Schuldenstreit Die Mär vom griechischen Luxusrentner

Griechen gehen mit 56 in Rente, Deutsche mit 64: So behaupten es deutsche Medien und Politiker. Das ist schlicht unwahr. Über die Bedeutung von Renten in einem Land, in dem die Armen nicht einen Cent Sozialhilfe bekommen.

Rentner in Athen warten vor Bankfiliale - am 28. Mai, dem Tag der Rentenzahlung
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Rentner in Athen warten vor Bankfiliale - am 28. Mai, dem Tag der Rentenzahlung

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Ist es denn zu glauben? Da steht ein Land vor dem Bankrott. Doch statt die Hilfe der starken Partner (und deren Bedingungen) dankbar anzunehmen, will es nicht einmal die krassesten Auswüchse sozialer Wohltaten kappen. Und so verabschieden sich seine Einwohner weiter von Mitte 50 an in die üppig ausgestattete Rente. Die braven Bürger der Partnerländer hingegen müssen sich noch fast zehn weitere Jahre schinden - um jene Steuern zu erwirtschaften, die dann ins Pleiteland transferiert und an dessen Luxusrentner ausbezahlt werden.

Ungefähr so geht die Erzählung, mit der deutsche Medien und Politiker die dramatischen Verhandlungen zwischen Griechenland und seinen Geldgebern begleiten: "Bild" und "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zitierten vergangene Woche eine Statistik, wonach die Griechen im Schnitt mit 56 Jahren in Rente gehen, die Deutschen hingegen mit 64.

Der CDU-Abgeordnete Wolfgang Bosbach sprach bei "Günther Jauch" vor fünf Millionen Zuschauern: "Der griechische Ministerpräsident hat jetzt angeboten, das reale Renteneintrittsalter in Griechenland, das bei uns bei fast 64 Jahren liegt, auf 56 Jahre anzuheben."

Das Problem an der Erzählung ist nur: Sie ist schlicht und einfach falsch. Griechen gehen nicht früher in den Ruhestand als Deutsche, von Luxusrenten kann keine Rede sein. (Eine Faktensammlung dazu finden Sie am Ende dieses Artikels.) Vor allem aber blendet diese Darstellung einen Aspekt vollkommen aus, der verständlich macht, weshalb Kürzungen im Rentensystem in Griechenland weitaus heikler sind, als sie es etwa in Deutschland wären: Das Rentensystem besitzt dort die Funktion einer Art Ersatz-Sozialhilfe. Viele Familien kämen ohne die Rente der Großeltern nicht über die Runden, wie der englische "Guardian" feststellt. Dieser Fakt macht aus einer falschen Erzählung eine perfide Mär.

Rentner bei Demo gegen Sparpolitik in Athen: Eine Art Ersatz-Sozialhilfe
REUTERS

Rentner bei Demo gegen Sparpolitik in Athen: Eine Art Ersatz-Sozialhilfe

Fatalerweise heizt diese Mär eine Stimmung an, die in den vergangenen Wochen ohnehin zu einem fundamentalen Meinungswechsel geführt hat. Just zu dem Zeitpunkt, an dem der Grexit zum ersten Mal eine echte Option ist, befürwortet ebenfalls erstmals eine Mehrheit der Deutschen den Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Nicht unerheblich, sollte es bald wirklich hart auf hart kommen bei einem Treffen der Mächtigen in der EU.

Nun gibt es eine Fülle von Dingen, die man der griechischen Regierung und all ihren Vorgängerinnen mit allem Recht vorwerfen kann. Sie haben einen Staat geschaffen, der durch Raffgier und Klientelpolitik gepaart mit einer notorischen Unzuverlässigkeit öffentlicher Dienstleistungen besticht und seine Bürger auf die Familie als einzig wirklich verlässliches Solidarsystem zurückwirft. Sie haben das Land in eine Krise manövriert, unter der große Teile der Bevölkerung seit Jahren fürchterlich leiden und die noch weitaus katastrophalere Ausmaße annehmen kann.

Doch in diesem speziellen Fall, in dieser speziellen Situation, tut man der Regierung Tsipras Unrecht, wenn man ihre Weigerung, die Renten noch weiter zu kürzen als angeboten, als bloße Dreistigkeit abtut.

Denn Griechenland kennt keine Sozialhilfe, kein Hartz IV. Für EU-Normalbürger unvorstellbar: Nicht einmal das Existenzminimum ist abgesichert. Arbeitslosengeld gibt es nur für ein Jahr. Mehr als 90 Prozent der Arbeitslosen bekommen derzeit: keinen Cent.

In einer Gesellschaft, in der seit Jahren mehr als jeder vierte Erwerbsfähige ohne Job ist, bedeutet das: Viele Familien rücken noch enger zusammen, teilen alles. Jeder gekürzte Renteneuro fehlt dann nicht nur dem Rentner, sondern auch seinen Kindern und Enkeln. Nicht für Kino oder Café, sondern für Essen, Kleidung, Medikamente. Und bereits jetzt bekommt fast die Hälfte der Rentner weniger als 665 Euro im Monat. Sie fallen damit unter die Armutsdefinition der EU.

Rentner mit Einkäufen in Athen: Essen und Kleidung für die Familie
REUTERS

Rentner mit Einkäufen in Athen: Essen und Kleidung für die Familie

Auch die Weigerung der Regierung, die Möglichkeiten zur Frühverrentung noch stärker als ohnehin angeboten zu kappen, wird dadurch verständlich. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet über eine 59-jährige Arbeitslose, die sich schweren Herzens für eine Frührente mit hohen Abschlägen entschieden hat - ihre einzige Möglichkeit, überhaupt Einkünfte zu erzielen. Was passiert mit Griechen wie ihr, wenn die Frühverrentung drastisch beschränkt würde? Zum Vergleich: In Deutschland leben fast 740.000 Menschen im Alter von über 55 Jahren von Hartz IV.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Das griechische Rentensystem ist völlig verrottet, der "Guardian" hat es unlängst in einem lesenswerten Artikel seziert. Es ist offiziell das achtschlechteste der Welt, zutiefst ineffizient und ungerecht. Reformen sind dringend nötig, wie auch die Analyse eines griechisch-britischen Bankers und Bloggers belegt, weit grundlegender als die Einschnitte, denen die Regierung in den Verhandlungen bereits zugestimmt hat.

Und: Die politische Klasse Griechenlands trägt selbst Verantwortung für die Zwickmühle, in der sie steckt. Laut "Wirtschaftswoche" hatte die Troika Griechenland aufgefordert, bis Sommer 2014 eine Sozialhilfe europäischen Zuschnitts einzuführen - mit einem klar definierten und transparent ermittelten Existenzminimum, das jedem Einwohner zusteht. Keinem Vertreter der Geldgeber würde es einfallen, Einschnitte in ein solches System zu fordern.

Die Regierenden haben die Aufforderung der Troika ignoriert - auch um Sozialleistungen wie etwa subventionierten Strom weiterhin von ihrer Gunst abhängig zu machen und als Wahlversprechen einsetzen zu können. Das gilt auch für die linke Syriza, die ihren Wahlsieg unter anderem derartigen Versprechen verdankt und in der Regierung bislang keinerlei Anstalten gemacht hat, grundsätzlich etwas am System zu ändern.

Doch all dies ändert nichts daran, dass weitere Zugeständnisse bei den Renten im aktuellen Schuldenstreit vor allem die Ärmsten treffen würden, Jung und Alt. Wer sich derzeit seine Meinung bildet, ob Griechenland aufgrund seiner Sturheit den Euro verlassen soll oder nicht, sollte das im Hinterkopf behalten.


Zu den Fakten:

  • Medienkritiker wie Stefan Niggemeier und "Bildblog" haben ebenso wie "Tagesspiegel" oder Deutschlandfunk darauf hingewiesen, dass die von "Bild" und Co. zitierte griechische Statistik selbst das angebliche durchschnittliche Renteneintrittsalter von 56 Jahren widerlegt: Die Zahl bezieht sich dort ausschließlich auf Beschäftigte im öffentlichen Dienst. Gleichzeitig liegt das Renteneintrittsalter in Deutschland nur für diejenigen bei durchschnittlich 64 Jahren, die aus Altersgründen in Rente gehen - alle anderen, etwa Erwerbsunfähige, zählen nicht dazu.
  • Laut der Industrieländerorganisation OECD lag das tatsächliche durchschnittliche Renteneintrittsalter in Griechenland über alle Eintrittsgründe und Berufsgruppen hinweg im Jahr 2011 bei 61,4 Jahren.

  • Ebenfalls 61,4 Jahre betrug nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung im Jahr 2013 das tatsächliche durchschnittliche Renteneintrittsalter in Deutschland.
  • Selbst im Detail liegt das durchschnittliche Ruhestandsalter in Griechenland und Deutschland nahe zusammen, etwa im öffentlichen Dienst: Laut dem aktuellen Versorgungsbericht der Bundesregierung gingen Beamte bei Bahn oder Post 2010 im Schnitt mit 58 beziehungsweise 55 Jahren in Pension.
  • Dass Griechen im Schnitt im gleichen Alter in Rente gehen wie Deutsche, überrascht. Denn die fehlende Sozialhilfe beeinflusst auch die Statistik: In Griechenland gehen viele ältere Arbeitslose deshalb in Frührente - und drücken damit den Altersschnitt des Renteneintritts. In Deutschland bekommen Menschen in vergleichbarer Situation Hartz IV, bis sie in der Regel mit 63 in Rente gehen.
  • Auch der Anteil der Ruheständler an der Gesamtbevölkerung liegt in Deutschland und Griechenland nicht weit auseinander. In Griechenland entsprechen die 2,65 Millionen Rentner 24,3 Prozent der Bevölkerung. In Deutschland gibt es 19,4 Millionen Rentner und 1,6 Millionen Pensionäre - zusammengenommen ein Anteil von 26,0 Prozent. Zählt man die 740.000 über 55-jährigen Hartz-IV-Bezieher hinzu (die in Griechenland Rente beantragen müssten), erhöht sich der Anteil auf 26,9 Prozent.

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Seite 1
lordofaiur 18.06.2015
1.
Mann, mich ärgern solche Artikel. Zutiefst verärgert bin ich jetzt. Herr Diekmann ich sage... Die Griechen können in Rente gehen wann sie wollen, mir egal. Jetzt kommt es aber. Sie müssen es sich leisten können. Und genau das können sie nicht. Also müssen Reformen her. Ein Großteil der Leute, die das Glück hatten im öffentlichen Dienst zu landen, haben üppige Pensionen. Sie picken sich genau die Bürgerschicht heraus, auf die das zutreffen mag, aber solche gibt es bei uns in Deutschland genauso.
hellas1955 18.06.2015
2. Endlich...
...einmal eine diffenrenzierte Beschreibung eines komplizierten Problems! Danke.
mccomment 18.06.2015
3. Endlich...
...mal ein ausgewogener Artikel und zwar in beide Seiten. Danke.
zynik 18.06.2015
4.
Danke, SPON. Dieser ganze Parolen-Blödsinn in den Foren ist nicht mehr zu ertragen.
CancunMM 18.06.2015
5.
Ich denke kein vernünftig denkender Mensch in Deutschland, sagt die Griechen wären faul, aber die Frage darf erlaubt sein, warum man das Renten- und Sozialsystem nicht reformiert, wenn es soc schlecht ist. Warum treibt man die Steuern von Reichen nicht ein. Bzw. warum ändert man die Steuerrn nicht auf Kapitaleinkünfte usw. Man kann Steuererhöhungen auch durchführen ohne die Armen zu treffen.
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