Ende des Hilfsprogramms Die Krise ist vorbei? Erzählt das mal den Griechen!

Nachdem die Überweisung der letzten Hilfsgelder an Griechenland beschlossen wurde, erklären Politiker in Athen und Brüssel die Krise für beendet. Doch das ist ganz sicher nicht das Gefühl im Land.

Straßenszene in Athen
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Straßenszene in Athen

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Die Eurofinanzminister haben gestern eine letzte, große Finanzspritze sowie weitere Schuldenerleichterungen für Griechenland beschlossen. Sie hoffen darauf, dass Griechenland nach Auslaufen des dritten Hilfsprogramms im August endlich an die Finanzmärkte zurückkehren kann und nicht länger auf europäische Unterstützung angewiesen ist.

So mancher Veteran in der Euro-Gruppe dürfte außerdem hoffen, dass er sich zum letzten Mal überhaupt mit dieser kleinen Nation beschäftigen muss. Über die vergangenen acht Jahre hat Griechenland wiederholt die Existenz der Eurozone bedroht und damit zahllose Gipfel, Treffen und Debatten beherrscht.

Nach dem Treffen beeilten sich die Verantwortlichen in Athen und Brüssel, den Durchbruch zu verkünden. "Ich denke, dies ist das Ende der griechischen Krise", sagte Finanzminister Euklid Tsakalotos. EU-Währungskommissar Pierre Moscovici zeigte sich noch sicherer: "Die griechische Krise ist heute Abend vorbei", sagte der Franzose. Die EU-Kommission veröffentlichte auf Twitter sogar ein Video, mit dem "Ein neues Kapitel für Griechenland" ausgerufen wurde.

Nun, vielleicht sollte noch jemand den Griechen Bescheid sagen.

Das meistdiskutierte Ereignis aus der vergangenen Nacht war am Morgen auf griechischen Straßen, Märkten, in Büros und Cafés nicht das Treffen der Euro-Gruppe - sondern Argentiniens krachende WM-Niederlage gegen Kroatien. Und ganz sicher hatte am Freitag gar niemand das Gefühl, dass die Krise vorbei ist.

Grund zur Skepsis

Die Griechen haben Grund zur Skepsis. Nicht nur, weil ihnen schon unzählige Male ein nahes Ende der Krise angekündigt wurde. Sondern vor allem, weil die vagen Vorteile der Euro-Gruppen-Einigung in scharfem Kontrast zur Gewissheit stehen, dass Ende des Jahres neue schmerzhafte Sparmaßnahmen in Kraft treten.

"Welches Euro-Gruppen-Treffen?", fragte mich ein 76 Jahre alter Offizier im Ruhestand. "Meine einzige Sorge ist heute wie gestern, wie ich genug Geld für meine Beerdigung sparen kann." Griechische Renten sind bereits um 60 Prozent gekürzt worden. Und sie werden 2019 erneut gekürzt werden.

Die Griechen wissen nur zu gut,

  • dass die öffentlichen Schulden nach acht Jahren des Leidens höher sind als je zuvor.
  • dass Banken unter faulen Krediten ächzen.
  • dass mehr als 300.000 junge, qualifizierte Griechen ausgewandert sind.
  • dass die gesamte wichtige Infrastruktur privatisiert wurde.
  • dass die Einkommen zurück auf den Stand von 2003 gefallen sind, womit griechische Familien laut der Statistikbehörde Eurostat im untersten Zehntel der Eurozone liegen.
  • dass es ein Albtraum ist, einen Job zu finden.
  • dass 40 Prozent der Menschen hier von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht sind.
  • dass einer von vier Griechen unter materieller Entbehrung leidet.
  • dass einer von drei Haushalten sich keine ausreichende Heizung leisten kann,
  • und 40 Prozent nicht ihre Miete und Rechnungen zahlen können.

Und vergangene Nacht haben die Euro-Gruppen-Vertreter verkündet, dass das Land bis 2060 auf dem Pfad der Tugend bleiben muss. Richtig gehört: Bis 2060 muss Griechenland Primärüberschüsse erzielen. Das ist noch nie einem Land gelungen. Deshalb werden die Griechen entweder Finanzgeschichte schreiben oder, was wahrscheinlicher ist, der Haushalts-Zwangsjacke müde werden und Europa früher oder später um weitere Schuldenerleichterungen bitten.

In jedem Fall braucht es weit mehr als triumphale Twitter-Videos von EU-Vertretern, um irgendwen hier vom Ende der Krise zu überzeugen. Es braucht Investitionen und Lohnerhöhungen und neue Arbeitsplätze. Es braucht die Rückkehr des Gefühls, dass Griechenland wieder ein Land ist, in dem man darauf hoffen kann, zu studieren, zu arbeiten, eine Familie zu gründen. Ein Land, in dem Menschen ein würdiges Leben mit Sinn führen können.

Übersetzung aus dem Englischen: David Böcking

insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
edgar_wundie 22.06.2018
1. Irgendwann reicht es...
Es wird Zeit, dass dieser Irrsinn endlich beendet wird. Anscheinend hat sich die Zahlungsmoral in Griechenland für Steuern nicht geändert. Dazu ist doch seit Jahren bekannt, dass sich die Griechen den Zugang zum Euro durch "frisierte" Bilanzen erschlichen haben. Logisch wäre gewesen, die Beitrittsverträge für nichtig zu erklären, statt dessen wurde Griechenland mit billigen Krediten belohnt. Und das auf Kosten der übrigen EU-Bürger. Durch die jahrelange Null-Zins-Politik sind jedem Sparer, der ein paar Rücklagen auf dem Konto hatte, unter Berücksichtigung des Zinseszinseffekts zum Teil mehrere Zehntausend Euro entgangen. Dazu führte die Null-Zins-Politik zu einer Explosion der Immobilienpreise, so dass ein Eigenheim z.B. für mich als Gutverdiener leider eine Utopie ist. Und ich spreche nicht von Häusern in München und Umgebung... Aber Deutschland geht es ja angeblich so gut wie noch nie.
Silversurfer2000 22.06.2018
2.
Eine erneute Verschiebung der Rückzahlung um ca. 10 weitere Jahre - nahezu auf St. Nimmerlein - ist de facto ein weiterer massiver Schuldenerlass. Das ist ein Kompromiss aus Großzügigkeit von Ländern wie Deutschland, der Erkenntnis, dass das Geld eh weg ist und der Hoffnung, dass die deutschen Wähler den Schuldenschnitt nicht als solchen erkennen. Aber worüber bitteschön beschwert der Autor sich dann? Oder ist das jetzt die nostalgische Erinnerung an die Jahre der Party vor dem Kater? Hat er gehofft, dass die Ära des Neuverschuldens niemals vorbei gehen würde? Im Ernst?
whatever-losangeles 22.06.2018
3. Was tut man denn dafuer?
Mir faellt aus Europa generell immer auf, dass man vieles fuer sich fordert - "Investitionen und Lohnerhöhungen und neue Arbeitsplätze". Die fallen aber nicht vom Himmel sondern sind das Ergebnis jahrelanger wirtschaftsfreundlicher Politik, sodass sich Unternehmen in einem Land ansiedeln und nicht im anderen. Stattdessen geht es in Griechenland schon heute vor allem wieder um soziale Wohltaten. Nicht viel anders als in Deutschland uebrigens dieser Tage. Die Resultate wird auch Deutschland nicht 2018 sehen, aber sie werden kommen so sicher wie der naechste Winter.
Newspeak 22.06.2018
4. ...
Sagen wir, wie es ist. Ohne gemeinsamen Haushalt, einen und nur einen gemeinsamen EU-Finanzminister und einem Finanzausgleich zwischen den EU-Laendern wird es nichts geben. Im derzeitigen Zwischenzustand kann die EU nur Verlierer produzieren. Entweder man loest sie wieder auf, inklusive nationaler Waehrungen, die man unterschiedlich bewerten kann, um solche Krisen zu loesen, oder man schafft endlich mal die wirkliche Union mit der Ueberwindung der nationalen Regierungen, die sich gegenseitig ausspielen wollen. Nicht Merkel muss weg, sondern ALLE derzeitigen nationalen Regierungen muessen weg, oder zumindest auf eine Rolle beschraenkt werden, wie dies in Deutschland mit den Regierungen der Bundeslaender der Fall ist. Die EU als Vereinigte Staaten von Europa. Alles Andere war schon immer Quatsch im Vergleich zu den bestehenden Grossmaechten wie China oder Indien.
haralddemokrat 22.06.2018
5. Die Kompromisse
sind die Hoffnung, das sich entweder die Probleme tatsächlich gelöst haben oder und das glaube ich eher, bis dahin geschoben werden mit der Hoffnung, zehn Jahre sind ja eine lange Zeit und bis dahin....na ja, man wird sehen. Gar nichts ist besser und wird auch nichts besser. Es ist eher damit zu rechnen, das es bis keinen Euro mehr gibt oder die Eurozone existiert so nicht mehr.
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