Betrugsverdacht Merkels Griechenland-Mann fiel auf die Feuerwehr herein

Hans-Joachim Fuchtel ist es gewohnt, Griechenland gegen Kritik zu verteidigen. Dieses Mal dürfte ihm das schwerfallen: Merkels Sonderbeauftragter ist offenbar selbst zum Opfer griechischer Korruption geworden, ausgerechnet bei der Feuerwehr.

Von , Thessaloniki

Griechenland-Beauftragter Fuchtel (vorne rechts): Hilfe für die Feuerwehr
ESEPA

Griechenland-Beauftragter Fuchtel (vorne rechts): Hilfe für die Feuerwehr


Es war Anfang Oktober 2013, als Hans-Joachim Fuchtel zeigen wollte, wie man Griechenland ganz konkret helfen kann. In einer vielbeachteten Zeremonie übergab der deutsche Sonderbeauftragte in der Hafenstadt Thessaloniki vier Feuerwehrautos samt Ausrüstung an den griechischen Verband der freiwilligen Feuerwehrleute (Esepa).

Die Löschfahrzeuge waren schon etwas betagt, aber gut in Schuss, wie Fuchtel stolz betonte. Sie kamen aus deutschen Städtchen wie Kelkheim, Neu-Isenburg und Schömberg - und abgesehen von ihrem praktischen Nutzen für ein Land, das immer wieder von Waldbränden geplagt wird, waren die Fahrzeuge auch ein Symbol der Solidarität mit dem hochverschuldeten griechischen Staat.

Niemand wäre damals auf die Idee gekommen, dass die Fahrzeuge einmal zum Symbol für das griechische Korruptionsproblem werden könnten.

Mittlerweile hat sich vieles geändert. Gegen den Verband, der die Feuerwehrautos damals dankend entgegennahm, ermitteln nun die Behörden in Thessaloniki. Es geht um Betrugsverdacht - und eines von vielen mutmaßlichen Opfern könnte die Deutsch-Griechische Versammlung (DGV) sein. Jene Organisation in Thessaloniki, die vom deutschen Staatssekretär Fuchtel geführt wird und die eigentlich die deutsch-griechische Freundschaft voranbringen soll.

Laut Polizei haben mehrere griechische Bürgermeister, Stadträte und wohlmeinende Einzelpersonen der Esepa Spenden zukommen lassen - als Gegenleistung für die versprochene Feuerwehrarbeit und Katastrophenhilfe. Die Organisation warb unter anderem mit dem Vorhaben, Feuerwehrstationen aufzubauen, sich an Hilfsaktionen zu beteiligen und Ausrüstung instandzuhalten.

Das Problem: Für solche Aufgaben hatte Esepa laut griechischem Recht gar keine Erlaubnis. So sieht es zumindest die Polizei. Sie untersucht zudem Vorwürfe, wonach die Organisation lokalen Beamten Schmiergelder angeboten habe, um die Zusammenarbeit zu sichern.

Fuchtel ist ein Liebling der griechischen Medien

Ein hochrangiger Ermittler, der direkt mit dem Fall zu tun hat, sagte SPIEGEL ONLINE, die Organisation habe durch Betrügereien seit dem Jahr 2000 einen Schaden von rund 2,5 Millionen Euro verursacht. "Sie waren nicht berechtigt, die Aufgaben anzubieten oder zu übernehmen, die sie versprochen haben." Griechenlands Finanz- und Wirtschaftsermittler prüften nun, was die Organisation mit dem Geld gemacht hat, das sie von lokalen Behörden und Privatspendern erhielt.

Nach Aussage des Ermittlers waren auch Fuchtel und seine DGV Opfer der Esepa. "Eine Spende ist ein Ausdruck der Besorgnis und des Mitgefühls des Spenders", sagte er. "Es ist nicht die Pflicht des Spenders zu prüfen, ob eine Organisation legal ist, erst recht nicht, wenn der Spender aus dem Ausland kommt."

Fuchtel selbst sagte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, die Vorwürfe gegen Esepa überraschten ihn. Zahlreiche Feuerwehr-Organisationen in Deutschland hätten "in der Vergangenheit mit der Esepa sehr erfolgreich zum Wohl der gefährdeten Menschen zusammengearbeitet". Aussagen des Esepa-Chefs, wonach seine Organisation vor der Spende von der deutschen Seite überprüft wurde, kommentierte Fuchtel lediglich mit den Worten: "Wir kooperieren transparent und auf der Basis von gegenseitigem Vertrauen und Verständnis."

Unterstützung bekommt Esepa auch von Kostas Kokolakis, dem ehemaligen Chef der Katastrophenschutzbehörde der Region Zentralmakedonien. "Ich bin irritiert von den Vorwürfen der Polizei gegen Esepa", sagte Kokolakis SPIEGEL ONLINE. "Ich habe 14 Jahre mit der Organisation zusammengearbeitet und kann bezeugen, dass sie sehr hilfreiche Arbeit im Katastrophenschutz geleistet hat." Die Vereinbarungen mit den Gemeinden seien legal gewesen, beteuert Kokolakis. "Glaubt die Polizei wirklich, dass die Esepa so viele Leute so lange hätte betrügen können- darunter mehrere Bürgermeister und Herr Fuchtel?"

Der in Deutschland weitgehend unbekannte Fuchtel ist in Griechenland ein Liebling der Medien - und der vielleicht einzige beliebte deutsche Politiker überhaupt. Nur wenige Tage vor Bekanntwerden des Falls hatte er zusammen mit dem griechischen Generalsekretär für Zivilschutz ein Papier zur Zusammenarbeit zwischen freiwilligen Feuerwehrleuten aus Deutschland und Griechenland unterschrieben.

Auch andere Organisationen stehen unter Verdacht

Die Ermittlungen in Thessaloniki wurden durch einen anonymen Hinweis ausgelöst. Die Polizei trug daraufhin Beweise und Zeugenaussagen von Bürgermeistern und Beamten zusammen, die Vereinbarungen mit der Organisation unterschrieben hatten. Der Chef von Esepa, Nikos Sachinidis, gegen den ermittelt wird, bestreitet alle Vorwürfe vehement.

Esepa ist vermutlich nur die Spitze des Eisbergs. Die polizeilichen Ermittlungen sind Teil einer größeren Untersuchung zum Verhalten griechischer Nichtregierungsorganisationen. Dutzenden von ihnen wird der Missbrauch von staatlichen Fördergeldern vorgeworfen.

Der bisher prominenteste Fall betrifft die Internationale Minen-Initiative (IMI), eine griechische Organisation, die angeblich die Räumung von Landminen in Bosnien, dem Libanon und dem Irak unterstützen soll. Dazu erhielt sie großzügige Finanzierungen von Hellenic Aid, einem ehemals staatlichen Programm, das mit 600 Millionen Euro die Demokratisierung in den Balkanstaaten förderte. Vor wenigen Tagen wurde der ehemalige Direktor der IMI festgenommen, ihm werden Betrug und Untreue vorgeworfen.

Auch die Rolle von Alex Rondos, einem Berater des früheres Ministerpräsidenten Georgios Papandreou, wird in diesem Zusammenhang untersucht. Die Ermittler vermuten, dass die IMI Gelder umgeleitet hat, um den früheren bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic zu unterstützen, der mittlerweile vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag steht. Rondos weist alle Vorwürfe zurück.

Übersetzung aus dem Englischen: Stefan Kaiser

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insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
volker_morales 24.02.2014
1. Nix verstehen in Athen
ist eine ziemlich lustige Comedy-Reihen (SWR 3), die offenbar einen äußerst realen Hintergrund hat. Lief - glaube ich - 2004 zur Olympiade. Könnte mir vorstellen, dass da steuerlich auch nicht alles ganz sauber gelaufen ist.
imlattig 24.02.2014
2. lieber spiegel....
untersuche doch einmal die machenschaften unserer nicht regierungs- organisationen. z.b. adenauerstiftung, deusches rotes kreuz, dfb usw. wenn man da genau hinschaut wird man feststellen, dass alle sich die taschen vollstopfen wie es nur geht. und alles ganz schamlos.
z_beeblebrox 24.02.2014
3. Wo viel leicht zu habendes Geld ist
da blüht halt die Korruption. Ist in Griechenland so, ist in Italien so, gilt auch für Spanien, Bulgarien, Rumänien und bald auch in der Ukraine. Dort reiben sich die Oligarchen & Co. bereits die Hände. 35 Milliarden gilt es schließlich bereits zu Anfang an zu verteilen. Klaro, die normale Bevölkerung sieht davon keinen Cent. Weder in Griechenland, noch in Italien, noch .... Sehr bezeichnend für diesen SPON-Beitrag ist auch dies: "Übersetzung aus dem Englischen: Stefan Kaiser" Dass weder die EU noch Deutschland dieser Korruption das Geld entzieht, ist bezeichnend genug. Das hat nichts mit Unfähigkeit zu tun, sondern mit ganz bewusster Verteilung.
hardyhardy 24.02.2014
4. Geld verdirbt den Charakter...
Dieser oft belächelte Spruch bewahrheitet sich immer wieder. Wo es um größere Summen geht, sind stets diverse Politiker und andere einflussreiche Abstauber sofort zur Stelle, um sich die Taschen zu füllen. Traurig, dass der Bürger als Zuschauer diesen Spielchen Jahr für Jahr tatenlos gegenüber steht. Spenden für wohltätige Zwecke sollte man sich dreimal überlegen.
iriru 24.02.2014
5. Leider fehlt die tiefere Recherche
Der zentrale Punkt ist: "Das Problem: Für solche Aufgaben hatte Esepa laut griechischem Recht gar keine Erlaubnis" Mir scheint, dass die Hilfe trotzdem angekommen ist. Man hätte nur nicht helfen dürfen, da die Erlaubnis dazu fehlte. Ist es so - wenn ja Sturm im Wasserglas, wenn nein und Gelder tatsächlich veruntreut wurden, handelt es sich um ein wirkliches Problem.
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