Persönliche Fehden im Griechenland-Streit Stolz und Vorurteil

Gezockt wurde immer, doch so hart wie diesmal sind Griechenland und die Euro-Partner noch nie miteinander umgegangen. Eine Rolle spielen auch persönliche Animositäten: Eitelkeiten könnten den Konflikt unbeherrschbar machen.

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Euro-Gruppen-Chef Dijsselbloem (l.), Varoufakis: "Sie haben gerade die Troika gekillt"
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Euro-Gruppen-Chef Dijsselbloem (l.), Varoufakis: "Sie haben gerade die Troika gekillt"


Berlin/Hamburg/Brüssel - Es ging schon ziemlich schlecht los. Als Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem Ende Januar nach Athen reiste, um mit der neu gewählten griechischen Regierung darüber zu sprechen, wie es mit dem Hilfs- und Reformprogramm weitergeht, traf den Niederländer die wahrscheinlich härteste Abfuhr seines Lebens.

Griechenland weigere sich, weiter mit der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und IWF zusammenzuarbeiten, sagte der frischgebackene Finanzminister Giannis Varoufakis bei der gemeinsamen Pressekonferenz in die Kameras und lehnte sich breit grinsend in seinen Stuhl zurück. Dijsselbloem blieb nicht viel mehr übrig als entgeistert zu schauen, aufzustehen und seinem griechischen Kollegen im Rausgehen noch einen letzten Satz zuzuraunen: "Sie haben gerade die Troika gekillt."

Von da an war der Ton gesetzt für die Verhandlungen zwischen Griechenland und dem Rest der Eurozone. Diplomatische Höflichkeiten, Vertrauen unter befreundeten Staaten - all das zählt mittlerweile offenbar nicht mehr. Varoufakis vergleicht das Verhalten der Troika mit den Foltermethoden der CIA, der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble droht unverhohlen mit dem Rauswurf aus der Währungsunion: "Dann war's das eben, dann ist es vorbei."

Die vielen Versprechen der Griechen-Krise

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) im Dezember 2009 über die klamme Finanzlage Griechenlands:
"Andere Länder haben auch Probleme. Ich bitte im Interesse einer sachlichen Diskussion, das nicht überzubewerten."

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) im Dezember 2009:
"Es wäre falsch verstandene Solidarität, wenn wir den Griechen mit Finanzhilfen unter die Arme greifen würden."

Jean-Claude Juncker, im Dezember 2009 Euro-Gruppen-Chef, über die jahrelang verschleierten hohen Staatsdefizite in Griechenland:
"Das Spiel ist aus."

Giorgos Papakonstantinou, Finanzminister Griechenlands, Dezember 2009, über die Gefahr einer Staatspleite:
"Es gibt absolut kein solches Risiko. Apokalyptische Befürchtungen sind unangebracht."

Georgios Papandreou, griechischer Ministerpräsident, am 29. Januar 2010:
"Wir stecken in hausgemachten Problemen, und es ist unsere Verantwortung, da herauszukommen."

Merkel im Februar 2010:
"Wir können Griechenland im Augenblick dadurch am besten helfen, dass wir deutlich machen: Griechenland soll seine Hausaufgaben machen."

Papandreou am 22. Februar 2010 im SPIEGEL-Gespräch:
"Es geht ums Überleben."

Euro-Gruppen-Chef Juncker am 22. März 2010:
"Wir müssen uns aber zumindest einig darüber sein, dass Griechenland im Falle eines Falles auf die europäische Solidarität zählen kann."

Merkel im April 2010:
"Deutschland wird helfen, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind. Es geht jetzt um eine schnelle Reaktion zugunsten der Stabilität des Euro als Ganzes."

Merkel, 7. Mai 2010:
"Die zu beschließenden Hilfen für Griechenland sind alternativlos, um die Finanzstabilität des Euro-Gebietes zu sichern."

Papandreou im Mai 2010 über die Stimmung zwischen Deutschen und Griechen:
"Es herrscht eine gewisse Feindseligkeit." 

Schäuble am 24. Juli 2010: "Die Rettungsschirme laufen aus. Das haben wir klar vereinbart."
Am 22. März 2011 wird der Rettungsschirm unbefristet verlängert.

Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker im Juni 2011:
"Es wird keine Pleite geben."

Merkel im Juli 2011, nachdem das zweite Griechen-Rettungspaket über 109 Milliarden Euro beschlossen wurde:
"Was wir in diesen Zeiten aufwenden, bekommen wir um ein Vielfaches zurück."

Merkel im Februar 2012:
"Niemand kann abschätzen, welche Folgen eine Pleite Griechenlands für die finanzielle Sicherheit Deutschlands, für die Euro-Zone, für die ganze Welt hätte."

Antonis Samaras, Ministerpräsident Griechenlands, August 2012:
"Natürlich werden wir unseren Schulden zurückzahlen, ich verspreche es. Wir werden ein spektakuläres Comeback hinlegen."

Merkel im Oktober 2012:
"Ich wünsche mir, dass Griechenland in der Euro-Zone bleibt. Wir sind Partner, und wir sind Freunde."

Schäuble im Juli 2013 beim Besuch in Athen:
"Erstens einmal bin ich nicht die Troika. Und ich bin nicht der Oberlehrer, weder der Troika noch Griechenlands noch irgendeines anderen Landes."

Jeroen Dijsselbloem, neuer Euro-Gruppen-Chef, im September 2013 vor dem EU-Parlament:
"In Bezug auf ein mögliches drittes Programm für Griechenland ist klar, dass trotz jüngster Fortschritte Griechenlands Probleme nicht - und ich wiederhole - nicht 2014 komplett gelöst sein werden."

Antonis Samaras, Ministerpräsident Griechenlands, April 2014:
"Griechenland hat es geschafft."

Alexis Tsipras, Ministerpräsident Griechenland, am 8. Februar 2015 vor dem Parlament in Athen:
"Die Rettungsprogramme haben versagt. Die neue Regierung ist nicht dazu berechtigt, um eine Verlängerung der Programme zu bitten, denn sie kann nicht um eine Verlängerung von Fehlern bitten."

Giannis Varoufakis, griechischer Finanzminister, im Februar 2015:
"Jeder weiß, dass Griechenland seine derzeitige Schuldenlast ohne einen neuen Vertrag niemals wird tragen können. Es wäre gut, wenn sich alle Beteiligten das einfach eingestehen würden."

Schäuble, 17. Februar 2015, über die neue griechische Regierung und das Ende Februar auslaufende Rettungsprogramm:
"Viele der Kollegen sagen: Was wollen die eigentlich? Was haben die für einen Plan? Haben sie einen? Ich weiß es nicht. Am 28., 24.00 Uhr, is over."

Varoufakis im Februar 2015 über den Verlängerungsantrag der griechischen Regierung für Kredite der internationalen Geldgeber.
"Der Antrag wird so geschrieben sein, dass er sowohl die griechische Seite als auch den Präsidenten der Euro-Gruppe zufriedenstellt."

Schäubles Sprecher Martin Jäger am 19. Februar, kurz nach Eingang des griechischen Antrags:
"Der Brief aus Athen ist kein substanzieller Lösungsvorschlag."

Genauso ging es auch in dieser Woche weiter. Kaum legt die Euro-Gruppe am Montag einen vertraulichen Verhandlungsvorschlag vor, wurde dieser in Griechenland schon öffentlich als "absurd" abgetan. Umgekehrt ließ Schäuble den am Donnerstag eingegangen Hilfsantrag der griechischen Regierung schon Minuten später als nicht substanziell ablehnen. Deutsche Unterhändler in Brüssel sollen sogar von einem "trojanischen Pferd" gesprochen haben, mit dessen Hilfe sich Griechenland neues Geld erschleichen wolle.

Seit fünf Jahren laufen die Verhandlungen über die Rettung Griechenlands - immer wieder wurde dabei gezockt bis zur letzten Minute. Doch noch nie ging es dabei so barsch zur Sache wie dieses Mal. "Die Verhandlungen sind hart", sagt Guntram Wolff, Direktor des Brüsseler Thinktanks Bruegel, "härter als früher." Das liege daran, dass viel auf dem Spiel stehe und die neue griechische Regierung einen völlig anderen Kurs verfolge als ihre Vorgänger. Aber auch persönliche Animositäten könnten eine Rolle spielen. "Da wurden teilweise Dinge in der Öffentlichkeit ausgetauscht, die das persönliche Klima sicher nicht verbessert haben."

Ist noch alles unter Kontrolle?

Für die entscheidenden Verhandlungen ab Freitagnachmittag heißt das nichts Gutes. Selbst wenn beide Seiten eigentlich eine Einigung wollen, stellt sich die Frage: Haben Varoufakis, Schäuble und Co. die Sache wirklich unter Kontrolle? Oder scheitert eine Übereinkunft am Ende an Sturheiten, Eitelkeiten und persönlichen Verletzungen?

Diese Gefahr sieht Henrik Enderlein, Professor an der Hertie School of Governance in Berlin. "Nüchtern betrachtet gibt es inhaltlich eigentlich genug Raum für einen Kompromiss", sagt er. Bei 90 Prozent der Verhandlungspunkte seien sich alle Beteiligten ja einig. "Aber die Diskussion ist so unglaublich emotional aufgeladen, dass es doch noch schwierig werden könnte. Beide Seiten beharren aus Stolz und dem Gefühl moralischer Überlegenheit auf ihren Positionen."

Dabei gibt es verschiedene persönliche Konfliktlinien:

  • Schäuble vs. Varoufakis

Schäuble (l.) und Varoufakis in Berlin: "Ziemlich bizarr"
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Schäuble (l.) und Varoufakis in Berlin: "Ziemlich bizarr"

Schäubles Auftreten hat sich im Laufe der Griechenland-Krise verändert. Versicherte er 2013 bei einem Besuch in Athen noch, er sei "nicht die Troika", begegnet er der neuen Regierung mit knallharter Rhetorik.

Schäubles Lage ist nicht gerade angenehm: Statt zu Hause den Erfolg des ersten ausgeglichenen Haushalts seit Jahrzehnten genießen zu können, steht der Minister nun als deutscher Spardiktator dar, der sich immer wieder Nazi-Vergleiche aus Griechenland gefallen lassen muss - zuletzt sogar in der Parteizeitung des regierenden Linksbündnisses Syriza. Seinen Ärger darüber konnte Schäuble zuletzt immer weniger verbergen.

Dass der Minister sich manchmal nicht unter Kontrolle hat, wurde deutlich, als er vor einigen Jahren seinen damaligen Pressesprecher wegen ein paar nicht rechtzeitig verteilter Tabellen öffentlich demütigte. Diese Ungeduld traf in den vergangenen Euro-Gruppen-Sitzungen auf einen Finanzminister Varoufakis, der langatmige Vorträge hielt und sich auf offenbar nicht abgestimmte Papiere berief. Die Szenerie sei "ziemlich bizarr" gewesen, sagt ein Zeuge des Treffens.

Dabei ist Schäuble von Varoufakis durchaus beeindruckt, er hält ihn für schlau und bewundert dessen politischen Eifer. Doch was den Juristen Schäuble stört, ist die schlechte Vorbereitung des griechischen Wirtschaftsprofessors - und dessen Angewohnheit, sich um rechtliche Aspekte wenig zu kümmern.

  • Dijsselbloem vs. Varoufakis

  Dijsselbloem (l.) mit Varoufakis: Besser unter Kontrolle
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Dijsselbloem (l.) mit Varoufakis: Besser unter Kontrolle

Euro-Gruppen-Chef Dijsselbloeem gilt generell als unbeherrscht - besonders, wenn er auf einen Provokateur wie Varoufakis trifft. Das wurde bei Dijsselbloems Besuch in Athen allzu deutlich. Schon die Blicke, die sich die beiden zuwarfen, zeugten von gegenseitiger Antipathie.

In den weiteren Verhandlungsrunden in Brüssel soll Dijsselbloem sich aber besser unter Kontrolle gehabt haben, selbst während Varoufakis' langatmiger Vorträge. Anders als Schäuble lehnte Dijsselbloem den griechischen Hilfsantrag am Donnerstag nicht direkt ab - sondern berief eilig das nächste Treffen für diesen Freitag ein.

In den Verhandlungen wird es nun darauf ankommen, wie gut Dijsselbloem seine Emotionen im Griff hat. Freunde werden er und Varoufakis sicherlich nicht mehr.

  • Schäuble vs. Juncker

Juncker (l.) und Schäuble (Archivbild): Es brodelt
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Juncker (l.) und Schäuble (Archivbild): Es brodelt

Nicht nur zwischen Berlin und Athen, auch zwischen Berlin und Brüssel brodelt es. EU-Kommissionschef Juncker und sein Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici würden gern als Vermittler zwischen Griechenland und den Hardlinern innerhalb der Euro-Gruppe auftreten - und erzürnen damit zunehmend die deutsche Seite. Übelgenommen hat die Bundesregierung Juncker dem Vernehmen nach vor allem das ungeschickte Vorgehen beim ersten Einigungsversuch am vergangenen Montag, als Moscovici Varoufakis vor dem Treffen der Euro-Finanzminister offenbar andere Vorschläge präsentierte als anschließend die Minister selbst.

Wie tief die Gräben mittlerweile sind, zeigte sich auch im Umgang mit dem griechischen Hilfsantrag am Donnerstag. Während Schäuble den Antrag aus Athen prompt ablehnte, ließ die Kommission mitteilen, das griechische Papier könne den Weg zu einem Kompromiss ebnen.

"Die Chancen stehen 50 zu 50"

In diesem angespannten Klima dürfte ein Kompromiss allerdings nicht so leicht zu finden sein. "Die Chancen stehen 50 zu 50", meint Experte Guntram Wolff. Wirtschaftsprofessor Enderlein setzt darauf, dass auch die deutsche Seite noch Zugeständnisse machen wird. "Ich hoffe, dass am Ende die Vernunft siegt", sagt er.

Politiker aus Griechenland kündigten bereits an, einen EU-Gipfel zu beantragen, falls das Treffen der Euro-Gruppe scheitern sollte. Statt der Finanzminister säßen dann die Regierungschefs am Verhandlungstisch. Ein solcher Wechsel der Personen wäre vielleicht nicht die schlechteste Idee.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 150 Beiträge
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Seite 1
StFreitag 20.02.2015
1. Griechenland
ist kein "befreundetes" Land, bestenfalls Bündnispartner in einigen wichtigen Belangen. Benimm gehört auch dazu, wenn die derzeitige griechische Regierung arrogant und unhöflich auftritt, muß sie das Echo ertragen. Auf was sind die denn stolz, was haben die geleistet? Ich hoffe, Schäuble bleibt hart.
jujo 20.02.2015
2. ...
Tja die Griechen hätten sich vorher schlau machen sollen wie Herr Schäuble auf Unverschämtheiten reagiert. Unabhängig davon ob er richtig handelt.
galbraith-leser 20.02.2015
3. Klar, Merkel gibt eher nach als Schäuble
Kein Politiker hat sich mit seinem Diktum, „stirbt der Euro, stirbt Europa“ soweit aus dem Fenster gelehnt wie Merkel. Wenn sie jetzt einknickt, glaube ich erstmals, dass das nicht wie bei Teflon an ihr abrutscht. Das Auftreten der griechischen Politiker ist an Dreistigkeit nicht zu überbieten. Sie erlassen ihren Landsleuten 67 Milliarden Euro Steuerschulden, aber wollen dass die EU fleißig weiter zahlt. So nicht!
karlsiegfried 20.02.2015
4.
'Diese Gefahr sieht Henrik Enderlein, Professor an der Hertie School of Governance in Berlin. "Nüchtern betrachtet gibt es inhaltlich eigentlich genug Raum für einen Kompromiss", sagt er. Na dann kann er ja gleich sein halbes Gehalt nach GR spenden udn zwar für 10 Jahre. Für diesen Griechenland-Mist werden noch unsere Urenkel zu bezahlen haben.
wamue779 20.02.2015
5.
Wenn Schäuble kneift, zahlt die CDU eine fürchterliche Zeche.
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