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Griechenland-Pleite: Das fiese Spiel der Hedgefonds

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Europa zittert vor den Hedgefonds. Die mächtigen Investoren könnten Griechenlands Umschuldung scheitern lassen und so die Staatspleite herbeiführen. Doch tatsächlich ist die Macht der Fonds geringer, als sie glauben machen wollen.

Händler an der Wall Street: Hedgefonds bauen Drohkulisse auf Zur Großansicht
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Händler an der Wall Street: Hedgefonds bauen Drohkulisse auf

Hamburg - Es scheint, als hätten Hedgefonds wieder einmal eine sichere Gewinnmöglichkeit gefunden: Sie decken sich derzeit mit griechischen Staatsanleihen ein und kaufen dafür gleichzeitig Kreditausfallversicherungen (CDS). Das Kalkül dahinter: Muss Athen den Bankrott erklären, würden die CDS fällig und die Investoren könnten den Gewinn einstreichen. Jean-Claude Juncker, Premierminister von Luxemburg und Chef der Euro-Gruppe warnte auch deshalb schon vor Monaten, das ein Kreditausfall "unbedingt vermieden" werden müsse.

Das Prinzip CDS ist einfach: Investoren sichern sich damit gegen einen Zahlungsausfall ab, zum Beispiel bei einer griechischen Staatsanleihe, und zahlen dafür eine Gebühr. Je größer die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schuldner nicht zahlen kann, desto höher der Preis. Weil CDS aber beliebig weiterverkauft werden können, auch an Investoren, die die versicherten Papiere gar nicht besitzen, gelten die Folgen eines Zahlungsausfalls als schwer überschaubar. Weil sich Hedgefonds angeblich im großen Stil mit CDS auf griechische Staatsanleihen eingedeckt haben, fürchtet die Politik bei einer Pleite Athens einen Flächenbrand, wie zu Beginn der Finanzkrise 2008: Damals hatten sich die Risiken aus schlecht besicherten Hauskrediten in den USA per CDS im gesamten Finanzmarkt ausgebreitet und zahlreiche Banken in die Pleite gerissen.

Das verschafft den Hedgefonds in den Verhandlungen über einen teilweisen Schuldenverzicht ein großes Drohpotential - freiwillig werden sie auf keinen Cent ihrer Forderungen an Griechenland verzichten. Von den griechischen Staatsschulden liegen mehr als 200 Milliarden Euro bei privaten Gläubigern - Banken, Versicherer, Fonds aller Art. Wie viel davon auf Hedgefonds entfällt, darüber rätselt auch die Branche. Bis zu 25 Prozent der privaten Gläubiger konnten bislang nicht identifiziert werden, heißt es in Finanzkreisen. Das könnte erklären, warum die ursprünglich geplante Beteiligungsquote von 90 Prozent aller Voraussicht nach nicht erreicht wird.

Das Problem: Stimmen weniger Gläubiger dem geplanten Forderungsverzicht von 50 Prozent zu, dann kommen die erhofften 100 Milliarden Euro nicht zusammen. Die im Verborgenen agierenden Hedgefonds sind schwer zu fassen. Die Hedgefonds hätten zusammen inzwischen so viele Hellas-Bonds angehäuft, dass sie mit ihrem Gewicht die Gläubigerbeteiligung leicht torpedieren könnten, heißt es. Die Firmen selbst äußern sich nicht dazu.

Doch in Wahrheit haben die Fonds deutlich weniger in der Hand, als es den Anschein hat. Die Summe der CDS auf griechische Staatsanleihen sei nicht mehr sehr hoch, sagt Tim Brunne, Kreditstratege bei der Unicredit. Brunne beruft sich auf Zahlen des US-Datenregisters DTCC: "Zwar laufen noch CDS-Kontrakte in einer Höhe von mehr als 70 Milliarden Dollar, netto müssten aber weniger als 3,5 Milliarden Dollar ausgezahlt werden, sollte ein Kreditereignis eintreten." Erklärt Griechenland sich also für zahlungsunfähig, würden umgerechnet nur rund 2,6 Milliarden Euro fällig.

Der Unterschied zwischen der hohen Gesamtsumme und dem Betrag, der netto ausgezahlt werden müsste, hat einen schlichten Grund: Ein großer Teil der Halter von CDS-Kontrakten hat sich gegenseitig versichert, deshalb stünden den Auszahlungen Einnahmen in gleicher Höhe gegenüber - die Zahlungen heben sich laut Brunne gegenseitig auf.

"Keine systemische Gefahr"

Einige Hedgefonds dürften dann zwar ordentliche Gewinne erzielen, insgesamt aber wäre der Schaden begrenzt. Das Ziel der Zocker ist vermutlich ein anderes: Sie wollen Druck machen. Verzichten genügend andere Gläubiger freiwillig auf einen Teil ihrer Forderungen, können die Hedgefonds ihre Griechenland-Anleihen halten, auf die Rückzahlung pochen und eine üppige Rendite einstreichen.

Zwar dürfte die Gesamtzahl der CDS noch etwas höher sein, als 3,5 Milliarden Dollar, sagt Unicredit-Stratege Tim Brunne: "Eine systemische Gefahr sehe ich darin aber auch nicht." Die Hedgefonds schaffen es also mit einer im Vergleich zu den griechischen Gesamtschulden von mehr als 350 Milliarden Euro relativ kleinen Summe, die Politik vor sich herzutreiben.

Hedgefonds setzen auf höchste Rendite

Die Hedgefonds setzen alles darauf, dass sie auf keinen Cent ihrer Forderungen verzichten müssen - und die Chancen stehen gut, sagt Hans-Peter Burghof, Leiter des Instituts für Bankwirtschaft an der Universität Hohenheim: "Die Politik will nicht jene belohnen, die darauf spekuliert haben, dass Athen in die Pleite geschickt wird." Die griechische Regierung rechnet damit, sich mit den Gläubigerbanken noch auf einen freiwilligen Schuldenschnitt zu einigen. Der Internationale Bankenverband (IIF) warnte jüngst allerdings vor einem Scheitern der Gespräche

Burghof plädiert dafür, die Gespräche zu beenden und alle Gläubiger zu zwingen, auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten: "Die griechische Regierung wird einfach nicht zahlen. Man wird dann eine Gläubigerversammlung machen und dort beschließen, auf welche Summe die Halter der Anleihen verzichten müssen." Dann würden auch die erfolgsgewöhnten Hedgefonds Milliarden verlieren.

Mit Material von Reuters

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dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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