Griechenland und Euro-Gruppe Auf dem Weg in den Crash

Nach dem Eklat beim Euro-Gipfel scheinen die Fronten zwischen Griechenland und den Partnern verhärtet wie nie zuvor. Bis Montag muss eine Seite nachgeben - sonst droht der unkontrollierte Euro-Austritt Griechenlands.

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Euro-Gruppen-Chef Dijsselbloem (l.), Varoufakis: Freundschaft sieht anders aus
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Euro-Gruppen-Chef Dijsselbloem (l.), Varoufakis: Freundschaft sieht anders aus


Hamburg - Es ist eine Art Mutprobe: Zwei Autos rasen mit voller Geschwindigkeit aufeinander zu. Wer ausweicht, hat verloren und gilt als Feigling. Doch wenn keiner ausweicht, kommt es zur Katastrophe und beide Fahrer sterben.

In der ökonomischen Spieltheorie nennt man diese Konstellation das Feiglingsspiel (auf Englisch: "Chicken Game"). Und es sieht so aus, als wollten Griechenland und der Rest der Eurozone gerade demonstrieren, wie dieses Spiel in der knallharten Realität aussieht - Zusammenstoß ausdrücklich eingeschlossen.

Bis in die Nacht haben die Euro-Finanzminister am Mittwoch in Brüssel darüber verhandelt, wie es mit Griechenland weitergehen soll. Wenigstens eine grundsätzlich politische Übereinkunft wollte man erzielen, um die Details bis zum nächsten Treffen am kommenden Montag festzuzurren.

Die Zeit drängt. Das überschuldete Griechenland braucht im März dringend frisches Geld und bittet die Europartner um eine letzte Brückenfinanzierung, um in den kommenden Monaten einen umfassenden Reform- und Umschuldungsplan auszuarbeiten. Und so schien eine vorläufige Einigung am Mittwoch auch auf gutem Wege. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble war sogar bereits abgereist. Doch im letzten Moment verweigerte der griechische Finanzminister Giannis Varoufakis seine Zustimmung.

Tsipras soll seinen Finanzminister zurückgepfiffen haben

Glaubt man Beobachtern, müssen die Umstände dramatisch gewesen sein. Wie die Zeitung "Financial Times" ("FT") und die Nachrichtenagentur Reuters berichten, hatte Varoufakis bereits grundsätzlich eingewilligt, eine Abschlusserklärung zu unterzeichnen. Diese hätte die Griechen einerseits zu strikteren Reformen verpflichtet, ihnen aber andererseits eine Verlängerung des Ende Februar auslaufenden Hilfsprogramms in Aussicht gestellt - als Brückenfinanzierung bis zu einer neuen Übereinkunft mit den Geldgebern.

Doch genau das war offenbar das Problem. Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras hat den Griechen versprochen, das laufende Hilfs- und Reformprogramm aufzukündigen, weil der damit verbundene harte Sparkurs viele Menschen im Land ärmer gemacht hat. Deshalb will er nun auf keinen Fall einer Verlängerung dieses Programms zustimmen. Laut "FT" soll er seinen Finanzmister in der vergangenen Nacht zurückgepfiffen haben. Varoufakis selbst will das so nicht stehen lassen und spricht auf Twitter von "dubiosen Behauptungen".

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Die Euro-Gruppe wiederum will unbedingt am laufenden Programm festhalten. Vereinbarungen müssten eingehalten werden, betonen der deutsche Finanzminister Schäuble und der niederländische Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem immer wieder. Erst dann könne man über neue Programme reden.

Die Fronten sind also verhärtet wie selten zuvor. Um einzuschätzen, wie es weitergehen könnte, lohnt wieder ein Blick auf das Feiglingsspiel der aufeinander zu rasenden Autos. Dort gibt es vier mögliche Varianten:

1. Fahrer 1 (Griechenland) weicht aus. Das hieße im konkreten Fall: Griechenland lässt sich bis Montagnacht doch noch auf eine Verlängerung des laufenden Hilfsprogramms ein - und verspricht, mit Reformen in Vorleistung zu gehen, etwa beim Eintreiben von Steuern. Erst dann würden sich die Europartner auf Gespräche über eine Umschuldung einlassen. Wahrscheinlichkeit: 25 Prozent

2. Fahrer 2 (Euro-Gruppe) weicht aus. Das hieße im konkreten Fall: Die Euro-Gruppe erklärt das aktuell laufende Reformprogramm mit sofortiger Wirkung für beendet und bietet Griechenland stattdessen eine Brückenfinanzierung für die nächsten Monate an. Einzige Auflage: Griechenland verspricht schärfere Reformen, überwacht von der Industrieländerorganisation OECD. Wahrscheinlichkeit: 5 Prozent

3. Beide Fahrer weichen aus. Das hieße im konkreten Fall: Es wird eine Lösung gewählt, die beide Seiten einigermaßen das Gesicht wahren lässt. Das aktuelle Hilfsprogramm läuft noch ein paar Wochen weiter, solange hält sich Griechenland an die damit verbundenen Auflagen. Die letzte Tranche des Programms von gut sieben Milliarden Euro wird ausgezahlt. Anschließend bekommt das Land eine Übergangsfinanzierung. Alles Weitere wird auf den Sommer vertagt. Eine Katastrophe wäre so zwar vermieden, aber die großen Probleme blieben weiter ungelöst. Wahrscheinlichkeit: 50 Prozent

4. Beide Autos rasen ungebremst ineinander. Das hieße im konkreten Fall: Die Verhandlungen enden ergebnislos, weil die Euro-Gruppe auf der Fortführung des bestehenden Programms beharrt und Griechenland auf keinen Fall zustimmen will. Dann hätte das Land spätestens im März kein Geld mehr, um seine Schulden zurückzuzahlen. Es wäre pleite. Zudem würde die Europäische Zentralbank der griechischen Notenbank wohl verbieten, die griechischen Banken weiter mit Notkrediten zu versorgen, womit auch die (Euro-)Geldversorgung in Griechenland unterbrochen wäre. Das Land müsste wahrscheinlich auf eine andere Währung umstellen. Es wäre der faktische und unkontrollierte Austritt aus der Eurozone - mit unvorhersehbaren Auswirkungen für die übrigen Länder der Währungsunion. Wahrscheinlichkeit: 20 Prozent



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Seite 1
Onkel_Fester 12.02.2015
1. Neee...
...nein, es werden nicht beide Fahrer sterben, sondern nur einer. Die Frage ist nur, wer: die Eurogruppe oder Griechenland.
Immanuel_Goldstein 12.02.2015
2.
Das ehrlichste gegenüber den Steuerzahlern wäre der Crash und der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone. Das muss auch nicht "unkontrolliert" geschehen. Aber wahrscheinlich einigt man sich eh wieder darauf, dass die anderen für Griechenland zahlen und am korrupten Selbstbedienungsstaat ändert sich nichts. Diese Lösung sollte allerdings mit einer zwingenden Halbierung der Regierungs- und Abgeordnetengehälter in Griechenland einhergehen. Man kann eben nicht nur fordern.
braintainment 12.02.2015
3. Dr.
Tja, Herr Dijsselbloem, so ist daß, wenn man sich auf Versprechungen verlässt. Aber naja, ist doch nur noch Geld des (zum großen Teil deutschen) Steuerzahlers, welches hier auf dem Spiel steht - die Banken sind doch schon schön raus. Also geben sie noch ein paar Wochen den Entrüsteten und nehmen dann bitte einen hochdotierten Posten in der Finanzwirtschaft an. Die AfD hat es schon vor Jahren gesagt, daß Griechenland seine Schulden nicht zurückzahlen können wird - und die Wirtschaft nicht ans Laufen kriegt. Hätten Sie (und andere) diesem Rat Folge geleistet, hätte sich insbesondere der deutsche Steuerzahler diese teuren (aber nutzlosen, außer für Banken) Rettungspakete sparen können.
oliver9997 12.02.2015
4. Blödsinn
hier fahren nicht zwei Autos aufeinander zu, sondern ein Auto und ein Güterzug. Keine Frage, wer beim Aufprall den kürzeren zieht.
ludwig49 12.02.2015
5. Tsipras muss seinen Wählern liefern...
...und Merkel und Co. kann der jeweiligen Wählerschaft keine weiteren Hilfsprogramme an Griechenland seriös verkaufen. Was also? Der griechische Eintritt in die Euro-Zone war ein Fehler, der Austritt wäre eine längst fällige Korrektur! Oder ab welchem Preis steigen alle aus?
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