Steuerlast in Griechenland Ärmere zahlen 337 Prozent mehr, Reichere 9 Prozent

In Griechenland wächst die Kluft zwischen Arm und Reich dramatisch; das liegt einer neuen Studie zufolge am harten Sparkurs. Ausgerechnet für die ärmere Hälfte der Bevölkerung stieg die Steuerbelastung in der Krise exorbitant.

Suppenküche in Athen: "Völlig unausgewogene Austeritätspolitik"
AP/dpa

Suppenküche in Athen: "Völlig unausgewogene Austeritätspolitik"


Der harte Sparkurs in Griechenland verschärft die Armut in dem pleitebedrohten EU-Staat, wie eine neue Studie zeigt. Die nominalen Bruttoeinkommen privater Haushalte seien von 2008 bis 2012 um ein knappes Viertel gesunken, heißt es in einer Studie griechischer Wissenschaftler im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Für knapp die Hälfte des Rückgangs sind demnach Lohnkürzungen verantwortlich.

Besonders hart hat es der Studie zufolge Griechen mit niedrigen und mittleren Einkommen getroffen. Bei der unteren Einkommenshälfte stieg die Steuerlast im Verlauf der Krise um stolze 337 Prozent. Bei der oberen Hälfte nahm sie dagegen um nur 9 Prozent zu.

In absoluten Eurobeträgen hätten sich die Steuerforderungen an viele ärmere Haushalte zwar nur um einige hundert Euro erhöht. Angesichts sinkender Einkommen und hoher Arbeitslosigkeit überforderten diese Beträge aber schon viele.

Die Kürzungen seien weit umfassender ausgefallen, als nötig gewesen wäre, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Wirtschaft zu stärken, schreiben die Studienautoren. Sie kritisieren zudem, die Lohneinbußen für Beschäftigte im Kernbereich des öffentlichen Dienstes seien weitaus geringer ausgefallen als für Mitarbeiter in der Privatwirtschaft. Vielfach seien zunächst verfügte Kürzungen für Beamte oder direkt beim Staat Angestellte nicht umgesetzt worden, oder sie wurden nach kurzer Zeit zurückgenommen, zum Teil auf Basis von Gerichtsentscheidungen.

Insgesamt habe 2012 fast jeder dritte griechische Haushalt mit einem Jahreseinkommen von weniger als 7000 Euro auskommen müssen, heißt es. Die ärmsten Haushalte hätten fast 86 Prozent Einkommen verloren, die reichsten nur 17 bis 20 Prozent.

Das Bruttoeinkommen errechnet sich aus den Gesamteinkünften aller Mitglieder eines Haushaltes vor Steuern und Sozialabgaben. Für die Studie werteten die Wissenschaftler Daten von 260.000 griechischen Haushalten aus.

"Die nüchternen Zahlen zeigen, wie Millionen Menschen in Griechenland durch eine überharte und sozial völlig unausgewogene Austeritätspolitik wirtschaftlich abgestürzt sind", sagte Gustav Horn, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), bei der Vorstellung der Studie am Donnerstag in Berlin. Volkswirtschaftlich hätten diese Opfer keinen Sinn, so Horn, weil sie das Nachfragepotenzial derart reduziert hätten, dass die griechische Wirtschaft noch lange brauchen werde, um wieder auf einen einigermaßen stabilen Entwicklungspfad zu kommen.

Die Euro-Partner werfen Griechenland vor, jahrzehntelang über seine Verhältnisse gelebt zu haben, die Sozialleistungen seien teilweise höher als in anderen Euro- und EU-Ländern.

nck/dab/dpa

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insgesamt 281 Beiträge
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maxmaxweber 19.03.2015
1. Steuersätze auf dem Papier
Richtig müsste es lauten: Ärmere sollen 337 Prozent mehr Steuern zahlen, Reichere sollen 9 Prozent mehr Steuern zahlen. Denn wie wir wissen, haben sehr viele Griechen in Erwartung von Steuersenkungen ihre Steuern überhaupt nicht gezahlt. Übrigens zahlt auch jemand, der in Deutschland bisher unter dem Steuerfreibetrag verdient hat, in dem Moment in dem er einen Cent Steuern zahlen muss, unendlich viel Prozent mehr Steuern als vorher.
hapebo 19.03.2015
2. Wie bitte!
Was soll den dieser Beitrag,das ist eine innenpolitische Angelegenheit von Griechenland,die sind fuer die Fiskalpolitik zustaendig.
Marut 19.03.2015
3. Ziel erreicht
Na, da ist doch das Ziel der Institutionen erreicht - drastische Umverteilung nach oben. Die Leute auf den billigen Plätzen zahlen die Musik - der Rest hört genüßlich zu.
lupidus 19.03.2015
4.
und daran ist nun auch deutschland schuld ? es wurde schon öfter vorgeschlagen die dortigen reeder endlich mal zu besteuern, wenigsten ein bisschen. dies wurde abgeschmettert mit der begründung, sie würden dann das land verlassen. tja, so oder so, man hat offenbar keine einnahmen. wenn sie weg wären hätte man aber auch keine kosten und keine bürokratie mehr am bein. mittlerweile läuft über ein viertel der weltweiten tonnage unter griechischer flagge. warum begehren die armen dort nicht mal dagegen auf ? selbst wenn die eu noch mehr mrd reinpumpt wird sich an dem kernproblem nichts ändern.
der_prolet 19.03.2015
5. Die für mich unbeantwortete Frage...
Die für mich unbeantwortete Frage ist: was davon hat die Troika zu verschulden, und was hat die griechische Regierung bei der Umsetzung der Vorgaben versaubeutelt? Gerade der Hinweis auf die Gerichtsurteile weist ja darauf hin, dass man eine halbherzige, dafür um so schnellere Lösung hingeschmissen hat. Ist hierzulande ja auch üblich in der Politik...
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