Konflikt um Griechenland Kampf der Ideologen

Warum kochen die Emotionen beim Thema Griechenland so hoch? Weil der Konflikt auch ein Wettkampf der Ideologien ist. Was die einen für verrückt halten, scheint für die anderen völlig logisch. Der Versuch einer Erklärung.

Finanzminister Schäuble (l.), Varoufakis: Unverständnis auf beiden Seiten
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Finanzminister Schäuble (l.), Varoufakis: Unverständnis auf beiden Seiten

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Nein, sagte Gianis Varoufakis. Um links oder rechts gehe es nicht. Es gehe um Logik. Und die sieht der griechische Finanzminister auf seiner Seite.

Wolfgang Schäuble dagegen, sein deutscher Gegenspieler, argumentiert mit den Regeln, die eingehalten werden müssten. "Verträge sind bindend." Klingt sachlich.

Aber stimmt das? Tatsächlich sind es vor allem ideologische Grundhaltungen, die beide Seiten trennen. Was die griechische Regierung für völlig logisch hält, klingt für die Bundesregierung und auch viele Bürger in Deutschland absurd. Umgekehrt können die Menschen in Griechenland kaum glauben, dass Deutschland ihnen wirklich aus Überzeugung ein Sparprogramm nach dem nächsten verordnen will. Stattdessen vermuten sie dahinter dunkle Verschwörungen. Dieses gegenseitige Unverständnis hat die Stimmung in Europa vergiftet.

Wie Deutschland die Krise sieht

Bundesfinanzminister Schäuble (r.), Niederländer Dijsselbloem: Sparen als Devise
REUTERS

Bundesfinanzminister Schäuble (r.), Niederländer Dijsselbloem: Sparen als Devise

Auf den ersten Blick agiert die Bundesregierung nicht sonderlich ideologisch. Angela Merkel ist bekannt als die Königin des Pragmatismus. Und auch Wolfgang Schäuble galt bis zur Krise nicht gerade als neoliberaler Hardliner.

Und doch sind es wirtschaftsliberale Gedanken, die das Bild der Regierung auf die Krise prägen - und auch das vieler Bürger in Deutschland.

"Man kann nicht dauerhaft über seine Verhältnisse leben", sagt Merkel gern - und trifft damit in Deutschland einen Nerv. Die immensen Schulden, die Griechenland und andere Länder angehäuft haben, gelten als Wurzel allen wirtschaftlichen Übels. Austerität ist das Gebot der Stunde. Wer zu viele Schulden gemacht hat, der muss nun mal besonders hart sparen, um aus dieser Lage wieder rauszukommen. Bis er das geschafft hat, muss er mit den Bedingungen leben, die die Gläubiger ihm diktieren. Wer die Musik zahlt, bestimmt, was gespielt wird, sagt der deutsche Volksmund.

Zudem, so heißt es hierzulande, müsse Griechenland seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern, um mehr exportieren zu können. Dazu braucht es erst einmal kräftige Ausgabenkürzungen, niedrige Löhne und gute Bedingungen für Unternehmen, damit diese Arbeitsplätze schaffen.

Diese Aufgaben hat dabei jedes Land in Europa für sich zu erfüllen - möglichst ohne Hilfe der anderen.

Das alles kommt Ihnen logisch vor? Dann sind Sie wahrscheinlich Deutscher - oder Sie haben sich von einem Deutschen überzeugen lassen.

Wie die griechische Regierung die Krise sieht

Griechischer Premier Tsipras (l.), Minister Varoufakis: Mehr Keynes als Marx
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Griechischer Premier Tsipras (l.), Minister Varoufakis: Mehr Keynes als Marx

Die griechische Regierungspartei Syriza wird oft als linksradikal beschrieben. Doch zumindest für Finanzminister Varoufakis und Premierminister Alexis Tsipras gilt: So links sind sie gar nicht. Sie haben allerdings einen völlig anderen Blick auf die Krise als Deutschland und viele andere Eurostaaten.

Ihr Bild von der Wirtschaft ist geprägt von den Gedanken von John Maynard Keynes. Der britische Ökonom war Mitte des 20. Jahrhunderts ein Star und beeinflusst auch heute noch sehr viele Wirtschaftsforscher weltweit. Vor allem in den USA sind Keynes' Lehren populär - bei Nobelpreisträgern wie Paul Krugman oder Joseph Stiglitz, aber auch bei vielen Volkswirten der großen Wall-Street-Banken.

Für sie alle sind Staatsschulden nicht so dramatisch. Im Gegenteil: Sie sind sogar nötig. Wenn alle nur sparen, funktioniert das Wirtschaftssystem nicht. Es braucht auch jene, die sich verschulden - und denen, die sparen, Zinsen für ihre Kredite zahlen. Gerade in einer wirtschaftlichen Schwächephase ist es demnach sogar dringend nötig, dass sich der Staat verschuldet, um die Nachfrage zu stärken und die Wirtschaft in Schwung zu bringen.

Aus dieser Sicht sind die Sparprogramme, die die Eurostaaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) Griechenland schon seit 2010 verordnet haben, völlig falsch. Für Varoufakis sind sie sogar "der größte Fehler in der Wirtschaftsgeschichte". Und in der Tat: Sie haben die griechische Wirtschaftsleistung um 25 Prozent einbrechen lassen.

Eine Einigung war nah

Diese ideologische Kluft hatten beide Seiten von Beginn an zu überbrücken. Und sie haben sich tatsächlich aufeinander zu bewegt. Schließlich gibt es hier wie da auch viele Pragmatiker, die nicht stur an ihren Ideologien kleben.

Die Gläubiger etwa haben ihre ursprünglichen Vorstellungen darüber zurückgeschraubt, welche Haushaltsüberschüsse Griechenland in den kommenden Jahren erwirtschaften muss, um seine Schulden abzutragen. In anderen Punkten ging es ihnen von vornherein eher um Effizienz als um Ideologie. Dazu zählt zum Beispiel die Frage unterschiedlicher Mehrwertsteuersätze auf den griechischen Inseln.

Noch etwas weiter hat sich allerdings die Syriza-Regierung von ihren ursprünglichen Standpunkten wegbewegt. Mehrwertsteuererhöhungen zum Beispiel und die Rente mit 67 gehören normalerweise nicht gerade zum Repertoire einer linken Regierung. Trotzdem haben Tsipras und Varoufakis zähneknirschend zugestimmt, um einen Kompromiss hinzubekommen. Entsprechend waren die Vorschläge beider Seiten über Reformen und Sparmaßnahmen am Ende sehr nah beieinander. Angeblich ging es nur noch um 60 Millionen Euro.

Warum also haben sie sich trotzdem nicht geeinigt?

Zum einen hatte Tsipras zuletzt wohl Angst, die vielen Zugeständnisse an die Gläubiger in der eigenen Partei nicht mehr vermitteln zu können. Zum anderen aber gab es einen zentralen Punkt, der am Ende ungelöst blieb: der Umgang mit griechischen Schulden. Während die griechische Regierung darauf besteht, dass dem Land zumindest ein Teil seiner immensen Verbindlichkeiten von rund 320 Milliarden Euro erlassen werden soll, scheuten sich Merkel, Schäuble und viele andere Regierungen, einen solchen Schuldenschnitt fest zuzusagen.

Hier trennen die Verhandlungspartner allerdings wohl nicht nur ideologische Überzeugungen, sondern auch praktische Überlegungen. Dass die griechischen Schulden untragbar hoch sind, ist inzwischen allen Beteiligten klar. Der IWF fordert sogar offen einen Schuldenschnitt. Ähnlich wie die meisten Ökonomen - egal, welchem Lager sie angehören. Doch die Regierungen der Eurostaaten wollen einen solchen Schritt partout nicht zusagen. Entweder aus Angst vor den eigenen Wählern - oder aus Angst, die Griechen würden dann gleich wieder Reformen verschleppen.


Zusammengefasst: Beim Konflikt zwischen Griechenland und dem Rest Europas geht es auch um Ideologien. Gerade zwischen Deutschland und Griechenland prallen völlig unterschiedliche Grundvorstellungen aufeinander. In einem Punkt geht es jedoch auch um ganz praktische Interessen: bei der Diskussion um den Schuldenschnitt.

Die Chronik der Griechenlandkrise

Am 1. Januar 2001 tritt Griechenland der Eurozone bei. Bei der Einführung des Euro 1999 war das Land noch nicht dabei. Erst im Jahr 2000 erfüllte es die sogenannten Konvergenzkriterien des Maastrichter Vertrages - zumindest auf dem Papier.

Im November 2004 wird klar: Die Regierung in Athen hat sich die Aufnahme in die Eurozone mit gefälschten Finanzdaten erschummelt. Alle Haushaltsdefizite vergangener Jahre waren in Wahrheit deutlich höher als zuvor an Brüssel gemeldet. So übertrafen die neuen Schulden in jedem Jahr die im Stabilitätspakt erlaubte Obergrenze von drei Prozent der Wirtschaftsleistung. Langjähriger Berater der Griechen war die US-Investmentbank Goldman Sachs.

Ende Oktober 2009 zeichnet sich zum ersten Mal so etwas wie eine Griechenland-Krise ab. Das voraussichtliche Haushaltsdefizit liegt bei rund 12,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, doppelt so hoch wie zunächst angenommen. Die neue Regierung von Ministerpräsident Giorgos Papandreou kündigt Sparmaßnahmen an.

Mitte Dezember 2009 stuft die Rating-Agentur Standard & Poor's Griechenlands Kreditwürdigkeit herab. Zuvor hatte dies schon die Agentur Fitch getan. Warnungen vor einer drohenden Staatspleite werden lauter. Der Kurs des Euro bricht ein. Bundeskanzklerin Angela Merkel beschwichtigt: "Ich bitte im Interesse einer sachlichen Diskussion, das nicht überzubewerten."

Im Frühjahr 2010 wird es eng: Griechenland bekommt nur noch sehr schwer Geld an den Finanzmärkten. Die Eurostaaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) springen dem Land bei. Anfang Mai schnüren sie ein Rettungspaket mit Krediten über 110 Milliarden Euro, 30 Milliarden davon übernimmt der IWF, auf Deutschland entfallen 22,4 Milliarden Euro. Die Bundesregierung peitscht das Gesetz im Eilverfahren durch den Bundestag. Die Geldgeber sehen die Griechen-Krise offenbar als temporäres Problem: Die Laufzeit der Kredite beträgt nur drei Jahre. Kurz darauf geraten auch andere Länder wie Irland und Portugal ins Wanken.

Ein Jahr später spitzt sich die Schuldenkrise erneut zu. Weil absehbar ist, dass Griechenland sich nicht wie geplant bereits 2012 am Kapitalmarkt finanzieren kann, braucht es mehr Geld von den Staaten der Eurozone und dem Internationalen Währungsfonds. Am 10. Mai 2011 kündigt die griechische Regierung ein neues Sparpaket an. Wenige Tage später legen gewaltsame Demonstrationen Teile des Landes lahm. Die Polizei muss das Parlament gegen wütende Bürger verteidigen. Sie feuert Tränengas, Demonstranten werfen Steine zurück, attackieren die Limousine von Ministerpräsident Papandreou.

Zweites Rettungspaket, erster Versuch: Ein Sondergipfel der Eurostaaten beschließt am 21. Juli 2011 ein neues Hilfspaket für Griechenland mit einem Volumen von 109 Milliarden Euro. Der Großteil des Geldes soll aus dem europäischen Rettungsschirm EFSF und dem Internationalen Währungsfonds kommen. Erstmals sollen aber auch private Gläubiger beteiligt werden - auf freiwilliger Basis.

Ende Oktober 2011 legt die Troika aus EU, IWF und Europäischer Zentralbank (EZB) einen neuen Bericht zur Finanzsituation Griechenlands vor. Die Experten zeichnen darin ein düsteres Bild: Die Lage des Landes hat sich in den vorangegangenen Monaten weiter verschlechtert. Auf einem EU-Gipfel am 26. Oktober schmieden die Staats- und Regierungschefs einen neuen Rettungsplan: Private Gläubiger sollen auf mehr als 50 Prozent ihrer Forderungen gegenüber Griechenland verzichten. Das trifft vor allem europäische Banken. Athen soll weitere 100 Milliarden Euro erhalten, mit zusätzlichen 30 Milliarden Euro soll der Schuldenschnitt abgesichert werden.

Turbulente Herbsttage: Am 31. Oktober kündigt Griechenlands Ministerpräsident Papandreou überraschend eine Volksabstimmung über die Beschlüsse des Eurogipfels und die damit verbundenen Sparauflagen für sein Land an. Beim G20-Gipfel in Cannes nehmen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy Papandreou Anfang November ins Gebet. Daraufhin lässt dieser den Referundumsplan fallen und tritt zurück. Loukas Papademos, der Ex-Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, tritt am 11. November 2011 an die Spitze einer Übergangsregierung.

Im Februar 2012 stimmt das griechische Parlament einem neuen Sparprogramm zu. In Athen kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die internationalen Geldgeber hatten auf verschärfte Reformen gepocht - im Gegenzug verabschieden die Euro-Finanzminister das zweite Rettungspaket. Neben dem Schuldenschnitt für die privaten Gläubiger enthält es auch die im Oktober angekündigten Hilfen in Höhe von 130 Milliarden Euro. Für die Kredite aus dem ersten Hilfspaket von 2010 werden die Zinsen halbiert. Der Schuldenschnitt wird am 9. März 2012 wirksam.

Bei der Parlamentswahl am 6. Mai 2012 strafen die Griechen die Traditionsparteien Nea Dimokratia (ND) und Pasok ab, die aus ihrer Sicht das Land einem internationalen Spardiktat unterworfen haben. Parteien wie Syriza, die eine Aufkündigung der Sparvereinbarungen fordern, legen kräftig zu. Eine Regierungsbildung scheitert. Nach der Neuwahl am 17. Juni wird ND-Chef Antonis Samaras als Ministerpräsident vereidigt. Unterstützt wird seine Regierung von Pasok und der demokratischen Linken (Dimar). Das bei den Wahlen zweitplatzierte Linksbündnis Syriza ist jedoch nicht beteiligt.

Die Lage an den Finanzmärkten spitzt sich im Sommer 2012 wieder zu. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler sinniert über einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi erklärt am 26. Juli, die EZB werde "alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten" - und leitet damit eine Wende in der Eurokrise ein. Von nun an schwindet die Angst davor, dass die griechische Krise auch Länder wie Italien oder Spanien anstecken könnte.

Am 8. Oktober 2012 besucht Angela Merkel zum ersten Mal seit Ausbruch der Krise Griechenland. Sie lobt die Fortschritte des Landes. Der IWF dagegen glaubt nicht, dass Griechenland den Sanierungszeitplan einhalten kann. Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble tritt Spekulationen über einen Euro-Austritt Griechenlands entgegen. Dabei gelingt ihm ein legendärer Satz auf Denglisch: "I think there will be no Staatsbankrott in Greece."

Griechenland erhält weitere Zugeständnisse: Am 27. November 2012 einigt sich die Euro-Gruppe mit dem IWF auf eine Anpassung des zweiten Rettungspakets: Die Regierung in Athen soll mehr Zeit für die Umsetzung der Sparvorgaben bekommen. Daraus ergibt sich eine Finanzlücke von 14 Milliarden Euro, die unter anderem mit günstigen Zinsen auf bereits gewährte Kredite gestopft werden soll.

Im Juni 2013 räumt der Internationale Währungsfonds (IWF) Fehler bei der Rettungspolitik ein. Beim ersten Hilfsprogramm aus dem Mai 2010 habe man zu optimistische Annahmen zugrunde gelegt. Weder der Schuldenstand noch das Wachstum hätten sich so entwickelt wie damals angenommen. Die griechische Wirtschaft schrumpft 2013 das fünfte Jahr in Folge. Seit 2008 ist das Bruttoinlandsprodukt um gut 22 Prozent eingebrochen, die Staatsverschuldung ist wieder höher als vor dem Schuldenschnitt.

2014 scheint die jahrelange Talfahrt endlich zu Ende zu gehen. Die griechische Regierung erwartet sogar ein kleines Wirtschaftswachstum - und wird forsch: Anfang April leiht sich das Land erstmals seit vier Jahren wieder langfristig Geld am Kapitalmarkt. Die Investoren sind begeistert - und geben den Griechen drei Milliarden Euro zu 4,75 Prozent Zinsen.

Ende 2014 laufen die Hilfen der Europartner für Griechenland aus - und Ministerpräsident Antonis Samaras wird nicht müde zu betonen, dass kein neues Geld nötig sei. "Die Ära der Rettungspakete geht zu Ende", jubelt er. Ende November meldet der SPIEGEL, es werde wohl doch ein weiteres Hilfspaket geben. Zehn Milliarden Euro aus dem Rettungsfonds ESM sollten umgewidmet werden.

Am 29. Dezember 2014 scheitert die Wahl des Staatspräsidenten im dritten Wahlgang - die griechische Verfassung sieht für diesen Fall Neuwahlen vor, die am 25. Januar stattfinden sollen. Das könnte die große Chance für das linke Syriza-Bündnis und dessen Chef Alexis Tsipras sein. Tsipras lehnt die Reformauflagen von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) ab und will im Falle eines Wahlsiegs einen Schuldenschnitt durchsetzen. Bei den Geldgebern stößt das nicht auf Begeisterung. Anfang Januar 2015 meldet der SPIEGEL, die Bundesregierung sei bereit, Griechenland notfalls aus der Eurozone ausscheiden zu lassen. Die Finanzmärkte reagieren schockiert.

Am 25. Januar 2015 gewinnt Alexis Tsipras mit seinem Linksbündnis Syriza die Parlamentswahl. Die absolute Mehrheit verfehlt er dabei knapp – und muss eine Koalition eingehen. Als Partner wählt Syriza ausgerechnet die rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen. Am 26. Januar wird Tsipras als Ministerpräsident vereidigt.

Wenige Tage nach der Wahl reist Euro-Gruppenchef Jeroen Dijsselbloem nach Athen. Er will mit der neuen griechischen Regierung darüber sprechen, wie es mit dem Hilfs- und Reformprogramm weitergeht. Doch was er erlebt, ist eine knallharte Abfuhr. Griechenland weigere sich, weiter mit der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und IWF zusammenzuarbeiten, sagt Finanzminister Giannis Varoufakis bei der gemeinsamen Pressekonferenz. Dijsselbloem steht auf und geht – es reicht nur noch für einen flüchtigen Händedruck.

Nach wochenlangem Ringen mit gegenseitigen Drohgebärden einigen sich Griechenland und die Euro-Finanzminister am 20. Februar in Brüssel auf eine Verlängerung des laufenden Hilfsprogramms. Doch das Geld soll erst fließen, wenn Griechenland konkrete Reformvorschläge vorlegt, die von den Gläubigern gebilligt werden.

Ende März 2015 legt Tsipras Reformvorschläge vor, die Gläubiger lehnen sie umgehend ab – so wie alle der zahlreichen Reformlisten, die im Frühjahr aus Athen nach Brüssel geschickt werden. Der Ton wird noch rauer, die Drohgebärden drastischer. Die Griechen holen viele Milliarden Euro von ihren Bankkonten. Dennoch scheint ein Kompromiss in letzter Sekunde zu gelingen – bis zum 26. Juni: Tsipras kündigt ein Referendum über die Forderungen der Geldgeber an und empfiehlt den Griechen, gegen sie zu stimmen, die griechischen Verhandler werden aus Brüssel abgezogen. Die Euro-Finanzminister beschließen, das Hilfsprogramm auslaufen zu lassen – ohne die letzte Tranche zu überweisen. Die griechische Regierung verhängt Kapitalverkehrskontrollen, vom 29. Juni an sind die Banken geschlossen, Abhebungen und Überweisungen gedeckelt.

In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli endet das zweite Hilfsprogramm – und Griechenland bleibt zum ersten Mal seit Beginn der Krise eine Kreditrate schuldig: 1,54 Milliarden Euro hätte das Land an den IWF zahlen müssen. Die Geldgeber lehnen neue Verhandlungen bis zum Referendum am 5. Juli ab, Tsipras und Varoufakis knüpfen ihre politische Zukunft an ein Nein des Volks zu den Gläubiger-Forderungen. Im ganzen Land bilden sich lange Schlangen vor Geldautomaten, pro Tag gibt es höchstens 60 Euro. Rentner warten stundenlang vor den wenigen offenen Bankfilialen auf einen Teil ihrer Renten.

Am 5. Juli findet das Referendum über die Sparauflagen statt. Begleitet wird es zum Teil von scharfen Angriffen auf Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU), der auf Plakaten als Vampir verunglimpft wird. Nachdem die Umfragen lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraussagen, triumphiert am Ende Tsipras: 61 Prozent der Abstimmenden folgen seinem Rat, die Reformforderungen der Gläubiger abzulehnen.

Unmittelbar nach dem Referendumserfolg vollzieht Tsipras eine beachtliche Kehrtwende: Sein umstrittener Finanzminister Varoufakis tritt zurück und braust am 6. Juli mit Ehefrau Danae von dannen (Foto). Kurz darauf legt Tsipras mit Unterstützung der französischen Regierung ein umfassendes Reformpaket vor, das den Forderungen der Gläubiger weit entgegenkommt. Obwohl dies eine 180-Grad-Wende bedeutet, bekommt Tsipras in der Nacht auf den 11. Juli im Parlament eine Mehrheit für die Aufnahme von Verhandlungen – allerdings nur mithilfe der Opposition.

Falls Tsipras sich von seinem Reformvorschlag eine schnelle Einigung erhofft hat, so wird aufs Gröbste enttäuscht. Zunächst bringt Finanzminister Wolfgang Schäuble vor einem Treffen mit seinen Amtskollegen die Option einen zeitweiligen Euro-Austritt ins Gespräch. Beim anschließenden Euro-Gipfel in der Nacht vom auf den 13. Juli verhindert EU-Ratspräsident Donald Tusk laut Teilnehmern ein Scheitern nur, indem er Merkel und Tsipras verbietet, den Raum zu verlassen. Am Ende wird Griechenland zwar ein neues Hilfsprogramm in Aussicht gestellt, nicht zuletzt auf Betreiben von Frankreichs Präsident Francois Hollande (M.). Doch Tsipras muss dafür Bedingungen akzeptieren, die deutlich härter als das ursprüngliche Angebot der Gläubiger sind.

Am 15. Juli muss das griechische Parlament die ersten Reformen beschließen, das Ultimatum haben die Euro-Partner gestellt. Für Tsipras und seinen neuen Finanzminister Efklidis Tsakalotos wird die Abstimmung jedoch zur Nervenprobe, denn der Widerstand in der Regierungspartei Syriza reicht bis zur Parlamentspräsidentin Zoi Konstantopoulou. Zwar bekommt Tsipras eine knappe Regierungsmehrheit zustande, doch die Spaltung seiner Partei ist nicht mehr zu übersehen. Darauf reagiert der Regierungschef, indem er zwei Tage später sein Kabinett umbildet und rebellische Minister entlässt. In der Nacht auf den 23. Juli werden weitere Reformforderungen verabschiedet, der Weg zu neuen Verhandlungen mit den Geldgebern ist vorerst frei.

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insgesamt 839 Beiträge
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Seite 1
C. Schmidt 04.07.2015
1.
Dann hat Varoufakis Keynes aber nicht richtig verstanden. Keynes ging nämlich auch davon aus, dass der Staat in wirtschaftlich guten Zeiten spart. Das geht aber nicht, wenn man den Staatsapparat in schlechten Zeiten mit teuren Beamten aufbläht, die man in guten Zeiten nicht wieder loswird.
Harald A. Irmer 04.07.2015
2. Adenauer war genauso ein Ideologe wie Tsipras
Er wollte '53 von den Siegermächten eine Schuldenhalbierung. Und er hat sich auch noch durchgesetzt; auch Griechenland stimmte zu. Und es ist ihm gelungen, die Erstattung des Griechenland aufgezwungenen Kredits auf den St. Nimmerleinstag zu vertagen. Solche Leute wie Tsipras und Adenauer darf sich kein anständiger Deutsche zum Vorbild nehmen.
jubelyon 04.07.2015
3.
Eine Ideologie hat der Autor vergessen: die unsägliche Europaseligkeit, die in beiden Lagern vorhanden ist, aber sehr unterschiedlich ausgelegt wird. Während die Einen auf die Einhaltung vereinbarter Regeln pochen, verstehen die Anderen den Euro als Einl
rugall70 04.07.2015
4. Keynes routiert seit 30 Jahren im Grab
Ich kann die Verweise der Super-Schuldner auf Keynes nicht mehr hören! Keynes sagt: Der Staat muss in guten Zeiten sparen, um in schlechten mit seinem Geld der Wirtschaft Impulse geben zu können. Wann, bitte, hat der griechische Staat denn gespart? Der hat seit Jahrzehnten immer nur Schulden gemacht. Und mit Verweis auf Keynes sagt man jetzt: Oh! Die Zeiten sind schlecht. Nun müssen wir noch mehr Schulden machen! Dummerweise gibt keiner mehr diesen über und über verschuldeten Griechen Geld. Also sollen jetzt ANDERE Staaten FÜR DIE GRIECHEN Schulden machen! Also davon hab ich bei Keynes noch nie etwas gelesen!
fafnir 04.07.2015
5. Guter Artikel,aber
man darf nicht ausser Acht lassen, dass Griechenland seit Beginn der Kriese so gut wie nichts getan hat. Rentenreformen, Steuerschuldner ect. stehen seit min 5 Jahren aus. Hier liegt das Problem.
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