Griechenland Task-Force-Chef Reichenbach sieht Athen am Wendepunkt

Der EU-Krisenmanager Horst Reichenbach hofft, dass Griechenlands Rückkehr an die Kapitalmärkte die Kehrtwende zum Guten bedeutet. Doch die positive Stimmung könne sich rasch drehen, warnt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Horst Reichenbach (Archivbild): "Privatisierungen stehen noch ganz am Anfang"
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Horst Reichenbach (Archivbild): "Privatisierungen stehen noch ganz am Anfang"

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Nach dem gelungenen Comeback an den Kapitalmärkten hält EU-Task-Force-Chef Horst Reichenbach ein Ende der Dauerkrise in Griechenland für möglich. "Dies ist ein potentieller Wendepunkt für das Land", sagte der Deutsche im Exklusivgespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Die Märkte sehen, dass es in Griechenland politische Unterstützung und Zustimmung für Reformen gibt."

"Dieses Ergebnis wäre nicht möglich gewesen, wenn sich die Regierung nicht mit der Troika geeinigt hätte", sagte Reichenbach weiter. Allerdings sei der Krisenstaat noch nicht über den Berg und werde womöglich weitere Finanzhilfen aus dem europäischen Rettungsfonds ESM benötigen. Der 68-Jährige leitet seit September 2011 die "Task-Force für Griechenland" der EU-Kommission, die Athen beim Umsetzen der Reformen und dem Neuaufbau der Verwaltung hilft.

Am Donnerstag hatte es Griechenland geschafft, sich erstmals seit über vier Jahren wieder Geld am internationalen Finanzmarkt zu leihen. Die Nachfrage der meist privaten Investoren nach den Staatspapieren im Wert von drei Milliarden Euro war um ein vielfaches größer als das Angebot. Der Zinssatz von 4,75 Prozent pro Jahr, den die Gläubiger forderten, lag deutlich unter den Erwartungen.

"Erhebliche Fortschritte" honoriert

Reichenbach sagte, die Geldgeber hätten wieder Vertrauen gefasst und die "erheblichen Fortschritte" Griechenlands bei den Strukturreformen honoriert. So habe die Regierung von Premier Antonis Samaras trotz heftiger politischer Gegenwehr den Staatshaushalt konsolidiert sowie die Lohnstückkosten gesenkt, "und damit die Wettbewerbsfähigkeit wieder auf das Niveau vor dem Euro-Eintritt gebracht." Zudem sei auch die Konsolidierung der angeschlagenen privaten Banken "so gut wie abgeschlossen".

"Die Troika hat mit ihrem Druck dafür gesorgt, dass der Reformeifer aufrechterhalten bleibt", sagte Reichenbach SPIEGEL ONLINE. Griechenland dürfe nun keinesfalls nachlassen, sondern müsse den Erneuerungskurs konsequent fort- und umsetzen. Ob das gelingt, ist allerdings fraglich. Zuletzt ist die Unterstützung für Samaras auch in seinen eigenen Reihen mit jeder neuen, unbequemen Gesetzesänderung geschwunden. Zudem stehen im kommenden Kommunal- und Europawahlen an, und in den Umfragen führt das oppositionelle Linksbündnis Syriza deutlich.

Auch die Finanzierung Griechenlands hält Reichenbach trotz der gelungenen Auktion von Donnerstag längst nicht für gesichert. "Geld ist die große Unbekannte. Niemand kann sagen, ob Griechenland zurzeit schon die Möglichkeit hätte, dauerhaft allein an den Anleihemarkt zu gehen, damit es keine Hilfen mehr von den Euro-Ländern braucht." Im Moment sei die Lage auf den internationalen Kapitalmärkten ideal für Griechenland: Die Investoren seien risikobereit, zudem müsse außerordentlich viel Geld angelegt werden. Diese Stimmung könne sich aber schnell ändern, warnte der gebürtige Kieler: "Hoffen wir, dass es mit Griechenland noch zwei Jahre lang gut weiter läuft, dann kommt man auf einen gesicherteren Weg."

Dass sich die Krisenrepublik offensichtlich wieder aufrappelt, verdankt sie auch der Hilfe von Reichenbachs Task-Force. Ihre Experten und Fachleute aus den Mitgliedstaaten stehen den Griechen mit Rat und Tat zu Seite: etwa beim Eintreiben von Steuern oder der Erneuerung des Gesundheitssystems. Zudem sorgt sie dafür, dass mehr Geld aus den EU-Strukturfonds nach Griechenland fließt - oft aus Programmen, welche die lokalen Behörden früher gar nicht abriefen. So garantiert Brüssel jetzt mit einem Zuschuss von 3,8 Milliarden Euro, dass das wichtigste Infrastrukturprojekt im Land endlich fertiggestellt wird: der Bau vier großer Autobahnen, der in der Krise abrupt unterbrochen wurde.

Auf eigenen Füßen stehen kann Griechenland noch lange nicht. Besonders großen Nachholbedarf sieht Reichenbach beim Aufbau einer effizienten Steuerverwaltung und eines attraktiveren unternehmerischen Umfelds. Hier sei erst die Hälfte des Weges zurückgelegt. "Und bei den Privatisierungen stehen wir noch ganz am Anfang."

Reichenbachs Task-Force wird in Athen noch einige Zeit bleiben. "Es gibt eine Übereinstimmung zwischen den Euro-Ländern und der griechischen Regierung, dass die technische Hilfe der EU fortbestehen soll", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Jetzt steht die Umsetzung im Vordergrund." Und da kommt Griechenland nicht ohne internationale Expertise aus.

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Bienleinstor 11.04.2014
1. Reformeifer in Griechenland? Wie bitte ?
Hat Horst Reichenbach im Zusammenhang mit Griechenland wirklich den Begriff "Reformeifer" benutzt? Ich fasse es nicht.
schlabbedibapp 11.04.2014
2. Der grandioseste Betrug der EU kurz vor den Wahlen
Zitat von sysopdpaDer EU-Krisenmanager Horst Reichenbach hofft, dass Griechenlands Rückkehr an die Kapitalmärkte die Kehrtwende zum Guten bedeutet. Doch die positive Stimmung könne sich rasch drehen, warnt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/griechenland-task-force-chef-reichenbach-sieht-athen-am-wendepunkt-a-963803.html
Tatsache ist, dass Griechenland genauso insolvent ist, wie vor 5 Jahren. Die Anleihen hätte es nicht plazieren können, wenn sie selbst dafür haften würden. Stattdessen haftet der Euro-Rettungsfonds und letztlich auch der deutsche Steuerzahler mit 27%. Ziel ist natürlich, die lästige Troika loszuwerden und den Euro schönzureden. Gleichzeitig will man verhindern, dass nach den Europawahlen eurokritische Parteien zuviel Einfluss erhalten. Ein Betrug an allen EU-Bürgern der soliden Euro-Staaten, die dieses Spielchen bezahlen müssen. Ein bemerkenswertes Detail: Die Frechheit der Griechen besteht u.a. darin, dass ein völlig marktfremder Zins von um die 5% gezahlt wird, obwohl Griechenland heute nach wie vor nicht einmal in der Lage ist, die Zinsen für die Staatsschulden zu erwirtschaften, deren Zinssätze wesentlich niedriger sind. Von einer Tilgung der Schulden ganz zu schweigen! Die Schulden GR liegen inzwischen bei knapp 180% des BIP, trotz 100 Mrd. Schuldenerlass ist die Verschuldung höher, als vorher. Inzwischen befinden sich 80% der griechischen Schulden im Risiko der Steuerzahler der soliden Staaten, man hat erfolgreich die Privatinvestoren vom Risiko freigestellt, weshalb auch diese Anleihe, für die der Steuerzahler geradesteht, reißenden Absatz fand!
wiesnase111 11.04.2014
3. griechenland
das ploetzliche Wunder von Griechenland ist genau so gelogen wie beim Einstig in die EU damals
gast2011 11.04.2014
4. ich will
Zitat von sysopdpaDer EU-Krisenmanager Horst Reichenbach hofft, dass Griechenlands Rückkehr an die Kapitalmärkte die Kehrtwende zum Guten bedeutet. Doch die positive Stimmung könne sich rasch drehen, warnt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/griechenland-task-force-chef-reichenbach-sieht-athen-am-wendepunkt-a-963803.html
dieselben drogen wie herr reichenbach mutti! anders kann ich mir diese aussagen nicht mehr erklären...
RalfHenrichs 11.04.2014
5. optional
Die Diktatur zum Schaden der Griechen soll also noch zwei Jahre fortbestehen. Das ist die Quintessenz dieses Artikels.
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