Haushalt ohne Zinskosten Griechenland erzielt ersten Überschuss seit zehn Jahren

Griechenland hat im vergangenen Jahr mehr eingenommen als ausgegeben - wenn man die enormen Zinskosten herausrechnet. Wie viel Schulden machen andere EU-Staaten? Alle Zahlen auf einen Blick.

Flaggen der EU und Griechenlands in Athen: Voraussetzung für Hilfe
AP

Flaggen der EU und Griechenlands in Athen: Voraussetzung für Hilfe


Luxemburg - Das Sorgenkind der Euro-Zone hat einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu weiteren Finanzhilfen genommen: Griechenland hat im Jahr 2013 nach zehn Jahren wieder einen sogenannten Primärüberschuss von 1,5 Milliarden Euro erzielt. Das teilte die EU-Kommission unter Bezug auf Berechnungen der internationalen Geldgeber mit.

Unter einem Primärüberschuss versteht man den Saldo von Einnahmen und Ausgaben des Staates, bei dem die Zahlungen für Zinsen herausgerechnet sind. Einen Primärüberschuss hatten die Gläubiger des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der EU-Partner als Bedingung dafür gefordert, Griechenland noch weiter unter die Arme zu greifen - entweder über niedrigere Zinsen für die bereits vergebenen Kredite, längere Laufzeiten oder gar ein neues Hilfspaket.

Allerdings ist ein Primärüberschuss eine rein rechnerische Größe - in der Realität führten die enormen Zinszahlungen des hochverschuldeten Landes auch im vergangenen Jahr zu einem hohen Defizit von 12,7 Prozent der Wirtschaftsleistung Griechenlands. Ökonomen hatten vorab sogar einen noch höheren Wert erwartet.

Euro-Zone häuft neue Schulden an - aber weniger

Insgesamt hat sich die Lage der öffentlichen Haushalte in der EU im vergangenen Jahr kaum verbessert - obwohl sich viele Staaten Europas in in der Wirtschaftskrise drastische Sparprogramme auferlegt haben. Zwar ging das summierte Haushaltsdefizit aller 28 Mitgliedstaaten gemessen an der Wirtschaftsleistung von 3,9 Prozent im Vorjahr auf 3,3 Prozent zurück. Im Ergebnis stieg der europäische Staatsschuldenberg der EU-Statistikbehörde Eurostat zufolge dennoch um 437 Milliarden Euro.

In der Euro-Zone - also den 18 EU-Staaten, die den Euro als gemeinsame Währung eingeführt haben - verringerte sich das konsolidierte Haushaltsdefizit von 3,7 Prozent im Jahr 2012 auf 3,0 Prozent. Der Währungsraum als Ganzes würde also die vereinbarte Obergrenze für die Defizitquote gerade noch einhalten.

Musterstaat Estland

Allerdings gilt das nicht für den Schuldenstand, für den eigentlich eine Obergrenze von 60 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung gilt. In der Euro-Zone betrug er Ende des vergangenen Jahres 92,6 Prozent, das entspricht einer Steigerung von 1,9 Prozentpunkten. Über alle 28 EU-Staaten hinweg wuchs der Schuldenberg von 85,2 Prozent der Wirtschaftsleistung auf 87,1 Prozent.

Nur zwei Euro-Staaten nahmen im vergangenen Jahr keine neuen Schulden auf: Luxemburg erzielte einen Haushaltsüberschuss von 0,1 Prozent der Wirtschaftsleistung - und Deutschland landete mit einem Plus von 190 Millionen Euro bei Bund, Ländern, Kommunen und Sozialversicherungen bei einer schwarzen Null.

Das relativ größte Defizit häufte im vergangenen Jahr keiner der klassischen Euro-Krisenstaaten an - sondern Slowenien: Dessen Ausgaben überstiegen die Einnahmen um 14,7 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Griechenland hat die mit Abstand höchste Schuldenquote der EU. Sie beträgt 175,1 Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Aber auch Italien, Portugal, Irland und Zypern haben einen Schuldenberg von deutlich mehr als hundert Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts angehäuft. Vorbildlich ist dagegen die Haushaltspolitik Estlands. Die Balten verzeichneten im vergangenen Jahr zwar ein Defizit von 0,2 Prozent, ihre Schuldenquote ist mit zehn Prozent der Wirtschaftsleistung aber geringer als in allen anderen EU-Staaten.

Öffentliches Defizit im Euroraum und in der EU28

Region/Land Defizit/Überschuss 2012* Defizit/Überschuss 2013*
Euroraum -3,7 -3,0
Slowenien -4,0 -14,7
Griechenland -8,9 -12,7
Irland -8,2 -7,2
Spanien -10,6 -7,1
Zypern -6,4 -5,4
Portugal -6,4 -4,9
Frankreich -4,9 -4,3
Italien -3,0 -3,0
Malta -3,3 -2,8
Slowakei -4,5 -2,8
Belgien -4,1 -2,6
Niederlande -4,1 -2,5
Finnland -1,8 -2,1
Österreich -2,6 -1,5
Lettland -1,3 -1,0
Estland -0,2 -0,2
Deutschland 0,1 0,0
Luxemburg 0,0 0,1
EU28 -3,9 -3,3

* in Prozent des BIP

Quelle: eurostat

fdi/dpa-AFX/Reuters

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 51 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Hamstedt 23.04.2014
1.
Im Klartext also wenn man durch die rosarote Brille schaut, denn in der harten Wirklichkeit werden die Zinskosten nicht einfach "herausgerechnet". Das ist so wie wenn man sagt unsere Gesellschaft wird jünger, aber nur wenn man die Alten herausrechnet. Ja und?
mimas101 23.04.2014
2. Hmm tja
Einleitungssatz im Artikel: Das Sorgenkind der Euro-Zone hat einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu weiteren Finanzhilfen genommen: ... Also kann man sagen: Hurra, es geht voran und es wird besser. Oder wie? Aber immerhin - im Kontext mit dem Artikel mit den wegbrechenden Mittelstandsinkommen in den USA (ein alter Hut eher, man brauche nur mal in US-Amerikanische soziale Netzwerke reinzuschauen und sich daran zu erinnern das seit den 70ern des letzten Jahrhunderts in realiter für die breite Masse kaum mehr als Inflationsausgleiche herauskamen und der Rest kreditfinanziert ist) geht es uns besser. Also laßt uns bei den nächsten ähh sog. Parlamentswahlen für das EWG-Monstrum mit frohen Mutes das richtige Kreuzchen setzen. Ich sehe hier keinerlei Grund zum Jubeln.
donrealo 23.04.2014
3. Primärüberschuss
eine neue politisch motivierte Wortfindung mit toller Blendwirkung - ich lach mich tot. Ich geh jetzt gleich mal zur Bank und nehm ne Million Kredit auf. Laufzeit unendlich und die Zinsen bezahl ich auch nicht. Somit arbeite ich auch mit "Primärüberschuss". Griechenland ist mit 175% Verschuldung des BIP aber so was von pleite. Aber ok, die meisten SPON und BILD Leser werden diesen Wahlköder schon schlucken.
Medniece 23.04.2014
4. Wie bitte?
Wieviele Märchen will uns die Politik vor der Wahl denn noch auftischen?
Progressor 23.04.2014
5. Nicht gut
Im Euroland hat man sich letztes Jahr um 3 % des BIP neu verschuldet, konnte aber dadurch kein Wachstum in dieser Größenordnung induzieren. Der Geldumlaufmultiplikator ist daher weit unter 1. Das heisst die Staaten müssen immer mehr Geld aufwenden um damit immer weniger Wachstum zu erzeugen. Das ist normal in unserem Wirtschaftssystem, aber die Ausmaße sind erschreckend.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.