Syriza-Anhänger Noch hält die Liebe der Griechen
Ministerpräsident Tsipras hat im Schuldenstreit mit den Euro-Partnern Kompromisse gemacht - ist er nun entzaubert? Die Mehrheit der Griechen steht zu ihm, auf dem ultralinken Syriza-Flügel aber beginnt es zu brodeln.
"Leider hat David die Schlacht gegen Goliath verloren", sagt Iordanes Iordanides. "Aber immerhin haben wir es probiert und die Hoffnung noch nicht verloren". David ist in seinen Augen die griechische Regierung. Goliath, das sind Deutschland und die Euro-Gruppe.
Iordanes, ein 40-jähriger Pharmavertreter, spricht vielen Griechen aus dem Herzen. Nach dem Kompromiss ihrer Regierung mit den Euro-Partnern empfinden sie Frust über Deutschlands Härte, Stolz auf das Aufbegehren der eigenen Regierung. Und sie hoffen, dass doch noch etwas zu holen ist.
Den meisten Griechen ist völlig klar: Syriza hat nachgegeben. Denn ein radikaler Schuldenerlass ist vom Tisch, und die Troika firmiert zwar nun unter dem Namen "Die Institutionen", ist aber immer noch im Land. Auch das Sparprogramm gilt weiter. Und alles, was die Regierung beim Thema Haushalt ändern möchte, muss von den Kreditgebern abgesegnet werden.
Für Griechen wie Iordanes Iordanides ist es am bittersten, dass die Regierung bestimmte Maßnahmen nicht einfach umsetzen kann. Das zeigt sich bei zentralen Syriza-Wahlversprechen. So wird das Aus für die verhasste Vermögensteuer warten müssen. Deren Einführung war einer der Gründe, warum die vorherige konservative Regierung die Wahlen verloren hatte. Auch die Steuerfreigrenze für Einkommen bis 12.000 Euro wird die Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras erst einmal aufschieben müssen.
Noch kann Syriza auf den Rückhalt der Wähler zählen
"Lasst uns erst mal abwarten und ihnen mehr Zeit geben, damit sie beweisen können, dass sie anders sind", sagt etwa Nana Dinopoulou. Die Ladenbesitzerin aus Thessaloniki hat Syriza gewählt und die Hoffnungen auf Veränderungen noch nicht aufgegeben. "Wenn sie nur einen Teil ihrer Versprechen einhalten können - zum Beispiel die Anhebung des Mindestlohns, eine höhere Grenze für steuerfreies Einkommen und Verbesserungen für Arme und Obdachlose - dann wäre ich schon mehr als glücklich", sagt Dinopoulou.
Aber nicht jeder in Griechenland ist so geduldig wie Iordanes Iordanides oder Nana Dinopoulou. Dimitrios Reveltzis etwa ist wütend auf die Europäer. "Sie wollen Griechenland unter ihrer Knute halten", sagt der Pensionär. Der Westen nutze das Land aus. "Griechenland ist besetzt. Und jeder, der das abstreitet oder nicht einsieht, ist dumm", sagt Reveltzis. Griechenland werde von westlichen "Kreuzrittern" regiert.
Es ist nicht nur der Zorn mancher Wähler, der Syriza Sorgen machen muss. Auch innerhalb der Partei brodelt es. Vor allem der ultralinke Flügel ist aufgebracht. Nur wenige Stunden nach der Einigung zwischen der griechischen Regierung und der Euro-Gruppe verkündete der kommunistische Flügel der Partei, der Kompromiss sei ein weiterer Schritt zur Unterwerfung Griechenlands. Und forderte sogleich einen Syriza-Parteitag, um eine neue Führung zu wählen. "Die Regierung hat keinerlei Grundlage für ihre Behauptung, das Sparpaket sei Vergangenheit und die Troika müsse Griechenland verlassen. Das Gegenteil ist der Fall", polterten die ultralinken Syriza-Mitglieder. Je mehr die Regierung alles schönrede, umso mehr würden die Griechen enttäuscht und desillusioniert.
Die Syriza-Führung müht sich, den Einfluss der Kritiker kleinzureden. Der kommunistische Parteiflügel sei klein und habe im Parlament keine Unterstützer, sagte ein Syriza-Stratege SPIEGEL ONLINE.
Allerdings gibt es da noch einen lautstarken Kritiker, der der Parteiführung einiges Kopfzerbrechen bereiten dürfte. Manolis Glezos ist 92 Jahre alt und ein griechischer Held. Er wurde berühmt, als er 1941 mit einem Freund die Hakenkreuzfahne von der Akropolis holte und so zum Widerstand gegen die deutschen Besatzer ermutigte. Glezos gehört zum Linksbündnis Syriza, doch mit dem aktuellen Kurs von Alexis Tsipras' Regierung ist er absolut nicht einverstanden.
"Ich entschuldige mich beim griechischen Volk, dass es auf diese Illusion hereingefallen ist. Was für eine Schande", schrieb Glezos in einem Artikel über die Einigung mit den Euro-Partnern. Er warf der Regierung vor, sie habe kapituliert, und beschwor die Syriza-Führung, wieder auf ihren alten Kurs zurückzukehren.
Auch Energieminister Panagiotis Lafazanis könnte für die Parteiführung gefährlich werden. Er führt die sogenannte linke Plattform bei Syriza an. Noch gilt Lafazanis als Unterstützer von Ministerpräsident Alexis Tsipras. Aber das könnte sich ändern, wenn der Regierungschef neue Sparabkommen mit der Euro-Gruppe eingeht. In einem Interview versicherte Lafazanis, keine Vereinbarung solle den radikalen und gegen das Sparprogramm gerichteten Charakter des Regierungsprogramms unterlaufen. "Unsere Regierung darf und will nicht Geisel eines konservativen deutschen Fundamentalismus werden", verkündete er.
Manche Griechen denken, Tsipras solle sich nach anderen Geldgebern umschauen. "Er sollte in Moskau nachfragen und um Geld aus Russland bitten", sagt Supermarktmitarbeiter Kostas Iliadis. Dann könne Griechenland die anderen Gläubiger auszahlen und müsse sich nicht mehr mit deren Forderungen herumschlagen.
Für die meisten Griechen ist Syriza aber einfach nur die beste Wahl unter vielen weniger guten Möglichkeiten. Und das dürfte auch so bleiben, solange die Opposition sich nicht neu sortiert hat.
Das zeigt auch eine Umfrage, die am Sonntag veröffentlicht, aber noch vor dem Kompromiss mit der Eurogruppe durchgeführt wurde. 64 Prozent der Befragten sagten, Griechenland sei auf einem guten Weg. 81 Prozent beurteilten die Arbeit der neuen Regierung als gut, und 86 Prozent sprachen sogar von Stolz auf die Syriza-Regierung.
Ministerpräsident Tsipras selbst kann sich über Zustimmungswerte freuen, wie man sie sonst fast nur aus Diktaturen kennt. 87 Prozent der Bürger unterstützen den Regierungschef, sein schillernder Finanzminister Giannis Varoufakis darf drei Viertel der Befragten hinter sich wissen.
Wie stark sich die Zustimmung durch die Kompromissnacht von Brüssel verändert, lässt sich noch nicht sagen.
Doch die Popularität der Regierung macht den Syriza-Strategen derzeit Sorgen. Die Regierung müsse nun sehr schnell Erfolge vorweisen, sagte ein Parteimitglied SPIEGEL ONLINE. "Wir haben erdrutschartig gewonnen, die Griechen stehen hinter uns, jetzt wäre unsere Chance." Doch erst einmal hat sich die Regierung in Athen nur ein paar Monate Zeit erkämpft, um mit den Euro-Partnern neu zu verhandeln. Im Sommer aber könnte es schon zu spät sein, fürchtet das Parteimitglied. "In vier Monaten könnten die Flitterwochen mit unseren Wählern schon vorüber sein."
Übersetzung aus dem Englischen: Maria Marquart

