Umstrittenes Angebot von Geschäftsmann Sorgenfrei dank Sorras

"Ich werde mir Griechenland nehmen": Mit seinem angeblichen Milliardenvermögen will Artemis Sorras seine Landsleute vom Joch der Schuldenlast befreien - und dafür gewählt werden. Seine Versprechen werden politisch zur Gefahr.

Griechen in einem Café
REUTERS

Griechen in einem Café

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Der Mann mit dem klingenden Namen Artemis Sorras machte vor fünf Jahren erstmals von sich reden, als Hoffnungsträger, mit einem geradezu märchenhaften Versprechen: Der bis dahin eher unbekannte griechische Geschäftsmann, von dem es kaum ein offizielles Foto gibt, behauptete, dass er über US-Bonds im Wert von 600 Milliarden Dollar verfüge und damit sämtliche griechische Staatschulden übernehmen könne. Die griechischen Behörden zeigten sich von dem Vorschlag wenig beeindruckt. Sie gingen davon aus, dass es Sorras vor allem um PR in eigener Sache ging.

Nun haben sie begonnen, den inzwischen 51-jährigen bulligen Mann mit hoher Stirn und graugesprenkeltem Bart ernst zu nehmen. Denn Sorras hat sein Angebot aufrechterhalten, aber in einem entscheidenden Punkt erweitert. Er will nun nicht mehr nur der Regierung helfen, sondern jedem einzelnen Griechen. Seine vermeintliche Großzügigkeit sorgt im Land für Furore - und bringt ihn auf Konfliktkurs mit den Steuerbehörden, dem Verfassungsgericht und sogar mit dem griechischen Klerus.

Sorras Versprechen klingt zu schön, um wahr zu sein: Mit seinem angeblich bei der kanadischen Bank of Montreal geparkten Milliardenvermögen wolle er die individuellen Schulden einheimischer Griechen übernehmen, bot er an. Dafür müssten die Schuldner nur ein Dokument unterzeichnen, in dem sie Steuerbehörden oder Banken anweisen, sich ihre ausstehenden Zahlungen und Kredite direkt von den Konten der kanadischen Bank zurückzuholen.

Plakat von Artemis Sorras
SPIEGEL ONLINE

Plakat von Artemis Sorras

Sorgenfrei dank Sorras, schuldenfrei mit einer einfachen Unterschrift - das wäre nicht nur in einem Land, in dem die Bürger allein 94 Milliarden Euro an nicht bezahlten Steuern hinter sich herschleppen und 110 Milliarden Euro an notleidenden Krediten offen sind, ein unwiderstehliches Angebot. Allein bei den Steuerbehörden sind denn auch bereits rund 5000 der Anträge eingegangen.

Hoffnung auf den Heilsversprecher - trotz einer Menge Dementis

Doch kann der schillernde Geschäftsmann Sorras tatsächlich über ein dreistelliges Milliardenvermögen verfügen? Und warum rangiert der vermeintliche Retter der Hellenen dann nicht schon seit Jahren ganz oben in den Listen der reichsten Menschen der Welt? Nachforschungen griechischer Behörden und Medien haben erhebliche Zweifel an Sorras vermeintlich märchenhaftem Reichtum geweckt.

Das griechische Finanzministerium hatte die Offerte bereits 2012 öffentlich als unseriös bezeichnet. Die kanadische Bank of Montreal bestritt auf Nachfrage griechischer Medien, dass derartige Konten bei ihr existierten.

Auch die Frage, wo das Vermögen herkommen soll, ist bisher unbeantwortet. Ein früherer Mitstreiter von Sorras behauptete einmal, es seien US-Anleihen, die die amerikanische Regierung Sorras im Tausch gegen geheime Raumfahrttechnologien gezahlt habe. Doch das wird mittlerweile auch von der Organisation selbst dementiert.

Eine weitere Spur auf der Suche nach dem Ursprung des vermeintlichen Milliardenvermögens führt zu Schuldverschreibungen einer längst untergegangenen Bank - und daraus angeblich resultierenden Ansprüchen gegenüber den USA.

Die griechische Zentralbank fragte sogar eigens beim US-Finanzministerium nach, ob die Titel von Sorras tatsächlich Ansprüche in dieser Höhe begründeten. Die Amerikaner winkten ab. Staatschulden in dieser Höhe und deutlich darüber haben die USA vielleicht bei den Chinesen. Dass ein Grieche öffentlich anderes behauptet, finden sie nicht besonders komisch. Auch das FBI begann sich für Sorras' Erzählungen zu interessieren.

Merkmale einer Sekte

Dass Artemis Sorras auch nach fünf Jahren noch mit seinen Versprechen hausieren gehen kann, hat mit einem bemerkenswerten Gerichtsurteil zu tun. Nach seinem ersten Aufschlag hatte eine Gruppe von Kritikern ihn verklagt, darunter der Vizechef der konservativen Partei Nea Dimokratia, Adonis Georgiadis. Sie warfen Sorras die Verbreitung von " Fake News" vor, die in Griechenland gesetzlich verboten sind und mit mindestens drei Monaten Haft samt Geldstrafen geahndet werden können.

Das zuständige Gericht sprach Sorras von diesem Vorwurf 2013 allerdings frei. Der Richter bestätigte in seinem Urteil sogar, Sorras manage "600 Milliarden Dollar, die der Investmentfirma RedPantherLimited in Großbritannien gehörten". Sie bestünden aus ebenjenen sechs US-Schuldverschreibungen in Höhe von jeweils 100 Milliarden Dollar, die inzwischen auf einem Treuhandkonto geparkt seien, um für die Belange Griechenlands eingesetzt zu werden.

Sorras triumphierte und sah sich in vollem Umfang rehabilitiert. Derart beflügelt gründete er im September 2015 eine politische Gruppierung namens "Hellenon Synelefsis" ("Versammlung der Griechen"), mit der er bei den nächsten Wahlen antreten will. Inhaltlich gibt sie sich patriotisch, populistisch und antiklerikal und spielt mit Reminiszenzen an die Antike.

Das ganze zeigt Merkmale einer Sekte: So sollen neue Mitglieder einen Eid auf den "Meister des Lichts ablegen", als Getränk zum Ritual wird angeblich "energetisches Wasser" gereicht. Wer den Eid breche, so heißt es, "zerfalle in seine Einzelteile". Mitglieder weisen allerdings darauf hin, die Drohung sei nicht ganz wörtlich zu nehmen.

Trotz des Hokuspokus hat Sorras auch mit seinen politischen Ambitionen bislang Erfolg. Seit Gründung von "Hellenon Synelefsis" vor eineinhalb Jahren haben sich landesweit bereits 200 Untergruppen gebildet. Der Geschäftsmann setzt auch politisch auf sein Erfolgsrezept: üppige Geldversprechen. Seine Organisation, die auf keinen Fall "Partei" genannt werden will, verspricht jedem Griechen 20.000 Euro in Form von "direkter Unterstützung", sollte sie an die Macht kommen. "Wir treten an und werden gewinnen", sagt Niki Simoglou, die Sorras politischer Vereinigung in Thessaloniki vorsteht.

Sorras geht selbst sogar noch weiter. In einem Interview mit dem Wochenblatt "Real News" sagte er: Er werde nicht nur in eine Wahl gehen. "Ich werde mir Griechenland nehmen." Seine Wahlchancen sieht er bei 35 Prozent. Sich selbst bezeichnete er als Heosphoros oder Lucifer, den Lichtbringer - was er in einem literarischen Sinn als "Bringer der Morgendämmerung" verstehe.

"Gradmesser für die Dummheit des griechischen Volkes"

Nicht nur den etablierten Parteien wird der Aufstieg von Artemis Sorras langsam unheimlich. Auch die Behörden schauen sich seine Umtriebe offenbar nun noch einmal genauer an.

"Sorras ist ein Fall für die griechische Justiz", sagt Regierungssprecher Dimitris Tzanakopoulos auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Es sei ihre Aufgabe, die Bevölkerung vor Betrügereien zu bewahren, die griechische Regierung werde sie dabei unterstützen.

Tatsächlich hat der Staatsanwalt beim Verfassungsgericht bereits angeordnet, sämtliche gegen Sorras existierenden Verfahren wieder zu eröffnen. Er stand bereits mehrfach vor Gericht. 2013 wurde ihm wegen Erpressung und Verleumdung eine zur Bewährung ausgesetzte Haftstrafe von 28 Monaten aufgebrummt. Die Zeitung "Ethnos" berichtet zudem, er sei auch wegen illegalem Antiquitätenhandel im Jahr 2002 und Fälschung im Jahr 2005 verurteilt worden.

Die Finanzpolizei untersucht nun, ob sein Aufruf an die Griechen, ihren Steuerverpflichtungen nicht mehr selbst nachzukommen, gesetzwidrig sein könnte. Und das Justizministerium hat das höchste griechische Gericht aufgefordert, das Athener Freispruch-Urteil zu überprüfen.

Sogar die orthodoxe Kirche macht nun Front gegen Sorras und seine Unterstützer. Das Erzbistum Athen kritisierte jüngst die "nationalistische, antiklerikale und rassistische" Haltung der Organisation samt ihrer skurrilen Heldenverehrung und forderte den griechischen Klerus dazu auf, sich von ihr fernzuhalten und keine Kontakte mit ihren Vertretern zu pflegen.

Immer mehr Zweifel kommen zudem an der Finanzsituation von Sorras auf. Die Sonntagszeitung "Proto Thema" hat seine Steuerzahlungen analysiert. Danach habe Sorras 2014 Einnahmen in Höhe von 20.000 Euro deklariert - dabei jedoch nur 93 Euro Zinsen aus Guthaben. Zugleich habe er 12.000 Euro Schulden bei den Finanzbehörden. Seiner bisherige Geschichte verzeichne ein gescheitertes Unternehmen sowie verschiedene Kinderspielzentren.

Sorras Anhänger scheint all das genausowenig zu kümmern wie die Zweifel an seinem Status als Multi-Multi-Milliardär. Sie bezeichnen sie als "Lügen der Täuschungs-Medien". Die neuen Ermittlungen seien Teil eines Krieges, den das Establishment gegen Sorras' Organisation führe. Donald Trump und die AfD lassen grüßen.

Viele Griechen sehen die steile öffentliche Karriere des vermeintlichen Hoffnungsträgers Artemis Sorras als direkte Folge der sozialen Krise und des grassierenden Populismus. "Was ist Sorras?", fragte unlängst ein Kolumnist der konservativen Tageszeitung "Kathimerini": "Er ist der Gradmesser für die Dummheit des griechischen Volkes".



insgesamt 8 Beiträge
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larsmach 15.01.2017
1. Der neue Zeitgeist
Am Ende wird es immer verrückter und die Menschen immer verzweifelter - und Gier hat sowieso noch immer über den Verstand gesiegt.
genugistgenug 15.01.2017
2. Geht es auch umgekehrt?
Statt Forderungen abzutreten, einfach von diesem Konto Geld abheben und bezahlen? Denn niemand kann die Forderungen Dritter an einem selbst an eine andere Person abtreten, sondern haftet immer selbst. Ich stelle mir das mal hier vor, habe Kredit vn Bank bekommen, ausgegeben und dann sage ich denen einfach 'geht zu dem da in Canada - da gibt es dann die weißen Jacken mit Rückenverschluss. Hört sich irgendwie nach Reichsbürger, usw. an oder eben nur Stimmungsmache.
keksguru 15.01.2017
3. und jeden Tag kommt einer aus dem Gully gekrochen
und gibt solch gnadenlosen Stuß von sich. Mal davon abgesehen daß man - selbst wenn man sie hätte - nicht mal so eben US-Staatsanleihen für 600 Milliarden Dollar verkaufen kann um (natürlich vollkommen uneigennützig) Griechenland von seinen Schulden zu befreien. Und selbst wenn das wahr wäre, dann würde Griechenland doch sofort wieder in den Trott von früher verfallen, und zwei, drei Jahre später wieder Schulden aufnehmen.
notbehelf 15.01.2017
4. Nun ja
Zitat von genugistgenugStatt Forderungen abzutreten, einfach von diesem Konto Geld abheben und bezahlen? Denn niemand kann die Forderungen Dritter an einem selbst an eine andere Person abtreten, sondern haftet immer selbst. Ich stelle mir das mal hier vor, habe Kredit vn Bank bekommen, ausgegeben und dann sage ich denen einfach 'geht zu dem da in Canada - da gibt es dann die weißen Jacken mit Rückenverschluss. Hört sich irgendwie nach Reichsbürger, usw. an oder eben nur Stimmungsmache.
Wenn der andere für die Forderung bürgt oder garantiert.... Aber grundsätzlich ist das natürlich schon ein Witz. Falls sich aber jemand findet: ich wäre bereit lebenslang Forderungen gegen mich an einen Dritten abzutreten.
RenRlp 15.01.2017
5. Filmreif
Insgesamt eine Geschichte, die gut und gerne zu einem guten Kinofilm reifen könnte. Insbesondere dann, wenn dieses Vermögen tatsächlich in den US-Schuldverschreibung vorhanden sein sollte. Nicht auszudenken, was auf der Welt geschehen könnte, wenn Investoren und Privatleute Staaten entschulden würden -was sie könnten. Natürlich würde dies auf ungezügelter Humanität basieren. Natürlich!
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