Grexit-Überlegungen So nah war Griechenland der Drachme

In letzter Minute hat sich Griechenland mit den Gläubigern auf neue Reformen geeinigt. Doch für den Fall, dass der Verhandlungspoker schiefgeht, hatte Athen bereits den Grexit vorbereitet - auch der Rücktritt von Varoufakis soll damit zusammenhängen.

Drachmen und Euroscheine: Syrizas Pläne zum Grexit
DPA

Drachmen und Euroscheine: Syrizas Pläne zum Grexit

Aus Athen berichtet


Als Panagiotis Lafazanis, Energieminister und Anführer des linken Syriza-Flügels, in der Nacht zum Mittwoch seine Anhänger zu einem Treffen hinter verschlossenen Türen zusammenrief, betraten die Eingeladenen das Athener Hotel still und leise durch die Seiteneingänge.

Das klandestine Treffen hatte zwei Ziele: Die Syriza-Hardliner wollten erstens eine gemeinsame Linie für die Parlamentsabstimmung über das Spar- und Reformprogramm besprechen. Und zweitens den Plan B für einen Austritt Griechenlands aus dem Euro, den sogenannten Grexit, diskutieren. Viele Syriza-Mitglieder hatten in der Vergangenheit darüber geredet - bisher aber niemals in der Öffentlichkeit.

Der Plan hätte in Kraft treten sollen, wenn sich der Eurogipfel am Wochenende nicht auf Verhandlungen über ein drittes Hilfspaket hätte einigen können.

Nach Angaben von Teilnehmern des Treffens war Lafazanis Plan recht einfach: Wenn kein ehrenwertes Abkommen zwischen Griechenland und seinen Gläubigern zustande kommt, sollten die Bargeldreserven der Bank of Greece, der griechischen Zentralbank, beschlagnahmt und der bei Syriza ohnehin unbeliebte Zentralbankchef Yanis Stournaras gefeuert werden.

Zentralbankchef feuern, 22 Milliarden Euro beschlagnahmen

Wörtlich hat Lafazanis der griechischen Tageszeitung "Kathimerini" zufolge gesagt: "Der Plan war der Übergang zu einer nationalen Währung. Wir hätten das schon längst tun können, und wir können es auch jetzt noch tun, wenn wir 22 Milliarden Euro aus der Zentralbank nehmen, um Renten und Gehälter zu zahlen."

Auch beim rechtspopulistischen Koalitionspartner gab es Grexit-Überlegungen: Ein Anel-Abgeordneter sagte (kurz vor Einführung der Kapitalkontrollen) auf die Frage, was die Regierung tun werde, wenn die Europäische Zentralbank (EZB) die Finanzierung kappt: "Geld lässt sich finden. Und keine Sorge: Es werden Euros sein." Mit dem Bargeld der Zentralbank hätte Griechenland, so die Überlegung, ausreichend Zeit, sich auf eine eigene Währung vorzubereiten.

Grexit-Plan angeblich Grund für Varoufakis-Rücktritt

Inzwischen hat auch Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis offen zugegeben, dass er entsprechende Grexit-Planungen vorbereitet hatte. Er habe Premierminister Alexis Tsipras vorgeschlagen, auf Euro lautende Schuldscheine ("IOUs", Abkürzung für "I owe you", zu Deutsch: "Ich schulde dir") auszugeben. Außerdem sollte Griechenland einen Schuldenschnitt auf Staatsanleihen anwenden, die die EZB seit 2012 hält und zusätzlich die griechische Zentralbank übernehmen.

Tsipras aber scheute die Folgen, wie er in seinem Interview mit dem griechischen Fernsehsender ERT in der vergangenen Nacht zugab. Einem Insider zufolge war der IOU-Plan von Varoufakis der eigentliche Grund, weshalb der Premier ihn fallen ließ - nicht der Druck von Gläubigern oder der Opposition.

Tsipras neues Kabinett, das in den nächsten Tagen bekannt gegeben werden soll, wird aus proeuropäischen Realisten bestehen müssen. Vor allem, wenn Tsipras die Mehrheit in seiner eigenen Koalition verliert und die Opposition braucht, um das Abkommen zu verabschieden.

Der linke Lafazanis-Flügel hat jedenfalls nicht vor, aufzugeben - die Partei spalten wollen die Anhänger aber auch nicht. Jedenfalls noch nicht.

Übersetzung: Nicolai Kwasniewski

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 191 Beiträge
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Seite 1
Jom_2011 15.07.2015
1. Grexit-Überlegungen: So nah war Griechenland der Drachme
Schade, daß es nicht dazu gekommen ist. Warten wir halt noch 2 Jahre. Wenn dann die knapp 100 Mrd Euro alle sind und nichts an Reformen umgesetzt wurde, wäre das der konsequenteste Schritt.
Kuurgaan 15.07.2015
2. Schade
Die Drachme wäre für alle Beteiligten die bessere Lösung gewesen. Da waren die EU Vertreter wohl nicht konsequent genug.
Eckfahne 15.07.2015
3. Es wird ja immer .....
.... kurioser! Man wollte sich die 22 Milliarden Euro, die in der Zentralbank lagern, unter den Nagel reissen und mit diesem Geld agieren. Kriminell oder wie sonst soll man das bezeichnen?
mactor2 15.07.2015
4. Noch nicht vorbei...
Es ist noch nicht vorbei. Früher oder etwas später muss Griechenland gehen. In spätestens 6 Monaten ist bei denen doch wieder das Geld alle keiner weiß wo es ist und das Spiel geht von vorn los.
aufdenpunktgebracht, 15.07.2015
5. Feigling
Das hätte ich Tsipras nun nicht zugetraut, den eigenen Weg aus der Krise zu verweigern und sich auf die Alimentierung Griechenlands "um jeden Preis" einzulassen. Geld stinkt nicht, auch nicht in Griechenland.
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