Mögliche Griechenland-Pleite So viel Geld steht für Deutschland auf dem Spiel

Mehr als 84 Milliarden Euro: Bei einer Pleite Griechenlands scheint viel deutsches Geld gefährdet zu sein. Doch in Wahrheit ist das Risiko für den Bundeshaushalt überschaubar.

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Euro-Paket der Deutschen Bundesbank: Ist das Geld bald weg?
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Euro-Paket der Deutschen Bundesbank: Ist das Geld bald weg?


"Deutschland hat bislang noch keinen Euro aus dem Bundeshaushalt wegen Griechenland aufbringen müssen." Diesen Satz hörte man in den vergangenen Jahren Dutzende Male in Fernseh-Talkshows. Nach der Zuspitzung des Schuldenstreits mit Griechenland könnte er an Gültigkeit verlieren: Eine Staatspleite Griechenlands ist inzwischen möglich - und damit könnte der deutsche Haushalt tatsächlich belastet werden.

Doch mit wie vielen Milliarden Euro steht Deutschland tatsächlich im Feuer? Auf diese simple Frage gibt es keine simple Antwort. Denn das konkrete Haftungsrisiko Deutschlands hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab.

Sie wollen doch lieber eine simple Antwort? Dann scrollen Sie rasch bis zur letzten Grafik dieses Textes. Da finden Sie die Maximalbelastung des Bundeshaushalts im Worst Case. Für alle anderen hier die detaillierte Erklärung:

Versucht man, Hausnummern für die maximale Haftungsgrenzen Deutschlands Ende Juni 2015 zu ermitteln, muss man zumindest unterscheiden, ob...

  • Griechenland zahlungsunfähig wird, aber im Euro bleibt. Dann steht Deutschland mit bis zu rund 61,5 Milliarden Euro in der Haftung - allerdings für Zahlungen, die bis zum Jahr 2054 geplant sind.

Oder ob...

  • Griechenland zusätzlich aus dem Euro ausscheidet. Bei einem Grexit erhöht sich das Haftungsrisiko Deutschlands auf rund 84,5 Milliarden Euro.

Wie setzen sich diese Summen zusammen?

Wichtig ist: Bei diesen Summen handelt es sich um die maximalen denkbaren Schäden für den deutschen Haushalt. Sie würden dann eintreten, wenn Griechenland in den nächsten vier Jahrzehnten nicht einen Cent seiner Schulden bedienen würde. Das ist ein extrem unwahrscheinliches Szenario. Wesentlich wahrscheinlicher ist, dass Griechenland bestimmte Schulden bedienen wird, andere eher nicht.

Daraus ergeben sich unterschiedliche Ausfallwahrscheinlichkeiten für deutsche Bürgschaften:


Erstes Hilfspaket für Griechenland - hohes Risiko

Im Jahr 2010 schnürten die Europartner und der Internationale Währungsfonds (IWF) ein erstes Hilfspaket für Griechenland. In den vergangenen Wochen eskalierte die Konfrontation vor allem mit den Europartnern. Griechenland würde also mit hoher Wahrscheinlichkeit Kredite nicht (oder nicht ausreichend) bedienen, für die die Europartner bürgen.

Beim ersten Hilfspaket steht Deutschland mit 15,17 Milliarden Euro in der Haftung. Damit bürgt Deutschland direkt für Kredite, die an Griechenland weitergereicht wurden. Bedient die Regierung in Athen sie nicht mehr, muss Deutschland das tun.

Allerdings werden die Kredite erst ab dem Jahr 2020 fällig, die Rückzahlung zieht sich bis zum Jahr 2041. In keinem Jahr droht Deutschland mehr als 758,5 Millionen Euro Schaden daraus.

Insgesamt wurden Griechenland im ersten Hilfspaket 73 Milliarden Euro überwiesen, davon 52,9 Milliarden Euro von den Europartnern, 20,1 Milliarden Euro vom Internationalen Währungsfonds (IWF).


Zweites Hilfspaket für Griechenland - hohes Risiko

Hier gilt das Gleiche wie für das erste Hilfspaket: Griechenland würde wohl am ehesten Kredite nicht bedienen, für die die Europartner bürgen.

Im Unterschied zum ersten Hilfspaket sind nicht die einzelnen Staaten der Eurozone beteiligt, sondern der von ihnen gegründete Euro-Rettungsschirm EFSF. Für dessen Verluste haftet Deutschland mit einem Anteil von 29,13 Prozent (Stand: Juni 2015).

Daraus ergibt sich: Zahlt Griechenland keinen Cent der Kredite aus dem zweiten Hilfspaket zurück, haftet Deutschland für insgesamt 38,16 Milliarden Euro.

Allerdings werden die Kredite erst ab dem Jahr 2023 fällig, die Rückzahlung zieht sich bis zum Jahr 2054. In keinem Jahr droht Deutschland mehr als 2,95 Milliarden Euro Schaden daraus.

Insgesamt wurden Griechenland im Zweiten Hilfspaket 142,8 Milliarden Euro überwiesen, davon 131 Milliarden Euro von den Europartnern über den EFSF, 11,8 Milliarden Euro vom Internationalen Währungsfonds (IWF).


Staatsanleihen im Besitz der EZB - hohes Ausfallrisiko, geringes Schadensrisiko für Deutschland

Auch auf die Europäische Zentralbank (EZB) ist die griechische Regierung nicht gut zu sprechen. Die EZB hält knapp 20 Milliarden Euro an griechischen Staatsanleihen selbst, die sie im Rahmen des Schuldenschnitts für private Gläubiger aufgekauft hat. Zusätzlich halten anderen Notenbanken im Euroraum weitere griechische Staatsanleihen im Wert von rund sieben Milliarden Euro, für die letztendlich auch die EZB gerade steht.

Deutschland haftet mit 25,57 Prozent für Verluste der EZB - theoretisch. Es ist alles andere als ausgemacht, dass die Mitgliedstaaten die EZB tatsächlich rekapitalisieren müssen. Denn die EZB-Satzung schreibt vor, dass Verluste bis zu einer bestimmten Höhe zunächst durch Rücklagen und Gewinne der EZB ausgeglichen werden.

Sollte jedoch der Worst Case eintreten, müsste Deutschland maximal Verluste von 6,9 Milliarden Euro ausgleichen, die entstehen, wenn der griechische Staat Staatsanleihen, die die EZB hält, nicht bedient.


Kredite des IWF an Griechenland - geringes Risiko

Obwohl in den vergangenen Wochen auch scharfe Töne aus Athen Richtung IWF zu hören waren, stehen die Zeichen derzeit auf eine Wiederannäherung. Denn der IWF ist die Institution, deren Expertise künftig gebraucht werden könnte, dessen ist sich die griechische Regierung bewusst. Zudem würden auch Staaten wie China oder die USA mit in die Haftung genommen, mit denen es sich Athen eher nicht verscherzen möchte. Und: Die Schulden des Landes beim IWF sind vergleichsweise gering.

Es ist daher wahrscheinlich, dass Griechenland seine Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem IWF einhalten wird - so wie das Land es bisher gemacht hat. Auch eine möglicherweise verzögerte Zahlung sollte daran nichts Grundsätzliches ändern.

Deutschland haftet mit 6,12 Prozent für Verluste des IWF. Sollte Griechenland also dennoch keinerlei Zahlungen mehr an den IWF leisten, müsste Deutschland mit 1,29 Milliarden Euro haften.

Im Rahmen des ersten und des zweiten Hilfspakets hat der IWF Griechenland insgesamt 31,9 Milliarden Euro überwiesen. 21,1 Milliarden Euro muss das Land davon noch zurückzahlen.


(Diese Grafik ist interaktiv: Sie können per Klick in der Legende am Fuß Elemente ein- und ausblenden - etwa die Forderungen des IWF oder der EZB, falls Sie es für wahrscheinlich halten, dass Griechenland sie bezahlt.)

Gesamtrisiko für Deutschland - wenn Griechenland im Euro bleibt

Die Grafik zeigt die kumulierten Haftungsrisiken Deutschlands, wie sie sich Ende Juni 2015 darstellen.

Auch wenn die Gesamtsumme von 61,53 Milliarden Euro recht groß ist, relativiert sich die Auswirkung auf den Bundeshaushalt durch den langen Zeitraum: Die Ausfälle würden sich bis zum Jahr 2054 verteilen. In keinem Jahr wäre der Bundeshaushalt mit mehr als drei Milliarden Euro belastet, meistens liegt die Summe zwischen ein und zwei Milliarden Euro. Das sind zwar keine Peanuts, aber für ein Land von der Größe Deutschlands verkraftbar. Zum Vergleich: Berlin erhielt allein im vergangenen Jahr rund 3,5 Milliarden Euro per Länderfinanzausgleich von den anderen Bundesländern. Und nicht vergessen werden darf der Effekt der Inflation: Knapp drei Milliarden Euro Zahlungsausfall 2043 - dem Jahr mit dem höchsten Risiko für Deutschland - fallen voraussichtlich deutlich weniger ins Gewicht als heute.


Gesamtrisiko für Deutschland - bei einem Grexit

Zu den oben aufgeführten Kreditrisiken Deutschlands kämen im Fall eines Austritts Griechenlands aus der Eurozone noch jene Haftungsrisiken hinzu, die sich aus einem Ausscheiden der griechischen Notenbank aus dem Europäischen Zentralbankensystem ergeben.

Hier geht es vor allem um die Notfallhilfen für griechische Banken, die sogenannte Emergency Liquidity Assistance (ELA). Sie beläuft sich derzeit auf rund 90 Milliarden Euro. Deutschland haftet mit 25,57 Prozent für Verluste der EZB - theoretisch. Das ergäbe eine Haftungssumme von rund 23 Milliarden Euro für den Bundeshaushalt. Daraus ergibt sich die Gesamtsumme von rund 84,5 Milliarden Euro, die für Deutschland im Feuer stehen.

Allerdings ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Ela-Kredite völlig abgeschrieben werden müssen. Sie sind besichert - auch wenn es griechische Staatsanleihen und Unternehmenskredite sind, die als Sicherheiten dienen. Zudem: Ob EZB-Verluste in voller Höhe und sofort ausgeglichen werden müssten, ist unsicher - siehe oben.

Mitarbeit: Nicola Naber, SPIEGEL-Dokumentation



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Hosterdebakel 30.06.2015
1. Wenn
die im Artikel angegebenen Zahlen stimmen, ist es unter dem Strich sowieso egal, denn faktisch ist Deutschland mit mehr als 2 Billionen Euro Schulden ja ebenfalls "pleite". Zudem haben ja die EU, EZB, - da natürlich auch Deutschland - gegenüber Griechenland ja so gehandelt wie es fast jede Bank einem Schuldner gegenüber (eine gewisse Zeit lang) ebenfalls macht. Frei nach dem Motto: "och, Du kannst nicht zurückzahlen, dann nimm einen neuen Kredit auf, schulde um und wenn es Dir wieder besser geht löst Du eben den Kredit ab." Nur auf einmal hat die "Bank" kalte Füße bekommen und will nicht mehr. So what? Das passiert vielen normalen Bankkunden weltweit täglich, da regt sich niemand drüber auf.
cerebellum2 30.06.2015
2. pro Kopf Zahlen
Sehr informativer Artikel. Damit die Zahlen verstaendlicher werden, waere eine Darstellung der Zahlen pro Bundesbuerger bzw. Steuerzahler hilfreich. Und das Ganze dann noch auf Basis der sinkenden Einwohnerzahlen bzw. Steuerzahler. Ueber 80.000 (achtzigtausend) Millionen verteilt auf 83 Mio. Bundesbuerger .... jeder hat also fast 1 Million dort gelassen ... und das Ganze fuer schlappe 9 Mio. Griechen. Herzlichen Dank auch an Herrn Tsipras und seine Vorgaenger fuer das Geschenk an unsere Kinder.
wermoe 30.06.2015
3. Griechenland war
vor 5 Jahren pleite und ist jetzt nur noch "pleiter" !
SEG_San 30.06.2015
4.
Fehlen da nicht noch die Schulden aus dem Target-2-System?
meinungssekret 30.06.2015
5. Ela
Sind sie sicher dass die EZB für ELA haftet ? Das ist Geld, dass die griechische Notenbank "druckt". Die Handlung der EZB ist darauf beschränkt, dass sie das "Drucken" erlaubt. Haftung kann eigentlich erst aufkommen, wenn das Geld Griechenland verläßt. Da sprechen wir dann aber eher von Target2-Salden als von ELA. Klar, nur ELA hat das möglich gemacht, aber ein Verlust bei der EZB bzw. den anderen Notenbanken stellt sich erst ein, wenn sie die Target2-Forderungen abschreiben müssen.
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