Griechenland und der IWF Die Pleite, die nicht so heißen darf

Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, ist Griechenland um Mitternacht pleite. Doch bei den Gläubigern will offiziell niemand vom Bankrott sprechen. Das Schicksal des Landes soll so lange wie möglich offengehalten werden.

Geschlossene Bank in Athen: Ab Mittwoch ist Griechenland pleite
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Geschlossene Bank in Athen: Ab Mittwoch ist Griechenland pleite

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Eigentlich läuft die Frist erst um Mitternacht mitteleuropäischer Zeit ab. Doch der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis hat schon klargemacht, worauf sich die Gläubiger Griechenlands einstellen müssen: Die Regierung werde die an diesem Dienstag fällige Schuldenrate von 1,55 Milliarden Euro nicht an den Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückzahlen. Damit ist das Land faktisch pleite - und reiht sich in die kurze Liste jener Staaten ein, die IWF-Kredite nicht pünktlich zurückgezahlt haben: Somalia, Sudan, Simbabwe... Noch nie traf es dabei ein ähnlich entwickeltes Land wie Griechenland - und noch nie war die Summe, um die es ging, so hoch.

Es stehen ja nicht nur die 1,55 Milliarden Euro auf dem Spiel, die nun fällig werden. Insgesamt schuldet Griechenland dem IWF noch rund 21 Milliarden Euro. Geld, dessen Rückzahlung nun ebenfalls als gefährdet betrachtet werden muss. Umgekehrt hatte der IWF noch weitere 16 Milliarden Euro an Krediten für Griechenland reserviert. Das Geld sollte eigentlich bis zum Frühjahr 2016 ausgezahlt werden, liegt nun aber auf Eis.

Von einem Staatsbankrott Griechenlands will trotzdem keiner der Beteiligten reden, zumindest noch nicht.

IWF-Chefin Lagarde: Geduld mit Griechenland
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IWF-Chefin Lagarde: Geduld mit Griechenland

Der IWF selbst drückt sich um die Formulierung und spricht von einem Zahlungsverzug. Und der hat noch keine unmittelbaren Konsequenzen. Als Erstes wird wohl am Mittwoch IWF-Chefin Christine Lagarde den Exekutivrat über den Zahlungsverzug informieren, das oberste Entscheidungsgremium des Währungsfonds.

Doch selbst dann passiert noch nichts, was Griechenland Sorgen bereiten müsste. Eine Mahnung, die ausstehende Summe zu bezahlen, ist erst einmal das schärfste Schwert des IWF. Erst nach einem bis zu zwei Jahre langen Prozess könnte Griechenland aus dem Fonds ausgeschlossen werden. Bisher scheint eine solche Eskalation noch in weiter Ferne. IWF-Chefin Lagarde hat am Wochenende noch einmal deutlich gemacht, dass sie gerne weiterverhandeln will.

EFSF-Chef Regling: Abwarten, was die Politik macht
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EFSF-Chef Regling: Abwarten, was die Politik macht

Auch vom zweiten großen Gläubiger Griechenlands, dem Euro-Rettungsfonds EFSF, droht erst einmal kein Ungemach. Sobald Griechenland eine Rate an den IWF nicht zahlt, könnte der EFSF zwar sofort die gesamten Kredite über rund 130 Milliarden Euro zurückverlangen, die er Griechenland im Namen der Eurostaaten bisher gewährt hat. Doch so weit wird es wohl erst einmal nicht kommen. EFSF-Chef Klaus Regling dürfte höchstens seine Rückzahlungsansprüche anmelden, sie aber noch nicht ausüben.

US-Ratingagentur Standard & Poor's: Noch längst kein Bankrott
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US-Ratingagentur Standard & Poor's: Noch längst kein Bankrott

Auch die großen Ratingagenturen Moody's und Standard & Poor's wollen Griechenlands Zahlungsunfähigkeit nicht als Staatsbankrott werten. Selbst wenn Griechenland am 20. Juli die 3,5 Milliarden Euro aus Staatsanleihen nicht bedienen könnte, die die Europäische Zentralbank (EZB) in ihren Bilanzen hält, wäre das für die Agenturen kein Grund zum Handeln. Für sie ist die Pleite erst dann perfekt, wenn das Land seine Verpflichtungen gegenüber privaten Gläubigern nicht mehr erfüllt.

Die erste Gelegenheit dazu bietet sich am 10. Juli, wenn kurzfristige griechische Staatsanleihen fällig werden, sogenannte T-Bills. In den vergangenen Wochen schaffte das Land es zwar stets, neue Käufer für diese Kurzfristpapiere zu finden, in der Regel einheimische Banken. Doch ob die nun immer noch beherzt zugreifen können, ist offen. Schließlich sind die griechischen Bankkunden seit Wochen dabei, ihre Konten leerzuräumen - was die Finanzinstitute arg ins Wackeln gebracht hat.

EZB-Präsident Draghi: Der Mann mit dem Blaulicht
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EZB-Präsident Draghi: Der Mann mit dem Blaulicht

Auch deshalb wird entscheidend sein, wie die Europäische Zentralbank die verpasste Zahlung der Griechen an den IWF bewertet. Sie hält bisher die Banken des Landes am Leben, indem sie immer wieder den Rahmen für Notkredite der griechischen Zentralbank verlängert. Mit diesen Notkrediten haben die griechischen Finanzinstitute die Einlagenabflüsse der Kunden lange kompensiert. Seit diesem Montag sollen zudem Kapitalkontrollen helfen, den Ansturm auf die Geldautomaten zu stoppen.

Doch die EZB steht vor einem Dilemma: Sie darf die Notkredite laut ihren eigenen Regeln eigentlich nur als kurzfristige Überbrückung an Banken gewähren, die im Kern solvent sind. Das ist bei den griechischen Instituten äußerst fraglich - zumal sie massenhaft griechische Staatsanleihen in ihren Bilanzen halten und diese bisher auch als Sicherheiten für die Notkredite bei der Zentralbank hinterlegen.

Diese Papiere wären praktisch wertlos, sobald die Ratingagenturen den Staatsbankrott feststellen. Deshalb warnt etwa auch der Chef der deutschen Finanzaufsicht BaFin, Felix Hufeld: "Wenn der griechische Staat in die Situation eines Kreditausfalls kommt, wird man die griechischen Banken nicht mehr als solvent einstufen können." Die EZB müsste die Notkredite also spätestens dann stoppen - und damit das griechische Finanzsystem ins Chaos stürzen.

Zusammengefasst: Wenn Griechenland an diesem Dienstag seine Schulden beim Internationalen Währungsfonds (IWF) nicht begleicht, ist das Land pleite. Doch Konsequenzen hat das erst mal keine. Sowohl der IWF selbst als auch andere Gläubiger warten lieber erst einmal ab - und hoffen auf eine Chance für neue Verhandlungen.

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Seite 1
oasis_reloaded 30.06.2015
1. Unbezahlbar
Die Show, die Tsipras & Co da abziehen, ist ohnehin un-be-zahl-bar. Diese sollte dem IWF schon ein paar schlappe Milliarden wert sein. Mein Mitgefühl den sozial Schwachen in Griechenland.
jumbing 30.06.2015
2.
Dann kann man sicher sein, daß der Bankster Draghi, der durch die Fälschung der griechischen Wirtschaftsdaten den Beitritt dieses Landes zur EU ermöglicht hat, den griechischen Banken das nötige Kapitel zur verfügung stellen wird, um die griechischen Staatsanleihen aufzukaufen.
tageskolumne 30.06.2015
3. Gute Headline. Griechenland sollte tatsächlich zugeben, dass es
Ein Staatsbankrott ist keine Seltenheit. Und der aktuelle Griechenlands ist seit mehreren Jahren offensichtlich. Es würde nicht nur die Diskussion ehrlicher machen und versachlichen, wenn die Beteiligten es nun also auch offen aussprechen würden: Griechenland ist bankrott. Und wie in der Privat- und Firmeninsolvenz auch, muß das Land völlig neu beginnen. Statt dessen mit aberwitzigen Milliardenbeträgen im Koma gehalten zu werden, ist sinnlos. Auch die jüngsten Vorstöße aus Brüssel und Athen, eventuell doch per Schulden-erleichterung ein rechnerisches Überleben für die nächsten Wochen, Monate oder 2 Jahre zu sichern, bieten überhaupt keine Perspektive. Macht den Schlußstrich! Bankrott, Ausscheiden aus dem Euro, Aufbau einer neuen Volkswirtschaft mit Drachme, viel Hilfe und vor allem einer soliden Politik: Steuerämter, Katasteramt und bessere Verwaltung wurden hierzu vielfach schon als Basisforderungen genannt - wann kommen diese Dinge endlich?
symolan 30.06.2015
4.
es mag zwar nicht sehr rational von mir sein, aber ich mag's langsam kaum mehr hören, diese ewige Rettung.
crossbow17 30.06.2015
5. Was soll dieses Geeiere?
GR ist pleite und das schon lange. Und sie kommen auch so bald auf keinen grünen Zweig. Das Geld das die lieben Griechen außer Landes geschafft haben ist unser Steuergeld. Man könnte verrückt werden ob der Prinzipienlosigkeit der Politiker.
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