Möglicher Euro-Austritt: Testfall Griechenland
Die Europäer blicken nach Athen: Die griechischen Politiker spielen wieder einmal atemberaubend Poker, es geht um alles oder nichts. Doch die Angst vor einem Euro-Austritt des Krisenlandes schwindet, die Zukunft der Währung steht nicht mehr auf dem Spiel.
Das Bild ist vertraut: Wenn die Finanzminister der 17 Euro-Länder am Montagabend in Brüssel beraten, sind sie wieder einmal entscheidungsunfähig. Ohnmächtig blicken sie nach Athen. Dort kommen zeitgleich die Spitzen der griechischen Parteien mit dem Staatspräsidenten zusammen, um ihren vielleicht letzten Anlauf zur Regierungsbildung zu unternehmen.
Warten auf Athen - das ist in der Schuldenkrise zu einem Dauerzustand geworden. Diesmal ist es das Ergebnis der griechischen Parlamentswahl, das die Euro-Rettung zu sabotieren droht. Die beiden Volksparteien Nea Demokratia und Pasok, die den Sparkurs tragen, haben keine Mehrheit mehr. Und der linksradikale Parteiführer Alexis Tsipras will sich nicht als Mehrheitsbeschaffer für eine Koalition der Vernunft benutzen lassen, sondern lieber den Volkstribun spielen.
Tsipras' Kalkül ist simpel: Scheitert die Regierungsbildung in Athen, würde es im Juni Neuwahlen geben - und seine Syriza-Partei den Umfragen zufolge an der Urne siegen. Dann könnte er sein Versprechen wahrmachen und den Sparkurs aufkündigen, der im Februar mit der Troika aus Internationalem Währungsfonds (IWF), Europäischer Zentralbank (EZB) und EU-Kommission vereinbart wurde.
Für die europäischen Finanzminister wäre dies der nächste Rückschlag im langen Drama der Euro-Rettung. Und er wäre besonders folgenschwer: Der Austritt Griechenlands aus der Gemeinschaftswährung wäre dann wohl unvermeidlich. Die Ansage aus Brüssel und Berlin ist klar: Wenn Griechenland sich nicht an die Sparvorgaben hält, wird der Geldhahn zugedreht. Ein Staatsbankrott wäre die Folge, die griechische Regierung müsste die Drachme wieder einführen.
Im Unterschied zum vergangenen Jahr sorgt dieses Szenario aber inzwischen kaum noch für Aufregung. Was vor wenigen Monaten von Ökonomen und Politikern noch als Anfang vom Ende der Euro-Zone beschrieben wurde, gilt plötzlich als gangbarer Weg - und zwar nicht einmal als der schlechteste.
Dafür gibt es zwei Gründe:
1. Seit dem griechischen Schuldenschnitt im März hat sich die Stimmung in den Regierungszentralen spürbar gewandelt. Die privaten Gläubiger Griechenlands wurden zum Verzicht auf gut hundert Milliarden Euro gezwungen, doch die Panik an den Finanzmärkten blieb aus. Der Rest der Euro-Zone kam relativ ungeschoren davon. Diese Erfahrung hat die Erkenntnis reifen lassen, dass Griechenland vielleicht doch nicht so systemrelevant ist wie lange angenommen.
2. Obendrein ist die Euro-Zone inzwischen besser gewappnet. Griechenland könnte zum ersten Test für die neue europäische Finanzarchitektur um den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) werden. Wie stabil ist die Brandmauer, die ein Übergreifen einer Staatspleite auf andere Länder verhindern soll? Wie stark sind die Banken nach der Rekapitalisierung? Wie schlagkräftig die EZB im Kampf gegen internationale Spekulanten?
Dass führende europäische Politiker und Notenbanker inzwischen offen über einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone spekulieren, zeigt ein neues Selbstbewusstsein. Seit zwei Jahren bereiten sie sich auf den Ernstfall vor. Nun ist der Kollaps eines Mitgliedslandes in greifbare Nähe gerückt - und er scheint zum ersten Mal beherrschbar. "Die Ansteckungsgefahren", sagte der luxemburgische Finanzminister Luc Frieden dem SPIEGEL, "sind jetzt nicht mehr so groß wie vor einigen Monaten."
Die Kosten eines Austritts Griechenlands wären dennoch gewaltig. Die EU-Länder müssten Dutzende Milliarden abschreiben. Allein die Bundesregierung wäre laut Schätzungen zwischen 50 und 80 Milliarden Euro los, wenn Athen seine Kredite nicht mehr bedienen würde.
Noch viel härter aber wäre die griechische Bevölkerung getroffen. Zwar gibt es zahlreiche Ökonomen, vor allem im angelsächsischen Raum, die die Vorteile einer eigenen Währung hervorheben. Exporte würden günstiger, damit steigt der Absatz griechischer Unternehmen. Löhne und Preise würden drastisch sinken, damit wird ausländisches Kapital angezogen. Der Tourismus würde boomen, weil der Griechenland-Urlaub plötzlich wieder so schön billig wäre. Und vor allem: Der Schuldenberg wäre wie von Wunderhand gekappt.
Doch wäre die Wiedereinführung der Drachme zugleich ein gigantisches Verarmungsprogramm, neben dem die mit der Troika vereinbarten Einschnitte verblassen. Die neue Währung würde Schätzungen zufolge sofort um mindestens die Hälfte abwerten, Ersparnisse wären vernichtet, Importgüter unbezahlbar. Die Binnennachfrage würde einbrechen, die Wirtschaft um ein Fünftel schrumpfen, der soziale Frieden wäre vollends dahin.
Diesem Drama in einem EU-Partnerland wiederum könnten die anderen Europäer nicht tatenlos zusehen. Es würden neue Milliarden fällig - von der Sicherung der griechischen Außengrenzen bis hin zu Aufbauhilfen und Notkrediten. Aus Sicht der Euro-Länder hätte dies den Vorteil, dass die Last der Griechenlandhilfen dann nicht auf 16, sondern auf 26 Länder verteilt wäre. Aber es ist beileibe nicht klar, dass dieser Weg billiger wäre, als Griechenland mit allen Mitteln in der Euro-Zone zu halten. Auch diesen Gedanken werden die Euro-Finanzminister bei ihren Beratungen berücksichtigen müssen.
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