Schuldenkrise Griechenlands schleichende Pleite

Griechenland rennt die Zeit davon. Bis Mitte Mai muss das Land Schulden von mehr als sechs Milliarden Euro zurückzahlen. Doch die Verhandlungen mit den Geldgebern stocken. Im Land selbst hat die Pleite bereits begonnen.

Straßenszene in Athen: Der Regierung geht das Geld aus
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Straßenszene in Athen: Der Regierung geht das Geld aus

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Hört man sich in Griechenland um, dann ist das Land bereits bankrott. Fast überall, wo der Staat mitmischt, werden Zahlungen verzögert oder ausgesetzt. Angestellte öffentlicher Institutionen wissen nicht, wann sie ihr nächstes Gehalt bekommen. Firmen, die von der EU kofinanzierte Projekte abwickeln, warten nach eigenen Angaben seit Anfang März auf Geld von der Regierung. Andere Unternehmen beschweren sich über die ausbleibende Steuerrückerstattung.

Die Regierung in Athen kratzt ihr letztes Geld zusammen, um ihre Schulden zu bedienen - und greift dabei offenbar auch auf Mittel zurück, die sie eigentlich gar nicht hat. Das zeigt auch das Beispiel der staatlichen Schulgebäudeverwaltung. Die wurde nach Informationen von SPIEGEL ONLINE angewiesen, ein Konto bei der griechischen Zentralbank zu eröffnen, damit sie ihre Reserven dorthin überweisen könne. Es geht um 70 bis 80 Millionen Euro - Geld, das eigentlich für den Bau und die Sanierung von Schulen bestimmt ist.

Die Ziele dahinter sind klar: So lange es geht, will die Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras Beamtenbezüge, Renten und Pensionen zahlen. Und so lange es geht, soll der Staat seine Schulden bei den ausländischen Geldgebern bedienen. Als Innenminister Nikos Voutsis in dieser Woche ankündigte, man werde die Kreditrückzahlungen an den Internationalen Währungsfonds (IWF) womöglich verschieben, wurde er sogleich vom Regierungssprecher zurückgepfiffen. Ein Zahlungsausfall gegenüber dem IWF wäre gleichbedeutend mit der offiziellen Pleite des Landes.

Kommt das Land über den 9. April?

Bisher ist es eher eine schleichende Pleite. Aber wie lange kann das noch gutgehen? Seit Wochen bittet Griechenland bei den Europartnern um frisches Geld, um zumindest die bis Juni anfallenden Schulden zurückzahlen zu können. Doch die Verhandlungen stocken. Anfang der Woche hat Griechenland eine neue Reformliste bei den Vertretern von EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und IWF eingereicht. Doch die sind noch längst nicht zufrieden. Eine Einigung scheint in weiter Ferne.

Dabei drängt die Zeit. Am 9. April wird die Rückzahlung der nächsten Rate an den IWF fällig: 462 Millionen Euro. Danach geht es Schlag auf Schlag weiter. Bis Mitte Mai muss das Land insgesamt 6,6 Milliarden Euro Schulden und Zinsen begleichen (siehe Grafik).

Der Großteil davon, rund 5,2 Milliarden Euro, sind kurzfristige Staatsanleihen, die auslaufen und in der Regel einfach neu aufgelegt werden - Überrollen nennt man das in der Fachsprache. Doch selbst das ist nicht mehr selbstverständlich. Bisher waren es vor allem die griechischen Banken, die dem Staat die Papiere abkauften - selbst wenn es noch so schlimm um das Land stand. Doch nun hat die EZB als oberste Bankenaufseherin die griechischen Institute angewiesen, keine weiteren Staatsanleihen zu erwerben. Ob die Angesprochenen sich daran halten, ist offen.

Die Regierung in Athen hofft offenbar, mit allen Kniffen über den April zu kommen. "Das Geld für April gibt es", sagte Regierungssprecher Gabriel Sakellaridis am Donnerstag im griechischen Fernsehen. Bei den Verhandlungen in Brüssel dagegen soll ein Athener Vertreter vor einem Zahlungsausfall schon am 9. April gewarnt haben.

Womöglich weiß die griechische Regierung selbst nicht, wie lange genau das Geld reicht. Steuereinnahmen etwa sind schwer vorherzusagen. Die Regierung hofft, sie kurzfristig zu steigern. Doch ob das gelingt, ist offen.

Am 12. Mai muss Griechenland eine weitere Rate von 770 Millionen Euro an den IWF zurückzahlen. Spätestens dann, sagen Beobachter, dürfte Schluss sein - wenn Griechenland bis dahin keine Hilfe bekommt.

"Niemand kann Griechenland aus dem Euro drängen"

Dann wäre das Land auch offiziell pleite, sein Ruf wäre ruiniert. Wer seine Schulden beim IWF nicht zurückzahlt, gilt in der Finanzwelt als Aussätziger. Niemand würde dem Land auf absehbare Zeit mehr Geld leihen.

Doch nicht nur das: Auch das griechische Bankensystem würde wohl zusammenbrechen. Bisher wird es nur von Notkrediten der Athener Zentralbank am Leben erhalten. Erst diese Woche hat die EZB den Rahmen dafür um 700 Millionen auf 71,8 Milliarden Euro erhöht. Doch die Notenbank ist gezwungen, die Geschäfte zu stoppen, sobald Zweifel an der Solvenz der Banken bestehen. Im Falle eines Staatsbankrotts wäre es wohl so weit.

In der Folge, so fürchten Experten, würde nicht nur das Bankensystem, sondern auch die griechische Wirtschaft kollabieren, die auf Kredite der Banken angewiesen ist. Griechenland müsste wahrscheinlich eine neue Währung einführen, um den Zahlungsverkehr einigermaßen aufrechtzuerhalten.

Ein Ende der Euro-Mitgliedschaft wäre das allerdings nicht zwangsläufig. Es gibt keinen Automatismus, der vom Zahlungsausfall zum Euro-Ausschluss eines Landes führt - wenn Griechenland nicht selbst austreten will. Selbst mit einer Parallelwährung könnte das Land in der Währungsunion bleiben, sagt Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). "Niemand kann Griechenland aus dem Euro drängen."

Zusammengefasst: Griechenland hat kaum mehr Geld, um seine fällig werdenden Schulden zurückzuzahlen. In der Not verzögert die Regierung Zahlungen an Unternehmen und bedient sich bei den Reserven von Staatsfirmen. Wie lange das gutgeht, ist offen. Spätestens am 12. Mai dürfte Schluss sein. Dann wäre das Land offiziell pleite - Bankensystem und Wirtschaft würden zusammenbrechen.

Die Chronik der Griechenlandkrise

Am 1. Januar 2001 tritt Griechenland der Eurozone bei. Bei der Einführung des Euro 1999 war das Land noch nicht dabei. Erst im Jahr 2000 erfüllte es die sogenannten Konvergenzkriterien des Maastrichter Vertrages - zumindest auf dem Papier.

Im November 2004 wird klar: Die Regierung in Athen hat sich die Aufnahme in die Eurozone mit gefälschten Finanzdaten erschummelt. Alle Haushaltsdefizite vergangener Jahre waren in Wahrheit deutlich höher als zuvor an Brüssel gemeldet. So übertrafen die neuen Schulden in jedem Jahr die im Stabilitätspakt erlaubte Obergrenze von drei Prozent der Wirtschaftsleistung. Langjähriger Berater der Griechen war die US-Investmentbank Goldman Sachs.

Ende Oktober 2009 zeichnet sich zum ersten Mal so etwas wie eine Griechenland-Krise ab. Das voraussichtliche Haushaltsdefizit liegt bei rund 12,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, doppelt so hoch wie zunächst angenommen. Die neue Regierung von Ministerpräsident Giorgos Papandreou kündigt Sparmaßnahmen an.

Mitte Dezember 2009 stuft die Rating-Agentur Standard & Poor's Griechenlands Kreditwürdigkeit herab. Zuvor hatte dies schon die Agentur Fitch getan. Warnungen vor einer drohenden Staatspleite werden lauter. Der Kurs des Euro bricht ein. Bundeskanzklerin Angela Merkel beschwichtigt: "Ich bitte im Interesse einer sachlichen Diskussion, das nicht überzubewerten."

Im Frühjahr 2010 wird es eng: Griechenland bekommt nur noch sehr schwer Geld an den Finanzmärkten. Die Eurostaaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) springen dem Land bei. Anfang Mai schnüren sie ein Rettungspaket mit Krediten über 110 Milliarden Euro, 30 Milliarden davon übernimmt der IWF, auf Deutschland entfallen 22,4 Milliarden Euro. Die Bundesregierung peitscht das Gesetz im Eilverfahren durch den Bundestag. Die Geldgeber sehen die Griechen-Krise offenbar als temporäres Problem: Die Laufzeit der Kredite beträgt nur drei Jahre. Kurz darauf geraten auch andere Länder wie Irland und Portugal ins Wanken.

Ein Jahr später spitzt sich die Schuldenkrise erneut zu. Weil absehbar ist, dass Griechenland sich nicht wie geplant bereits 2012 am Kapitalmarkt finanzieren kann, braucht es mehr Geld von den Staaten der Eurozone und dem Internationalen Währungsfonds. Am 10. Mai 2011 kündigt die griechische Regierung ein neues Sparpaket an. Wenige Tage später legen gewaltsame Demonstrationen Teile des Landes lahm. Die Polizei muss das Parlament gegen wütende Bürger verteidigen. Sie feuert Tränengas, Demonstranten werfen Steine zurück, attackieren die Limousine von Ministerpräsident Papandreou.

Zweites Rettungspaket, erster Versuch: Ein Sondergipfel der Eurostaaten beschließt am 21. Juli 2011 ein neues Hilfspaket für Griechenland mit einem Volumen von 109 Milliarden Euro. Der Großteil des Geldes soll aus dem europäischen Rettungsschirm EFSF und dem Internationalen Währungsfonds kommen. Erstmals sollen aber auch private Gläubiger beteiligt werden - auf freiwilliger Basis.

Ende Oktober 2011 legt die Troika aus EU, IWF und Europäischer Zentralbank (EZB) einen neuen Bericht zur Finanzsituation Griechenlands vor. Die Experten zeichnen darin ein düsteres Bild: Die Lage des Landes hat sich in den vorangegangenen Monaten weiter verschlechtert. Auf einem EU-Gipfel am 26. Oktober schmieden die Staats- und Regierungschefs einen neuen Rettungsplan: Private Gläubiger sollen auf mehr als 50 Prozent ihrer Forderungen gegenüber Griechenland verzichten. Das trifft vor allem europäische Banken. Athen soll weitere 100 Milliarden Euro erhalten, mit zusätzlichen 30 Milliarden Euro soll der Schuldenschnitt abgesichert werden.

Turbulente Herbsttage: Am 31. Oktober kündigt Griechenlands Ministerpräsident Papandreou überraschend eine Volksabstimmung über die Beschlüsse des Eurogipfels und die damit verbundenen Sparauflagen für sein Land an. Beim G20-Gipfel in Cannes nehmen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy Papandreou Anfang November ins Gebet. Daraufhin lässt dieser den Referundumsplan fallen und tritt zurück. Loukas Papademos, der Ex-Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, tritt am 11. November 2011 an die Spitze einer Übergangsregierung.

Im Februar 2012 stimmt das griechische Parlament einem neuen Sparprogramm zu. In Athen kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die internationalen Geldgeber hatten auf verschärfte Reformen gepocht - im Gegenzug verabschieden die Euro-Finanzminister das zweite Rettungspaket. Neben dem Schuldenschnitt für die privaten Gläubiger enthält es auch die im Oktober angekündigten Hilfen in Höhe von 130 Milliarden Euro. Für die Kredite aus dem ersten Hilfspaket von 2010 werden die Zinsen halbiert. Der Schuldenschnitt wird am 9. März 2012 wirksam.

Bei der Parlamentswahl am 6. Mai 2012 strafen die Griechen die Traditionsparteien Nea Dimokratia (ND) und Pasok ab, die aus ihrer Sicht das Land einem internationalen Spardiktat unterworfen haben. Parteien wie Syriza, die eine Aufkündigung der Sparvereinbarungen fordern, legen kräftig zu. Eine Regierungsbildung scheitert. Nach der Neuwahl am 17. Juni wird ND-Chef Antonis Samaras als Ministerpräsident vereidigt. Unterstützt wird seine Regierung von Pasok und der demokratischen Linken (Dimar). Das bei den Wahlen zweitplatzierte Linksbündnis Syriza ist jedoch nicht beteiligt.

Die Lage an den Finanzmärkten spitzt sich im Sommer 2012 wieder zu. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler sinniert über einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi erklärt am 26. Juli, die EZB werde "alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten" - und leitet damit eine Wende in der Eurokrise ein. Von nun an schwindet die Angst davor, dass die griechische Krise auch Länder wie Italien oder Spanien anstecken könnte.

Am 8. Oktober 2012 besucht Angela Merkel zum ersten Mal seit Ausbruch der Krise Griechenland. Sie lobt die Fortschritte des Landes. Der IWF dagegen glaubt nicht, dass Griechenland den Sanierungszeitplan einhalten kann. Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble tritt Spekulationen über einen Euro-Austritt Griechenlands entgegen. Dabei gelingt ihm ein legendärer Satz auf Denglisch: "I think there will be no Staatsbankrott in Greece."

Griechenland erhält weitere Zugeständnisse: Am 27. November 2012 einigt sich die Euro-Gruppe mit dem IWF auf eine Anpassung des zweiten Rettungspakets: Die Regierung in Athen soll mehr Zeit für die Umsetzung der Sparvorgaben bekommen. Daraus ergibt sich eine Finanzlücke von 14 Milliarden Euro, die unter anderem mit günstigen Zinsen auf bereits gewährte Kredite gestopft werden soll.

Im Juni 2013 räumt der Internationale Währungsfonds (IWF) Fehler bei der Rettungspolitik ein. Beim ersten Hilfsprogramm aus dem Mai 2010 habe man zu optimistische Annahmen zugrunde gelegt. Weder der Schuldenstand noch das Wachstum hätten sich so entwickelt wie damals angenommen. Die griechische Wirtschaft schrumpft 2013 das fünfte Jahr in Folge. Seit 2008 ist das Bruttoinlandsprodukt um gut 22 Prozent eingebrochen, die Staatsverschuldung ist wieder höher als vor dem Schuldenschnitt.

2014 scheint die jahrelange Talfahrt endlich zu Ende zu gehen. Die griechische Regierung erwartet sogar ein kleines Wirtschaftswachstum - und wird forsch: Anfang April leiht sich das Land erstmals seit vier Jahren wieder langfristig Geld am Kapitalmarkt. Die Investoren sind begeistert - und geben den Griechen drei Milliarden Euro zu 4,75 Prozent Zinsen.

Ende 2014 laufen die Hilfen der Europartner für Griechenland aus - und Ministerpräsident Antonis Samaras wird nicht müde zu betonen, dass kein neues Geld nötig sei. "Die Ära der Rettungspakete geht zu Ende", jubelt er. Ende November meldet der SPIEGEL, es werde wohl doch ein weiteres Hilfspaket geben. Zehn Milliarden Euro aus dem Rettungsfonds ESM sollten umgewidmet werden.

Am 29. Dezember 2014 scheitert die Wahl des Staatspräsidenten im dritten Wahlgang - die griechische Verfassung sieht für diesen Fall Neuwahlen vor, die am 25. Januar stattfinden sollen. Das könnte die große Chance für das linke Syriza-Bündnis und dessen Chef Alexis Tsipras sein. Tsipras lehnt die Reformauflagen von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) ab und will im Falle eines Wahlsiegs einen Schuldenschnitt durchsetzen. Bei den Geldgebern stößt das nicht auf Begeisterung. Anfang Januar 2015 meldet der SPIEGEL, die Bundesregierung sei bereit, Griechenland notfalls aus der Eurozone ausscheiden zu lassen. Die Finanzmärkte reagieren schockiert.

Am 25. Januar 2015 gewinnt Alexis Tsipras mit seinem Linksbündnis Syriza die Parlamentswahl. Die absolute Mehrheit verfehlt er dabei knapp – und muss eine Koalition eingehen. Als Partner wählt Syriza ausgerechnet die rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen. Am 26. Januar wird Tsipras als Ministerpräsident vereidigt.

Wenige Tage nach der Wahl reist Euro-Gruppenchef Jeroen Dijsselbloem nach Athen. Er will mit der neuen griechischen Regierung darüber sprechen, wie es mit dem Hilfs- und Reformprogramm weitergeht. Doch was er erlebt, ist eine knallharte Abfuhr. Griechenland weigere sich, weiter mit der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und IWF zusammenzuarbeiten, sagt Finanzminister Giannis Varoufakis bei der gemeinsamen Pressekonferenz. Dijsselbloem steht auf und geht – es reicht nur noch für einen flüchtigen Händedruck.

Nach wochenlangem Ringen mit gegenseitigen Drohgebärden einigen sich Griechenland und die Euro-Finanzminister am 20. Februar in Brüssel auf eine Verlängerung des laufenden Hilfsprogramms. Doch das Geld soll erst fließen, wenn Griechenland konkrete Reformvorschläge vorlegt, die von den Gläubigern gebilligt werden.

Ende März 2015 legt Tsipras Reformvorschläge vor, die Gläubiger lehnen sie umgehend ab – so wie alle der zahlreichen Reformlisten, die im Frühjahr aus Athen nach Brüssel geschickt werden. Der Ton wird noch rauer, die Drohgebärden drastischer. Die Griechen holen viele Milliarden Euro von ihren Bankkonten. Dennoch scheint ein Kompromiss in letzter Sekunde zu gelingen – bis zum 26. Juni: Tsipras kündigt ein Referendum über die Forderungen der Geldgeber an und empfiehlt den Griechen, gegen sie zu stimmen, die griechischen Verhandler werden aus Brüssel abgezogen. Die Euro-Finanzminister beschließen, das Hilfsprogramm auslaufen zu lassen – ohne die letzte Tranche zu überweisen. Die griechische Regierung verhängt Kapitalverkehrskontrollen, vom 29. Juni an sind die Banken geschlossen, Abhebungen und Überweisungen gedeckelt.

In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli endet das zweite Hilfsprogramm – und Griechenland bleibt zum ersten Mal seit Beginn der Krise eine Kreditrate schuldig: 1,54 Milliarden Euro hätte das Land an den IWF zahlen müssen. Die Geldgeber lehnen neue Verhandlungen bis zum Referendum am 5. Juli ab, Tsipras und Varoufakis knüpfen ihre politische Zukunft an ein Nein des Volks zu den Gläubiger-Forderungen. Im ganzen Land bilden sich lange Schlangen vor Geldautomaten, pro Tag gibt es höchstens 60 Euro. Rentner warten stundenlang vor den wenigen offenen Bankfilialen auf einen Teil ihrer Renten.

Am 5. Juli findet das Referendum über die Sparauflagen statt. Begleitet wird es zum Teil von scharfen Angriffen auf Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU), der auf Plakaten als Vampir verunglimpft wird. Nachdem die Umfragen lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraussagen, triumphiert am Ende Tsipras: 61 Prozent der Abstimmenden folgen seinem Rat, die Reformforderungen der Gläubiger abzulehnen.

Unmittelbar nach dem Referendumserfolg vollzieht Tsipras eine beachtliche Kehrtwende: Sein umstrittener Finanzminister Varoufakis tritt zurück und braust am 6. Juli mit Ehefrau Danae von dannen (Foto). Kurz darauf legt Tsipras mit Unterstützung der französischen Regierung ein umfassendes Reformpaket vor, das den Forderungen der Gläubiger weit entgegenkommt. Obwohl dies eine 180-Grad-Wende bedeutet, bekommt Tsipras in der Nacht auf den 11. Juli im Parlament eine Mehrheit für die Aufnahme von Verhandlungen – allerdings nur mithilfe der Opposition.

Falls Tsipras sich von seinem Reformvorschlag eine schnelle Einigung erhofft hat, so wird aufs Gröbste enttäuscht. Zunächst bringt Finanzminister Wolfgang Schäuble vor einem Treffen mit seinen Amtskollegen die Option einen zeitweiligen Euro-Austritt ins Gespräch. Beim anschließenden Euro-Gipfel in der Nacht vom auf den 13. Juli verhindert EU-Ratspräsident Donald Tusk laut Teilnehmern ein Scheitern nur, indem er Merkel und Tsipras verbietet, den Raum zu verlassen. Am Ende wird Griechenland zwar ein neues Hilfsprogramm in Aussicht gestellt, nicht zuletzt auf Betreiben von Frankreichs Präsident Francois Hollande (M.). Doch Tsipras muss dafür Bedingungen akzeptieren, die deutlich härter als das ursprüngliche Angebot der Gläubiger sind.

Am 15. Juli muss das griechische Parlament die ersten Reformen beschließen, das Ultimatum haben die Euro-Partner gestellt. Für Tsipras und seinen neuen Finanzminister Efklidis Tsakalotos wird die Abstimmung jedoch zur Nervenprobe, denn der Widerstand in der Regierungspartei Syriza reicht bis zur Parlamentspräsidentin Zoi Konstantopoulou. Zwar bekommt Tsipras eine knappe Regierungsmehrheit zustande, doch die Spaltung seiner Partei ist nicht mehr zu übersehen. Darauf reagiert der Regierungschef, indem er zwei Tage später sein Kabinett umbildet und rebellische Minister entlässt. In der Nacht auf den 23. Juli werden weitere Reformforderungen verabschiedet, der Weg zu neuen Verhandlungen mit den Geldgebern ist vorerst frei.

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insgesamt 425 Beiträge
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Seite 1
spieglingjoe 02.04.2015
1. Drachme
Ich würde mich nicht wundern wenn Griechenland eines der kommenden langen Wochenenden nutzt um die Drachme wieder einzuführen.
Schnapi 02.04.2015
2. Schmierentheater
Ich kann's nicht mehr hören. Wie weit muss es noch kommen, bis den Griechen endlich geholfen wird, sprich die Schulden in einem erträglichen Maße erlassen werden? Müssen erst Menschen an Hunger und fehlender Versorgung sterben? Wie weit sind wir eigentlich in Europa gekommen, wenn's nur noch ums Geld geht? Ist der europäische Gedanke nicht mehr Wert als Geld? Geld kann man doch immer wieder drucken. Das regt mich auf. Als ob das durch Griechenland verlorene Geld bei einem Schuldenschnitt nicht in zwei Tagen wieder gedruckt wäre! Hört endlich auf mit dem Schmierentheater.
Pfaffenwinkel 02.04.2015
3. Je schneller das Ende kommt,
desto besser. Nur dann kann Griechenland wieder einen Neuanfang wagen.
Namen werden überbewertet 02.04.2015
4. Wie lange noch
soll dieses Affentheater eigentlich weitergehen? Und was erwartet die EU eigentlich von Griechenland? Wir Deutschen wissen ja nun aus Erfahrung, dass man einen Staat nicht mal so eben auf Vordermann bringt. In den neuen Bundesländern herrschen selbst 25 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch keine gleichen Verhältnisse wie im Westen. Bei den Verhandlungen über die jeweils nächste Hilfsaktion für Griechenland geht es immer nur um wenige Monate. Erwartet irgendjemand, dass in so kurzer Zeit irgendwelche Reformen spürbar greifen? Das schafft keine Regierung, es ist unmöglich. Griechenland wird für mehrere Jahrzehnte am Tropf der EU hängen, wenn keine grundsätzliche Lösung gefunden wird.
millerntor 02.04.2015
5. Es wär ok !
Tsipras, lass Dich nicht unterkriegen ! Der Weg ist schwer aber gangbar !
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