Athener Ökonom Bitros "Griechenlands Schulden sind nicht das Problem"

Die Regierung von Alexis Tsipras hofft auf einen Schuldenschnitt, der griechische Ökonom George Bitros warnt davor. Hier erklärt er, warum die Gläubiger ihren Druck aufrechterhalten müssen.

Griechische Flagge auf der Insel Skyros: Kein Schuldenerlass ohne Reformen?
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Griechische Flagge auf der Insel Skyros: Kein Schuldenerlass ohne Reformen?

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Zur Person
  • Bitros
    George Bitros ist emeritierter Professor an der Wirtschaftsuniversität Athen. Er studierte in New York und Athen und spezialisierte sich auf Mikrotheorie, Industrieökonomik, Kosten-Nutzen-Analysen und Kapitaltheorie. Bitros beteiligte sich im Februar an einem Aufruf, in dem griechische Intellektuelle wie der Schriftsteller Nikos Dimou die Linksregierung zu Reformen aufrufen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bitros, Alexis Tsipras hat eine zweite Chance als griechischer Premierminister bekommen und soeben ein weiteres Reformpaket durchs Parlament gebracht. Glauben Sie, dass er die griechische Wirtschaftskrise nun beenden wird?

Bitros: Theoretisch könnte das gelingen. Aber die griechischen Politiker haben die Reformen noch nicht zu ihrer Sache gemacht und setzen weiter auf alte Tricks. Daher müssen die Geberländer Griechenland weiter auf Reformkurs halten - vor allem durch finanziellen Druck. Der staatliche Sektor hat sich immer weiter ausgedehnt. Erst, wenn er endlich schrumpft, gibt es Hoffnung.

SPIEGEL ONLINE: US-Nobelpreisträger Paul Krugman predigt das Gegenteil. Er sagt, die griechische Wirtschaft sei vor allem durch den Sparkurs zusammengebrochen.

Bitros: Die griechische Schuldenkrise begann nicht mit den Sparmaßnahmen, auch nicht mit der Hoffnung auf den Euro. Krugman ist anscheinend mit den Details der griechischen Wirtschaft nicht so recht vertraut. Sonst wüsste er, dass das Hauptproblem die Klientelpolitik ist. Die bisherigen Reformen waren sehr oberflächlich. Daher tut Krugman mit seinen Äußerungen Griechenland keinen Gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Informationen haben Sie, die dem Nobelpreisträger fehlen?

Bitros: Schauen wir uns doch einfach die Kurve der öffentlichen Verschuldung an, sie stammt aus meinem Aufsatz "Vom Millionär zum Tellerwäscher".

Hier erkennt man klar, dass die Überschuldung losging, lange bevor überhaupt über den Euro verhandelt wurde. Bis 1974 wuchs Griechenland noch mit 7 Prozent, hatte eine Arbeitslosenquote von rund 2,5 Prozent und Staatsschulden in Höhe von rund 12,5 Prozent des Bruttosozialprodukts. Aber dann begann Griechenland damit, in großem Stil Schulden zu machen. Schauen Sie sich die Zahlen an: Die Verschuldungskurve geht ab 1981 steil nach oben - genau als der Sozialist Andreas Papandreou gewählt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Aber Papandreou hatte doch selbst schon 1962 als Wirtschaftswissenschaftler die Einmischung des Staates in die Wirtschaft kritisiert.

Bitros: Und damit hatte er recht. Aber sobald Papandreou Premierminister wurde, machte er genau das Gegenteil von dem, was er zwanzig Jahre zuvor gefordert hatte: Er überregulierte die Wirtschaft und lieh sich Geld, um den Klientelstaat weiter auszubauen.

SPIEGEL ONLINE: Aus Griechenland hört man solche Meinungen eher selten. Wie wird Ihre Kritik in der Heimat aufgenommen?

Bitros: Vor allem in den Achtzigern haben sich Studenten immer wieder bei mir beschwert, dass ich die falsche Sorte Wirtschaft unterrichte: Marktwirtschaft eben, und nicht Planwirtschaft. Meine Warnungen wurden leider nicht gehört. Ich habe 35 Jahre lang ins Sozialsystem eingezahlt, aber durch das Missmanagement der Politik ist dieses Geld großenteils verloren. Ich lebe daher von einer eher bescheidenen Rente von 1400 Euro. Dabei will ich mich gar nicht beschweren, im Vergleich zu vielen Mitbürgern geht es mir ja richtig gut.

SPIEGEL ONLINE: Galt Griechenland nicht schon immer als arm?

Bitros: Nein, in den Sechzigern und Siebzigern konnten die Leute sparen, sie investierten, sie bauten Firmen auf. Teilweise lag damals die nationale Sparquote bei 30 Prozent. Heute sind es nur noch 10 Prozent. Schauen Sie sich diese Grafik an, die erzählt die ganze traurige Geschichte. Und auch die begann leider schon lange vor dem Euro.

SPIEGEL ONLINE: Hat nicht auch die EU teilweise versagt?

Bitros: Die EU versäumte es immer wieder, von Griechenland die Einhaltung der Kriterien einzufordern. Das Problem war aber nicht die Manipulation der Zahlen durch die "griechische Buchhaltung". Die Schwächen der Wirtschaft waren allen beteiligten Politikern bewusst.

SPIEGEL ONLINE: Die Einführung des Euro verschärfte aber die Überschuldung, weil man nun billig an neues Geld kam...

Bitros: Schon. Aber Griechenland hatte bei der Einführung des Euro seine Wettbewerbsfähigkeit doch längst verloren. Das zeigen die Zahlen in der nächsten Grafik: Gemessen an der Bruttowertschöpfung pro Kopf wurde die griechische Wirtschaft bis in die Achtzigerjahre produktiver. Die Landwirtschaft war zeitweise sogar besser als der EU-Durchschnitt. Doch dann drehte sich der Trend um. Griechenland verlor den Anschluss und das Handelsbilanzdefizit vergrößerte sich immer weiter - vor allem, weil kein EU-Markt stärker reguliert ist als der griechische.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie damit sagen, dass die Militärdiktatur von 1967 bis 1974 gut war?

Bitros: Nein. Aber lassen Sie einfach die Zahlen auf sich wirken. Wir hatten damals eine funktionierende Marktwirtschaft. Leider haben die demokratisch gewählten Regierungen Wettbewerb vor allem so verstanden, dass sie sich mit leeren Wahlversprechen überboten.

SPIEGEL ONLINE: Der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty widerspricht Ihrer Sicht der Dinge. Er fordert einen Schuldenschnitt für Griechenland und verweist darauf, dass auch Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ein Großteil seiner Schulden erlassen wurde.

Bitros: Piketty liegt komplett falsch. Griechenlands Schulden sind doch gar nicht das Problem! Unsere Zinslast ist derzeit sehr niedrig und die Rückzahlung der Hilfskredite beginnt erst in einigen Jahren. Aber leider können die notwendigen Reformen nur dadurch erzwungen werden, dass man die Politik immer wieder an diese Schulden erinnert. Und der Vergleich mit Deutschland hinkt, denn das Land wurde nach beiden verlorenen Weltkriegen jeweils grundlegend umgebaut. Ein Schuldenerlass ohne Reformen wäre fahrlässig.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie denn keine Hoffnung?

Bitros: Nein, leider nicht für meine Generation. Auch nicht für die Generation meiner Söhne. Aber vielleicht für meine Enkelkinder.

Mitarbeit: Philipp Seibt

insgesamt 56 Beiträge
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RalfHenrichs 08.11.2015
1. Eine Minderheitsmeinung
der hier nur breiten Raum eingeräumt wird, weil er auf SPON-Linie liegt. Interessant auch, dass er Mikro- und nicht Makroökonomie gelehrt hat. Allerdings stimmt es, dass Griechenlands Schulden nicht das Problem sind. Andere Länder haben höhere Schulden und leben sehr gut damit. Sie werden ja auch nur genutzt, da ist ihm zuzustimmen, um die "Reformen" einzufordern. Hoffnung gibt es dann aber bestenfalls für die Enkelkinder. Solche "Reformen" braucht aber kein Mensch, denn "in the long run, we're all dead."
jkbremen 08.11.2015
2. Und unsere Politiker wissen das
und tolerieren es, weil sie es im Grunde genau so machen. Das Schönste für Politiker scheint Geld auszugeben dass man nicht hat.
marthaimschnee 08.11.2015
3.
Leider zeigt das Beispiel VW gerade, daß die Privatwirtschaft keinen Deut besser ist und ebenso in Lug, Betrug und Klüngelwirtschaft verfällt, wenn man ihr keine Waffe an den Kopf hält. Von Griechenland Reformen zu erpressen, die den Staat zugunsten der Privatwirtschaft zusammenstauchen, bringen somit überhaupt nichts. Viel wichtiger wären Reformen, die Korruption zu bekämpfen und diejenigen zur Kasse zu bitten, die sich mit Millionen systematisch davonschleichen, aber genau das ist ja nun ganz und gar nicht Ziel der Reformen und wurde von einem gewissen Schäuble auch explizit aus dem Reformpapier herausgestrichen.
Mortensen_2009 08.11.2015
4. Wann begann die Krise denn nun?
Ich finde es sehr spannend, dass das zentrale Argument Herrn Bitros in der Info-Graphik "Die Chronik der Griechenlandkrise" komplett ignoriert wird. Die Krise begann lt. Hr. Bitros ja eben NICHT mit Beitritt zur Eurozone, schon lange vorher. Wenn man die Info-Graphik sieht, könnte man glauben, SPon schlösse sich der Meinung von Krugmann und Piketty vorbehaltlos an. Ist das so gemeint?
archontas 08.11.2015
5. Ja gut Arbeitslosigkeit von 2,5%! Nur die halbe Wahrheit
Interessant wäre noch die Zahl der in dieser Zeit ausgewanderten zu berücksichtigen! So einfach ist es nun auch wieder nicht!
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