Griechenland gegen Hollywood Warum Athen Matt Damon nach Teneriffa schickt

Jason Bourne mischt bald Athen auf - aber nur auf der Leinwand. Gedreht wird der neue Film der Erfolgsreihe woanders. Obwohl Griechenland dringend Investitionen braucht, vergrault es die Hollywood-Leute mit Bürokratie und hohen Steuern.

AP

Von


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Jason Bourne nimmt es mit jedem und allem auf: Der Held der Filmsaga "The Bourne Identity" kann von Dächern springen, ohne sich ein Haar zu krümmen, ausländische Elitespione vermöbelt er mit ausgefeilter Kampfkunst. Sicherheitskameras entgeht er ebenso spielend einfach wie seinen Häschern bei wilden Verfolgungsfahrten - selbst "aus Batman würde er die Scheiße herausprügeln", wie es "Bourne"-Darsteller Matt Damon jüngst voller Bewunderung auf den Punkt brachte.

Doch zwei Gegner waren selbst für den amerikanischen Superspion übermächtig: die verschlungene Bürokratie und die ungünstige Steuerpolitik Griechenlands. Der fünfte "Bourne"-Teil soll im Sommer 2016 in die Kinos kommen. Von der Handlung ist nur wenig durchgesickert, eines ist aber sicher: Der Film wird Jason Bourne ins Griechenland auf dem Höhepunkt der Finanzkrise führen.

Eine Szene spielt auf dem Syntagma-Platz im Zentrum Athens. Im Film protestieren tausende wütende Griechen vor dem Parlament gegen den drastischen Sparkurs - wie so oft in den vergangenen Jahren.

Griechische Fans von Matt Damon sind aber bitter enttäuscht worden, sollten sie gehofft haben, einen Blick auf den Hollywoodstar bei der Arbeit erhaschen zu können. Denn gedreht wird Tausende Kilometer entfernt von Athen. Das US-Filmstudio Universal hat einen Teil von Santa Cruz, der Hauptstadt der Kanareninsel Teneriffa, in Athens Innenstadt verwandelt.

Nicht Athen, sondern Teneriffa: Dreharbeiten zum neuen "Bourne"-Film auf dem nachgebauten Syntagma-Platz in Santa Cruz
DPA

Nicht Athen, sondern Teneriffa: Dreharbeiten zum neuen "Bourne"-Film auf dem nachgebauten Syntagma-Platz in Santa Cruz

Warum hat sich Universal für Teneriffa entschieden - und gegen den Originalschauplatz? "Die Produzenten wollten Steuergeschenke", sagt Nikos Xydakis, bis Ende September griechischer Kulturminister. Aber Griechenland konnte nicht liefern. Entgegen dem weltweiten Trend bietet Griechenland keine Steuervorteile für internationale Filmprojekte - während sich andere Länder einen regelrechten Unterbietungswettkampf liefern.

Die mexikanische Regierung etwa bot den Produzenten des neuesten "James Bond"-Films laut Zeitungsberichten bis zu 20 Millionen Dollar Steuerrabatt. Als Gegenleistung wird das Land in einem besseren Licht erscheinen. Das Bond-Girl kommt aus Mexiko - der obligatorische Bösewicht hingegen nicht.

In Deutschland können internationale Co-Produktionen bis zu 20 Prozent der Investitionen an Steuerrabatten erhalten. Die Niederlande bieten Filmemachern einen großzügigen 30-Prozent-Zuschuss, und Frankreich hat erst jüngst sein Steuersparmodell aufgehübscht - der Rabatt stieg von 20 auf 30 Prozent, die Obergrenze wurde auf 30 Millionen Euro angehoben.

Szene aus "Die Bourne Identität" (2001): Der Superheld scheitert an übermächtigen Gegnern
ddp images

Szene aus "Die Bourne Identität" (2001): Der Superheld scheitert an übermächtigen Gegnern

Da erscheint es seltsam, dass ausgerechnet Griechenland nicht nachzieht - ein rezessionsgeplagtes Land, das nach ausländischen Investitionen und neuen Jobs dürstet und zudem extrem abhängig ist vom Tourismus.

Es käme einem Affront gegen die unter der Finanzkrise ächzende Bevölkerung gleich, der ohnehin privilegierten und milliardenschweren internationalen Filmindustrie lukrative Vergünstigungen anzubieten, argumentieren Kritiker. Andere halten dagegen und fordern, dass die Regierung den Hollywoodstudios den roten Teppich ausrollt, vor allem wenn es um einen sicheren Blockbuster wie den neuen "Bourne"-Film geht.

Allein die ersten drei Teile mit Damon in der Hauptrolle haben rund eine Milliarde Dollar eingespielt. Athens Verlust bedeutet Teneriffas Gewinn: Die Insel erhofft sich vom "Bourne"-Dreh einen Schub für die lokale Wirtschaft. Die Schauspieler und die Crew sorgen Zeitungsberichten zufolge für 15.000 Übernachtungen.

Angelina Jolie drehte auf einer griechischen Insel

Der volkswirtschaftliche Nutzen von Hollywoodproduktionen wird auch in Griechenland aufmerksam registriert. 2014 veröffentlichte die einflussreiche Denkfabrik IOBE eine Studie dazu: Einige Szenen der "Tomb Raider"-Fortsetzung von 2003 mit Angelina Jolie wurden zum Beispiel auf der Insel Santorin gefilmt. In der Folge stiegen die Tourismuseinnahmen um zwölf Prozent.

Laut Studie geben Standard-Hollywoodproduktionen im Schnitt 50.000 Euro am Drehort aus - pro Tag. Und, so rechnet die Studie vor, jeder von einer internationalen Filmcrew ausgegebene Euro erhöhe die Wirtschaftsleistung überproportional: Bei 25 Millionen Euro Produktionsausgaben steige das Bruttoinlandsprodukt zum Beispiel um 39 Millionen Euro.

Szene aus "Tomb Raider"-Fortsetzung mit Angelina Jolie (2003): Erst Dreh, dann Tourismus-Boom auf Santorin
ddp images / interTOPICS/mptv

Szene aus "Tomb Raider"-Fortsetzung mit Angelina Jolie (2003): Erst Dreh, dann Tourismus-Boom auf Santorin

Die Universal-Studios wollten zu ihrer Entscheidung für Teneriffa und gegen den Originalschauplatz Athen keine Stellung nehmen. Branchenkenner erklären die Wahl des Drehortes auch damit, dass sich Teneriffa ebenso wie etwa Belfast, wo die Serie "Game of Thrones" entsteht, zu einer Art Standardlösung für Filmdrehs entwickelt haben. Die nötige Infrastruktur ist bereits vor Ort.

Dass Universal Athen verschmäht, liegt aber noch an einem anderen Grund, vermutet der griechische Filmemacher Markos Holevas: Es sei ein Albtraum, die erforderlichen Genehmigung zu bekommen.

Würden die "Bourne"-Produzenten auf dem Syntagma-Platz drehen wollen, bräuchten sie Holevas zufolge eine Genehmigung der Stadtverwaltung von Athen (wo der Platz liegt), eine des griechischen Parlaments (sollte auch das Grabmal des unbekannten Soldaten ins Blickfeld der Kamera geraten) und eine dritte vom zuständigen Ministerium, sobald die Schauspieler den nahe gelegenen Panepistimiou-Boulevard betreten. "Und ich bin mir nicht sicher, ob nicht eine weitere Genehmigung von der Antikenbehörde nötig ist, sollten antike Stätten gefilmt werden", sagt Holevas.

Proteste auf Syntagma-Platz in Athen am 15. Juli 2015: Keine geeigneten Aufnahmen für die Produzenten
AP/dpa

Proteste auf Syntagma-Platz in Athen am 15. Juli 2015: Keine geeigneten Aufnahmen für die Produzenten

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen können die "Bourne"-Produzenten noch nicht einmal auf halbwegs annehmbares Archivmaterial von den realen Demonstration auf dem Syntagma-Platz zurückgreifen. Sie bekamen zwar Aufnahmen eines Polizeihubschraubers, mussten diese aber ausmustern - "die Qualität war einfach nicht gut genug". Und die griechische Polizei kann oder will den Produzenten keine anderen Aufnahmen geben.

Der Fall Bourne ist beileibe kein Einzelfall. Holevas, Vorsitzender des griechischen Filmemacher-Verbands, fungierte früher auch als Direktor der griechischen Filmkommission, einer öffentlichen Fördereinrichtung. Aus seinen drei Jahren auf dem Posten kann Holevas eine Menge Geschichten erzählen. Viele von ihnen handeln von gestrengen Archäologen, die Regisseuren das Filmen der antiken Denkmäler verboten, weil die Drehbücher des nationalen Kulturerbes unwürdig seien.

"America's Next Top Model" entspricht nicht dem Niveau

Als MTV etwa in der antiken Agora Athens und auf dem angrenzenden Prachtboulevard Dionysiou Areopagitou drehen wollte, lehnte die Athener Antikenbehörde das Ansinnen mit der Begründung ab, die Show passe nicht zum Setting.

In einem anderen Fall sollten Aufnahmen für "America's Next Top Model" auf Spinalonga entstehen, einer winzigen Insel vor der Küste Kretas, die früher als Lepra-Kolonie diente. Es war niemand Geringerer als der damalige Kulturminister, der bei den Produzenten für einen Dreh in Griechenland warb. Sie beantragten im Mai eine Genehmigung, um im Juni mit den Aufnahmen beginnen zu können. Die Antwort bekamen sie erst im September - und sie war negativ: Die Show entspreche nicht dem Niveau der geschichtsträchtigen Insel.

Grabmal des unbekannten Soldaten vor Parlament an Athens Syntagma-Platz: Eigene Genehmigung erforderlich
Getty Images

Grabmal des unbekannten Soldaten vor Parlament an Athens Syntagma-Platz: Eigene Genehmigung erforderlich

Manchmal helfen da nur noch gute Beziehungen zu den Mächtigen. Im Jahr 2009 erhielt die Produktionsfirma der "My Big Fat Greek Wedding"-Fortsetzung "My Big Fat Greek Summer" eine Drehgenehmigung für die Akropolis - auf direkte Anweisung aus dem Generalsekretariat für Kultur der damaligen konservativen Regierung. Es war das erste Hollywood-Filmprojekt seit mehr als 50 Jahren, dem Zugang zu Athens heiligem Felsen gewährt wurde.

Der Film war allerdings ein Flop, sowohl an den Kinokassen als auch bei den Kritikern. Das bestärkte die Bedenkenträger, ganz nach dem Motto: "Wir gaben ihnen die Akropolis - und nun seht, was sie daraus gemacht haben."

Szene aus "My Big Fat Greek Summer" (2009): "Wir gaben ihnen die Akropolis - seht, was sie daraus gemacht haben"
ddp images

Szene aus "My Big Fat Greek Summer" (2009): "Wir gaben ihnen die Akropolis - seht, was sie daraus gemacht haben"

Davon unbeeindruckt will die Tsipras-Regierung nun trotzdem in den globalen Bieterwettkampf um Blockbuster-Produktionen einsteigen. Ein Gesetzentwurf, den SPIEGEL ONLINE einsehen konnte, sieht die Gründung eines "Nationalen Zentrums für audiovisuelle Medien und Kommunikation" vor. Zudem soll die griechische Filmkommission endlich mit Leben erfüllt werden. Die Fördereinrichtung war 2010 zwar formal gegründet, aber nie mit ausreichend Personal und Geld ausgestattet worden. Sie soll nun Produktionen als zentrale Anlaufstelle dienen und dem Bürokratiewahn ein Ende setzen.

Auch in Sachen Steuerrabatte gibt es Bewegung. Das Kulturministerium drängt das Finanzministerium zu konkurrenzfähigen Vergünstigungen für Produktionsfirmen in Höhe von 25 bis 30 Prozent ihrer Investitionen im Land. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen ist das Finanzministerium grundsätzlich bereit dazu.

Dennoch will bei Filmemacher Holevas kaum Optimismus aufkommen. Er verweist auf die Wankelmütigkeit der griechischen Politik, auf die vielen außerplanmäßigen Wahlen und Regierungswechsel der vergangenen Jahre. "Ich habe fünf verschiedenen Kulturministern einen Aktionsplan vorgestellt, wie man internationale Produktionen nach Griechenland locken könnte. Alle waren sehr begeistert, aber bevor sie Ernst machen konnten, waren sie schon nicht mehr Minister oder wieder im Wahlkampf."


Zusammengefasst: Griechenland ist für internationale Filmproduktionen trotz malerischer Landschaften und berühmter Monumente wenig attraktiv - weil es nicht die üblichen Steuerrabatte gewährt und wegen seiner überbordenden Bürokratie. Dadurch entgehen dem rezessionsgeplagten Land und seiner Wirtschaft dringend benötigte Einnahmen. Die Regierung Tsipras versucht nun, verstärkt Hollywoodproduktionen nach Griechenland zu locken.

Übersetzung aus dem Englischen: Florian Diekmann



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
max-mustermann 07.10.2015
1.
"Doch zwei Gegner waren selbst für den amerikanischen Superspion übermächtig: die verschlungene Bürokratie und die ungünstige Steuerpolitik Griechenlands." Die dritte Möglichkeit: Mann hat einfach zu wenig oder kein Schmiergeld an entsprechende Leute gezahlt.
GSYBE 07.10.2015
2. hohe Steuern? vergrault?
Meiner Meinung nach sollte Herr Giorgos Christides sich mal langsam entscheiden: soll GR nun (hohe) Steuern erheben oder nicht? Ich empfehle jedem, die älteren Beiträge dieses ¿Redakteurs? auch zu lesen; klarer Fall für die enganliegende Jacke mit dem Einheitsdesign. Im Medizinersprech nennt man das wohl Schizophrenie.
ludwig49 07.10.2015
3. Griechenland...
...sollte jede Möglichkeit wahrnehmen Geld ins Land zu bringen. Stattdessen hängt man an dem Geschäftsprinzip: Es reicht wenn andere Geld erwirtschaften, und dann einen Teil nach Griechenland überweisen...schließlich weiß man dort jetzt Hände reibend, daß Europa ohne Griechenland nicht geht.
TRicKeY 07.10.2015
4.
Aber natürlich.. Und wenn es anders herum gelaufen wäre? "Griechen bieten Hollywood horrende Steuervergünstigungen an" - Das Land wirft unsere Hilfsgelder über Bord nur um prestigeträchtige Hollywood-Produktionen ins Land zu locken. Schließlich verlangt man von Griechenland ja auch die Steuern für Tourismus zu erhöhen - also für den einzigen Wirtschaftszweig der überhaupt noch Geld ins Land bringt..
Jack_North 07.10.2015
5.
Wer soll denn "das" [eine] Mexikanische Bond-Girl in Spectre sein? Léa Seydoux ist Französin, Monica Bellucci Italienerin. Auch den Rollennamen nach spielt keine von beiden eine Mexikanerin. Allgemein zum Thema: Strenge Vorschriften und Bürokratie vor einem Dreh an einem solchen Ort sind ja normal und zu erwarten. Die "Berechenbarkeit" der Lage vor Ort (wie oben beschrieben) ist eher ein Problem für eine Filmproduktion. Und klar, wenn der Dreh einer Sequenz inklusive Logistik schon mehrere Millionen kostet, dann gibt man bei einem solchen Budget lieber noch eine Million zusätzlich aus, um den Platz nachzubauen (erleichtert eh einiges) und die restliche Investition zu schützen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.