Griechenland-Referendum Mit diesen Grafiken macht Syriza Wahlkampf

Die Griechen stimmen am Sonntag über die Sparpläne der Geldgeber ab. Die Tsipras-Regierung wirbt mit speziellen Grafiken für ein Nein: Sie zeigen die desaströsen Folgen der Wirtschaftskrise. Die Daten sind geschickt gewählt.

Greece General Secretariat of Communication

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Je näher die Volksbefragung in Griechenland über die Reformforderungen der Geldgeber rückt, desto emotionaler wird der Kampf um die Wählerstimmen: Es ist viel von Würde die Rede, die das griechische Volk zurückerlangen müsse, von Unterwerfung unter die Europartner, die enden müsse, von Ultimaten, denen sich zu beugen der Stolz verbiete. Oder - von der anderen Seite - vom Todesstoß, den ein Nein zu einem Abkommen der griechischen Wirtschaft versetzen würde.

Regierungschef Alexis Tsipras droht indirekt, sein Finanzminister Gianis Varoufakis ganz offen mit Rücktritt, sollten die Griechen mehrheitlich mit Ja stimmen - also gegen die Empfehlung der Regierung. Eher würde er sich den Arm abschneiden, als ein Abkommen ohne Schuldenschnitt für sein Land zu unterschreiben, schwor Varoufakis. In den Straßen Athens blickt der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble grimmig von Plakaten, darauf der Spruch: "Fünf Jahre lang hat er euer Blut getrunken, jetzt sagt Nein zu ihm."

Die konservative Opposition kramt indessen ihre Wahlkampfvideos aus dem Winter noch einmal hervor, in denen sie für einen Syriza-Sieg scheinbar hellseherisch die Apokalypse beschwor, die nun vermeintlich einzutreten beginnt: Kapitalkontrollen, Versorgungsengpässe, das Euro-Aus, der endgültige Absturz.

Die Umfragen zeigen, wieso beide Seiten derart aufgeladen argumentieren: Es sieht nach einem knappen Ergebnis aus, die anfangs hohe Zustimmung zu einem Nein - die Empfehlung der Regierung - ist binnen weniger Tage arg zusammengeschmolzen. Eine aktuelle Befragung ergibt gar eine Mehrheit für ein Ja zu den Forderungen der Geldgeber.

Umso wichtiger ist es für die Regierung Tsipras, nicht nur diejenigen zu mobilisieren, die die Gläubiger und ihren Sparkurs ohnehin aus vollem Herzen ablehnen. Sie muss auch diejenigen Bürger in der politischen Mitte überzeugen, die sich weniger von Emotionen als von Fakten leiten lassen.

Für diese Klientel hat die Regierung auf einer eigens eingerichteten Referendum-Website einige Infografiken gestellt - selbstverständlich auf Griechisch, aber auch in einer englischen Version. Sie sollen auf einen Blick begreifbar machen, wie sich das Land seit 2010 - dem Beginn der von den Geldgebern erzwungenen Reformen - in wichtigen Bereichen entwickelt hat: Arbeitslosigkeit, Gesundheit, Armut.

(In dieser Fotostrecke finden Sie die Infografiken der griechischen Regierung und einen Faktencheck.)

Die Aufstellung zeichnet selbstverständlich ein düsteres Bild der Lage - was nicht einmal die prominentesten Vertreter der Geldgeber bestreiten würden. So leitete Kanzlerin Merkel ihre Rede vor dem Bundestag am Mittwoch damit ein, dem griechischen Volk ihr Mitgefühl auszudrücken. Und ebenso selbstverständlich hat die Regierung Fakten ausgewählt, die den ökonomischen und sozialen Niedergang belegen - und jene nicht berücksichtigt, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft machen.

Aber: Dennoch überzeichnet die Regierung die Entwicklung nicht. Die Fakten sind - soweit nachprüfbar - weitgehend korrekt, in einigen Bereichen hätte sie zu noch drastischeren Zahlen greifen können.

Und dennoch führen die Infografiken der griechischen Regierung in einem Punkt in die Irre: Sie implizieren, dass mit einem Ende der Troika-Politik, mit einem Nein bei der anstehenden Volksabstimmung, auch die griechische Misere enden würde. Wie das angesichts riesiger Schuldenberge und gähnend leerer Staatskassen funktionieren soll, erklären sie nicht.

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insgesamt 389 Beiträge
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faktencheck! 03.07.2015
1. Zusammengefasst...
also eigentlich haben Sie schon Recht, aber so kann man das ja nicht sagen...
rgw_ch 03.07.2015
2. englisch
Wollen Sie mir jetzt im Ernst weismachen, die griechische Regierung werbe mit englischsprachigen Plakaten? Oder habe ich den Hinweis überlesen, dass diese Grafiken für Spiegel-Leser übersetzt wurden?
rdexter 03.07.2015
3.
Falls die Griechen mit Nein stimmen, und dann tatsächlich kein Geld mehr fließt, wird sich schnell rausstellen, wer vorher der "Blutsauger" war.
ex2012 03.07.2015
4. Interessant
Wenn die Griechen Daten verwenden, dann sind diese natürlich gefälscht. Hier mal einige Daten u.a. aus dem Fim Troika Macht ohne Kontrolle: Lagarde hat eine liste mit Namen von mehr als 2000 Seuerhinterziehern unterschlagen. Unter der Troika wurden Summen dreistelliger Milliardenhöhe aus Griechenland in das Ausland abgezogen. Vermutlich größtenteils hinterzigene Steurtgelder. Der Verkauf griechischer Banken an nordamerikanische Hegdefonds brachte 15 Milliarden Verlust. Mit dem Geld könnte man das griechische Gesundheitsystem zehn Jahre ohne Reformen finanzieern. Hinzu kommen 108 Milliarden Euro Verlust, da Schulden europäischer Banken auf griechische Banken fasdt komplett umgelegt worden sind. Diese Banken wurden von Griechenland gerettet. Alles in Staatsbeseoitz soll zu Schleuderpreisen privatisuert werden. Das Olympiagelände in Athen zum Beispiel wurde unter der Hälfte des Wertes von 4,2 Milliarden Euro an griechische Oligarchen verkauft. Tarifverträge und Arbeitsrecht wurden außer Kraft gesetzt, der Regierung das Gesetzgebeungsrecht in diesem Bereich übrtragen. Ärzte ohne Grenzen sind in Griechenland tätig. 751 Mindestlohn sllen ochmals gesenkt werden. Jobangebote unter 500 Euro pro Monat sind für Akademiker Realität. Monatlich sterben mehere 100 Menschen, die nicht behandelt werden können. MS-Kranken wurde die Rente vob 67% auf 35&% Gekürzt. Sie können sich keine Versicherung mehr leisten. Von 5000 Ärzten sind nur weniger als 2000 in Griechebnland aktiv.
Reiner_Habitus 03.07.2015
5.
Alles richtig. Aber die Ursache ist weder die Sparpolitik noch der IWF. Die Ursache ist die absolute Unfähigkeit des Staates als Gesamtsystem. Jetzt hinzugehen und zu sagen unser Staat funktioniert nicht wir hätten bitte alles so wie früher, geht nicht. Der einzige Weg sind nun einmal Reformen. Am besten solche die durch Investitionen Wachstum erzeugen. Wenn man die nicht will muss man halt mit dem Auskommen was man einnimmt. Das nennt sich Austerität. Aber Moment mal die wollen sie in GR ja auch nicht.....
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