Finanzkrise in Griechenland Die Rechnung begleicht der Steuerzahler

Milliarden Euro aus Rettungspaketen sind in griechische Banken geflossen. Jetzt müssen zum dritten Mal die Steuerzahler den Instituten aus der Klemme helfen. Warum? Und was bedeutet das? Der Überblick.

Kunden vor der griechischen Nationalbank: Der Test stresst
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Kunden vor der griechischen Nationalbank: Der Test stresst

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Am Samstag um 11.30 Uhr wird die Europäische Zentralbank (EZB) die Ergebnisse ihres jüngsten Stresstests für griechische Banken bekannt geben. Der soll offenlegen, wie viel frisches Geld die vier "systemrelevanten Kredithäuser" des Landes brauchen, um zahlungsfähig zu bleiben. Die Experten prüften dabei die Krisenbeständigkeit der Banken auch für den Fall, dass sich die griechische Wirtschaft in den nächsten zwei Jahren schlechter entwickelt als erwartet.

Was bedeutet diese nächste Bankenrettung für Griechenland und für die Geldgeber? Die Antworten im Überblick:

  • Wurden die griechischen Banken nicht schon mal gerettet?

Ja, an dieser Stelle waren wir schon mal. 2013 zahlte der griechische Bankenrettungsfonds HFSF 25 Milliarden Euro im Tausch gegen Aktien an die vier größten Geldhäuser: National Bank of Greece, Alpha Bank, Eurobank und Piraeus Bank. Das Geld deckte die Verluste der Banken aus dem Schuldenschnitt für griechische Staatsschulden im Jahr 2012. Im vergangenen Jahr erhielten die Banken weitere 8 Milliarden Euro von internationalen Investoren. Griechenland, die EU und natürlich die griechischen Banken gaben danach an, dass die Geldhäuser gesichert und gesund seien - und dass sie der Wirtschaft mit Geld für Unternehmen wieder auf die Beine helfen könnten.

  • Warum brauchen die Banken dann noch ein Hilfsprogramm?

Weil 2015 ein schlechtes Jahr für griechische Geldhäuser war. Dem Syriza-Wahlsieg im Januar folgte ein langwieriges Kräftemessen mit der EU über die Bedingungen für ein drittes Hilfspaket. Die Folge: Die Griechen schafften massenhaft Geld aus dem Land, die Banken verloren 43 Milliarden Euro an Einlagen. Nun verfügen die Geldhäuser noch über Sparguthaben von etwa 121 Milliarden Euro, so wenig wie seit zwölf Jahren nicht mehr.

Im Juni musste die Regierung schließlich die Banken schließen, um das Ausbluten zu stoppen, und führte Kapitalverkehrskontrollen ein - die gelten bis heute, wenn auch in abgemilderter Form.

Hinzu kommt, dass die griechische Wirtschaft nach einer leichten Erholung 2014 nun wieder in der Rezession steckt. Derzeit haben die griechischen Banken rund hundert Milliarden Euro als Kredite vergeben, die womöglich nie zurückgezahlt werden. Diese Darlehen machen mehr als 40 Prozent der gesamten Kreditsumme der Banken aus - daher brauchen sie dringend neues Geld.

  • Wie viel Geld brauchen die Banken?
Die EZB wird Beobachtern zufolge mitteilen, dass die vier größten griechischen Banken eine Finanzspritze zwischen 10 und 15 Milliarden Euro für eine gesunde Kapitalgrundlage benötigen. Das ist eine machbare Größenordnung, zumal das im August vereinbarte dritte Rettungspaket 25 Milliarden Euro dafür vorgesehen hatte.

  • Was passierte mit all dem Geld vorheriger Bankenrettungen?

Die kurze Antwort: Es hat sich schlicht verflüchtigt. Privatinvestoren, die an der Rekapitalisierung im vergangenen Jahr beteiligt waren, haben heftige Verluste erlitten. "Ich habe 2014 60.000 Euro in Anteile meiner eigenen Bank investiert, im Glauben, dass unsere Wirtschaft aus dem Gröbsten raus ist und die ausländischen Investoren wissen, was sie tun", sagte ein betroffener Banker SPIEGEL ONLINE: "Jetzt ist meine Anlage noch 5000 Euro wert."

Die größeren Verlierer sind aber die griechischen Steuerzahler, denen zur Stützung ihrer Banken 2013 neue Schulden aufgehalst wurden. "Das ist der größte Diebstahl öffentlichen Eigentums in der Geschichte Griechenlands", sagte ein leitender Angestellter einer griechischen Privatbank. Denn dieses Geld ist aktuellen Schätzungen zufolge verloren. Oder wie es der Chef des griechischen Bankenrettungsfonds zuletzt in einem Interview sagte: Es wäre "utopisch" zu erwarten, dass der griechische Staat sein Geld jemals zurückbekomme.

  • Wer muss zuerst zahlen?

Das wird von den jeweiligen Regelungen in dem geplanten Gesetz abhängen, über das am Samstagabend das griechische Parlament abstimmen soll. Sicher ist bislang allerdings: Griechische Banken sollen nur dann erneut mit Steuergeldern gestützt werden können, wenn alle anderen Optionen ausgeschöpft sind. Sprich: Die Gesellschafter der Banken müssen also schon tief in die eigene Tasche gegriffen haben, und die Institute müssen alle anderen verfügbaren Werte bereits zu Geld gemacht haben - Tochterbanken im Ausland etwa.

Denn Europa will die Kosten der Bankenrettung für Steuerzahler unbedingt klein halten. Zumindest die Geldspritzen, die im Falle einer nicht allzu negativen wirtschaftlichen Entwicklung nötig würden, müssen die Banken mit privaten Mitteln finanzieren. Falls ihnen das nicht gelingt, drohen Insolvenz und Verstaatlichung. Falls die Krise sich hingegen weiter zuspitzt, soll festgelegt sein, wie viel Geld die Banken dann höchstens vom Staat erhalten.

  • Müssen Sparer eine direkte Beteiligung an Bankenrettungen fürchten?

Im Moment ist ein solches Bail-in-Verfahren unwahrscheinlich. Lediglich Besitzer von Bankanleihen müssen sich Sorgen machen: Wenn Banken notwendiges Kapital nicht selbst aufbringen können, müssen diese Anleger laut EU-Bestimmungen die Lasten der Geldhäuser mittragen - das Geld wird dann zu Aktienkapital. Auf diese Weise müssen die Institute weniger Geld aus anderen Quellen beschaffen. Von dieser Regelung könnten auch Großanleger betroffen sein - offiziell wird dies dann aber einen freiwilligen Charakter haben, um eine Klagewelle von Betroffenen zu vermeiden.

Eine Lösung wie vor zwei Jahren auf Zypern, wo Anleger und Investoren mit 47,5 Prozent ihrer Guthaben von mehr als 100.000 Euro zur Bankensanierung herangezogen wurden, will die EU jedoch verhindern - aus zwei Gründen: Einerseits gibt es unter den Bankanlegern in Griechenland keine milliardenschweren russischen Oligarchen. Und andererseits sind Griechen mit einem Vermögen von mehr als 100.000 Euro eine eher seltene Spezies. Die meisten Griechen mit solch einem Privatvermögen haben das Finanzsystem des Krisenstaats schon vor langer Zeit verlassen.

  • Werden die Banken noch attraktiv für Privatinvestoren sein?

Das hängt von den Konditionen ab. Aktionäre wollen ihre Anteile nicht durch neue verwässern lassen. Wer noch keine Aktien hält, wird wohl nur einsteigen, wenn er wieder aussteigen kann, falls sich die Lage der Banken wieder verschlimmert.

Was jedoch für Investitionen spricht: Bankaktien sind derzeit nur Peanuts wert, die Institute haben seit Jahresbeginn gut 80 Prozent ihres Marktwerts eingebüßt. Ein Witz unter Bankern ist, dass ihr morgendlicher Cappuccino mehr kostet als ein Dutzend Aktien ihrer Bank. Privatinvestoren könnten einen Anreiz sehen, in solche Aktien einzusteigen - jetzt, da die unmittelbare Gefahr eines Grexit abgewendet scheint.

  • Was passiert mit den faulen Krediten?

Das Problem der faulen Kredite ist durch das neue Rettungspaket nicht gelöst. Die Athener Regierung musste aber versprechen, dieses Problem anzugehen, um neue Rettungsmilliarden zu bekommen. Derzeit werden mehrere Lösungen diskutiert, die es Banken ermöglichen sollen, ihr Portfolio zu entlasten.

  • Mal angenommen, alles wird gut. Was hat dann der griechische Normalbürger davon?

Ein Erfolg des Programms ist zwingend, damit Griechenland seine Kapitalverkehrskontrollen im kommenden Jahr wieder aufheben kann. Die Hoffnung: Wenn das Vertrauen in die Banken wieder wächst, zahlen die Verbraucher ihr Geld wieder auf ihre Konten ein, statt es beispielsweise unter der Matratze zu bunkern. Das würde die Liquidität der Banken verbessern.

Es gibt bereits jetzt Anzeichen, dass sich die Lage leicht entspannt: Im September sind die Einlagen im Vergleich zum August um 530 Millionen Euro gestiegen. Die Institute sollen mit dem Geld der Anleger dann wiederum mehr Kredite vergeben und so die Wirtschaft stärken. Die Regierung soll über den Bankenfonds ein Mitspracherecht bekommen, wie Firmen und Haushalte mit Geld versorgt werden.


Zusammengefasst: Die griechischen Banken sitzen auf unzähligen faulen Krediten, ihnen droht die Zahlungsunfähigkeit. Ein neues Hilfsprogramm soll sie retten, am Ende wird wohl der Steuerzahler haften: Wenn von Gesellschaftern und Investoren nicht genug Geld kommt, soll wieder einmal der Staat einspringen. Am Samstagabend stimmt das griechische Parlament über ein entsprechendes Gesetz ab.

Übersetzung aus dem Englischen: Stefan Schultz und Peter Maxwill

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insgesamt 97 Beiträge
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Seite 1
cashflow99 30.10.2015
1. Kabarett
Griechenlandkrise,Flüchtlingskrise,war immer ein großer Verfechter des europäischen Gedanken.Aber schön langsam vergeht es mir.Bei diesen aufgeblasenen EU-Parlament,wo unwichtige Themen wie Allergen-Verordnung,Nichtraucherschutz,die Krümmung der Gurke,verhandelt werden,aber nicht die elementaren Dinge angegangen werden,entwickelt es sich immer mehr zum Dilettanten-Stadl.
feyvel 30.10.2015
2. Scheinheilig
Ich möchte daran erinnern, dass Deutschland an Griechenland in den Jahren vor dem Bankrott Milliarden verdient, z.B. durch Kredite. Unter dem Strich geht Deutschland mit einem Plus aus der Sache.
skeptiker97 30.10.2015
3. Blödsinn!
Geld "verflüchtig" sich nicht, niemand verbrennt es oder ißt es auf, auch nicht die Leute in den Banken. Hier leben einige oder vile auf Kosten anderer. Es wurden Kredite an Leute gegeben, die sie nicht zurückzahlen. Nun haben die die Sachwerte, für die sie die Kredite aufgenommen haben, umsonst bekommen und kommen vor Lachen nicht mehr in den Schlaf, denn die Rückforderung ist "politisch icht durchsetzbar". Damit sie weiter lachen können, gibt es eben neues Geld, am meisten von den dummen Deutschen.
Kater Bolle 30.10.2015
4. Leute, Leute.....
Das ist ja organisierte Kriminalität...... Die griechischen Banken haben doch fast 100 Mrd. ELA-Notkredite bekommen. Das darf nach den Regeln doch nur an solvente gesunde Banken gegeben werden. Jetzt sind sie doch pleite. Schritt 1: Komplett enteignen Schritt 2. Alle für die Banken Verantwortlichen sofort festnehmen. Schritt 3: H. Draghi muss die Frage beantworten, wo die 100 Mrd. ELA jetzt sind, wer dafür persönlich haftet und an welchem Termin das zurückgezahlt wird. Schritt 4: Wann werden die Target 2 Salden komplett ausgeglichen? Alle Fragen an EZB, Bundesbank und Finanzministerium gerichtet wurden lächerlich ( nicht) beantwortet. Man hat es wohl nicht mehr nötig.
Knackeule 30.10.2015
5. Einfache Fragen - einfache Antworten
Zum dritten Mal binnen weniger Jahre müssen die europäischen Steuerzahler (deutscher Anteil rund 30 %) den griechischen Pleitebanken aus der Klemme helfen. Warum? Weil die europäischen und insbesondere die deutschen Steuerzahler unfähige Regierungen gewählt haben, die das Steuergeld sinnlos verschleudern. Und was bedeutet das? Das bedeutet, dass die Steuerzahler für ihre Wahlentscheidungen einfach die Folgen tragen müssen. In einer Demokratie hat jedes Volk die Regierung, die es verdient.
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