sollten: Gerade in jenen Staaten, die Griechenland besonders kritisch gegenüber stehen, müssten solche Hilfen von den jeweiligen Parlamenten abgesegnet werden. Nämlich in Finnland, den Niederlanden, Estland, Österreich und der Slowakei - sowie in Deutschland.

Kam ohne neue Vorschläge nach Brüssel: der neue griechische Finanzminister Euclidis Tsakalotos
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Kam ohne neue Vorschläge nach Brüssel: der neue griechische Finanzminister Euclidis Tsakalotos

"Bisher hat die griechische Regierung nicht mehr getan, als ihre Wirtschaft bergab zu führen", sagte der lettische Finanzminister Janis Reirs am Dienstag in Brüssel. Ohne "konkrete neue Vorschläge aus Griechenland" werde Lettland nicht nach neuen Lösungen suchen. "Über einen Schuldenerlass werden wir auf keinen Fall sprechen. Und auch nicht über den schnellen Start eines neuen Hilfspakets."

Ein wenig diplomatischer, aber inhaltlich ähnlich äußerte sich der Lette Valdis Dombrovskis, für den Euro zuständiger Vizepräsident der EU-Kommission: "Wenn das Vertrauen nicht wiederhergestellt wird und es kein glaubwürdiges Reformpaket gibt, gibt es keine Lösung." Für diesen Fall wollte Dombrovskis auch den Grexit nicht mehr ausschließen.

Am Mittwoch geht es mit einer Telefonkonferenz weiter

Allein: Der neue griechische Finanzminister Euklidis Tsakalotos hat zur Überraschung seiner Kollegen in Brüssel offenbar keine neuen Vorschläge vorgelegt. "Wir haben unseren neuen griechischen Kollegen willkommen geheißen und haben ihm zugehört, wie er die Situation bewertet hat", sagte Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem. "Er hat noch keine neuen Vorschläge präsentiert, er wird uns jetzt als erstes, sehr schnell, einen Brief mit einem Antrag auf ESM-Hilfen schicken. Dann wird er Vorschläge schicken, wie die griechischen Maßnahmen aussehen sollen, und wir werden sehen, ob wir zu einer Einigung kommen." Mittwoch früh wollen die Finanzminister in einer Telefonkonferenz über den dann hoffentlich eingegangenen Brief sprechen.

Ohne neue finanzielle Hilfen, so viel scheint klar, wäre der Grexit - das unkontrollierte Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone - kaum noch zu verhindern. Schon jetzt hat Athen praktisch kein Geld mehr, und am 10. Juli muss Griechenland rund zwei Milliarden Euro an kurzfristigen Staatsanleihen zurückzahlen. Am 20. Juli steht die Rückzahlung weiterer 3,5 Milliarden Euro an die EZB an. Spätestens bis dahin brauchen die Griechen neue Hilfen - oder sie wären wahrscheinlich kurz darauf gezwungen, eine Parallelwährung einzuführen. Der Grexit wäre praktisch vollzogen.

Balten sehen sich selbst als Reformchampions

Genau das fänden manche Regierungen der Eurozone offenbar gar nicht so verkehrt. "Wenn ein Element eines Systems nicht funktioniert", sagte der lettische Minister Reirs, "dann fügt das Verschwinden dieses Elements dem System keinen Schaden zu. Es kann sogar positiv sein."

Die Letten stehen mit dieser Haltung keineswegs allein. Auch in Ländern wie Litauen, der Slowakei, den Niederlanden oder Finnland gibt es enorme Widerstände dagegen, den Griechen weiter entgegenzukommen. Als Lettland und Litauen 2008 in die Krise rutschten, schrumpften deren Volkswirtschaften um rund 20 Prozent, in Estland sah es nicht viel besser aus. Doch die Balten haben harte Reformprogramme mit Massenentlassungen und Sozialkürzungen durchgeführt.

Heute ist das reale Bruttoinlandsprodukt in Estland, Litauen wieder in etwa so hoch wie vor Beginn der Krise. Auch Spanien, Portugal und Irland haben in den vergangenen Jahren harte Reformen hinter sich gebracht. Entsprechend überschaubar ist auch dort die Begeisterung über einen potenziellen Schuldenschnitt für Griechenland.

Dabei geht es nicht nur um Gerechtigkeit, sondern auch um die vielen Milliarden, die in Gefahr sind. Es werde viel über Solidarität mit Griechenland geredet, sagte der finnische Finanzminister Alexander Stubb am Dienstag in Brüssel. "Aber auch für Finnland steht viel auf dem Spiel." Sollten Griechenland die Schulden komplett erlassen werden, müssten die Finnen laut Stubb fünf Milliarden Euro abschreiben. "Das sind zehn Prozent unseres Haushalts", so Stubb. "Wir wollen Griechenlands Schuldenlast nicht erleichtern." Griechenland müsse seine Wirtschaft stabilisieren, strukturelle Reformen durchführen und seine Schulden auf ein beherrschbares Maß bringen - erst dann könne neu verhandelt werden.

Doch die griechische Verschuldung mit rund 180 Prozent des Bruttosozialprodukts ist so hoch, dass selbst der Internationale Währungsfonds vor einigen Tagen offiziell festgestellt hat, dass es ohne einen weiteren Schuldenerlass nicht mehr weitergeht. Nur will dabei in der Eurozone kaum jemand mitspielen. "Über einen solchen Vorschlag lässt sich nur schwer diskutieren, wenn es kein Vertrauen gibt", sagte der litauische Finanzminister Rimantas Sadzius in Brüssel.

Andere weisen darauf hin, dass es den Menschen in anderen Eurostaaten noch schlechter gehe als den Griechen. "Ärmere Länder als Griechenland" könnten mehr als vier Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts einbüßen, sagte der estnische Präsident Toomas Hendrik Ilves. Er schlug ein "Gedankenexperiment in Sachen Demokratie" vor. Die anderen 18 Mitglieder der Eurozone könnten Referenden abhalten über die Frage: "Erhöhen wir unsere Steuern, um Griechenland zu retten?" "Wie groß", fragt Ilves, "wäre die Wahrscheinlichkeit für ein Ja?"

Zusammengefasst: Mehrere Staaten der Eurozone sind strikt gegen neue Hilfszahlungen an Griechenland, ein Schuldenschnitt kommt für sie erst recht nicht infrage. Die griechische Regierung aber zeigt bisher ebenfalls kein Entgegenkommen. So wird der Grexit immer wahrscheinlicher.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, das BIP in Litauen, Lettland und Estland sei deutlich höher als vor der Krise 2008. Dabei handelt es sich um das nominale BIP, das die Inflation nicht berücksichtigt. Beim realen BIP fällt die Erholung weniger groß aus.

Die Chronik der Griechenlandkrise

Am 1. Januar 2001 tritt Griechenland der Eurozone bei. Bei der Einführung des Euro 1999 war das Land noch nicht dabei. Erst im Jahr 2000 erfüllte es die sogenannten Konvergenzkriterien des Maastrichter Vertrages - zumindest auf dem Papier.

Im November 2004 wird klar: Die Regierung in Athen hat sich die Aufnahme in die Eurozone mit gefälschten Finanzdaten erschummelt. Alle Haushaltsdefizite vergangener Jahre waren in Wahrheit deutlich höher als zuvor an Brüssel gemeldet. So übertrafen die neuen Schulden in jedem Jahr die im Stabilitätspakt erlaubte Obergrenze von drei Prozent der Wirtschaftsleistung. Langjähriger Berater der Griechen war die US-Investmentbank Goldman Sachs.

Ende Oktober 2009 zeichnet sich zum ersten Mal so etwas wie eine Griechenland-Krise ab. Das voraussichtliche Haushaltsdefizit liegt bei rund 12,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, doppelt so hoch wie zunächst angenommen. Die neue Regierung von Ministerpräsident Giorgos Papandreou kündigt Sparmaßnahmen an.

Mitte Dezember 2009 stuft die Rating-Agentur Standard & Poor's Griechenlands Kreditwürdigkeit herab. Zuvor hatte dies schon die Agentur Fitch getan. Warnungen vor einer drohenden Staatspleite werden lauter. Der Kurs des Euro bricht ein. Bundeskanzklerin Angela Merkel beschwichtigt: "Ich bitte im Interesse einer sachlichen Diskussion, das nicht überzubewerten."

Im Frühjahr 2010 wird es eng: Griechenland bekommt nur noch sehr schwer Geld an den Finanzmärkten. Die Eurostaaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) springen dem Land bei. Anfang Mai schnüren sie ein Rettungspaket mit Krediten über 110 Milliarden Euro, 30 Milliarden davon übernimmt der IWF, auf Deutschland entfallen 22,4 Milliarden Euro. Die Bundesregierung peitscht das Gesetz im Eilverfahren durch den Bundestag. Die Geldgeber sehen die Griechen-Krise offenbar als temporäres Problem: Die Laufzeit der Kredite beträgt nur drei Jahre. Kurz darauf geraten auch andere Länder wie Irland und Portugal ins Wanken.

Ein Jahr später spitzt sich die Schuldenkrise erneut zu. Weil absehbar ist, dass Griechenland sich nicht wie geplant bereits 2012 am Kapitalmarkt finanzieren kann, braucht es mehr Geld von den Staaten der Eurozone und dem Internationalen Währungsfonds. Am 10. Mai 2011 kündigt die griechische Regierung ein neues Sparpaket an. Wenige Tage später legen gewaltsame Demonstrationen Teile des Landes lahm. Die Polizei muss das Parlament gegen wütende Bürger verteidigen. Sie feuert Tränengas, Demonstranten werfen Steine zurück, attackieren die Limousine von Ministerpräsident Papandreou.

Zweites Rettungspaket, erster Versuch: Ein Sondergipfel der Eurostaaten beschließt am 21. Juli 2011 ein neues Hilfspaket für Griechenland mit einem Volumen von 109 Milliarden Euro. Der Großteil des Geldes soll aus dem europäischen Rettungsschirm EFSF und dem Internationalen Währungsfonds kommen. Erstmals sollen aber auch private Gläubiger beteiligt werden - auf freiwilliger Basis.

Ende Oktober 2011 legt die Troika aus EU, IWF und Europäischer Zentralbank (EZB) einen neuen Bericht zur Finanzsituation Griechenlands vor. Die Experten zeichnen darin ein düsteres Bild: Die Lage des Landes hat sich in den vorangegangenen Monaten weiter verschlechtert. Auf einem EU-Gipfel am 26. Oktober schmieden die Staats- und Regierungschefs einen neuen Rettungsplan: Private Gläubiger sollen auf mehr als 50 Prozent ihrer Forderungen gegenüber Griechenland verzichten. Das trifft vor allem europäische Banken. Athen soll weitere 100 Milliarden Euro erhalten, mit zusätzlichen 30 Milliarden Euro soll der Schuldenschnitt abgesichert werden.

Turbulente Herbsttage: Am 31. Oktober kündigt Griechenlands Ministerpräsident Papandreou überraschend eine Volksabstimmung über die Beschlüsse des Eurogipfels und die damit verbundenen Sparauflagen für sein Land an. Beim G20-Gipfel in Cannes nehmen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy Papandreou Anfang November ins Gebet. Daraufhin lässt dieser den Referundumsplan fallen und tritt zurück. Loukas Papademos, der Ex-Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, tritt am 11. November 2011 an die Spitze einer Übergangsregierung.

Im Februar 2012 stimmt das griechische Parlament einem neuen Sparprogramm zu. In Athen kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die internationalen Geldgeber hatten auf verschärfte Reformen gepocht - im Gegenzug verabschieden die Euro-Finanzminister das zweite Rettungspaket. Neben dem Schuldenschnitt für die privaten Gläubiger enthält es auch die im Oktober angekündigten Hilfen in Höhe von 130 Milliarden Euro. Für die Kredite aus dem ersten Hilfspaket von 2010 werden die Zinsen halbiert. Der Schuldenschnitt wird am 9. März 2012 wirksam.

Bei der Parlamentswahl am 6. Mai 2012 strafen die Griechen die Traditionsparteien Nea Dimokratia (ND) und Pasok ab, die aus ihrer Sicht das Land einem internationalen Spardiktat unterworfen haben. Parteien wie Syriza, die eine Aufkündigung der Sparvereinbarungen fordern, legen kräftig zu. Eine Regierungsbildung scheitert. Nach der Neuwahl am 17. Juni wird ND-Chef Antonis Samaras als Ministerpräsident vereidigt. Unterstützt wird seine Regierung von Pasok und der demokratischen Linken (Dimar). Das bei den Wahlen zweitplatzierte Linksbündnis Syriza ist jedoch nicht beteiligt.

Die Lage an den Finanzmärkten spitzt sich im Sommer 2012 wieder zu. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler sinniert über einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi erklärt am 26. Juli, die EZB werde "alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten" - und leitet damit eine Wende in der Eurokrise ein. Von nun an schwindet die Angst davor, dass die griechische Krise auch Länder wie Italien oder Spanien anstecken könnte.

Am 8. Oktober 2012 besucht Angela Merkel zum ersten Mal seit Ausbruch der Krise Griechenland. Sie lobt die Fortschritte des Landes. Der IWF dagegen glaubt nicht, dass Griechenland den Sanierungszeitplan einhalten kann. Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble tritt Spekulationen über einen Euro-Austritt Griechenlands entgegen. Dabei gelingt ihm ein legendärer Satz auf Denglisch: "I think there will be no Staatsbankrott in Greece."

Griechenland erhält weitere Zugeständnisse: Am 27. November 2012 einigt sich die Euro-Gruppe mit dem IWF auf eine Anpassung des zweiten Rettungspakets: Die Regierung in Athen soll mehr Zeit für die Umsetzung der Sparvorgaben bekommen. Daraus ergibt sich eine Finanzlücke von 14 Milliarden Euro, die unter anderem mit günstigen Zinsen auf bereits gewährte Kredite gestopft werden soll.

Im Juni 2013 räumt der Internationale Währungsfonds (IWF) Fehler bei der Rettungspolitik ein. Beim ersten Hilfsprogramm aus dem Mai 2010 habe man zu optimistische Annahmen zugrunde gelegt. Weder der Schuldenstand noch das Wachstum hätten sich so entwickelt wie damals angenommen. Die griechische Wirtschaft schrumpft 2013 das fünfte Jahr in Folge. Seit 2008 ist das Bruttoinlandsprodukt um gut 22 Prozent eingebrochen, die Staatsverschuldung ist wieder höher als vor dem Schuldenschnitt.

2014 scheint die jahrelange Talfahrt endlich zu Ende zu gehen. Die griechische Regierung erwartet sogar ein kleines Wirtschaftswachstum - und wird forsch: Anfang April leiht sich das Land erstmals seit vier Jahren wieder langfristig Geld am Kapitalmarkt. Die Investoren sind begeistert - und geben den Griechen drei Milliarden Euro zu 4,75 Prozent Zinsen.

Ende 2014 laufen die Hilfen der Europartner für Griechenland aus - und Ministerpräsident Antonis Samaras wird nicht müde zu betonen, dass kein neues Geld nötig sei. "Die Ära der Rettungspakete geht zu Ende", jubelt er. Ende November meldet der SPIEGEL, es werde wohl doch ein weiteres Hilfspaket geben. Zehn Milliarden Euro aus dem Rettungsfonds ESM sollten umgewidmet werden.

Am 29. Dezember 2014 scheitert die Wahl des Staatspräsidenten im dritten Wahlgang - die griechische Verfassung sieht für diesen Fall Neuwahlen vor, die am 25. Januar stattfinden sollen. Das könnte die große Chance für das linke Syriza-Bündnis und dessen Chef Alexis Tsipras sein. Tsipras lehnt die Reformauflagen von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) ab und will im Falle eines Wahlsiegs einen Schuldenschnitt durchsetzen. Bei den Geldgebern stößt das nicht auf Begeisterung. Anfang Januar 2015 meldet der SPIEGEL, die Bundesregierung sei bereit, Griechenland notfalls aus der Eurozone ausscheiden zu lassen. Die Finanzmärkte reagieren schockiert.

Am 25. Januar 2015 gewinnt Alexis Tsipras mit seinem Linksbündnis Syriza die Parlamentswahl. Die absolute Mehrheit verfehlt er dabei knapp – und muss eine Koalition eingehen. Als Partner wählt Syriza ausgerechnet die rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen. Am 26. Januar wird Tsipras als Ministerpräsident vereidigt.

Wenige Tage nach der Wahl reist Euro-Gruppenchef Jeroen Dijsselbloem nach Athen. Er will mit der neuen griechischen Regierung darüber sprechen, wie es mit dem Hilfs- und Reformprogramm weitergeht. Doch was er erlebt, ist eine knallharte Abfuhr. Griechenland weigere sich, weiter mit der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und IWF zusammenzuarbeiten, sagt Finanzminister Giannis Varoufakis bei der gemeinsamen Pressekonferenz. Dijsselbloem steht auf und geht – es reicht nur noch für einen flüchtigen Händedruck.

Nach wochenlangem Ringen mit gegenseitigen Drohgebärden einigen sich Griechenland und die Euro-Finanzminister am 20. Februar in Brüssel auf eine Verlängerung des laufenden Hilfsprogramms. Doch das Geld soll erst fließen, wenn Griechenland konkrete Reformvorschläge vorlegt, die von den Gläubigern gebilligt werden.

Ende März 2015 legt Tsipras Reformvorschläge vor, die Gläubiger lehnen sie umgehend ab – so wie alle der zahlreichen Reformlisten, die im Frühjahr aus Athen nach Brüssel geschickt werden. Der Ton wird noch rauer, die Drohgebärden drastischer. Die Griechen holen viele Milliarden Euro von ihren Bankkonten. Dennoch scheint ein Kompromiss in letzter Sekunde zu gelingen – bis zum 26. Juni: Tsipras kündigt ein Referendum über die Forderungen der Geldgeber an und empfiehlt den Griechen, gegen sie zu stimmen, die griechischen Verhandler werden aus Brüssel abgezogen. Die Euro-Finanzminister beschließen, das Hilfsprogramm auslaufen zu lassen – ohne die letzte Tranche zu überweisen. Die griechische Regierung verhängt Kapitalverkehrskontrollen, vom 29. Juni an sind die Banken geschlossen, Abhebungen und Überweisungen gedeckelt.

In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli endet das zweite Hilfsprogramm – und Griechenland bleibt zum ersten Mal seit Beginn der Krise eine Kreditrate schuldig: 1,54 Milliarden Euro hätte das Land an den IWF zahlen müssen. Die Geldgeber lehnen neue Verhandlungen bis zum Referendum am 5. Juli ab, Tsipras und Varoufakis knüpfen ihre politische Zukunft an ein Nein des Volks zu den Gläubiger-Forderungen. Im ganzen Land bilden sich lange Schlangen vor Geldautomaten, pro Tag gibt es höchstens 60 Euro. Rentner warten stundenlang vor den wenigen offenen Bankfilialen auf einen Teil ihrer Renten.

Am 5. Juli findet das Referendum über die Sparauflagen statt. Begleitet wird es zum Teil von scharfen Angriffen auf Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU), der auf Plakaten als Vampir verunglimpft wird. Nachdem die Umfragen lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraussagen, triumphiert am Ende Tsipras: 61 Prozent der Abstimmenden folgen seinem Rat, die Reformforderungen der Gläubiger abzulehnen.

Unmittelbar nach dem Referendumserfolg vollzieht Tsipras eine beachtliche Kehrtwende: Sein umstrittener Finanzminister Varoufakis tritt zurück und braust am 6. Juli mit Ehefrau Danae von dannen (Foto). Kurz darauf legt Tsipras mit Unterstützung der französischen Regierung ein umfassendes Reformpaket vor, das den Forderungen der Gläubiger weit entgegenkommt. Obwohl dies eine 180-Grad-Wende bedeutet, bekommt Tsipras in der Nacht auf den 11. Juli im Parlament eine Mehrheit für die Aufnahme von Verhandlungen – allerdings nur mithilfe der Opposition.

Falls Tsipras sich von seinem Reformvorschlag eine schnelle Einigung erhofft hat, so wird aufs Gröbste enttäuscht. Zunächst bringt Finanzminister Wolfgang Schäuble vor einem Treffen mit seinen Amtskollegen die Option einen zeitweiligen Euro-Austritt ins Gespräch. Beim anschließenden Euro-Gipfel in der Nacht vom auf den 13. Juli verhindert EU-Ratspräsident Donald Tusk laut Teilnehmern ein Scheitern nur, indem er Merkel und Tsipras verbietet, den Raum zu verlassen. Am Ende wird Griechenland zwar ein neues Hilfsprogramm in Aussicht gestellt, nicht zuletzt auf Betreiben von Frankreichs Präsident Francois Hollande (M.). Doch Tsipras muss dafür Bedingungen akzeptieren, die deutlich härter als das ursprüngliche Angebot der Gläubiger sind.

Am 15. Juli muss das griechische Parlament die ersten Reformen beschließen, das Ultimatum haben die Euro-Partner gestellt. Für Tsipras und seinen neuen Finanzminister Efklidis Tsakalotos wird die Abstimmung jedoch zur Nervenprobe, denn der Widerstand in der Regierungspartei Syriza reicht bis zur Parlamentspräsidentin Zoi Konstantopoulou. Zwar bekommt Tsipras eine knappe Regierungsmehrheit zustande, doch die Spaltung seiner Partei ist nicht mehr zu übersehen. Darauf reagiert der Regierungschef, indem er zwei Tage später sein Kabinett umbildet und rebellische Minister entlässt. In der Nacht auf den 23. Juli werden weitere Reformforderungen verabschiedet, der Weg zu neuen Verhandlungen mit den Geldgebern ist vorerst frei.

Der Widerstand gegen den Reformkurs bleibt groß. Ab Januar 2016 blockieren griechische Bauern aus Protest gegen die geplante Rentenreform und Steuererhöhungen wochenlang Straßen, Bahnschienen und Grenzübergänge im ganzen Land. Anfang Februar kommt es zu einem mehrtägigen Generalstreik.

Für Griechenlands Bonitätsnoten ging es lange nur abwärts. Am 22. Januar 2016 aber kommt die Rating-Agentur Standard and Poor's zum Schluss, Griechenland erfülle weitgehend die Reformauflagen. Die Bewertung des Landes wird von B- auf CCC+ erhöht.

Die Proteste vor dem Parlament bleiben vergeblich: Am 8. Mai wird ein weiteres Sparpaket verabschiedet. Es ist mittlerweile das dreizehnte und hat ein Volumen von 5,4 Milliarden Euro.

Im Oktober 2016 bricht der seit langem schwelende Streit zwischen dem Internationalen Währungsfonds und den europäischen Geldgebern wieder auf. IWF-Chefin Christine Lagarde macht weitere Schuldenerleichterungen für Griechenland zur Bedingung für eine Beteiligung am dritten Kreditprogramm, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble lehnt dies ab. Eine Einigung misslingt, der IWF beteiligt sich letztlich nicht mehr finanziell - obwohl dies eine wichtige Voraussetzung für die Zustimmung des Bundestags war.

Am 18. Mai 2017 verabschiedet das griechische Parlament ein neues Sparpaket. Es beinhaltet weitere Rentenkürzungen und Steuererhöhungen. Gegen die Beschlüsse protestieren die Gewerkschaften mit einem Generalstreik protestiert, vor dem Parlament kommt es zu Ausschreitungen.

Im September 2017 wird deutlich, dass Griechenland auch nach dem ersehnten Ende der Hilfsprogramme nicht komplett unabhängig wird. EU-Währungskommissar Pierre Moscovici stellt klar, dass das Land unter verschärfter Aufsicht bleibt, bis es drei Viertel seiner Kredite zurückgezahlt hat.

Am 21. Juni 2018 beschließen die Euro-Finanzminister die Überweisung einer letzten Zahlung über 15 Milliarden Euro sowie weitere Schuldenerleichterungen durch gestreckte Rückzahlungsfristen. "Ich denke, dies ist das Ende der griechischen Krise", sagt Finanzminister Euklid Tsakalotos. EU-Währungskommissar Pierre Moscovici behauptet sogar: "Die griechische Krise ist heute Abend vorbei." Das Land ist aber noch über Jahrzehnte an Auflagen der Geldgeber gebunden - darunter das konstante Erwirtschaften von Überschüssen.



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claude 07.07.2015
1. Ball Flach halten
Die "Nordosteuropäer" haben als Strukturschwache EU-Neulinge enorm von der Förderung der EU profitiert, deshalb sollten sie den Ball flachhalten. Auch im Nordosten muss man lernen dass Solidarität keine Einbahnstrasse ist, nicht nur in Griechenland.
Fürstenwalder 07.07.2015
2. Tolle Reformen
liebe Balten. Massenentlassungen und soziale Kürzungen für ein höheres Bruttosozialprodukt. An wen haben eure Politiker dabei gedacht, als sie die Reformen durchgedrückt haben? An die, die entlassen wurden oder an die, die unter den sozialen Kürzungen leiden? Ich bin ir sicher, so wollten die Griechen ihre Zukunft nicht gestalten und haben deshalb mehrheitlich mit "nein" gestimmt. Bravo, ihr 60%. Ihr habt erkannt, was EU und Euro wirklich bedeuten.
altmannn 07.07.2015
3. Alle,
die jetzt aufheulen, sollten sich fragen, wie sie sich (soweit betroffen) bei der Abstimmung über die Aufnahme Griechenlands sowie über die bisherigen Rettungspakete verhalten haben. Jeder, der auch nur ein klein bisschen rechnen kann, wusste, dass jeglicher Euro, der nach Griechenland floss verloren war, sofern nicht irgendjemand dafür bürgte oder sich zusätzliche Sicherheiten verschaffte wie z.B. Finnland. Aber alle sind auf die "alternativlose" Verzögerungspolitik hereingefallen, deren Ergebnisse sich jetzt zeigen. Wenn ich jetzt noch daran denke, wie Bundestagsabgeordnete nach der Abstimmung über EFSF bzw. ESM zugaben, nicht genau zu wissen, über was sie abstimmten, wird mir schlecht. Aber diese Diskussion wird nach wie vor seitens der Medien und der Politiker vermieden. Statt dessen tut man so, als könnte mit einer anderen griechischen Regierung noch der eine oder andere Euro "gerettet" werden.
Öhrny 07.07.2015
4. Wenn...
...keiner mehr mitmacht bei der GrRettung, dann läuft es auf Frau M. hinaus: Frau M. - zahlen Sie. Und sie zahlt - mit dem Geld der Steuerzahler und der Zukunft Deutschlands. Alternativlos...
ogniflow 07.07.2015
5. Vereintes Europa
Die deutschen Reaktionen auf das griechische Kasperle-Theater sind bemerkenswert zurückhaltend.Fast alle anderen sind der Meinung dass die Griechen mit ihren Lügen,Verzerrungen,Beleidigungen übertrieben haben und den Euro verlassen sollten.Warum wird dann daraus immer ein angeblicher Konflikt Deutschland-Griechenland konstruiert (auch und gerade bei SPON)?Würde Deutschland jetzt den griechischen Erpressungen nachgeben,lautete die nächste Schlagzeile: "Deutschland stösst Partnern vor den Kopf".Alles nur um "Mutti" ans Bein zu pinkeln? Schwache Leistung!
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