Ökonom Fuest zur Griechenlandkrise "Das schlimmste Szenario"

Ein Nein beim Referendum am Sonntag hätte katastrophale Folgen für das griechische Volk, sagt Clemens Fuest. Der Ökonom rät auch zum Ja, damit Premier Tsipras und seine Regierung verschwinden.

Ein Interview von

Tankstelle in Griechenland (Archiv): Benzin dürfte bei einem Grexit deutlich teurer werden
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Tankstelle in Griechenland (Archiv): Benzin dürfte bei einem Grexit deutlich teurer werden


Zur Person
Clemens Fuest, Jahrgang 1968, zählt zu den renommiertesten deutschen Ökonomen. Er ist Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Außerdem ist Fuest Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen. 2016 wechselt Fuest als Präsident an das Münchner Ifo-Institut.

SPIEGEL ONLINE: Herr Fuest, angenommen, Sie wären wahlberechtigt, wie würden Sie am Sonntag beim griechischen Referendum über die Reformpolitik abstimmen?

Fuest: Mit Ja. Nachdem Ministerpräsident Tsipras sein politisches Schicksal an den Ausgang der Wahl gebunden hat, wäre mein primäres Ziel, ihn und seine Regierung loszuwerden.

SPIEGEL ONLINE: Was, wenn sich die Mehrheit der Griechen, wie von Tsipras gewünscht, für Nein entscheidet?

Fuest: Dann wird Griechenland aus dem Euro austreten müssen.

SPIEGEL ONLINE: Wie würde der Grexit ablaufen?

Fuest: Das schlimmste Szenario sieht so aus: Gleich am Tag nach der Abstimmung muss die Europäische Zentralbank ihre Notfallhilfe einstellen und auch alle bereits gezahlten Kredite zurückfordern. Die griechischen Banken sind damit auf einen Schlag insolvent. Der elektronische Zahlungsverkehr bricht zusammen; die griechische Ökonomie fällt in den Zustand einer Tausch- und Bargeldwirtschaft zurück. Die Versorgungslage verschlechtert sich dramatisch. Die Zahl der Arbeitslosen explodiert. Es droht eine humanitäre Krise.

SPIEGEL ONLINE: So schlimm?

Fuest: Ich fürchte ja. Um ihre eigenartigen Vorstellungen von Wirtschaftspolitik durchzusetzen, scheint die Regierung Tsipras offenbar bereit zu sein, ihre Bevölkerung zu opfern.

SPIEGEL ONLINE: Wie ginge es weiter?

Fuest: Im Falle eines Grexits wird die griechische Regierung gezwungen sein, ihre Rechnungen mit Schuldscheinen zu begleichen. Irgendwann gibt es dann eine neue Währung, deren Wert im Vergleich zum Euro allerdings stark verfällt.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin würden sich dadurch die Exportchancen für griechische Produkte verbessern. Sie wären billig.

Fuest: Tatsächlich ergeben sich durch die Abwertung der neuen Währung Vorteile für griechische Unternehmen - vorausgesetzt, dass der elektronische Zahlungsverkehr bis dahin wieder funktioniert. Die Lohnstückkosten würden deutlich sinken. Davon würde auch die griechische Tourismusbranche stark profitieren, die derzeit darunter leidet, dass es in der Türkei günstigere Urlaubsangebote gibt. Mittelfristig würden die Vorteile allerdings teilweise durch hohe Inflation wieder aufgezehrt.

SPIEGEL ONLINE: Könnten sich die Griechen nach einem Grexit noch Importgüter wie Benzin leisten?

Fuest: Ja, aber es wird eben deutlich teurer. Bei sensiblen Gütern wie etwa Medikamenten müsste das Ausland vermutlich vorübergehend Hilfe leisten, um die Versorgung in Griechenland zu sichern.

SPIEGEL ONLINE: Kommt Griechenland jemals wieder auf die eigenen Beine?

Fuest: Natürlich ist das möglich, aber nicht mit einer Wirtschaftspolitik, wie sie die derzeitige Regierung betreibt. Wo kein Wille, da kein Weg.



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insgesamt 238 Beiträge
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Seite 1
marthaimschnee 04.07.2015
1.
Wie realitätsfremd muß man sein, wenn man argumentiert, daß in Griechenland eine humanitäre Katastrophe droht. Hallöchen sie Knallkopp, die ist längst da! Und das ist nicht die Schuld der bösen linken Regierung!
anemos 04.07.2015
2. Danke für die Ratschläge
... aber Griechenland wird mit einem starken OXI stimmen. Hören Sie auf, Positionen zu vertreten, die einzig den Zweck verfolgen, Horror unter den griechischen Wählern zu streuen. Hier gibt es nichts mehr zu verlieren!
ingenör79 04.07.2015
3. Es ist für
Griechenland zu hoffen, dass die Mehrheit mit ja abstimmt und Tsipras zurücktritt und in der Versenkung verschwindet und eine neue Regierung die Reformen durchzieht. Rente mit 67, ein Drittel der Beamten und Soldaten entlassen, die Privatisierung konsequent umsetzt.
p-schrader 04.07.2015
4. Weitgehend richtig
Ich wünsche mir, dass die Griechen mit Nein abstimmen, damit dies endlose Gewürge aufhört und Griechenland endlich aus dem Euro ausscheidet.
friedrich_eckard 04.07.2015
5.
Man hätte ja doch vielleicht darauf hinweisen können, dass der Interviewte engstens mit der INSM verbandelt ist - er ist also als Mietmaul Arbeitgeberinteressen dienstbar. Muss man sich angesichts dessen wirklich dafür interessieren, was er zu sagen hat?
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