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Griechische Forderung nach Entschädigung: Syriza präsentiert Deutschland die Nazi-Rechnung

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Der griechische Premierminister Tsipras will mehr Entschädigung für die Verbrechen der Nazis in seinem Land. Tatsächlich haben die Griechen im Vergleich zu anderen NS-Opfern kaum Geld erhalten - und die Rechtslage ist alles andere als eindeutig.

NS-Verbrechen: Griechenlands unvergessenes Leid Fotos
AFP

Der Gedenkstein ist alt, doch die zwölf Rosen darauf sind frisch. "Den Helden und Märtyrern des nationalen Widerstands" steht auf der schlichten Steinplatte. Davor steht Fotini Prousali und kämpft mit den Tränen. Ihr Elternhaus habe in der Nähe gelegen, sagt die 76-Jährige, von dort aus hätten sie Gnadenschüsse gezählt, die auf die Salven folgten. "So wussten wir, wie viele Tote es gab."

Im Athener Vorort Kesiariani haben deutsche Wehrmachtssoldaten zwischen 1942 und 1944 Hunderte von griechischen Widerstandskämpfern erschossen, der Jüngste war 14 Jahre alt. Unmittelbar nachdem Alexis Tsipras am Montag als neuer griechischer Premierminister vereidigt worden war, erwies er diesen Toten seinen Respekt.

Damit rückt Tsipras ein Thema in den Blick der Weltöffentlichkeit, das in seiner Heimat eine viel größere Rolle spielt als in Deutschland: Die Entschädigung für NS-Verbrechen in Griechenland. Dabei geht es sowohl um ermordete Widerstandskämpfer wie die von Kesiariani als auch um Massaker an der Zivilbevölkerung, etwa in den Dörfern Distomo und Kalavryta. Und es geht um eine Zwangsanleihe, über die Nazi-Deutschland der griechischen Nationalbank bis Kriegsende 476 Millionen Reichsmark abpresste.

Syriza hatte sich das Thema frühzeitig zu eigen gemacht. So schickte die Partei den NS-Widerstandshelden Manolis Glezos ins Europaparlament, und Tsipras besuchte bereits 2012 Kalavryta. Damals habe er versprochen, das Thema gegenüber der Bundesregierung anzusprechen, erzählt Bürgermeister Giorgos Lazouras. "Wir erwarten, dass er nun als Premierminister dieses Versprechen einhält. Ich kann es nicht genug betonen: Für uns ist das eine moralische, keine ökonomische Frage."

In den vergangenen Jahren entstand ein anderer Eindruck: Die Griechen schienen eine längst beigelegte Frage hervorzuholen, um damit ihre heutige wirtschaftliche Misere zu entschuldigen. Tsipras' jetziger Koalitionspartner Panos Kammenos etwa berief sich auf Berechnungen, wonach die deutschen Schulden 162 Milliarden Euro plus Zinsen betragen sollen. Mit dieser Summe wären die Probleme des hochverschuldeten Landes auf einen Schlag gelöst, so Kammenos. Vermischt wurden beide Themen auch von Demonstranten gegen den Sparkurs, die Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Hitler-Bart zeigten.

So fragwürdig diese Verknüpfungen auch sind: Die Griechen haben durchaus Grund, sich im Vergleich zu anderen Opfern des NS-Regimes ungerecht behandelt zu fühlen und finden damit auch in Deutschland Unterstützer. Der kleine Hamburger Verein "AK Distomo" setzt sich seit 2001 für die Entschädigung griechischer NS-Opfer ein. Bei deutschen Zuhörern müsse man viel Aufklärungsarbeit leisten, sagt der Rechtsanwalt Martin Klingner. "Die Menschen wissen einfach nicht, dass die meisten Griechen nie finanziell entschädigt wurden."

Das liegt auch daran, dass laut Völkerrecht keine Einzelpersonen, sondern nur Staaten entschädigt werden können. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs geschah dies durch die internationale Reparationsagentur, die unter anderem in Deutschland beschlagnahmte Maschinen und Waren verteilte - auch an Griechenland. "Es war Sache der griechischen Regierung, ihre Bürger hieran zu beteiligen", schrieb das Bundesfinanzministerium 2006 auf eine Anfrage der Linken.

Doch ein Großteil der Güter kam nie in Griechenland an, was nicht an Deutschland lag. Im Jahr 1953 berichtete der SPIEGEL, dass nur 18.500 von insgesamt 30.000 Tonnen Maschinenmaterial mit viel Verspätung nach Piräus verschifft wurden. Trotz Protesten des damaligen Bürgermeisters verrottete der Rest im Hamburger Hafen, bevor er schließlich zu Schrottpreisen nach England verkauft wurde. Dabei soll der Reparationsbeauftragte der griechischen Regierung deutlich bessere Angebote aus Deutschland und Italien ignoriert haben

Anfang der Sechzigerjahre erhielt Griechenland dann über ein sogenanntes Globalentschädigungsabkommen die vergleichsweise geringe Summe von 115 Millionen Mark. "Das Geld kam fast ausschließlich jüdischen Gemeinden in Griechenland zugute und war niemals als Reparationszahlung oder für die Opfer der Massaker gedacht", sagt Klingner.

Ist die Entschädigungsfrage also tatsächlich offen, wie Syriza behauptet? Die Antwort aus dem Bundesfinanzministerium ist eindeutig. "Für uns ist das kein Thema", sagte ein Sprecher von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) zu SPIEGEL ONLINE.

Zwar waren Reparationsansprüche gegen die Bundesregierung im Londoner Schuldenabkommen von 1953 lediglich aufgeschoben worden, bis Deutschland mit den Alliierten einen endgültigen Friedensvertrag geschlossen habe. Doch der zur deutschen Wiedervereinigung geschlossene Zwei-plus-vier-Vertrag wurde offiziell nicht als Friedensvertrag konzipiert, um so weitere Reparationsansprüche zu vermeiden. Auch Griechenland habe diesem Vertrag zugestimmt, argumentiert Deutschland. Zudem habe "nach Jahrzehnten friedlicher, vertrauensvoller und fruchtbarer Zusammenarbeit" beider Länder "die Reparationsfrage ihre Berechtigung verloren".

"Da ist ein lächerliches Argument", sagt der Hamburger Anwalt Klingner über die angebliche Verjährung. Auch sei der Zwei-plus-vier-Vertrag selbstverständlich ein Friedensvertrag, sonst befände sich Deutschland schließlich noch im Kriegszustand. Die deutsche Haltung sieht Klingner als reine Taktik: "Die Bundesregierung hat noch nie freiwillig gezahlt."

In der Tat kamen deutsche Entschädigungszahlungen oft nur auf Druck zustande. Ein Beispiel ist die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern, zu denen sich deutsche Unternehmen erst durchrangen, nachdem sie mit Sammelklagen vor US-Gerichten unter Druck gesetzt wurden. Bei einem Besuch im vergangenen Jahr versprach Bundespräsident Joachim Gauck zu prüfen, ob für Griechenland eine ähnliche Lösung möglich wäre - ohne Ergebnis.

Syriza kann sich auf einen Expertenbericht stützen, wonach Deutschland den Griechen allein für den Zwangskredit noch elf Milliarden Euro schuldet - im Gegensatz zu den Reparationen wurde die Rückzahlung des Darlehens einst sogar vertraglich vereinbart. "Der Inhalt des Gutachtens ist uns nicht bekannt", heißt es aus dem Bundesfinanzministerium. Offiziell wurde das Papier bislang nicht veröffentlicht - mutmaßlich, um die deutschen Geldgeber nicht zu verärgern.

Allerdings wird die griechische Regierung auch erklären müssen, warum die Entschädigungsforderungen erst in den letzten Jahren ein großes Thema wurden. Anwalt Klingner führt dies auf die Berichterstattung über die Krise zurück. "Die deutsche Debatte über angeblich faule Griechen hat dabei viele an Nazi-Propanda während der Besatzungszeit erinnert."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 333 Beiträge
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1. Friedensvertrag
Untertan 2.0 27.01.2015
---Zitat--- Auch sei der Zwei-plus-vier-Vertrag selbstverständlich ein Friedensvertrag, sonst befände sich Deutschland schließlich noch im Kriegszustand ---Zitatende--- Wer sagt, dass dies nicht zutrifft? Die Amerikaner verhalten sich jedenfalls nach wie vor wie Besatzer. Davon unabhängig würde ich einfach vorschlagen, die Griechichen Forderungen mit den Deutschen zu verrechnen, da bekommen wir am Ende noch was zurück...
2. Persepolis
Tangosmurfen 27.01.2015
Wirt Grekland kompensation für die Völkermord in Persepolis? Alexanders zerstörung die Stadt war ein verbrechung,
3. Klar,
oldhenry49 27.01.2015
die erste Amtshandlung ist der Versuch aus Deutschland Geld herauszuschlagen ohne einen Gedanken daran zu verschwenden,endlich im eigenen Land ein funktionierndes Staatswesen zu errichten. Was die Wiedergutmachung anbelangt,die sollte der Deutsche Staat gewähren und mit den Schulden verrechnen.Und dann nie wieder Geld nach Griechenland überweisen.
4.
NicksAlleVergeben 27.01.2015
Wenn es berechtigte Forderungen gibt - und die 11 Milliarden Euro wegen des Zwangskredits erscheinen mir (ohne tiefere Sachkenntnis freilich) plausibel - sind die zu zahlen. Wenn es darüber hinausgehende berechtigte Forderungen gibt, sind sie ebenfalls zu zahlen. Wenn aber bereitgestellte Reparationen nicht eingelöst/abgeholt wurden und das ausdrücklich nicht zu deutschen Schulden geht, sind diese Reparationen freilich nicht zu zahlen. Am Ende ein heikles Thema und es ist wahrscheinlich, dass Deutschland zahlen wird. Auch wenn ich "Deutschland" bin über meine monatlich abgelatzten Steuern, ist das eine Ausgabe, die ich bereitwillig zahle - im Gegensatz zum Euro-Rettungswahn (und komme jetzt keiner, es sei noch kein müder Euro gezahlt worden-mein Schaden geht schon in die Tausende). Persönliche Schuld trage ich zwar keine, aber geerbte Verwantwortung. Der entziehe ich mich nicht. Eine Instrumentalisierung dieser Schuld seitens der Griechen hingegen finde ich verabscheuungswürdig.
5. Unverschämt
meyer01 27.01.2015
Anstatt sich mal ins Zeug zu legen und produktiv zu werden, meckern sie rum und kauen olle Kamellen. Bei mir haben die Griechen (Politiker) Sympathien verloren. Die Griechen waren schon längst insolvent und nur durch Lug und Betrug in den Euro gekommen. Kurzen Prozess und raus. Die europäischen Fordrungen und Kredite sind in der Realität eh schon abgeschrieben.
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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