Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Griechenland in der Krise: Jetzt wird es echt eng

Von

Griechische Flagge, EU-Flagge: Wie wahrscheinlich ist der #Graccident? Zur Großansicht
AP

Griechische Flagge, EU-Flagge: Wie wahrscheinlich ist der #Graccident?

Griechenland braucht schleunigst die Hilfe seiner Geldgeber - doch selbst wohlmeinende EU-Politiker verlieren offenbar die Geduld. Ein ungeplanter Euro-Austritt des Landes wird immer wahrscheinlicher.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Hamburg - An diesem Freitag ist Zahltag für Griechenland. Das Land muss Schulden in Höhe von fast zwei Milliarden Euro zurückzahlen. Doch woher soll der überschuldete Staat die Summe nehmen? "Wir laufen Gefahr, ohne Geld zu bleiben", sagte Vizeregierungschef Giannis Dragasakis am Donnerstag im griechischen Fernsehen.

Wie es aussieht, könnte es am Freitag noch einmal gutgehen. Man werde die fällige Kreditrate von rund 350 Millionen Euro pünktlich an den Internationalen Währungsfonds (IWF) überweisen, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstagabend einen griechischen Regierungsvertreter. So viel Geld sei noch da. Zu der Staatsanleihe über 1,6 Milliarden Euro, die ebenfalls am Freitag fällig wird, sagte der Regierungsvertreter allerdings nichts. Zuletzt war zu hören, dass Athen öffentliche Unternehmen als Käufer für eine Neuauflage der Papiere in die Pflicht nehmen wolle.

Griechenlands Finanzlage wird zum Zitterspiel. Der Staatsbankrott scheint zum Greifen nahe. Zumal Ende März Renten und Beamtenbezüge in Milliardenhöhe gezahlt werden müssen.

Am heutigen Donnerstag will Ministerpräsident Alexis Tsipras einen neuen Anlauf nehmen, um die Euro-Partner davon zu überzeugen, zumindest einen Teil der Mitte Februar zugesagten Hilfen in Höhe von 7,2 Milliarden Euro schneller zu überweisen als bisher geplant.

Beim EU-Gipfel in Brüssel ist dazu am Abend ein Sondertreffen geplant. Neben Tsipras sollen daran Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsident François Hollande, EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker, Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem sowie der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, teilnehmen. Als amtierender Ratspräsident ist auch der Pole Donald Tusk dabei.

Tsipras verspricht sich von der hochrangigen Runde offenbar mehr Gehör als bisher bei den Euro-Finanzministern, deren Griechenland-Treffen zuletzt regelmäßig mit Enttäuschungen endeten. Auch die ehemals als Troika bekannten Inspekteure von EU-Kommission, EZB und Internationalem Währungsfonds (IWF) zeigen sich nach ihren Besuchen in Athen frustriert. Die Regierung zeige keinerlei Kooperationsbereitschaft. Die Gespräche wurden erst einmal gestoppt.

"Die Regierung muss endlich in die Hufe kommen"

Angesichts solcher Nachrichten scheinen selbst die bisher eher verständnisvoll auftretenden EU-Politiker die Geduld zu verlieren. "Ich bin überhaupt nicht zufrieden mit den Fortschritten, die gemacht wurden", schimpfte jüngst EU-Kommissionspräsident Juncker, in Brüssel sonst eigentlich als Griechen-Versteher bekannt.

Parlamentspräsident Martin Schulz forderte ungewohnt deutlich, die Regierung in Athen müsse nun "endlich in die Hufe kommen" und sich an die Vereinbarungen ihrer Vorgänger halten. "Wenn wir so verfahren, dass eine neu gewählte Regierung sich nicht an die Verpflichtungen des Landes gebunden fühlt, dann können wir den Laden zumachen", sagte Schulz im Deutschlandfunk.

Tsipras' Hoffnung, die Verspannungen auf dem EU-Gipfel lösen zu können, scheint sehr optimistisch. Bundeskanzlerin Merkel ließ bereits wissen, dass "kein Treffen in kleinem Kreis" eine Einigung in der Euro-Gruppe ersetzen könne.

So steuern Griechenland und seine Geldgeber immer weiter auf das zu, was sie eigentlich alle umgehen wollen: den Grexit, also ein Ausscheiden Griechenlands aus der Währungsunion. In Berlin droht man schon länger offen mit einem solchen Szenario. Mittlerweile scheinen auch andere Staaten sich mit dem Gedanken anzufreunden. "Wir werden Griechenland nicht zu jedem Preis in der Eurozone halten", verkündete der französische EU-Währungskommissar Pierre Moscovici.

"Die Tür für eine Einigung scheint sich zu schließen"

Experten sehen die Drohungen zwar vor allem als Mittel, um die griechische Regierung zum Einlenken zu zwingen. Doch was, wenn die nicht einlenken will oder einfach so lange pokert, bis ihr das Geld ausgeht?

"Eigentlich will niemand den Grexit, trotzdem stolpern alle gerade darauf zu", sagt Thomas Mayer, Direktor des Flossbach von Storch Research Institute und ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Die Euro-Gruppe habe sich so klar positioniert, dass sie ihre Bedingungen kaum aufweichen könne. Auf der anderen Seite habe aber auch die griechische Regierung deutlich gemacht, "dass sie nicht zu Kreuze kriechen wird". Es werde "immer schwieriger, aus dieser Situation wieder rauszukommen", sagt Mayer. "Die Tür für eine Einigung scheint sich zu schließen."

Auch Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg Bank warnt: "Wir sehen eine 25-prozentige Wahrscheinlichkeit für einen Grexit", schreibt er in einem aktuellen Marktkommentar. "Angesichts der knappen Finanzmittel könnte dieses Problem sich schnell zuspitzen."

Fall es wirklich soweit kommt, sieht Thomas Mayer zwei Varianten:

  • Einen "Big Bang": Dazu käme es, wenn Griechenland seine Zahlung an internationale Geldgeber wie den IWF oder die EZB einfach einstellen würde. Der griechische Staat wäre damit pleite, und auch die Banken würden in dramatische Schwierigkeiten geraten. Die EZB, die die griechischen Banken derzeit noch mit Notkrediten über Wasser hält, wäre gezwungen, diese Geldversorgung sofort einzustellen. Griechenland müsste alle Bankguthaben und Kredite auf eine neue Währung umstellen. Dann wäre Griechenland raus aus der Währungsunion - aber auch raus aus der Finanzwelt. "Das Land würde zum Paria", sagt Mayer.
  • Eine Parallelwährung: Wenn es der griechischen Regierung gelänge, ihre Schulden beim IWF und der EZB weiter zu bezahlen, könnte sie die inländischen Zahlungen umstellen und statt Euro Schuldscheine mit unbegrenzter Laufzeit ausstellen. Gleichzeitig müsste das Land Kapitalverkehrskontrollen einführen, ähnlich wie es Zypern in der Krise vor zwei Jahren gemacht hat. Überweisungen von Euro ins Ausland würden ebenso beschränkt wie Barabhebungen im Inland. Bankguthaben ab einer gewissen Höhe (in Zypern waren es 100.000 Euro) würden teilweise gestrichen. Bei dieser Variante könnte Griechenland offiziell sogar Mitglied der Währungsunion bleiben. Es würde nur eine gewisse Auszeit nehmen.

Beide Varianten hätten drastische Folgen für Griechenland, das wissen auch die griechischen Bürger. Bei einer aktuellen Umfrage gaben 61 Prozent an, ihr Land solle im Euro bleiben. 70 Prozent stimmten sogar für einen Kompromiss der Regierung mit den internationalen Geldgebern. Offen bleibt, ob die Regierung diesen Auftrag auch umsetzen kann.

Zusammengefasst: Griechenland geht das Geld aus. Die Regierung hofft beim EU-Gipfel in Brüssel auf Hilfen der anderen Eurostaaten. Doch deren Vertreter zeigen sich eher genervt. Wenn keine der beiden Seiten nachgibt, wird das Land aus dem Euro ausscheiden oder zumindest eine Parallelwährung einführen müssen.

Die Chronik der Griechenlandkrise

Am 1. Januar 2001 tritt Griechenland der Eurozone bei. Bei der Einführung des Euro 1999 war das Land noch nicht dabei. Erst im Jahr 2000 erfüllte es die sogenannten Konvergenzkriterien des Maastrichter Vertrages - zumindest auf dem Papier.

Im November 2004 wird klar: Die Regierung in Athen hat sich die Aufnahme in die Eurozone mit gefälschten Finanzdaten erschummelt. Alle Haushaltsdefizite vergangener Jahre waren in Wahrheit deutlich höher als zuvor an Brüssel gemeldet. So übertrafen die neuen Schulden in jedem Jahr die im Stabilitätspakt erlaubte Obergrenze von drei Prozent der Wirtschaftsleistung. Langjähriger Berater der Griechen war die US-Investmentbank Goldman Sachs.

Ende Oktober 2009 zeichnet sich zum ersten Mal so etwas wie eine Griechenland-Krise ab. Das voraussichtliche Haushaltsdefizit liegt bei rund 12,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, doppelt so hoch wie zunächst angenommen. Die neue Regierung von Ministerpräsident Giorgos Papandreou kündigt Sparmaßnahmen an.

Mitte Dezember 2009 stuft die Rating-Agentur Standard & Poor's Griechenlands Kreditwürdigkeit herab. Zuvor hatte dies schon die Agentur Fitch getan. Warnungen vor einer drohenden Staatspleite werden lauter. Der Kurs des Euro bricht ein. Bundeskanzklerin Angela Merkel beschwichtigt: "Ich bitte im Interesse einer sachlichen Diskussion, das nicht überzubewerten."

Im Frühjahr 2010 wird es eng: Griechenland bekommt nur noch sehr schwer Geld an den Finanzmärkten. Die Eurostaaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) springen dem Land bei. Anfang Mai schnüren sie ein Rettungspaket mit Krediten über 110 Milliarden Euro, 30 Milliarden davon übernimmt der IWF, auf Deutschland entfallen 22,4 Milliarden Euro. Die Bundesregierung peitscht das Gesetz im Eilverfahren durch den Bundestag. Die Geldgeber sehen die Griechen-Krise offenbar als temporäres Problem: Die Laufzeit der Kredite beträgt nur drei Jahre. Kurz darauf geraten auch andere Länder wie Irland und Portugal ins Wanken.

Ein Jahr später spitzt sich die Schuldenkrise erneut zu. Weil absehbar ist, dass Griechenland sich nicht wie geplant bereits 2012 am Kapitalmarkt finanzieren kann, braucht es mehr Geld von den Staaten der Eurozone und dem Internationalen Währungsfonds. Am 10. Mai 2011 kündigt die griechische Regierung ein neues Sparpaket an. Wenige Tage später legen gewaltsame Demonstrationen Teile des Landes lahm. Die Polizei muss das Parlament gegen wütende Bürger verteidigen. Sie feuert Tränengas, Demonstranten werfen Steine zurück, attackieren die Limousine von Ministerpräsident Papandreou.

Zweites Rettungspaket, erster Versuch: Ein Sondergipfel der Eurostaaten beschließt am 21. Juli 2011 ein neues Hilfspaket für Griechenland mit einem Volumen von 109 Milliarden Euro. Der Großteil des Geldes soll aus dem europäischen Rettungsschirm EFSF und dem Internationalen Währungsfonds kommen. Erstmals sollen aber auch private Gläubiger beteiligt werden - auf freiwilliger Basis.

Ende Oktober 2011 legt die Troika aus EU, IWF und Europäischer Zentralbank (EZB) einen neuen Bericht zur Finanzsituation Griechenlands vor. Die Experten zeichnen darin ein düsteres Bild: Die Lage des Landes hat sich in den vorangegangenen Monaten weiter verschlechtert. Auf einem EU-Gipfel am 26. Oktober schmieden die Staats- und Regierungschefs einen neuen Rettungsplan: Private Gläubiger sollen auf mehr als 50 Prozent ihrer Forderungen gegenüber Griechenland verzichten. Das trifft vor allem europäische Banken. Athen soll weitere 100 Milliarden Euro erhalten, mit zusätzlichen 30 Milliarden Euro soll der Schuldenschnitt abgesichert werden.

Turbulente Herbsttage: Am 31. Oktober kündigt Griechenlands Ministerpräsident Papandreou überraschend eine Volksabstimmung über die Beschlüsse des Eurogipfels und die damit verbundenen Sparauflagen für sein Land an. Beim G20-Gipfel in Cannes nehmen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy Papandreou Anfang November ins Gebet. Daraufhin lässt dieser den Referundumsplan fallen und tritt zurück. Loukas Papademos, der Ex-Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, tritt am 11. November 2011 an die Spitze einer Übergangsregierung.

Im Februar 2012 stimmt das griechische Parlament einem neuen Sparprogramm zu. In Athen kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die internationalen Geldgeber hatten auf verschärfte Reformen gepocht - im Gegenzug verabschieden die Euro-Finanzminister das zweite Rettungspaket. Neben dem Schuldenschnitt für die privaten Gläubiger enthält es auch die im Oktober angekündigten Hilfen in Höhe von 130 Milliarden Euro. Für die Kredite aus dem ersten Hilfspaket von 2010 werden die Zinsen halbiert. Der Schuldenschnitt wird am 9. März 2012 wirksam.

Bei der Parlamentswahl am 6. Mai 2012 strafen die Griechen die Traditionsparteien Nea Dimokratia (ND) und Pasok ab, die aus ihrer Sicht das Land einem internationalen Spardiktat unterworfen haben. Parteien wie Syriza, die eine Aufkündigung der Sparvereinbarungen fordern, legen kräftig zu. Eine Regierungsbildung scheitert. Nach der Neuwahl am 17. Juni wird ND-Chef Antonis Samaras als Ministerpräsident vereidigt. Unterstützt wird seine Regierung von Pasok und der demokratischen Linken (Dimar). Das bei den Wahlen zweitplatzierte Linksbündnis Syriza ist jedoch nicht beteiligt.

Die Lage an den Finanzmärkten spitzt sich im Sommer 2012 wieder zu. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler sinniert über einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi erklärt am 26. Juli, die EZB werde "alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten" - und leitet damit eine Wende in der Eurokrise ein. Von nun an schwindet die Angst davor, dass die griechische Krise auch Länder wie Italien oder Spanien anstecken könnte.

Am 8. Oktober 2012 besucht Angela Merkel zum ersten Mal seit Ausbruch der Krise Griechenland. Sie lobt die Fortschritte des Landes. Der IWF dagegen glaubt nicht, dass Griechenland den Sanierungszeitplan einhalten kann. Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble tritt Spekulationen über einen Euro-Austritt Griechenlands entgegen. Dabei gelingt ihm ein legendärer Satz auf Denglisch: "I think there will be no Staatsbankrott in Greece."

Griechenland erhält weitere Zugeständnisse: Am 27. November 2012 einigt sich die Euro-Gruppe mit dem IWF auf eine Anpassung des zweiten Rettungspakets: Die Regierung in Athen soll mehr Zeit für die Umsetzung der Sparvorgaben bekommen. Daraus ergibt sich eine Finanzlücke von 14 Milliarden Euro, die unter anderem mit günstigen Zinsen auf bereits gewährte Kredite gestopft werden soll.

Im Juni 2013 räumt der Internationale Währungsfonds (IWF) Fehler bei der Rettungspolitik ein. Beim ersten Hilfsprogramm aus dem Mai 2010 habe man zu optimistische Annahmen zugrunde gelegt. Weder der Schuldenstand noch das Wachstum hätten sich so entwickelt wie damals angenommen. Die griechische Wirtschaft schrumpft 2013 das fünfte Jahr in Folge. Seit 2008 ist das Bruttoinlandsprodukt um gut 22 Prozent eingebrochen, die Staatsverschuldung ist wieder höher als vor dem Schuldenschnitt.

2014 scheint die jahrelange Talfahrt endlich zu Ende zu gehen. Die griechische Regierung erwartet sogar ein kleines Wirtschaftswachstum - und wird forsch: Anfang April leiht sich das Land erstmals seit vier Jahren wieder langfristig Geld am Kapitalmarkt. Die Investoren sind begeistert - und geben den Griechen drei Milliarden Euro zu 4,75 Prozent Zinsen.

Ende 2014 laufen die Hilfen der Europartner für Griechenland aus - und Ministerpräsident Antonis Samaras wird nicht müde zu betonen, dass kein neues Geld nötig sei. "Die Ära der Rettungspakete geht zu Ende", jubelt er. Ende November meldet der SPIEGEL, es werde wohl doch ein weiteres Hilfspaket geben. Zehn Milliarden Euro aus dem Rettungsfonds ESM sollten umgewidmet werden.

Am 29. Dezember 2014 scheitert die Wahl des Staatspräsidenten im dritten Wahlgang - die griechische Verfassung sieht für diesen Fall Neuwahlen vor, die am 25. Januar stattfinden sollen. Das könnte die große Chance für das linke Syriza-Bündnis und dessen Chef Alexis Tsipras sein. Tsipras lehnt die Reformauflagen von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) ab und will im Falle eines Wahlsiegs einen Schuldenschnitt durchsetzen. Bei den Geldgebern stößt das nicht auf Begeisterung. Anfang Januar 2015 meldet der SPIEGEL, die Bundesregierung sei bereit, Griechenland notfalls aus der Eurozone ausscheiden zu lassen. Die Finanzmärkte reagieren schockiert.

Am 25. Januar 2015 gewinnt Alexis Tsipras mit seinem Linksbündnis Syriza die Parlamentswahl. Die absolute Mehrheit verfehlt er dabei knapp – und muss eine Koalition eingehen. Als Partner wählt Syriza ausgerechnet die rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen. Am 26. Januar wird Tsipras als Ministerpräsident vereidigt.

Wenige Tage nach der Wahl reist Euro-Gruppenchef Jeroen Dijsselbloem nach Athen. Er will mit der neuen griechischen Regierung darüber sprechen, wie es mit dem Hilfs- und Reformprogramm weitergeht. Doch was er erlebt, ist eine knallharte Abfuhr. Griechenland weigere sich, weiter mit der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und IWF zusammenzuarbeiten, sagt Finanzminister Giannis Varoufakis bei der gemeinsamen Pressekonferenz. Dijsselbloem steht auf und geht – es reicht nur noch für einen flüchtigen Händedruck.

Nach wochenlangem Ringen mit gegenseitigen Drohgebärden einigen sich Griechenland und die Euro-Finanzminister am 20. Februar in Brüssel auf eine Verlängerung des laufenden Hilfsprogramms. Doch das Geld soll erst fließen, wenn Griechenland konkrete Reformvorschläge vorlegt, die von den Gläubigern gebilligt werden.

Ende März 2015 legt Tsipras Reformvorschläge vor, die Gläubiger lehnen sie umgehend ab – so wie alle der zahlreichen Reformlisten, die im Frühjahr aus Athen nach Brüssel geschickt werden. Der Ton wird noch rauer, die Drohgebärden drastischer. Die Griechen holen viele Milliarden Euro von ihren Bankkonten. Dennoch scheint ein Kompromiss in letzter Sekunde zu gelingen – bis zum 26. Juni: Tsipras kündigt ein Referendum über die Forderungen der Geldgeber an und empfiehlt den Griechen, gegen sie zu stimmen, die griechischen Verhandler werden aus Brüssel abgezogen. Die Euro-Finanzminister beschließen, das Hilfsprogramm auslaufen zu lassen – ohne die letzte Tranche zu überweisen. Die griechische Regierung verhängt Kapitalverkehrskontrollen, vom 29. Juni an sind die Banken geschlossen, Abhebungen und Überweisungen gedeckelt.

In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli endet das zweite Hilfsprogramm – und Griechenland bleibt zum ersten Mal seit Beginn der Krise eine Kreditrate schuldig: 1,54 Milliarden Euro hätte das Land an den IWF zahlen müssen. Die Geldgeber lehnen neue Verhandlungen bis zum Referendum am 5. Juli ab, Tsipras und Varoufakis knüpfen ihre politische Zukunft an ein Nein des Volks zu den Gläubiger-Forderungen. Im ganzen Land bilden sich lange Schlangen vor Geldautomaten, pro Tag gibt es höchstens 60 Euro. Rentner warten stundenlang vor den wenigen offenen Bankfilialen auf einen Teil ihrer Renten.

Am 5. Juli findet das Referendum über die Sparauflagen statt. Begleitet wird es zum Teil von scharfen Angriffen auf Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU), der auf Plakaten als Vampir verunglimpft wird. Nachdem die Umfragen lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraussagen, triumphiert am Ende Tsipras: 61 Prozent der Abstimmenden folgen seinem Rat, die Reformforderungen der Gläubiger abzulehnen.

Unmittelbar nach dem Referendumserfolg vollzieht Tsipras eine beachtliche Kehrtwende: Sein umstrittener Finanzminister Varoufakis tritt zurück und braust am 6. Juli mit Ehefrau Danae von dannen (Foto). Kurz darauf legt Tsipras mit Unterstützung der französischen Regierung ein umfassendes Reformpaket vor, das den Forderungen der Gläubiger weit entgegenkommt. Obwohl dies eine 180-Grad-Wende bedeutet, bekommt Tsipras in der Nacht auf den 11. Juli im Parlament eine Mehrheit für die Aufnahme von Verhandlungen – allerdings nur mithilfe der Opposition.

Falls Tsipras sich von seinem Reformvorschlag eine schnelle Einigung erhofft hat, so wird aufs Gröbste enttäuscht. Zunächst bringt Finanzminister Wolfgang Schäuble vor einem Treffen mit seinen Amtskollegen die Option einen zeitweiligen Euro-Austritt ins Gespräch. Beim anschließenden Euro-Gipfel in der Nacht vom auf den 13. Juli verhindert EU-Ratspräsident Donald Tusk laut Teilnehmern ein Scheitern nur, indem er Merkel und Tsipras verbietet, den Raum zu verlassen. Am Ende wird Griechenland zwar ein neues Hilfsprogramm in Aussicht gestellt, nicht zuletzt auf Betreiben von Frankreichs Präsident Francois Hollande (M.). Doch Tsipras muss dafür Bedingungen akzeptieren, die deutlich härter als das ursprüngliche Angebot der Gläubiger sind.

Am 15. Juli muss das griechische Parlament die ersten Reformen beschließen, das Ultimatum haben die Euro-Partner gestellt. Für Tsipras und seinen neuen Finanzminister Efklidis Tsakalotos wird die Abstimmung jedoch zur Nervenprobe, denn der Widerstand in der Regierungspartei Syriza reicht bis zur Parlamentspräsidentin Zoi Konstantopoulou. Zwar bekommt Tsipras eine knappe Regierungsmehrheit zustande, doch die Spaltung seiner Partei ist nicht mehr zu übersehen. Darauf reagiert der Regierungschef, indem er zwei Tage später sein Kabinett umbildet und rebellische Minister entlässt. In der Nacht auf den 23. Juli werden weitere Reformforderungen verabschiedet, der Weg zu neuen Verhandlungen mit den Geldgebern ist vorerst frei.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 483 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Passt
Philibus 19.03.2015
Es wäre wirklich die Ironie der Geschichte, wenn Griechenland wegen einer Zinszahlung für den Goldman Sachs Deal, der damals massgeblich dazu beigetragen hat, das Land in den Euro zu bescheissen, aus dem selbigen wieder rausfliegen würde. Lügen haben kurze Beine.
2. Jetzt wird es echt eng
abc. 19.03.2015
Aber, aber, doch nicht wegen so eines kleinen Liquiditätsengpasses, ich bitte Sie! Heute wurden die Gläubiger wieder vor die Türe gesetzt, wie kann sich da irgendjemand erdreisten, nach mehr Leihgaben zu verlangen? Wie schizophren solls denn bitteschön noch werden?
3. Geht bitte Drachmen drucken oder besucht die Schweiz
Becks0815 19.03.2015
Dort liegen 800 Milliarden welche die Regierung konfiszieren und erst nach Nachweis der Steuererklärung freigeben könnte. der Rest wird mit 50% nachversteuert. bei der gr. Steuermoral blieben so 400 Milliarden übrig was für die nächsten Jahre sicher reichen würde. Problem nur: ich wette selbst die jetzigen politiker haben alle ihre Gelder schon dort gebunkert und müssten selber auf 50% verzichten - was keiner will. Also bleibt die Kohle dort und Gr druckt Drachmen.
4. ...jetzt wird es echt eng...
solomnia 19.03.2015
Was war es denn vorher bitte? Anyway, am Ende wird es doch wieder Geld für GR geben. In der EU wird Dreistigkeit, Unehrlichkeit, Unvermögen noch belohnt.
5. Kleines Liquiditätsproblem
dagegen! 19.03.2015
kann easy aus der Rentenkasse mancher EU-Mitgliedsländer gezahlt werden. Kein Problem, nur der Schein muss gewahrt werden. Als ob was anderes passieren würde, als einen weiteren Kredit zu versenken.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: