Kampf gegen Steuerhinterzieher Griechenland verhaftet Maronenverkäufer statt Millionäre

Ein alter, hoch verschuldeter Maronenverkäufer in Griechenland wird von einem Polizeitrupp festgenommen, weil er keine Lizenz mehr hat. Der Vorfall löst eine Welle der Empörung in dem Land aus: Reiche Steuersünder würden geschont, die Armen verfolgt.

Festnahme des Maronenverkäufers Dimou: Sechs Monate Haft auf Bewährung
Kya Tzimou

Festnahme des Maronenverkäufers Dimou: Sechs Monate Haft auf Bewährung

Von


Soll keiner mehr sagen, Griechenland nehme den Kampf gegen Steuerhinterziehung nicht ernst. Kürzlich nahm die Polizei in Thessaloniki mit großem Aufwand Giorgos Dimou fest: einen 62-jährigen Straßenverkäufer, der einen riesigen Schuldenberg hat und nach eigener Aussage acht Geschwister versorgen muss.

Sieben Uniformierte, einen Streifenwagen und ein Abschleppauto fuhr die Polizei auf, um den Maronenverkäufer festzunehmen und seinen Karren abzutransportieren. Sein Vergehen: Er röstete und verkaufte Esskastanien ohne Lizenz. Dimous Geschichte hat sich in Griechenland wie ein Lauffeuer verbreitet und für Empörung gesorgt.

Der Grund ist weniger die Absurdität dieser aufwendigen Polizeioperation - sie bestätigt vielmehr das Gefühl der Menschen, dass die griechischen Behörden hart gegen kleine Straftaten vorgehen und die großen Fische vom Haken lassen.

Nach seiner Festnahme am vergangenen Freitag wurde Dimou in Handschellen vor Gericht gestellt. "Ich schulde dem Staat, der Krankenversicherung und der Rentenkasse 150.000 Euro", erklärte Dimou. "Alles, was ich will, ist eine Lizenz, um Maronen zu verkaufen und davon zu leben." Der Richter verhängte eine sechsmonatige Gefängnisstrafe - immerhin auf Bewährung - und zusätzlich eine Geldstrafe von 10.000 Euro.

Vor griechischen Gerichten sind nicht alle gleich

In einem ähnlichen Fall vor einem Monat verhaftete die Polizei in der kleinen Stadt Karditsa einen 92-jährigen Maronenverkäufer. In der vergangenen Woche verhängten Steuerprüfer zudem eine 5000-Euro-Strafe gegen eine 79-jährige Witwe, die auf dem Markt Gemüse verkaufte - und dafür die Lizenz ihres verstorbenen Ehemanns benutzte.

Gesetz sei eben Gesetz, argumentieren die einen. Viele Griechen halten die Härte aber für ungerechtfertigt, vor allem im Vergleich zu anderen Fällen, in die Reiche und Mächtige verwickelt sind.

So bekam zum Beispiel Griechenlands früherer Finanzminister Giorgos Papakonstantinou nur eine einjährige Bewährungsstrafe - obwohl er die sogenannte "Lagarde-Liste" mit Namen reicher Griechen mit Schweizer Bankkonten manipulierte, um Verwandte zu schützen.

Der Fall des Maronenverkäufers Dimou sorgt auch deshalb für Aufregung, weil die Journalistin Kya Tzimou die Verhaftung beobachtet, gefilmt und auf der Website parallaximag.gr veröffentlicht hat. "Der Aristoteles-Platz war brechend voll, die Stimmung gut. Dann sah ich ein Meer von weißen Helmen in der Menge. Ich dachte erst, jemand sei ermordet worden", schrieb Tzimou.

Dann bemerkte sie, dass die Polizisten gekommen waren, einen Maronenverkäufer zu verhaften. Als sie seinen Karren konfiszierten, begann der alte Mann zu weinen, Esskastanien flogen herum, der Verkäufer fiel in Ohnmacht. Die Menschenmenge, die die Szene beobachtete, war laut Tzimou vollkommen perplex. Als die Journalistin ihren Bericht und die Fotos veröffentlichte, verbreitete sich Dimous Geschichte unter dem Hashtag #kastanas - dem griechischen Wort für Maronenverkäufer - im Netz und in den Nachrichten.

Giorgos Dimou am Boden: "Sollte einen Job beim Theater bekommen"
Kya Tzimou

Giorgos Dimou am Boden: "Sollte einen Job beim Theater bekommen"

Schließlich griff sogar Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras ein: Die Maßnahmen gegen den Schwarzmarkt sollten angemessen sein, wies er seinen Polizeiminister an. Die Polizei wiederum verteidigte ihr Vorgehen: Es sei ihre Aufgabe, einer Anzeige nachzugehen: "Die Gerichte müssen entscheiden, wo sie Nachsicht zeigen - nicht die Polizisten."

Auch der Bürgermeister von Thessaloniki, Giannis Boutaris, ergriff Partei für die Beamten: Er bezweifelte, dass Dimou in Ohnmacht gefallen sei. "Der Händler sollte einen Job beim Theater bekommen", sagte Boutaris. Die Stadtverwaltung vergibt die Lizenzen für die Straßenverkäufer. Der Bürgermeister sagte, Dimou sei seine alte Lizenz mehrfach entzogen worden - er hatte sich nicht daran gehalten, an einen anderen Ort in der Stadt zu wechseln. Für eine neue habe er keine Berechtigung.

Auch wenn das alles stimmen mag - die Griechen sind misstrauisch. Nur wenige glauben daran, dass Gesetze buchstabengetreu durchgesetzt werden. Die Ironie der Geschichte: Der alte Maronenverkäufer bestätigt dieses Misstrauen.

Seit Mittwoch ist er zurück auf seinem alten Platz. Sollte Dimou wieder verhaftet werden, müsste er zwar ins Gefängnis, allerdings ist die Gefahr nur noch gering: Weil jetzt jeder seine Geschichte kennt, ist der lange Arm des griechischen Gesetzes nirgendwo zu sehen.

Übersetzung aus dem Englischen: Nicolai Kwasniewski

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 104 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mictann 17.12.2015
1. Das ist in Deutschland nicht anders
Nur noch nicht ganz so eng. Was regt sich hier ein deutsches Blatt wegen sowas auf? Gerechtigkeit ist in D noch NIE auf der Tagesordnung gewesen.
imperatom 17.12.2015
2.
Das Gesetz durchzusetzen ist gut. Aber dafür muss man wohl kaum einen Sechszigjährigen mit einem großen Trupp Polizei verhaften. Vermutlich hätte es ein Brief getan, falls man das erfolglos versucht hat, hätten wohl zwei Polizisten ausgereicht. Kein Wunder sonst, wenn man nicht genug Beamte hat, um die "großen Fische" zu verfolgen oder Grenzssicherung zu betreiben.
oliverwi 17.12.2015
3. Grundsätzlich richtig
Dass Griechenland nicht gegen superreiche Steuersünder vorgeht, ändert leider nichts daran, dass auch der kleine Mann von nebenan, hier also Dimou, bestraft werden muss.
horchposten 17.12.2015
4.
Womit sich wieder einmal die uralte Wahrheit bestätigt: "Die kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen." Während der Zeit vor der Finanzkrise hat sich in Griechenland ein kleine Schicht extrem bereichert und als es brenzlig wurde, das Geld ins Ausland verschafft und kaum einer wurde belangt. Einge wenige Präzendenzfälle mit symbolischen Charakter, um die Bevölkerung zu beruhigen. Das war's. Und alle spielen mi,t allen voran die Banken, und Hehlerstaaten wie z.B. die Schweiz bereichern sich noch daran. Der kleien Mann zahlt wie immer die Zeche!
TLB 17.12.2015
5.
Ja und? Bei uns wurde auch Emily gekündigt wegen eines dubiosen Pfandbons von EUR 1,50. Aber so genannte Manager, die ganze Landesbanken durch Spekulationen aller Art in die Pleite führen, erhalten eine Abfindung. Wo henau ist der qualitative Unterschied?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.