Verhandler in der Euro-Krise Sie entscheiden über Griechenlands Zukunft

Wer blinzelt zuerst? Wer gibt nach? Nach dem Eklat beim Euro-Gipfel geht der Poker um die Rettungspolitik in die entscheidende Phase. Die wichtigsten Akteure im Überblick - und ihre Positionen.

Von und (Grafik)


Eins der großen Themen beim EU-Gipfel am Donnerstagabend in Brüssel ist die griechische Schuldenkrise und die europäische Antwort darauf. Es ist der erste Gipfel mit dem neuen griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und andere Spitzenpolitiker erwarten von Tsipras Kompromissbereitschaft. Die Finanzminister der Euro-Gruppe waren in der Nacht zuvor mit dem Vorhaben gescheitert, sich auf einen gemeinsamen Kurs für die finanzielle Rettung Griechenlands zu einigen.

"Ich bin sehr besorgt über die Lage, die eingetreten ist", sagte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. "Es geht hier nicht um die neue griechische Regierung, auch nicht um die alte. Es geht um das griechische Volk. Das sollten wir auf dem Radarschirm haben." Ähnlich äußerte sich auch der finnische Ministerpräsident Alexander Stubb. "Die Zeit für Griechenland läuft ab", sagte er.

Tsipras gab sich bei seiner ersten Gipfelteilnahme hingegen betont entspannt. Bilder aus dem Sitzungssaal zeigten, wie er mit strahlendem Lächeln auf andere Staats- und Regierungschefs zuging. Zu möglichen Zugeständnissen seines Landes verlor er zumindest in der Öffentlichkeit kein Wort. "Wir werden eine Lösung finden müssen, die alle Beteiligten respektiert", sagte der Linken-Politiker.

Hier die Verhandlungspartner in Brüssel und ihre Positionen:

Angela
Merkel
AP 
Wichtigste Akteurin, besteht auf der Einhaltung der bestehenden Verträge. Legendär nervenstark, zudem gipfelgestählt. Mächtigste Frau Europas, ach was: der Welt. Ikone und unangefochtene Anführerin des Sparkurs-Lagers. Dort auch beliebt wegen ihrer Blitzableiter-Funktion: Zieht allen Unmut auf sich, der eigentlich auch Den Haag oder Helsinki gebührt. Gilt daher unter Europas Linken als Inbegriff von Technokratie, Herz- und Rücksichtslosigkeit sowie deutscher Hegemonialpolitik. Hat zu Genüge demonstriert, dass ihr diese Zuschreibungen herzlich egal sind. Hat im Euro-Poker eindeutig den größten Vorteil: Sie muss sich nicht bewegen - eine ihrer größten Stärken.
Wolfgang
Schäuble
Reuters 
In der Euro-Gruppe der Erfahrenste unter den Sparkurs-Hardlinern. War bereits an Tag eins der Griechen-Rettung im Amt, hat in dieser Zeit so manchen Athener Amtskollegen kommen und wieder gehen sehen. Schon aus Prinzip gegen Reform-Erleichterungen für Griechenland. Kann nach den wirklich schwierigen Wochen im Sommer 2012 derzeit kaum mit einem griechischen Ausstiegsszenario geschreckt werden. In Sachen Sturheit in der gleichen Liga wie die Kanzlerin, in puncto Selbstbeherrschung allerdings unterlegen. Gemeinsam mit Merkel am stärksten im Euro-Poker.
Alexis
Tsipras
AFP 
Lichtfigur der Linken in Europa, derzeit Volksheld in Griechenland. Jung, dynamisch, entschlossen. Verspricht den Griechen für den Fall des Machtgewinns seit Jahren das Ende von Sparpolitik und Troika sowie einen Schuldenschnitt. Muss nun liefern, um Volkshelden-Status und die Macht nicht schnell wieder zu verlieren. Brüskiert deshalb mitunter alle Euro-Finanzminister inklusive dem eigenen. Ungünstig, weil er den Griechen auch versprochen hat, in jedem Fall den Euro zu behalten. Braucht dazu einen Kompromiss mit den 18 anderen Eurostaaten. Sein Problem: Hat verdammt wenig Spielraum, weil seiner Regierung in wenigen Wochen das Geld ausgeht.
Giannis
Varoufakis
DPA 
Superstar der linken Ökonomen, Universitätsprofessor, Blogger, Stilikone. Und Spieltheoretiker, ein womöglich großer Vorteil im Euro-Poker. Erzeugt mit Kleidung (Lederjacke!), Manieren (Hände in den Hosentaschen!!) und Fortbewegungsmittel (Motorrad!!!) ungefähr ebenso viel Aufmerksamkeit wie mit wirtschafts- und finanzpolitischen Ansichten. Etwa jener, dass Griechenland schon viel zu viel Geld geliehen worden sei. Hinterließ bei seiner Antrittstour durch Europa bei den meisten Amtskollegen einen sympathischen Eindruck. Dürfte diesen beim ersten Euro-Gruppen-Treffen verspielt haben, als er einer übergangsweisen Verlängerung des Rettungsprogramms erst zustimmte – um dann mutmaßlich von Chef Tsipras zurückgepfiffen zu werden.
Jeroen
Dijsselbloem
AFP 
Als niederländischer Finanzminister in der Sache klar auf Seiten Merkels und Schäubles: Weiter so mit Sparkurs, Reformen und Kontrollen durch die Troika. Als Euro-Gruppen-Chef, einer Art Klassensprecher, aber zu weitgehender Zurückhaltung verpflichtet. Gelingt ihm nicht immer. Verkörpert mit seiner eher trockenen Art so ziemlich das Gegenteil des griechischen Kollegen Varoufakis. Verlor bei den Begegnungen beim Blitzbesuch in Athen kurz nach der Wahl und beim jüngsten Euro-Gruppen-Treffen fast die Fassung ob so viel Dreistigkeit.
Jean-Claude
Juncker
Reuters 
Vorgänger Dijsselbloems als Euro-Gruppen-Chef, der diese Rolle weitaus präsenter ausfüllte. Als Kommissionschef eher eine Randfigur, könnte aber als wichtiger Vermittler reüssieren. Teilt die Skepsis gegenüber der bisherigen Troika, hält aber Verträge schon allein qua Funktion durchaus für etwas, das eingehalten werden sollte – schließlich bezeichnet sich die Kommission als "Hüterin der Verträge". Agiert nach Jahrzehnten als Luxemburger Finanzminister und Regierungschef mit traumwandlerischer Sicherheit auf der Brüsseler Bühne. Nahm Tsipras bei dessen Antrittsbesuch demonstrativ an die Hand.
Christine
Lagarde
DPA 
Die große Unbekannte. Der IWF beteiligte sich als Einziger der internationalen Geldgeber nicht an den bisherigen Erleichterungen für Griechenland – Streckung der Tilgung, niedrigere Zinsen. Hat daher in diesem Jahr mit Abstand die höchsten Forderungen an Griechenland. Würde sich an keinem weiteren Programm mehr beteiligen, wie schon vor Langem verkündet. Sonst durchaus kommunikativ, hüllt sich Lagarde wie ihre ganze Organisation seit dem Tsipras-Wahlsieg in Schweigen – oder wahlweise in absolut nichtssagenden Erklärungen.
Mario
Draghi
Reuters 
Italiener an der Spitze der Euro-Zentralbank, von Bundesbank und deren Gleichgesinnten kritisch beäugt. Gilt nicht als natürlicher Verbündeter strikter Sparpolitik, fordert sie aber oft trotzdem. Setzte Lockerung der Geldpolitik gegen Widerstand aus Deutschland durch. Hat andererseits kategorisch ausgeschlossen, dass sich die EZB an irgendeinem Schuldenschnitt für Griechenland beteiligen würde. Verpasste der neuen Regierung in Athen den bislang schmerzhaftesten Wirkungstreffer, als der EZB-Rat beschloss, keine griechischen Staatsanleihen mehr als Sicherheit zu akzeptieren – am gleichen Tag, als Varoufakis in Frankfurt zu Besuch war. Ein politisches Signal: Ihr seid auf eine einvernehmliche Einigung mit euren Geldgebern angewiesen. Ihr bekommt von uns Zeit. Nutzt sie!
Wladimir
Putin
AFP 
Von Ministern der neuen griechischen Regierung als eine Art Weißer Ritter ins Spiel gebracht – wenn man Geld brauche, könne man ja auch in Russland fragen. Ließ seinen Außenminister beim Antrittsbesuch des griechischen Kollegen verkünden, sollte das Land um Finanzhilfe bitten, werde man das prüfen. Hat zwar wegen westlicher Sanktionen und Mini-Ölpreis selbst große wirtschaftliche Probleme, könnte es aber durchaus für lohnenswert halten, einige Euro-Milliarden in eine mögliche Spaltung Europas zu investieren.
Mariano
Rajoy
Reuters 
Eigentlich natürlicher Verbündeter im Kampf gegen einen scharfen Sparkurs – ebenso wie sein portugiesischer Amtskollege Pedro Passos Coelho. Schließlich leiden die beiden Staaten auf der iberischen Halbinsel in ähnlichem Ausmaß wie Griechenland unter sozialen Verwerfungen.

Allerdings könnte sich gerade der konservative spanische Regierungschef als entschiedenster Gegner von Tsipras und Varoufakis entpuppen. Im November stehen Wahlen an, und jede Erleichterung für Griechenland würde der Linkspartei Podemos, das Pendant Syrizas in Spanien, Auftrieb geben. Zudem wäre ein Entgegenkommen gegenüber den Griechen in weiten Teilen der Bevölkerung ziemlich unpopulär, denn Spanien selbst hat die Reformauflagen der internationalen Geldgeber klaglos umgesetzt – wie auch Portugal, wo im Oktober gewählt wird. Daher wird sich Portugals Regierungschef Coelho ebenfalls nur ungern auf Erleichterungen für die Griechen einlassen.
Matteo
Renzi
AFP 
Wie Tsipras 40 Jahre alt, zudem ähnlich dynamisch und entschlossen und links. Angeblich einer der größten Fans des griechischen Aufstands gegen den Sparkurs in der Eurokrise. Schließlich schwächelt die italienische Wirtschaft seit Jahren und bräuchte dringend Wachstum, Renzi würde das auch gern mit mehr staatlichen Mitteln erzeugen.

Bereitete dem griechischen Amtskollegen einen überschwänglichen Empfang, blies die gemeinsame Revolution bei der Gelegenheit aber dennoch ab. Könnte sich bewusst geworden sein, dass ein erheblicher Teil des Schuldenerlasses, den Tsipras fordert, von Italien bezahlt werden müsste. Und dass es nicht leichter werden dürfte, in Italien Reformen durchzusetzen, wenn sie in Griechenland zurückgedreht werden. Dürfte sich dennoch klammheimlich freuen, wenn der strikte Sparkurs in der Eurozone mitsamt der lästigen Defizitgrenzen nun etwas gelockert würde.
François
Hollande
Reuters 
Wie Tsipras und Renzi zwar auch Sozialist, aber eher nicht jung, dynamisch und entschlossen. Steht in Frankreich selbst unter extremem Reformdruck, träumt gemeinsam mit Renzi seit längerem von lockereren Defizitgrenzen und weniger strengem Sparen. Reagierte hocherfreut auf Tsipras’ Wahlsieg, reklamierte unmittelbar danach eine Vermittlerrolle zwischen Griechenland und "Europa", gemeint war wohl Deutschland. Ließ Tsipras bei dessen Antrittsbesuch aber noch deutlicher abblitzen als Italiens Renzi. Dürfte sich ebenfalls über eine Aufweichung des Sparkurses freuen, dies aber ebenfalls eher klammheimlich.

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insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
TomTheViking 12.02.2015
1. wer ist Wir?
Ich nicht!!! Und über die Zukunft Griechenlands entscheiden die Griechen ja wohl selbst oder??? Das sperren aller Kreditlinien ist doch wohl eine Selbstverständlichkeit die folgen muss. Das alles was bislang rein gepumpt wurde abgeschrieben werden muss ist doch seit etlichen Jahren klar. Aber über die Zukunft Griechenlands sollten deren Bewohner entscheiden und das können die nur mit der neuen Drachme.
karend 12.02.2015
2. Blinzeln
Merkel hat doch schon durch ihre Erwägungen gezuckt.
freespeech1 12.02.2015
3.
Das sind die Vertreter der größten Länder. Aber müssen nicht alle 18 Eurostaaten zustimmen und gegebenenfalls Verluste tragen? Was sagen nicht nur die Finnen, sondern auch Slowenen, Portugiesen, Slowaken, Tschechen etc, wenn auf ihre Bürger zusätzliche Lasten zukommen? Es wäre schön, wenn die Berichterstattung und Diskussion europäischer wäre, nicht so auf Deutschland zentriert. Manchmal hat man den Eindruck, Merkel würde alleine entscheiden.
Abronzius 12.02.2015
4. Eorokrise und die Entscheider
Nach dem Kompromissangebot Merkels haben wir doch schon die nackte Transferunion.Zahlungen an Gr ohne Bedingungen. Wer von den PIIGS seinen Wählern noch Belastungen zumutet, ist doch mit dem Klammerbeutel gepudert. Wie sagte doch der griechische Finanzminister: Am Ende zahlt Deutschland doch.Unsere Weltpolitikerin ohne jede reale Macht wirds schon richten.
VacekKacek 12.02.2015
5. Merkel
wird einlenken und es dem deutschen Michel als alternativlos verkaufen.
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