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Griechenland und der Euro: Tsipras und die drei Szenarien

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Nach dem Wahlsieg von Syriza blicken Entscheider in der Eurozone nach Griechenland: Was dort passiert, wird auch die Zukunft der gemeinsamen Währung bestimmen.

Bürger in Athens Innenstadt: Tsipras ist Regierungschef - und nun? Zur Großansicht
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Bürger in Athens Innenstadt: Tsipras ist Regierungschef - und nun?

Hamburg - Der Wahlsieg war fulminant: Das linke Bündnis Syriza hat die absolute Mehrheit in Griechenland nur um zwei Sitze verfehlt, ihr charismatischer Anführer Alexis Tsipras ist Chef einer neuen Koalitionsregierung.

Damit ist eingetreten, was viele Politiker und Ökonomen befürchtet haben: In Athen regieren nun jene, die lautstark ein Ende des Sparkurses gefordert, einen Schuldenschnitt und zahlreiche kostspielige Erleichterungen für die Mittelschicht versprochen haben - und das trotz leerer Staatskassen.

Wie realistisch sind diese Versprechen? Und wie werden die Europartner reagieren? Drei Szenarien im Überblick:


Szenario eins: Tsipras' Plan geht auf

Hafen von Piräus (Januar 2012): Robustes Wachstum, soziale Gerechtigkeit Zur Großansicht
REUTERS

Hafen von Piräus (Januar 2012): Robustes Wachstum, soziale Gerechtigkeit

Im vergangenen Jahr gab es endlich positive Nachrichten aus Griechenland: Zum ersten Mal nach mehr als sechs Jahren wuchs die Wirtschaft des Landes wieder, der Staat erwirtschaftete vor Abzug der Zinszahlungen einen Überschuss. Der Haushalt für dieses Jahr ist ausgeglichen, die Prognosen versprechen zudem stärkeres Wachstum.

Im optimistischen Szenario gelingt es der neuen Regierung, die Verwaltung zu vereinfachen und das Steuersystem so zu reformieren, dass auch die Reichen stärker zur Staatsfinanzierung beitragen. Die Steuereinnahmen steigen deutlich.

Das gibt Tsipras den Spielraum, zumindest die wichtigsten seiner sozialen Versprechen einzulösen. Wenn arme Menschen mehr Geld in der Tasche haben, geben sie es meist sofort wieder aus. Tsipras' Umverteilungspolitik würde daher die Binnenkonjunktur stimulieren. Das führt zu weiterem Wachstum.

Das Verhältnis zu den internationalen Geldgebern - EU, EZB und Internationaler Währungsfonds (IWF) - entspannt sich angesichts des Wachstumstrends. Griechenland bedient seine Schulden wie vereinbart, Tsipras drängt zwar öffentlich auf den versprochenen Schuldenschnitt - gibt sich aber mit weiteren Stundungen und Zinsnachlässen zufrieden, die er hinter den Kulissen mit den Europartnern ausgehandelt hat.

Dieses optimistische Szenario ist allerdings extrem unwahrscheinlich, allein wegen zwei aktueller Entwicklungen, auf die der Chefvolkswirt der Berenberg-Bank, Holger Schmieding, hinweist:

  • Die Steuereinnahmen sind seit November drastisch eingebrochen. Medienberichten zufolge klafft bereits jetzt ein Loch von 2,3 Milliarden Euro im Haushalt für 2015.
  • Gleichzeitig ziehen Anleger massiv Geld ab. Allein in den ersten Wochen dieses Jahres sollen es laut Berichten fünf Milliarden Euro gewesen sein, Ende 2014 weitere drei Milliarden Euro. Statt Investitionsboom herrscht Kapitalflucht, die Wachstumsprognosen zur Makulatur machen könnte.


Szenario zwei: Der Worst Case - "Grexit"

Obdachlose in Athen (Juni 2012): "Grexit" würde Armut zu Katastrophe machen Zur Großansicht
Getty Images

Obdachlose in Athen (Juni 2012): "Grexit" würde Armut zu Katastrophe machen

Diese Entwicklungen machen ein Schreckensszenario möglich: Trotz leerer Staatskassen und Kapitalflucht zieht die Syriza-geführte Regierung ihr Programm durch: massenhaft neue Beamtenstellen, Steuererleichterungen für die Mittelschicht, staatliche Investitionen, höhere Sozialhilfe. Die Gläubiger bleiben hart, einen Schuldenschnitt gibt es nicht.

Binnen kurzem ist Griechenland zahlungsunfähig und stellt den Schuldendienst ein. Es folgt ein extrem unschöner Prozess: Die EZB verweigert im Gegenzug die Finanzierung der griechischen Banken, auch Finanzierungsnotlösungen von Regierung und Notenbank in Athen helfen nur kurz. Dann muss Griechenland den Euro notgedrungen verlassen und die Drachme wieder einführen. Der "Grexit" ist da.

Nicht nur der Staat wäre dann bankrott, sondern kurz darauf auch die Banken - und viele Unternehmen, wie Marcel Fratzscher betont, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Denn deren Kredite laufen weiter in Euro, mit einer drastisch abgewerteten Drachme sind sie nicht mehr zu bedienen. Darüber hinaus kommt es zu Versorgungsengpässen, denn viele Güter muss Griechenland importieren und kann sie auch nicht auf die Schnelle durch eigene Produkte ersetzen.

Die Folgen für Griechenland wären katastrophal: Schlagartig herrschte eine bislang unbekannte Armut, für breite Bevölkerungsschichten ginge es ums nackte Überleben, soziale Unruhen sind programmiert. Und auch der Rest der Eurozone müsste zittern: Krisenstaaten wie Italien und Spanien würden weitaus kritischer beobachtet, ihre Schuldzinsen in die Höhe schnellen. Das Bankensystem im Währungsraum würde wackelig, die Hoffnung auf Wachstum rückte in weite Ferne.

Die Eurostaaten müssten viel Geld abschreiben - allein auf Deutschland entfallen rund 65 Milliarden Euro der griechischen Staatsschulden.

DIW-Chef Fratzscher hält ein solches Katastrophenszenario nur zu zehn Prozent für wahrscheinlich - Berenberg-Analyst Schmieding hält das Risiko hingegen für weitaus höher: Er beziffert die Wahrscheinlichkeit auf 30 Prozent.

Mit 50 Prozent am wahrscheinlichsten schätzt Schmieding allerdings Szenario drei ein:


Szenario drei: Das Durchwursteln geht weiter

Regierungschef Tsipras: Gesicht gewahrt, Wähler verloren Zur Großansicht
AFP

Regierungschef Tsipras: Gesicht gewahrt, Wähler verloren

Es gibt weder einen offiziellen Schuldenschnitt und das Ende des Sparkurses in Griechenland noch den katastrophalen Euro-Austritt - sondern ein Weiter-so.

Entscheidend ist, dass sowohl Tsipras als auch die Europartner einen "Grexit" und dessen katastrophale Folgen in jedem Fall verhindern werden wollen.

Gleichzeitig gibt es für beide Seiten rote Linien: Tsipras muss nach der lautstarken Ankündigung eines Schuldenschnitts nun liefern, ein totales Einknicken in diesem Punkt kann er sich nicht leisten. Die Eurostaaten werden ihrerseits nicht akzeptieren, dass Griechenland den lautstark angekündigten Schuldenschnitt regelrecht erpresst und gleichzeitig Strukturreformen zurückdreht. Dieser Präzedenzfall würde in Spanien, Irland oder Portugal ähnliche Begehrlichkeiten wecken.

Gesucht wäre also ein Kompromiss, bei dem beide Seiten ihr Gesicht wahren können: Die Gläubiger gewähren Griechenland weitere Erleichterungen beim Schuldendienst, konkret also Stundungen, längere Laufzeiten und niedrigere Zinsen - können aber demonstrativ darauf verweisen, es handele sich nicht um einen Schuldenschnitt. Als de facto einen eben solchen kann die griechische Regierung die Erleichterungen ihren Wählern aber durchaus verkaufen.

Der Weg zu dieser Lösung führt wohl über harte und zähe Verhandlungen. Die Zeit dafür dürften die Euro-Finanzminister sehr bald schaffen, indem sie das aktuelle Rettungsprogramm bis Mitte des Jahres verlängern.

Das Problem bei diesem wahrscheinlichsten Szenario: Tsipras mag auf diese Weise das Gesicht wahren können - im Geldbeutel der Griechen wird sich das aber kaum bemerkbar machen. Die sozialen Verwerfungen der vergangenen Jahre würden sich fortsetzen, die Arbeitslosigkeit bliebe hoch. Immer mehr Griechen würden in die Armut abrutschen.

Das werden ihm viele seiner jetzigen Wähler nicht verzeihen, insbesondere wenn auch Reformen in der Korruptionsbekämpfung oder hin zu einer gerechteren Besteuerung misslingen.

Schon bald befände sich Tsipras in der gleichen Situation wie sein am Sonntag abgewählte Vorgänger Antonis Samaras.

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insgesamt 59 Beiträge
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1. Der Spieglerische Weltuntergang mal wieder.
thetruetoday 26.01.2015
Es gibt keine Eurokrise. Es gibt eine Schuldenkrise bestimmter Länder. Den Euro wird es auch weiter geben.
2. Szenario vier
auf_dem_Holzweg? 26.01.2015
Merkel zahlt alle Schulden der Griechen auf Kosten Deutscher Steuerzahler. Das ist doch der Plan oder? Griechenland bleibt weiterhin Euroland und bescheisst weiterhin die Staatskassen nach alter Manier.
3. ent-scheidung-en: was tun, sprach Zeus
christian10 26.01.2015
wann beginnt die zeit der -richtigen- politik? griechenland hat sich in den euro gemogelt. schröder und eichel haben es fälschlicherweise in den euro aufgenommen. griechenland lebt dauerhaft über seine verhältnisse. wir deutschen müssen mit 65 milliarden euro für griechenland haften. was ist das für ein europa? wo so vieles falsch läuft? wie können wir so ein europa gut finden? wir müssen doch europa mit unserer stimme wählen. wie können wir so ein europa wählen? die realität bahnt sich mit der zeit ihren weg. die realität kennzeichnet entscheidungen als richtig und falsch. wir wollen keine schlechten kompromisse mehr, die zu lasten der zukunft gehen. wir wollen endlich -richtige- entscheidungen. jeder weiß, griechenland gehört nicht in den euro. seine volkswirtschaft ist zu kleinteilig strukturiert, erwirtschaftet nicht das, was verkonsumiert wird. -wir alle wissen das-. es bedarf sauberer, richtiger entscheidungen. wir bürger tragen keine falschen entscheidungen mehr mit. es ist die zeit, griechenland nicht mehr zu unterstützen. das risiko ist überschaubar. wer immer vor dem restrisiko davon läuft, trifft immer fehlerhafte entscheidungen. eine richtige entscheidung beinhaltet immer ein restrisiko. wir erwarten klare entscheidungen. wenn ihr politiker sie nicht trefft, wählen wir neue politiker, die richtigere entscheidungen treffen. die derzeitige politik findet nicht mehr den zuspruch der bürger. darauf ist intensiv hingewiesen worden.
4. Die absolute Mehrheit der Mandate wurde knapp verfehlt,..
sfk15021958 26.01.2015
...der Stimmenanteil lag aber noch unter 40 %. Dieses Ergebnis ist Wahlgesetz-bedingt, da der Gewinner der meisten Stimmen noch 50 Sitze geschenkt bekommt. Das sollte unbedingt erwähnt werden.
5. Es ist fast sicher,
knok 26.01.2015
dass Szenario 3 eintritt. So kennen wir es aus der Politik im großen wie im kleinen, so kennen wirs aus dem Privatleben. Zu einem Grexit kommt es glaube und hoffe ich wahrscheinlich nicht. Fall 1 wäre zu schön um wahr zu sein, auch wegen der Signalwirkung (ob sich Merkel dann nich lange halten könnte?). Was wir brauchen ist eine sachliche Debatte, kein niveauloses Geschwätz "Griechen raus" oder "Pleitegriechen". Aber für diesen Unfug wird mindestens eine wohlbekannte gesamtdeutsche und vielleicht auch eine gewisse südostdeutsche Partei schon sorgen. Leider.
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,063 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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